Leben
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
«The White Crow» Rudolf Nurejew

Oleg Ivenko spielt und tanzt den legendären Nurejew. Grossartig. Per Zufall erfuhr er in sozialen Medien vom Casting-Aufruf für den Film. Bild: praesens-film

Review

Drama, Baby! Wie der russische Tanzgott Nurejew floh, flog und verglühte

Kaum zu glauben, aber der Schauspieler Ralph Fiennes taugt auch zum Regisseur. In «The White Crow» erzählt er Rudolf Nurejews spektakulären Sprung in den Westen als Thriller aus dem Kalten Krieg. Was danach noch gekommen wäre, erzählen wir hier.



Man solle den 23-jährigen Verräter einfangen und ihm die Beine brechen, verlangte Nikita Chruschtschow. Der Grund für den Ausbruch des russischen Regierungschefs? Ein Tänzer! Am 16. Juni 1961 hatte sich nämlich der Ballettstar Rudolf Nurejew auf dem Pariser Flughafen Le Bourget erfolgreich in den Westen abgesetzt. Nurejews erste Station der Freiheit war Paris, wo wütende Kommunisten während seiner Vorstellung Stinkbomben und Tomaten auf die Bühne schmissen. Ungerührt sprang er durch den Rauch und über die glitschige Verwüstung hinweg und beendete eine seiner spektakulären Vorstellungen.

Dann ging's nach London, wo er sich mit Mick Jagger den Status des grössten männlichen Sexsymbols teilte. Und nach New York, wo sich die jungen Leute mit Kokain, Acid und Mescalin ausgerüstet ins Ballett setzten, um einen grösstmöglichen Flash aus der Kunst der virtuos bewegten Körper zu ziehen. 1963 erschien Nurejew in der gleichen Woche auf den Covern von «Newsweek» und «Time». Mehr Fame, mehr Popstar ging nicht.

Rudolf Nurejew

Und hier der echte Rudolf Nurejew. Keiner (und gelegentlich auch keine) konnte ihm widerstehen. Bild: wikipedia/ allan warren

Russland verurteilte den Flüchtigen in seiner Abwesenheit zu sieben Jahren Gefängnis und behandelte seine Familie als wäre er ein Schwerverbrecher. Seine Mutter flehte ihn an zurückzukommen. Doch sie sollte ihn erst an ihrem Sterbebett 1987 noch einmal sehen. Fünf Jahre bevor ihr Sohn mit 54 selbst starb. An AIDS.

Er wurde auf dem russischen Friedhof in der Nähe von Paris beigesetzt, sein liebster Bühnenbildner bereitete einen Teppich aus Tausenden von Mosaiksteinchen über dem grössten Superstar, den die Ballettwelt bis heute gesehen hat. Über den Mann, der leidenschaftlicher liebte und litt auf der Bühne, der höher und weiter sprang und schneller drehte als jeder andere vor ihm.

Nurejews Mosaikteppich auf dem russischen Friedhof von Sainte-Geneviève-des-Bois bei Paris gehört zu den exzentrischsten Grabmälern überhaupt. bild: wikipedia

Und dies, obwohl er überhaupt erst mit 17 eine Profischule besuchen durfte und eine Karriere lang mit seiner eigenen physischen Unzulänglichkeit kämpfte. Damit, dass sein Körper nicht ganz so geschmeidig war wie die seiner Kollegen, die schon als Kinder den Drill russischer Ballettakademien erlebt hatten. Was ihm später zum Verhängnis wird. «Mit Frauen», so sagte er, «muss man sich so sehr anstrengen. Mit Männern geht es sehr schnell. Grosses Vergnügen.»

Denn 1975, mit 37 Jahren, ist Nurejew zu alt und verbraucht für das britische Royal Ballet, das für ein paar goldene Jahre seine Heimat als Starsolist war. Er tingelt durch TV-Shows, geht in die Verbannung der Gastauftritte an erst grösseren, bald immer kleineren Häusern, und obwohl er Multimillionär ist und sich zur Ruhe setzen könnte, tanzt er wie ein Besessener und alle schauen ihm beim Fallen zu, als Mensch und als Künstler.

Zuletzt, so heisst es, habe er nur noch für sich selbst getanzt, dem Publikum erschloss sich nicht mehr, was er auf der Bühne eigentlich tat. Wenn er nicht im Flieger sass oder tanzte, suchte er nach Sex. Er selbst bezeichnete sich als sexsüchtig. Und wie so viele Süchte führte ihn diese schliesslich in den Tod.

Bild

Rudolf Nurejew mit der britischen Primaballerina Margot Fonteyn. Die beiden waren das Traumpaar der Ballettwelt schlechthin. Bild: via the rudolf nureyev foundation

Rudolf Nurejews Flucht in den Westen ist eine typische Anekdote aus der Zeit des Kalten Kriegs. Der Schauspieler Ralph Fiennes hat sie zum Anlass seiner dritten Regiearbeit genommen, der Stoff beschäftigt ihn seit zwanzig Jahren, jetzt hat er den Schatz mit Hilfe der Nurejew-Biografin Julie Kavanagh, des Dramatikers und Drehbuchautors David Hare («The Hours», «The Reader») und der Nurejew-Freundin Clara Saint gehoben.

Das Ergebnis ist «The White Crow», ein zwar nicht ausgefallenes, aber ausgezeichnetes Biopic über einen jungen Mann, der es in seiner Kunst zum Gott brachte und die Freiheit mehr liebte als die Heimat. Und natürlich, wie es sich für einen Protagonisten romantischer Handlungsballette gehört: grosses, grosses Drama. Mit erstklassigem Thriller-Finale.

Der Trailer

abspielen

Video: YouTube/Sony Pictures Classics

1938 kommt Nurejew während einer Zugfahrt zur Welt, seine Eltern sind arm, seine Kindheit ist karg, er selbst ein sturer, von sich überzeugter Einzelgänger, sonderbar wie eine «weisse Krähe». Als er endlich die Akademie in Leningrad besuchen darf, wohnt er bei seinem Lehrer Alexander Puschkin (Ralph Fiennes) und dessen Frau, die drei schlafen im gleichen Zimmer, Rudolf hinter einem Paravent, der das Ehebett von seinem trennt. Bald schläft auch die Lehrersgattin mit dem Wunderknaben.

Ballett ist damals in Russland für junge Männer sowas wie die edelste Form von Hochleistungssport, die russischen Kompanien, das Bolschoi-Ballett oder das Kirow, in dem Nurejew tanzt, sind technisch die besten der Welt. Und die emanzipiertesten. Denn nur in Russland ist der männliche Solist der Primaballerina ebenbürtig und nicht bloss deren Hebekran oder Krücke. Weshalb einer wie Nurejew in Paris, London und New York die Vorstellungen, die das Publikum von Balletttänzern bis anhin hatte, mühelos sprengt.

Bild

Für seine Rolle als Ballettlehrer Alexander Puschkin lernte Ralph Fiennes (rechts) Russisch und Ballett. Das ist mal ein Einsatz. bild: praesens-film

Kunst faszinierte ihn, besonders die Malerei. Als ästhetisches Erlebnis. Politisches Engagement ist nicht seine Sache. Als er 1961, mit 23 Jahren, zum ersten Mal den Westen sieht (und von diesem gefeiert wird), verliebt er sich in alles: Die Freiheit, das Geld, die Frivolität, dass er als Homosexueller kein Arbeitslager zu befürchten hat.

Er freundet sich mit der jungen Chilenin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) an, sie wäre die Schwiegertochter des französischen Kulturministers André Malraux geworden, doch ihr Verlobter kam wenige Wochen zuvor bei einem Autounfall ums Leben. Rudolf zerstreut sie, dafür bringt sie ihm die französische Lebensart näher. Die beiden bewegen sich derart frei und freizügig durch Paris, dass der KGB beschliesst, Nurejew nicht mit der Truppe nach London weiter reisen zu lassen, sondern zurück nach Russland zu schicken. Angeblich wegen einer Privatvorstellung für Chruschtschow.

Bild

Die Freundin und der Lover im diplomatischen Einsatz am Flughafen: Clara Saint (Adèle Exarchopoulos) und Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz). bild: praesens-film

Nurejew, der sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit der Möglichkeit einer Flucht beschäftigt hat, verfällt in Panik, zu bekannt sind ihm die Fälle anderer Künstler, die in Russland in die Vergessenheit schikaniert, verschleppt, eingesperrt, gefoltert wurden. Während die anderen Tänzerinnen und Tänzer die Maschine nach London besteigen, spielen sich hochdramatische Minuten ab, mit diplomatischer List bezwingt Clara Saint den KGB und verhilft Nurejew zur Flucht. Ein wahrer, historischer Thriller zwischen Ost und West. Da endet der Film. Nach den ersten sechs Kapiteln von Kavanghs Nurejew-Biografie, um genau zu sein.

Sehr schön wäre jetzt eine Fortsetzung – sehr gern auch wieder mit dem jungen russischen Tänzer Oleg Ivenko in der Hauptrolle. Darüber wie Nurejew London und New York eroberte, wie er zum jahrelangen Bühnenpartner der gut zwanzig Jahre älteren Primaballerina Margot Fonteyn wurde, ein Paar, so ungewöhnlich, hinreissend und legendär, wie es seither keine Bühne mehr gesehen hat. Wie er zwischen unzähligen Männern sehr selten, dafür umso wirkungsvoller auch mal eine Frau hatte, etwa Jackie Kennedys Schwester, Prinzessin Lee Radziwil. Wie er aufstieg und jämmerlich verglühte. Ein Star. Ein Stern.

«The White Crow» ist ab 29. August im Kino zu sehen.

Hässlich-verstörende Hochzeitsfotos aus Russland

Kostümpremiere im Ballett Basel

Play Icon

Geschichte – die Vergangenheit lebt!

Wie Faye Schulman als jüdische Partisanin den Holocaust überlebte

Link zum Artikel

Der Skelett-See ist mysteriös – nun machen DNA-Analysen die Sache noch rätselhafter

Link zum Artikel

Heidi in Japan

Link zum Artikel

Wie Pepsi in der Sowjetunion Fuss fasste – und kurzzeitig eine Militärmacht wurde

Link zum Artikel

Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Als Wehrmacht und SS in Fivizzano wüteten

Link zum Artikel

Aus DDR wird AfD: Wie der Osten Deutschlands nach rechts rutschte

Link zum Artikel

Jemand untermalt Filmchen von tanzenden Sowjet-Soldaten mit Hitparaden-Songs und es ist 😂

Link zum Artikel

Die Schlacht von Tagliacozzo – wie ein listiger Franzose die Staufer zu Grabe trug

Link zum Artikel

War die Mondlandung ein Fake? 13 Behauptungen im Faktencheck

Link zum Artikel

Historische Amnesie: Wir haben die Gefahr durch Kriege und Krankheiten verdrängt

Link zum Artikel

Massaker in Hollywood: Die Schöne und die Bestie

Link zum Artikel

Das Bombengeschäft – wie die Schweiz vom Vietnamkrieg profitierte

Link zum Artikel

«Wir sahen, was wir sehen wollten» – wenn Ideologen bei Diktatoren zu Besuch sind

Link zum Artikel

Wie ein Dorfpolizist zum ersten Massenmörder Skandinaviens wurde

Link zum Artikel

Vom gefeierten Freiheitskämpfer zum machthungrigen Despoten – das war Robert Mugabe

Link zum Artikel

Zum Tod von Lee Iacocca gibt's ganz, ganz viele Ford-Mustang-Bilder

Link zum Artikel

History Porn Teil L: Geschichte in 25 Wahnsinns-Bildern

Link zum Artikel

Kann diese Rakete wirklich den Hagel stoppen? 41 Ostschweizer Gemeinden meinen: Sicho 🚀

Link zum Artikel

Von «E.T.» zu Netflix-Hit «Stranger Things»: So magic waren die 80er

Link zum Artikel

«Trentiner-Aktion»: Als man bei der Migros Italienerinnen bestellen konnte

Link zum Artikel

Gewalt und Krankheiten – die Bewohner der ersten Steinzeit-Stadt lebten gefährlich

Link zum Artikel

Das eisige Monsterschiff, das den deutschen U-Booten den Garaus hätte machen sollen

Link zum Artikel

Warum die Konstantinische Schenkung die grösste Lüge des Mittelalters war

Link zum Artikel

«Es war die Hölle» – dieser Schweizer war am ersten Woodstock dabei

Link zum Artikel

Als die «Boy Scouts» in die Schweiz kamen

Link zum Artikel

Wenn Frauen mit ihren Vaginen reden: Mittelalterliches Sexgedicht entdeckt

Link zum Artikel

«Scheisstage» und 10 weitere Geschichts-Fakten, von denen du vermutlich nie gehört hast

Link zum Artikel

Er überlebte den Untergang der Titanic und wurde danach Olympiasieger

Link zum Artikel

Verdingkinder müssen Teil ihrer Entschädigung gleich wieder abgeben

Link zum Artikel

Mugabe ist tot – doch diese 20 Diktatoren sind immer noch an der Macht

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

4
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Baccaralette 28.08.2019 08:59
    Highlight Highlight Oh, danke für den Text!!!
  • sowhat 27.08.2019 20:16
    Highlight Highlight Klingt nah unbedingt sehen müssen. Und ja die Fortsetzung MUSS sein.
  • zeusli 27.08.2019 18:41
    Highlight Highlight Danke Simone, sehr schön geschrieben.
    • Dani B. 27.08.2019 21:59
      Highlight Highlight So Passagen, wie:
      "Damit, dass sein Körper nicht ganz so geschmeidig war wie die seiner Kollegen, die schon als Kinder den Drill russischer Ballettakademien erlebt hatten. Was ihm später zum Verhängnis wird."
      oder
      " Wie er zwischen unzähligen Männern sehr selten, dafür umso wirkungsvoller auch mal eine Frau hatte, etwa Jackie Kennedys Schwester, Prinzessin Lee Radziwil."
      ?

Wenn Frauen über Autoren schreiben, wie sonst nur Männer über Autorinnen schreiben

Alles fing damit an, dass sich eine Journalistin über eine Rezension im «Tages-Anzeiger» aufregte. Darin schrieb ein älterer Mann über das Buch einer sehr jungen Frau. Vor allem aber schrieb er darüber, wie er das Aussehen besagter sehr junger Frau auf dem Foto im «New Yorker» empfand. Sie sehe darauf aus «wie ein aufgeschrecktes Reh mit sinnlichen Lippen».

Die Frau heisst Sally Rooney – sie ist 28 Jahre alt und eine mit Literatur-Preisen überhäufte Bestseller-Autorin aus Irland.

Aber anstatt in …

Artikel lesen
Link zum Artikel