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5 Homos + 1 Hetero: Das ist genau der Reality-Trash, den die Welt jetzt braucht 

Bei «Queer Eye» kremplen fünf schwule Männer das Leben eines (meistens) heterosexuellen Mannes um. Dabei geht es aber um weit mehr als um Poloshirts und Frisuren.



Fünf glamouröse Homos besuchen einen verwahrlosten Hetero und päppeln ihn nach allen aktuellen Life-Style-Regeln neu auf. Der Typ bekommt eine passende Hose und ein Polo-Shirt in einer «ungewohnten» Farbe. Für seine Wohnung gibt's ein paar schmucke neue Möbel, platzoptimierend im besten Fall. Und nebst einem frischen Haarschnitt erteilen die Schwulen der Hete eine Lektion im Apéro-Gebäck-Zubereiten. 

Dann weint der Hetero-Mann in den meisten Fällen und die fünf Schwulen weinen mit ihm. Alle sechs sagen, dass das eine «great experience» war und schon sind 40 Minuten vorbei.

bild: queerty

Herzlich willkommen beim sich ewig repetierenden Plot von «The Queer Eye for the Straight Guy» – der wohl klischeereichsten Realityshow der 00er-Jahre. Sie lief von 2003 bis 2007 im amerikanische Pay-TV und sanierte in jener Zeit die Körperhygiene von mehr als 100 amerikanischen Provinzkerlen. Gute zehn Jahre und eine Zillion ausgelutschter Make-Over-Shows später kommt Netflix auf die Idee, das Format neu zu beleben. Jetzt. 2018.

«Buhh Netflix!», könnte man da johlen. Das verstaubte Original war ein Kassenschlager, der die antiquierte Vorstellung vom schwulen Mann, als Lifestyle-Gott mit Lackhandtasche, bester Freund der Hetera und letzte modische Rettung für den Hetero, fröhlich akzeptierte. Gerade jetzt eine solche Show auszugraben, scheint dumm. «Schliesslich leben wir in einer Zeit endlos debattierter Identitätspolitik, in der Sexualität«, so schreibt es der «Guardian», «endlich als weitaus komplexer empfunden wird, als ein angeborenes Gefühl dafür zu haben, welche Duftkerze dem Raum das beste Flair verleiht.»

Netflix weiss das alles auch. Und gerade deshalb gelingt es dem Streamingportal trotz Klischeekanone, einschneidendes Reality-TV zu produzieren. Fernsehen, bei dem man lacht und weint und eine Menge über Duftkerzen lernt. Meistens alles gleichzeitig.  

bild: netflix

«Die alten ‹Queer Eyes› haben für Toleranz gekämpft, wir setzten uns für gegenseitige Akzeptanz ein»

Tan, Mode-Berater

«Die alten ‹Queer Eyes› haben für Toleranz gekämpft, wir setzten uns für gegenseitige Akzeptanz ein», sagt Tan. Er ist der Homo-Typ, der den Hetero-Typen die Kleiderschränke ausräumt und ihnen danach die Ärmel von jedem neuen T-Shirt hochkrempelt. Das sähe jung und unbemüht aus, erklärt er jeweils ganz lieb und fügt an: «Man kann es aber auch lassen, wenn's einem nicht passt.»

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bild: netflix

Tan ist ein süsser Typ mit grauem Haar. Er hat pakistanische Wurzeln, was er auch ab und an wieder zum Thema macht. Auch ihm ist klar, dass er als schwuler, dünner Mann mit Floralprint-Hemden ein Klischee bestätigt. Aber ihm ist das egal. Denn das Reality-TV gibt ihm die Macht, auch Hetero-Männer in süsse Typen mit Floralprint-Hemden zu verwandeln. Und so werden Klischees schliesslich ausradiert.

Die Neuauflage von «Queer Eye» (das «straight guy» wurde klugerweise weg gekürzt) hat es eh nicht so mit Klischees. Sie sind zwar in Völle vorhanden, aber werden in keiner Sekunde gross zelebriert. Den neuen fabulösen fünf (ja, man nennt sie offiziell «Fab Five»!) geht es viel mehr um die Emotionen ihrer heterosexuellen Klienten. Und damit schaffen sie es, eine ganze neue Dimension ins fade Modell einer Umstyling-Show zu bringen.  

Das zeigt sich schon in der ersten Szene der ersten Folge. Darin geht es um Tom, einen 57-jährigen Redneck, der sich selber sehr hässlich findet. Das Ankommen der fünf gepflegten City-Boys in Toms Stammkneipe wird mit tosendem Applaus quittiert. Natürlich ist das ganze eine Set-Situation. Ein Konstrukt, wer weiss, ob die Begrüssung tatsächlich so herzhaft ausgefallen wäre ohne die Kameras am Bildrand.

Aber das allein ist ja schon ein Hinweis darauf, wo diese neue Serie beschliesst, ihre Fahne zu pflanzen. Sie baut Brücken zwischen Menschen, die sich zu kennen glauben, ohne dass sie sich zuvor kennengelernt haben. Und die Ehrlichkeit, wie dabei auf beiden Seiten Vorurteile verhandelt werden, beeindruckt am laufenden Band.

Zum Beispiel in dem Moment, als Redneck-Tom ganz unverblümt Bobby, den Innenarchitekten, fragt, ob er denn zu Hause der Mann oder die Frau sei.

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bild: netflix

Oder als Karamo, der Lifestyle-Coach, drei Episoden später mit dem Polizisten und Trump-Wähler Cory ein Gespräch über Polizeigewalt gegenüber Schwarzen führt. In beiden Fällen wird gutmütig diskutiert. Karamo erklärt Cory, dass die USA ein strukturelles Rassismusproblem habe. Und Cory erklärt Karamo, dass er kein Bock habe mit allen anderen Brutalo-Bullen in einen Topf gesteckt zu werden. Beide nicken und schlagen sich auf die Schulter. Und am Schluss trägt auch Cory ein schmuckes Hemd mit hochgerollten Ärmeln und dankt den fünf Schwulen für ihre tolle Arbeit.

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bild: netflix

Obwohl das Format die Sexualität an erste Stelle setzt, geht's bei «Queer Eye» nur bedingt um Queerness. Und auch gar nicht so doll um Umstyling. Viel mehr ist es eine Sendung über eins der sensibelsten Themen unserer Zeit: Männlichkeit. In ihren bewegtesten Momenten befähigt die Serie Männer dazu, miteinander in einer Art und Weise zu sprechen, wie sie behaupten, dass sie es vorher nie konnten.

2003 ging es um die fünf glamurösen Schwulen, die um ihre Existenz rangen. 2018 geht es um die unglamurösen Normalos, die nicht an sich selbst glauben

Tan, Bobby, Karamo, Antoni und Jonathan liefern mit hochgerollten Ärmeln und einer beachtenswerten Beharrlichkeit dafür, dass Avocados das Rückgrat jeder Heimküche bilden, nur den Zündstoff für eine längst fällige Unterhaltung. Eine Unterhaltung zwischen den liberalen Städtern und den konservativen Ländlern. 

Schliesslich ist auch das wieder eine unbenanntes Klischee. Aber sind es nicht Klischees, mit denen man Vorurteile am einfachsten aus dem Weg räumen kann?

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gif via giphy

Jonathan lebt das Klischee. Intensiv aber extrem beiläufig. Er ist der Frisör in der Truppe und unterhaltet auf seinem Youtube-Kanal Massen mit schnippisch formulierten Makeup- und Pflegetipps. Vor 15 Jahren hätte er nie die Selbstverständlichkeit und das Selbstvertrauen an den Tag legen können, wie er es jetzt tut. Etwa gegenüber den sechs Kindern von Bobby Camp, den streng christlichen Südstaatler, den es in der fünften Folge umzustylen gilt. 

Das Ausmisten von Kleiderschränken im amerikanischen Hinterland steht schliesslich symbolisch für all die ungeführten Diskussionen der verschiedensten Gesellschaftsgruppen dieser Zeit.

Gerührt von Jonathans flamboyanten Auftritt beichtet Bobby, dass seine Kirche homophob sei. Er habe nie den Mut, dagegen vorzugehen und er wünsche sich, dass seine Kinder aus dieser Erfahrung mit den «Fab Five» ganz viel über Liebe und Akzeptanz lernen würden. Bobby weint in seinem neuen Hemd mit hochgerollten Ärmeln. Und dieser Moment, ist das beste, was zeitgenössischer Reality-Trash nur bieten kann:

Ein Webcam-Frisör, der mit tänzelnder Körpersprachen einem Südstaaten-Christen die Augen für Akzeptanz öffnet.

Wir wollen mehr davon. Und eine Packung Tempos dazu!

 

Diese Serien verschlingt die Netflix-Community jeweils sofort

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