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Bild: jens larsen
Review

Darum ist das neue Album nur zu 80 Prozent Rammstein – eine (kleine) Enttäuschung

Wer hätte das gedacht? Von Rammstein, den Meistern der Provokation, würden wir uns ein bisschen mehr Helene Fischer wünschen ...
17.05.2019, 16:5517.05.2019, 17:29
Helena Düll / watson.de

Seit dem letzten Album von Rammstein, «Liebe ist für alle da», sind knapp zehn Jahre vergangen. Am Freitag, dem 17. Mai, ist nun das lang erwartete siebte, unbetitelte Album der deutschen Band erschienen. Wir haben vorab schon mal reingehört und festgestellt, dass sich die Platte anfühlt wie ein nicht eingelöstes Versprechen.

Dieses Versprechen hatte uns Rammstein mit «Deutschland» und der erneuten Veröffentlichung des umstrittenen Musik-Videos zu «Stripped» gegeben. Doch sie haben es nicht erfüllt.

Dennoch, das vorneweg: Es ist ein gutes Album, eins, das viele Fans glücklich machen wird.

Aber: Es hätte ein grosses Rammstein-Album werden können.

Aber der Reihe nach ...

Zeitsprung: Was war in den vergangenen zehn Jahren los?
Fast zehn Jahre hat es nun also gedauert. Zehn Jahre, in denen Frontmann Till Lindemann vor allem mit seinem Privatleben, wie etwa durch seine Dauer-on-off-offene-Beziehung zu Sophia Thomalla oder einen Auftritt mit Ex-Dschungelkandidatin und Sex-Podcasterin Leila Lowfire (Anmerkung: Sie war die personifizierte Langeweile aus dem diesjährigen «Dschungelcamp») für Schlagzeilen sorgte. Nicht zu vergessen: Lindemanns grandios trashiger Versuch als Rapper – an der Seite von Haftbefehl.

Zur Erinnerung: «Mathematik»:

«Fick, fick, fick Mathematik
Fick, fick, fick, fick sie richtig
Fick, fick, fick Mathematik
Algebra ist gar nicht wichtig»
Und sonst so?
Auch Christian Lorenz, besser bekannt als Flake, der Keyboarder von Rammstein, stand in dieser Zeit in der Öffentlichkeit. Er schrieb mit «Der Tastenficker – An was ich mich erinnern kann» (2015) und «Heute hat die Welt Geburtstag» (2017) zwei autobiographische Romane, die einen herrlich-amüsanten Einblick in die DDR-Jugend der Bandmitglieder und das Gesamtkunstwerk Rammstein geben.

Und bei Rammstein selbst?

Seit 2016 sitzen die Fans von Rammstein auf heissen Kohlen. Da spielte die Band live «Ramm4» und damit erstmals neues Material. Auf das neue Album hat es das Lied übrigens nicht geschafft. Aus Fan-Kreisen schlugen der Band damals gemischte Gefühle entgegen. Für die einen war der Song, der eine Aneinanderreihung von bis dato erschienen Zeilen und Songtiteln der Band war, zu stumpf. Für die anderen war er ein Ohrwurm.

«Ramm4»

Doch dann kam «Deutschland»:

Die Single war DER Countdown für das kommende Album. Inhaltlich, optisch und musikalisch eine Mahnung. Ein Song, der unter Kritikern für heftige Debatten sorgte und der «mehr» Rammstein nicht hätte sein können. Doch wer hoch steigt, der kann tief fallen. Und es ist ein Fall, wenn auch ein kleiner.

«Deutschland» ist nicht nur der Opener des Albums und die erste Single-Auskopplung, sondern auch der Song, den sich die Band als Massstab für alle folgenden gefallen lassen muss. Und genau das ist das Problem: Kein anderer der insgesamt elf Titel kann da mithalten.

Rammstein, wo ist die Provokation geblieben?

Inhaltlich trifft der – fast schon auf erschreckende Art und Weise zur Gewohnheit gewordene – Rammstein-Grusel auf Inhalte wie aus «Nachdenkliche Sprüche mit Bilder». «Weit weg» enthält beispielsweise solch pseudo-poetische Zeilen, die wir so auch auf einem mittelmässig erfolgreichen Instagram-Profil eines Millennials unter super-inszenierten Bildern lesen könnten. Genauso gut könnten sie aber auch aus der Feder eines traurigen Jungen mit Gitarre, wie etwa Philipp Poisel, stammen. So, wie wir es eben von Rammstein kennen:

«Wieder ist es Mitternacht /
Ich stehle uns das Licht der Sonne /
Weil es dunkel ist, wenn der Mond die Sterne küsst.»

Ähnlich «tiefgründig» geht es bei «Tattoo» zu.

Zitat 1:

«Zeig mir deins, ich zeig dir meins /
Wenn das Blut die Tinte küsst / Wie der Schmerz das Fleisch umarmt»

Zitat 2:

«Wer schön sein muss, der will auch leiden /
und auch der Tod kann uns nicht scheiden»

Auf lyrischer Ebene retten nur die folgenden Zeilen das Kalenderspruch-Reime-Klischee:

«Deinen Namen stech ich mir / Dann bist du für immer hier / Aber wenn du uns entzweist / Such ich mir eine, die genauso heisst»

Denn hier wird deutlich: Das lyrische Ich ist ein Mensch. Genauer gesagt ein Mann-Mann. Ein in seiner Männlichkeit sehr gekränkter Mann. Ein hässlicher und böser Mann. Ein Rammstein-Mann.

Dieser Rammstein-Mann taucht noch in drei weiteren Songs auf. In «Sex» wird dem lyrischen Ich zwar «schlecht», wenn er das «Geschlecht» erblickt, doch den Sex – den liebt er doch. In Songs wie diesem finden wir sie. Die gewohnte, massentaugliche Fleischeslust von Rammstein gepaart mit Zeilen, die so auch von der einen anderen sehr erfolgreichen deutschen Band, den Toten Hosen, kommen könnten. Auf einer Schunkel-Skala würden beide dieselbe (hohe) Punktzahl erreichen.

«Wir leben nur einmal /
wir lieben das Leben /
wir lieben die Liebe /
wir lieben Sex»

In «Was ich liebe» singt Till Lindemann:

«Ich mag es nicht, wenn ich was mag /
Was ich liebe, das wird verderben /
Was ich liebe, das muss auch sterben.»

Es ist der alte Widerspruch von Liebe und Hass, über den Rammstein seit Beginn ihrer Karriere da singen. Die alte Koexistenz der beiden untrennbaren Gefühle. Das ist zwar immer ein bisschen anders, und doch immer erwartbar gleich. In «Diamant» heisst es:

«Dein feines Licht war mein ganzes Sein /
Denn was man nicht lieben kann, muss man hassen»

Was dem Album fehlt, sind Songs, die Grenzen überschreiten. Songs wie:

«Ich tu dir weh»

Oder «Mein Teil»

Vielleicht wird es im Jahr 2019, in einer Zeit, in der Musiker auf Menschen einprügeln und sich mit Schusswaffen und Drogen auf Instagram zeigen, auch zunehmend schwerer, den Konsumenten von Rockmusik noch mit Sex und SM zu schocken. Vielleicht sind die Musiker von Rammstein –inzwischen sind alle um die 50 Jahre alt – auch einfach ein wenig zu altersmilde für den nächsten grossen Skandal geworden.

Zwei Titel finden sich auf dem neuen Album, die alten Provokationen inhaltlich noch am nächsten kommen. Das sind «Zeig dich», das sich mit dem aktuellen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche beschäftigt. Ein Thema, das wahrlich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorholen dürfte, auch wenn es sakral von einem Kirchenchor eingeleitet wird und mit einer Menge finsterer V-Wörter sehr konkret wird:

  • «Verheissung! Vermehren! Verbrennen! Verstecken!»
  • «Verhütung! Verboten! Vergnügen! Verpönt!» (mit einem anschliessenden: «Aus Versehen / Sich an Kindern vergehen!»)

Und dann ist da noch «Hallomann», das inhaltlich an das grandiose «Jeanny» von Falco erinnert. Auch hier ist das lyrische Ich der Entführer eines Kindes.

Zugegebenermassen. Gleich zu Beginn sorgt das gruselig von Lindemann gehauchte:

«Hallo, kleines Mädchen/
wie geht es dir?»

für ein Schaudern im Nacken und ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Ein Song, der erahnen lässt, dass Rammstein das doch noch kann, das mit der Provokation.

Auf einer völlig anderen Ebene interessant ist der Song «Ausländer». Denn darin geht es um ein lyrisches Ich, das deutscher Staatsangehöriger (und nicht der erwartete Ausländer) und unentwegt auf Reisen ist.

«Ich bin kein Mann für eine Nacht /
ich bleibe höchstens ein, zwei Stunden /
bis die Sonne wieder lacht /
bin ich doch schon längst verschwunden.»

Globalität, statt Nationalität – Zeilen, die man als Zeichen gegen rechts deuten könnte, wenn man denn wollte. Ist doch der moderne Weltenbürger ein klares Feindbild ebendieser. Einmal mehr: Man könnte es so deuten, muss es aber nicht, wie diese klischeehaften Zeilen zeigen:

«Mi' amore /
mon chéri /
ciao ragazzi /
take a chance on me.»

Musikalisch das Beste aus 25 Jahren Rammstein:

Was auf textlicher Ebene auf Albumlänge etwas eintönig und langatmig daherkommt, macht «Rammstein» auf musikalischer Ebene wieder wett. Das neue Album kann als ein musikalisches Best-of der gesamten Bandgeschichte gelesen werden.

Fanherzen dürfte diese Tatsache freudig, ja selig zurücklassen. Hinter all dem Sex, der Pädophilie, der Liebe und dem Schmerz liegt ein musikalisch oft harmonisches, melodisches und manches Mal tanzbares, meistens aber eher stampfbares Bett, welches nie an der gewohnten Härte, inszeniert durch wuchtige Drums und fette Elektronik, vermissen lässt.

Hier eine Auswahl der musikalischen Vielfalt auf dem neuen Album von Rammstein:

  • Das hektische Electro-Intro von «Deutschland» erinnert an «Our Darkness» von Anne Clark.
  • Das poppige «Radio» ist eine Verbeugung vor den Electro-Pionieren Kraftwerk und deren Song «Radioaktivität» aus dem Jahr 1975.
  • «Tattoo» klingt teilweise wie «Du Hast», könnte insgesamt genauso gut ein solider Song von Metallica sein.
  • «Diamant» ist musikalisch die Ballade, die nicht fehlen darf.
  • «Ausländer» klingt, als hätte sich die 90er-Jahre-Version von Scooter mit Alle Farben oder Felix Jaehn zusammengetan, um eine moderne, cheesy EDM-Nummer zu schreiben. Ein Song, bei man sich gut vorstellen kann, zu später Stunde –und mit dem fremden Nebenmann oder der fremden Nebenfrau in den Armen liegend – in der Disco zu tanzen.
  • «Puppe» ist allerdings der Song, der bei den meisten Fans auf den grössten Anklang stossen dürfte. Mit seinen Goth-Einflüssen kommt er düster stampfend und im Refrain unfassbar wütend daher. Musikalisch ein klassischer Rammstein-Song, der für die grossen Bühnen der anstehenden Tournee wie gemacht ist.

Fazit:

Das neue Album ist gut, doch für ein grosses Album fehlen ihm, auch nach mehrmaligen Hören, zwei entscheidende Dinge:

Zum einen kommt es ganz ohne grossen Aufreger aus – «Hallomann» kommt Aufreger-Werken wie «Ich tu dir weh» da noch am nächsten.

Zum anderen mangelt es dem Album an der Tiefe, die «Deutschland» durchaus hatte. Denn: Mit dem Album haben «Rammstein» es erneut verpasst, ein Signal zu setzen. Ich hätte mir ein Statement wie «Wir wollen nicht, dass Nazis unsere Musik für sich vereinnahmen» von der sonst so unpolitischen Band gewünscht. Denn das müssen sich Rammstein, die Meister der Vieldeutigkeiten, gefallen lassen: Das haben sie nie getan.

In Zeiten, in denen sich selbst Helene Fischer gegen rechts ausspricht, wäre ein aktiveres Texten, weg von der bewussten Vieldeutigkeit, wünschenswert gewesen. Da ist auch die durchaus amüsante Vorstellung, wie Nazis bei der kommenden Rammstein-Tour «Deutschland! Meine Liebe kann ich dir nicht geben!» oder «Ich bin Ausländer» grölen werden, nur ein schwacher Trost.

Rammstein hat ein Album im (kleinen) Schatten von «Deutschland» geliefert. Ein solides Album. Eins ohne grosse Überraschungen, ohne grosse Enttäuschungen, ohne die grosse Provokation, aber eben mit dem kleinen, aber dennoch vorhandenen faden Beigeschmack, dass mehr möglich gewesen wäre.

«Rammstein» (Vertigo Berlin/Universal) wird am 17. Mai veröffentlicht.

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