Leben
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Schüler-Repo

«Sie nannten mich Nancy» – Wie ein Mädchen freiwillig in die Prostitution einstieg

Nancy stieg als Mädchen freiwillig in die Prostitution ein. Und hat bis heute mit den Folgen dieser Entscheidung zu kämpfen. Eine Reportage über einen aussergewöhnlichen Lebensentwurf.

Desli Roman



Schüler-Repo: Zum Hintergrund des Artikels
Dieser Artikel ist das Resultat einer Zusammenarbeit von watson und der Berufsmaturitätsschule Zürich. Zwei Erwachsenenklassen mit der Ausrichtung «Gestaltung und Kunst» haben unter der Aufsicht ihres Deutschlehrers Seluan Ajina selbstständig Artikel verfasst. Entstanden sind insgesamt 32 Reportagen, von denen vier auf watson.ch publiziert werden.
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- «Altstette fickt dich!» ... nüme: Gentrifizierung in Echtzeit
- «Sie nannten mich Nancy» – Wie ein Mädchen freiwillig in die Prostitution einstieg

Prolog

Es ist ein kalter Herbstabend. Alles ist ruhig ausser dem gelegentlichen Heulen des Windes in meinen Ohren und dem Geräusch von Autos in der Ferne, als ich durch das abgelegene Dorf schreite. Mein GPS zeigt an, dass ich an meinem Ziel angekommen bin und ich rufe Nancy, mit der ich mich gleich treffe, an.

Aus dem Hörer kommt eine sympathische, aufgestellte Stimme und wenige Momente später steht die quirlige, mittezwanzigjährige Blondine vor mir. Ich habe sie zwar nur zwei oder drei Mal im Leben durch gemeinsame Freunde getroffen, aber sie drückt mich herzlich an sich. Sie trägt ein grauen Pullover, schwarze Leggings, eine grosse Brille, auf ihrem Gesicht ein ansteckendes, grosses Lachen.

Smalltalk begleitet uns die Treppen hoch und oben betrete ich eine charmante, heimelig eingerichtete Wohnung. Sie offeriert mir etwas zu trinken, bevor wir uns in ihr Zimmer begeben. «Hoffe, es macht dir nichts aus, das Gespräch hier zu führen? Mein Mitbewohner könnte jederzeit nach Hause kommen und so können wir besser quatschen», erwähnt sie mit einem Zwinkern, währenddem sie ihr Bett frei räumt.

Ihr Zimmer ist ordentlich, aus der Ecke leuchtet ein trübes Licht. «So, wollen wir?», fragt sie und weist mich mit der Hand aufs Bett. Ich setze mich zu ihr und hole mein Laptop und Handy hervor. Obwohl ich ihr die Anonymität versprochen und versichert habe, dass die Informationen lediglich für meine Arbeit benötigt werden, sehe ich, wie es ihr unangenehm wird, als ich frage, ob ich das Gespräch aufnehmen darf.

«Nimm es bitte nicht persönlich, aber mein Vertrauen in die Menschen ist beschädigt», sagt sie halbleise vor sich hin. Eine Aussage, welche komplett nachvollziehbar ist aufgrund ihrer Vergangenheit: Mit 13 verkaufte Nancy zum ersten Mal ihren Körper.

Schicksalsschläge

«Meine Mutter war völlig im Selbstmitleid versunken, nachdem mein Vater starb. Sie verbrachte ihre Tage nur noch zuhause vor dem PC, in der Hoffnung, ihre nächste grosse Liebe dort kennenzulernen. Und so schleppte sie Mülltonne nach Mülltonne zu uns nach Hause, immer davon überzeugt, dieser werde sie nicht verarschen», erinnert sich Nancy.

Die Mutter, festgefangen in ihren eigenen Sorgen, schenkt ihr nicht die nötige Aufmerksamkeit und Liebe. Und so sucht sie sich diese woanders. Mit 11 Jahren lernt sie im Online- Chat einen 20-jährigen Mann kennen, den sie aus Neugier zu treffen begann.

«Er war zuerst sehr nett und brachte mir Blumen und kleine Geschenke. Ich habe mit meinem Alter geschummelt und sagte, ich sei 14. Er wusste, dass ich lüge. Das sah man mir an, meine Brüste waren so flach wie ein Brett!», erwidert sie grinsend. Ich grinse aus Anstand zurück.

Die Beziehung hält über Monate stand, bis sie es beendet hat, da ihr Peiniger immer beleidigender ihr gegenüber wird. «Der hat mir eingeredet, ich sei nichts Wert, nachdem wir zusammen geschlafen haben, ich hätte keine Zukunft mehr, so eine Schlampe wie ich könnte doch nur auf dem Strich landen und in meiner Naivität glaubte ich diesem Schwein jedes Wort.»

Sie schaut nachdenklich zur Decke und ergänzt: «Ja, ich glaube, dass könnte der Anfang gewesen sein.»

Verzweiflung

In der Zeit danach schläft Nancy öfters mit Gleichaltrigen oder Älteren ihrer Nachbarschaft. «Ich trug mein Kopf immer hoch, als wären mir die Beleidigungen gleich. Auch als sie täglich gruppenweise verbal auf mich losgingen, blendete ich es aus. Aber die psychischen Schäden blieben schon hängen, die verarbeitete ich erst Jahre später», versichert sie mir.

«Als ich dann sah, wie es sich im Fetisch-Bereich rentierte und welche Beträge diese Typen zu bezahlen bereit waren, dachte ich, ich hätte den Jackpot geknackt.»

Nancy

Sie hatte sich den Ruf als Dorfmatratze aufgebaut und war somit aus ihrem sozialen Umfeld ausgeschlossen worden. Abende verbrachte sie oft alleine im Chat und zuhause rebellierte sie gegen ihre Mutter.

Als es zu einer handgreiflichen Eskalation mit einem Freund ihrer Mutter kommt, zieht sie zu älteren Freunden auf einen Bauernhof. Da sie kein Geld von ihrer Mutter während dieser Zeit erhielt, fing sie an, sich unter dem Namen Nancy online zu inserieren.

A Nigerian prostitute stands by a fire waiting for clients in Siziano, near Milan, Italy, Saturday, Feb. 3, 2018. Nigerian teenagers and young women selling sex is a common sight for motorists in Italy. Working along roadsides and secondary highways in cities big and small, they are a haunting reminder that while Italy has been successful in curbing immigration from Libya, it has largely failed to help a fraction of the migrants trafficked as sex slaves. (AP Photo/Antonio Calanni)

Symbolbild. Bild: AP

Sie erzählt: «Als ich dann sah, wie es sich im Fetisch-Bereich rentierte und welche Beträge diese Typen zu bezahlen bereit waren, dachte ich, ich hätte den Jackpot geknackt.» Was Nancy jedoch fehlte, war die Angst und der Respekt vor dem Business, welche sie auf eine brutale Weise noch kennenlernen würde.

Business

Tagsüber besuchte Nancy die Schule, abends stieg sie am Bahnhof im Dorf in fremde Autos. «Es war Gier, welche mich antrieb. Ich machte in der Woche locker 1000 Franken, was damals für mich sehr viel war. Ich hatte eine Abmachung mit meiner Mutter, die Schule fertig zu besuchen, auch wenn ich nicht mehr zuhause wohnte. Ansonsten hätte sie die Behörden eingeschaltet.»

Gleich nach der 3. Oberstufe, im Alter von 15 Jahren, zieht Nancy in eine Wohnung zu einer Freundin, die oberhalb eines Bordells in der Stadt wohnt. Sie war zu jung, um vom Bordell angestellt zu werden, hatte allerdings ihr eigenes Zimmer, wo ihre Kunden vorbei kamen.

Bild

Symbolbild. Bild: shutterstock

Bis zum 18. Geburtstag finanziert sie sich so ihr Leben. Sie erzählt von mehrheitlich angenehmer Kundschaft, welche ihr mit Respekt begegnet, erfährt aber auch die Schattenseiten des Geschäfts. «Besoffene Männer sind das Letzte», erwidert sie augenrollend, «die, die keine Macht über ihr eigenes Leben haben und diese dann auf dich ausüben wollen.»

Es kam zu mehreren Vorfällen. Ein Kunde würgte sie bis ins Bewusstlose während dem Sex. Ein anderer schlug sie so fest, dass sie aus dem Mund blutete, doch nicht einmal das hielt ihn davon ab, weiter gewaltsam in sie einzudringen bis er kam.

Nach den Vorfällen will Nancy einen Neuanfang. Sie findet eine Stelle als Barista in einer Bar in derselben Stadt. Das Unangenehme dabei: Viele ihrer Kunden trifft sie bei der Arbeit an und wird somit immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Ein ehemaliger Kunde, mit dem sie sich gut verstand, schlug ihr vor, wieder ins Business einzusteigen. Er hatte eine gehobene Escort Agentur gegründet und schlug ihr vor, bei ihren Treffen immer in der Nähe zu sein, um sie vor Unannehmlichkeiten zu beschützen, dafür soll Nancy ihm 30% des verdienten Betrages abgeben.

Mit der neuen Sicherheit stieg Nancy wieder ins Business ein. «Das war die Zeit meines Lebens! Ich verdiente sehr gutes Geld, bin viel gereist, war auf den exklusivsten Partys und sah die Welt von einer völlig anderen Seite», erzählt sie mit einem Funkeln in den Augen.

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Symbolbild. Bild: shutterstock

Sie erzählt detailliert weiter von den pompösen Geschenken, welche sie von ihrer reichen Kundschaft erhielt, und von den Luxusvillen, in denen sie ihre Tage verbrachte. Jedoch hielt das traumhafte Märchenleben leider nicht lange an.

Trauma

Eines Tages erhält sie einen Auftrag in einer anderen Stadt. Wie gewohnt fährt ihr Zuhälter sie dahin und übergibt ihr die Angaben: 2 Männer, im 4. Stock, Zimmer 412, klassisch und anal. «Ich hatte ein komisches Bauchgefühl, als ich im Lift stand. Ich hätte auf das Hören sollen, ich hätte niemals das Zimmer betreten dürfen», erzählt sie leicht stockend. Ihr Blick schweift nach unten. Ich erinnere sie daran, mir nur das zu erzählen, was sie verkraften mag.

Angst, Verzweiflung, Frau, Missbrauch, Vergewaltigung

Bild: shutterstock

«Blut ... Ich kam kurz wieder zu mir und lag nackt in meinem eigenen warmen Blut. Meine Ohren sausten richtig laut. Mein Zuhälter rüttelte mich an die Schultern und schrie meinen Namen. Ich hörte es nur in der Ferne und dann wurde wieder alles schwarz.»

Zwei Wochen später erwacht Nancy im Spital und will die Berichte der Ärzte nicht wahrhaben: «28 Stiche wurden gebraucht, um unten alles wieder zu vernähen, eine gebrochene Rippe, ein zerstörtes Trommelfell, eine tiefe Wunde am Kopf, innere Blutungen, ein Teil vom Darm geplatzt und mehrere andere beschädigte Organe.»

Mein Magen dreht sich mehrfach und ich sitze fassungslos da. Ich kämpfe gegen die Tränen, während meine Hände auf der Tastatur zittern. Ich finde keine Worte und Nancy braucht auch ein Moment für sich. Sie bricht die Stille: «Janu, Kinder wollte ich nie haben und das ist jetzt nun auch nicht mehr möglich.»

Lehre

Nancy lacht mich wieder an, als sie sieht, dass ich mit der Situation nicht zurechtkomme. «Es ist die Vergangenheit. Ich hasste mich selbst sehr lange dafür. Es war mein grösster Albtraum, welcher aufgrund meines Fehlentscheides wahr wurde. Diese markanten, kalten Gesichter haben sich bei mir ins Gedächtnis eingebrannt und verfolgen mich heute noch. Ich musste jedoch lernen, damit umzugehen, sowie mit den Narben an meinem Körper und den psychischen Schäden hier oben», sagt sie und zeigt auf ihren Kopf.

Die Zeit danach war sehr schwierig: nach sechs Monaten Intensivtherapie kamen Gerichtsprozesse und Anhörungen auf sie zu, welche sie immer wieder in diese schlimmen Momente zurückversetzte. Sie besucht jetzt noch, gute fünf Jahre danach, ihre Psychologin 1-2 Mal in der Woche.

«Die Mädels denken sie wissen, auf was sie sich einlassen. Ich würde jedem Mensch davon abraten, in diese Welt einzusteigen.»

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