Leben
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Schüler-Repo

Zurück zur Xerokratie – Das «Critical Mass Movement» und die Revolution auf zwei Rädern

Vor der Corona-Zeit versammelten sich auf dem Bürkliplatz in Zürich jeden letzten Freitag im Monat bis zu 1000 Velofahrer*innen. Wer meint, es sei nur eine rücksichtslose Fahrt durch die Stadt, irrt gewaltig. Der Verfasser dieses Textes sass auf dem Leopardensattel eines blauen Rennvelos und liess sich von der kritischen Masse mitreissen.

Jesse Arpagaus



Schüler-Repo: Zum Hintergrund des Artikels
Dieser Artikel ist das Resultat einer Zusammenarbeit von watson und der Berufsmaturitätsschule Zürich. Zwei Erwachsenenklassen mit der Ausrichtung «Gestaltung und Kunst» haben unter der Aufsicht ihres Deutschlehrers Seluan Ajina selbstständig Artikel verfasst. Entstanden sind insgesamt 32 Reportagen, von denen vier auf watson.ch publiziert werden.
- Das «Critical Mass Movement» und die Revolution auf zwei Rädern
- Steroide: Eine Bodybuilderin packt aus
- «Altstette fickt dich!» ... nüme: Gentrifizierung in Echtzeit
- «Sie nannten mich Nancy» – Wie ein Mädchen freiwillig in die Prostitution einstieg

«Hey, wötsch es Bier?», fragt mich ein junger und gut- aussehender Mann mit erstaunlich langen Fellohren, die ihm an seiner Mütze runterhängen. Er steht beim Konsum-Kamin, neben dem man ein kühles Bier gegen Kollekte geniessen kann. Es liegt etwas in der Luft, ein Hauch von Vélorution. Die Musik aus all diesen Boxen könnte unterschiedlicher nicht sein, die Leute wirken glücklich – ich lausche der daraus resultierenden Kakofonie. Die Masse beginnt sich zu bewegen. Wir fahren in die Nacht.

Die Polizei zeigt auch an diesem Freitag ihre Präsenz. Ich schlängle mich mit meinem Leoparden-Göppel an ihnen vorbei, auf der Suche nach einer Antwort auf meine zentrale Frage: «Warum fährst du mit?»

«Die Demonstration ist ein politisches Instrument»

«Ich fahre mit, weil es mich glücklich macht, mit so vielen tollen Menschen den Freitagabend zu verbringen. Die Stadt gehört uns!», sagt Vollgas-Rita mit einem Grinsen im Gesicht, als würde sie vor Freude platzen. Sie stellt sich schon nach den ersten Minuten vor die Einfahrt der Genferstrasse. «Wir müssen uns hier hinstellen, um den Verkehr zu stoppen. Es dient zur Sicherheit aller Teilnehmer*innen», sagt sie, während der Dieselrauch eines Reisecars im Laternenlicht sichtbar wird. «Danke fürs Corke », ruft es aus der vorbeifahrenden Menge.

Die grüne Ampel vor mir, die sich aufstauende Autokolonne hinter mir – eine etwas surreale Situation. Die heute ca. 280 Teilnehmer*innen ziehen an uns vorbei, wie Nebel im Herbst. Die sepiafarbene Abendstimmung auf dem Weg Richtung Wiedikon wirkt ziemlich romantisch. Das Geläute der Veloklingeln, alles passt zusammen.

Die Marienkäferklingel meines Velo-Nachbarn wirkt ausgefallen und interessant. Sie gehört zu Velo-Martin. Die runden Gläser seiner John Lennon Brille reflektieren die Lichter der Nacht. Der schwarze Rollkragenpullover unter seiner luftigen Sportjacke liegt straff an seinem Hals. «Die Demonstration ist ein politisches Instrument, das wir nutzen, um die Veränderung und Entwicklung voranzutreiben», sagt er entschlossen.

epa04720581 Cyclists lift their bikes during the 'Critical Mass' bicyclists' gathering in Debrecen, 226 kms east of Budapest, Hungary, 25 April 2015. Hungary saw cyclist gatherings within the 'Critical Mass' social cycling movement in various cities. EPA/ZSOLT CZEGLEDI HUNGARY OUT

Die Critical Mass in Ungarn. Bild: EPA MTI

Er wirkt zielstrebig und scheint die ausgelassene Stimmung der Velofahrer*innen um uns herum zu geniessen. Ich vernehme von Velo-Martin, dass diese städtische Velo-Tour meistens über die dicht befahrene Hardbrücke führt. «Also zwei Stunden werden wir schon unterwegs sein», sagt er und grinst mich an. Wir nähern uns dem Goldbrunnenplatz, wo es offenbar zu einer Auseinandersetzung gekommen ist.

«Ich bin hier, um den Austausch untereinander zu fördern»

Es liegt ein Velo auf dem Fussgängerstreifen, was mich stutzig macht. Ich halte an und begebe mich auf das Trottoir. «Das ist noch lange kein Grund, jemanden mit dem Regenschirm zu schlagen!», sagt Velo-Reto, sein Gesicht sichtlich angespannt und verständnislos. Die Situation beruhigt sich ein wenig und die Polizisten halten Abstand. Ihre Westen leuchten hell wie die Notausgänge in dunklen Treppenhäusern. Sie bilden das Schlusslicht und übernehmen subtil die Position des begleitenden Aufpassers.

«Da muss man ruhig bleiben, obwohl es manchmal schwierig ist », hängt Velo-Reto an, nachdem sich die Lage beruhigt hat. Wir vertiefen uns in ein velosophisches Gespräch, wobei er sagt, «Ich bin hier, um den Austausch untereinander zu fördern, der philosophische Aspekt ist mir dabei sehr wichtig.» Die Stimmung scheint interessante Diskussionen voranzutreiben. Es erinnert mich an das Gespräch mit Velostoteles vor zwei Wochen.

epa03492472 Some of the one thousand cyclists prepare to ride in the monthly Critical Mass bicycle ride , Johannesburg, South Africa, 30 November 2012. The mass ride through the streets of downtown Johannesburg aims to bring awareness of the bicycle as a from of transport and also to make car users more aware of bicycles on the roads. EPA/KIM LUDBROOK

Die Critical Mass in Südafrika. Bild: EPA

«Es ist ein organisierter Zufall»

Ich lernte Velostoteles durch einen Freund kennen, der ihn mir als eine engagierte Person in der Velo-Szene beschreibt. Ich stehe mit Erdnüssen in der Hand an der Bar, als er zur Tür reinkommt. Velostoteles, mit Hornbrille und Funktionsjacke, begrüsst mich mit einer Umarmung. Ich spüre seine kalten Hände an meinem Rücken, wir beginnen über Velo und die Welt zu reden.

«Die Critical Mass gibt es in Zürich schon seit Anfang der 90er Jahre. Die Idee der Xerokratie ist genau so alt.» Er weist darauf hin, dass die Critical Mass keine Veranstaltung oder Demonstration sei. «Es ist ein organisierter Zufall einer anführerlosen Bewegung, dessen Ziel es ist, auf gewisse Umstände aufmerksam zu machen, etwas zu verändern.»

Er spricht vom fehlenden Platz für Velos in unserer Stadt. «Keiner der in der Stadt wohnt, braucht ein Auto. Ich sehe den Pendlerverkehr als unnötige Zusatzbelastung.» Er spricht politische Themen an, die mit den Velofahrer*innen und Stadtbewohner*innen in direkter Verbindung stehen.

«Die CM ist kein Event, sondern eine Philosophie»

Wir driften in die Untiefen der Philosophie, umkreisen jenes Wort immer wieder. Velostoteles sagt klar «Die Critical Mass ist kein Event, sondern eine Philosophie, die sie mit sich bringt. Ich kann nicht beschreiben, wie ungreifbar und undefinierbar dieses Kollektiv für mich ist», er nippt an seinem Bier und fährt fort. «Die Gemeinschaft besteht aus der Masse ihrer Einzelteile, jedes Einzelteil, ein starkes Individuum.»

Ich spreche die gegenseitige Gefährdung im Strassenverkehr an, Velostoteles meint diesbezüglich «Lass uns Feuer nicht mehr mit Feuer bekämpfen, sondern lass uns verstehen, um zu verändern.» Daraufhin empfiehlt er mir das Buch «Die schönere Welt ...» von Charles Eisenstein, es scheint eine wichtige Lektüre zu sein für ihn. Ich werde noch an diese Gespräche denken, wenn ich auf dem Velo sitze und mitfahre.

Ich will herausfinden, was andere von der aus San Francisco stammenden Idee der Xerokratie halten. «Es ist nützlich, über einen digitalen Weg zu verfügen, um unsere Ideen miteinander auszutauschen», meint Velo-Günther auf seinem Damenvelo und spricht dabei die Website «velorution.ch» an. Sein Schnauz ist durchnässt vom Regen, meine Hände fühlen sich langsam an wie gefrorene Erbsen, die man sich auf einen verstauchten Knöchel legt.

Ein Meer aus Velos erhebt sich

Ich schliesse mich nach einer längst überfälligen Pinkelpause wieder der kritischen Masse an. Wir befinden uns am Hubertus, wo auf einmal alles still steht. Wir schweigen einige Minuten zum Gedenken an die kürzlich verstorbene Velofahrerin, die an diesem Ort ums Leben kam.

Einige beginnen ihre Velos in die Luft zu heben, bis sich ein Meer aus Velos oberhalb der Tramschienen erhebt. Das Ganze geht unter die Haut. Die Musik aus den Boxen bricht das Schweigen und setzt die kritische Masse wortwörtlich in Fahrt. Ich befinde mich mittlerweile im Kern der Masse, wobei ich auf Velo-Lara treffe.

Ganz in Schwarz gekleidet, strahlt sie mich aus ihrer Kapuze mit knallroten Backen an. Auf Handschuhe verzichtet sie aber, «irgendwann spürt man die Hände eh nicht mehr», sagt sie lässig neben mir. Sie hat absolut recht. Meine Hände gleichen derzeit weisslich leuchtenden Eiszapfen. Velo-Lara berichtet, «Ich begegnete der ganzen Masse ...», sie wird jedoch unterbrochen.

Velofahrer nehmen an der Demonstration

Die Critical Mass in Genf. Bild: KEYSTONE

Ein junger Mann mit Zigarette im Mundwinkel versucht mit seinem Minicooper in die Badenerstrasse einzubiegen. Das Auto berührt beinahe mein Velo. Schon sprechen mehrere Leute mit dem Autofahrer und bitten ihn, den Rückwärtsgang einzulegen. Er leistet Folge, lässt aber genervt den Motor aufheulen. Mir kommt das Wort Arschloch in den Sinn.

«Es braucht Veränderung in unserer Stadt»

Velo-Lara beginnt nochmals, «Ich begegnete der ganzen Masse nur zufällig auf der Hardturm-Brache, die Stimmung war überwältigend. Es war ein wundervoller Moment, seitdem fahre ich bei jeder Critical Mass mit». Sie lächelt. Es scheint, als begebe sie sich für einen kurzen Moment zurück zu diesem wunderbaren Ereignis.

«Ausserdem braucht es mehr Platz für Velos, es braucht Veränderung in unserer Stadt», hängt sie mit ruhiger und bestimmter Stimme an. Beim Einfangen der abendlichen Winterstimmung glaube ich einen Bekannten zu erkennen. Ich drängle mich freundlich zu ihm nach vorne. Es muss Velo-Bello sein.

«Vor allem der Pendelverkehr geht mir auf den Sack»

«Sali», grinst er mich von der Seite an, ich lag mit meiner Annahme richtig. Der gute Velomechaniker von nebenan, mit seinem grünen, ausgefransten Velomutz unter seiner nassen Kapuze. «Warum fährst du mit?», frage ich auch ihn, gespannt darauf, was jetzt kommt. «Es ist echt eine lässige Sache mit all den guten Leuten hier zu velölen, aber es geht mir um mehr. Die Stadt soll autofrei werden, vor allem der Pendelverkehr geht mir auf den Sack.»

Ich beginne, in Gedanken zu schweben. Diese vielen starken Meinungen lassen eine gewisse Dynamik entstehen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich diese Menschengruppe solidarisiert und dem Gegenüber vertraut.

Velo-Bello holt mich aus meiner Gedankenwelt zurück aufs Velo und sagt, «wir müssen uns diesem Ziel aber langsam nähern. Es müssen beide Seiten Kompromisse eingehen, damit sich etwas ändert. Wir brauchen Geduld». Ich mag seine gedankliche Flexibilität. Ich «corke» ein weiteres mal an der Kanonengasse, vor dem Tor zum Kasernenareal. Seit der Abfahrt am Bürkliplatz sind bald zwei Stunden vergangen, Velo-Martin hatte also recht.

«Schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot»

Ich befinde mich mittlerweile, mit noch kälteren Händen als zuvor auf dem Kasernenareal. Neben mir steht, mit verschränkten Armen über seiner Leuchtweste, Polizist Ruedi Tanner. Er zögert zuerst, mir seine Meinung bezüglich dieser anführerlosen Bewegung preiszugeben. Seine Kollegen gehen einen «Kafi» holen, Ruedi lehnt ab und beginnt zu reden.

«Die Armen sind die, die sich eine kostenpflichtige Bewilligung für ihre jeweilige Demonstration bei der Stadt holen», meint er mit Stirnrunzeln im Gesicht. Jedoch findet er im gleichen Atemzug auch lobende Worte gegenüber den Velofahrer*innen. «Schlussendlich sitzen wir alle im selben Boot und müssen miteinander klar kommen. Ich finde die Leute machen das wirklich gut, sie sind anständig miteinander», ich nehme Ruedis Worte auf, seine Arme sind immer noch verschränkt.

Ich stehe neben den Polizisten mit ihren Leuchtwesten, die Velorution liegt immer noch in der Luft. Ich höre Falco aus den Lautsprechern und nähere mich mit gekonnten Dancemoves dem Sound-Mobil. Mir wird warm zwischen diesen zwei unterschiedlichen Welten. Was für ein Privileg, inmitten von diesem Ereignis zu stehen, besser gesagt zu tanzen.

«Wir müssen zurück zur Xerokratie, um uns gegenseitig zu bilden»

Ich denke an die Worte von Velostoteles bezüglich der Xerokratie «Der Austausch von Schriftgut, indem wir unsere Anliegen und Philosophien miteinander teilen, ist extrem wichtig. Wir müssen zurück zur Xerokratie, um uns gegenseitig zu bilden.» Ich merke, dass dieser bestrebte Austausch untereinander bereits funktioniert. Zwar nicht mit Papier, aber mit Worten.

Diese elektrisierende Stimmung auf dem Kasernenareal, wo früher einst die Zugführer ihre Soldaten befahlen, gibt dem Ganzen eine Mystik sondergleichen. Mittlerweile sind wir bei der Musik inmitten der neuen deutschen Welle angelangt. Ich frage Velostoteles durch den angenehmen Lärm hindurch, wie er Xeroktratie in Worte fassen würde.

Er schaut mir mit ehrlichem Blick in die Augen und meint, «Sobald man etwas Magisches versucht in Worte zu fassen, verliert es seine Bedeutung.» Was für ein Schlusswort. Ich schwinge mich allein und glücklich auf meinen nassen Leopardensattel. Es hat aufgehört zu regnen, ich fahre in die Nacht.

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