Leben
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Arbeiten in New York: «Wenn der Fisch meiner Chefin Selbstmord begeht, darf ich kündigen»

alle Bilder: Jennifer Zimmermann



Wieso ist jetzt alles mint?

Liebe User, herzlich willkommen zu unserem neuen watson-Blog mint! Ihr findet hier die Themen:

«Flair&Fair» (Design, Streaming, Reisen, Foodwaste)
«Fit&Food» (Katzen-Yoga, Rezepte, fein! – und gesund)
«Fuck&Feel» (selbsterklärend)

In mint schreiben watson-Autoren und freie Autoren aus aller Welt. Die Geschichten erkennt ihr auf der watson-Startseite an einem «m.» im Bild. So, und nun: Viel Spass. :)

Und nun zurück zum Artikel.

Liebe macht kopflos. So bin ich überhaupt erst in New York gelandet – und habe mir nicht lange überlegt, wie ich hier denn überleben werde. Lange gedauert hat die Beziehung nicht, meinen Kopf habe ich mittlerweile wieder beisammen und bin nun seit einem Jahr im Big Apple. Meine Geschichte nehmen die hartgesottenen New Yorker mit einem kühlen Nicken zur Kenntnis, zu oft haben sie diese schon gehört.

«Wieso bist du denn hier?» – diese Frage wurde mir natürlich auch während meines ersten Jobinterviews gestellt. Es war – ich bin darüber gleichermassen stolz wie belustigt – als «professional dogwalker». «Das wird bestimmt lustig!», dachte ich mir und sah mich schon mit Fido und Bello im Central Park bei Sonnenschein meine Runden drehen. Anstatt den potenziellen Arbeitgebern meinen Herzschmerz zu klagen, antworte ich: «Ich liebe diese Metropole.» In Tat und Wahrheit hätte ich mich wohl nie für dieses Ungeheuer einer Stadt mit den extremen Jahreszeiten entschieden.

Die drei Anwesenden nicken, denn wer liebt die Stadt nicht? Ich zeige Fotos von Pinky und Brain, den Ratten, die ich während meiner rebellischen Teenagerjahren als Haustiere hielt und schwelge in Erinnerungen an unseren Hund, Sam. Nach einer geschlagenen Stunde scheine ich alle ausreichend von meiner Tierliebe überzeugt zu haben, sodass sie mich zu einem (unbezahlten) «Testlaufen» einladen.

Ob sich hier wohl das grosse Geld versteckt?

Ein paar Tage später, es regnet in Strömen, treffe ich Eric, einen kettenrauchenden Mittdreissiger, der sich seit zehn Jahren von Hunden durch die Stadt zerren lässt. Man sagt Hunde und Herrchen beginnen sich mit der Zeit ähnlich zu sehen; bei Eric ist es der Geruch, der abgefärbt hat: Eine Duftwolke von nassem Hundefell gepaart mit einer Prise Waldboden umhüllt ihn.

Schnell erfahre ich, dass man als «dogwalker» eben doch nicht das grosse Geld macht. An die zwölf Hunde muss Eric pro Tag ausführen, um am Ende des Monats etwa 2’500 Franken mit nach Hause nehmen zu können. Wer die Mietpreise in NYC kennt, dem schwant Böses.

Als «dogwalker» zu arbeiten, hört sich um einiges schöner an, als es ist.

Drei Stunden und sechs Hundebekanntschaften später bin ich bis auf die Knochen durchnässt. Ich ziehe frühzeitig die Notbremse – das Testlaufen würde noch zwei Stunden dauern – und gebe mich geschlagen. Nach einem Telefonat an die Gassigeher-Agentur schliesse ich Frieden damit, dass ich nicht mithilfe von felligen Freunden meinen Lebensunterhalt bestreiten werde. Es muss doch einen anderen Weg geben, um Geld zu verdienen ...

«Die Möglichkeiten hier sind endlos!»

Aussage eines jeden New Yorkers, wenn es um die Jobsuche geht

Nach erfreulich kurzer Zeit finde ich einen neuen Job. Dieses Mal bei einer Reiseagentur als Deutsch- und Englisch sprechende Kundenberaterin. Zuvor musste ich mich durch ein Telefoninterview, tagesfüllende Testaufgaben und drei Vorstellungsgespräche kämpfen. Nun konnte die Arbeit beginnen. Mein heraufgehandelter Lohn: 45'000 Franken brutto jährlich. Nach allen Abzügen würden mir am Ende eines jeden Monats nicht einmal 3’000 Franken übrig bleiben, um in der teuersten Stadt der USA zu leben.

NYC, dogs, Hunde, working in NYC

Der Fisch namens «rate parity» (Kursparität) hat glücklicherweise in der Zwischenzeit das Zeitliche gesegnet.

Ich pendle täglich von Brooklyn nach Manhattan, arbeite von 9 bis 18 Uhr und lerne nette Leute kennen. Ebenso gebe ich aber zu viel Geld fürs Mittagessen aus und suche vergeblich nach einem ruhigen Plätzchen nahe dem Union Square, wo ich dieses herunterschlingen kann – eine halbe Stunde Mittagspause ist hier die Norm – wenn man denn überhaupt den Schreibtisch verlässt.

Nach zwei Wochen sind meine Finger wund und meine Ohren surren, Kundendienst ahoi!

Und da ist auch noch der elendiglich dahinsiechende Fisch, den meine Chefinnen in einem winzigen Gefäss bei uns auf dem Pult als Maskottchen halten. Seine Flossen sind zerfleddert und immer wieder mal treibt er in einem scheinbaren Akt der Rebellion auf der Seite liegend bis an die Wasseroberfläche und reckt den Kopf aus dem Wasser. Ganz zum Entzücken meiner Chefinnen: «He’s a trooper!» Sie hätten ihn während der Feiertage schon mehrere Tage nicht gefüttert – und siehe da, er habe überlebt!

Ich schliesse einen Pakt mit mir: Wenn sich der Todeswunsch des Fisches erfüllt, dann «darf» auch ich das Handtuch werfen. Der Fisch hielt schliesslich länger durch als ich: Nach einem Monat gibt mir die Monotonie der Arbeit den Rest.

Abgesehen von der Arbeit, hätte ich gerne noch ein wenig länger Einblick in diese Bürowelt erhalten. Die monatlichen gratis Team-Mittagessen waren vergnüglich, muteten aber auch ein wenig sektiererisch an. Nach dem Essen wurde der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin des Monats gekürt, beklatscht und mit einer Trophäe gefeiert. Weitere Meilensteine der Firma wurden bekanntgegeben und ebenfalls mit Applaus honoriert.

«Bin ich einfach zu wenig hart im Nehmen?», frage ich mich, nachdem ich auch diesen Job an den Nagel gehängt habe.

«Nein, ich bin idealistisch: raus aus der Komfortzone und auf zum nächsten Job!»

Meine letzte Mitbewohnerin arbeitete in einem Glace-Laden und schwärmte von der Arbeit. Gutes Trinkgeld, nette Leute – und so viel Eiscreme, wie man will! Überzeugt.

Ein paar Wochen später stehe ich hinter der Theke, eine Baseballmütze auf dem Kopf, die Schürze umgeschnürt und ein Lächeln auf den Lippen. Auch dieses sollte mir bald vergehen.

Mindestlohn in NYC

Der Mindestlohn im Big Apple wurde für die Mehrheit aller Arbeitenden zu Beginn diesen Jahres von 9 auf 11 Franken erhöht und soll bis Ende 2019 schrittweise auf 15 Franken die Stunde angehoben werden. Wie man davon leben soll, ist mir nach wie vor schleierhaft.

Zum einen waren die 11 Franken pro Stunde (siehe Infobox) nicht Motivation genug, um lange da zu bleiben. Zum anderen trugen die acht- bis zehnstündigen Schichten mit einer knapp halbstündigen Pause auch nicht zur Aufrechterhaltung der Arbeitsmoral bei. Hinzu kam, dass der Laden bis um Mitternacht geöffnet ist, sodass drei Uhr morgens zu meiner regulären Schlafenszeit wurde. Mit vier Schichten pro Woche kam ich auf klägliche 1’100 Franken monatlich. Mit Trinkgeld auf knapp 1'600 Franken. Dennoch, ein Hungerlohn. Nach einem Monat hatte auch dieser Job sein Ablaufdatum erreicht. Was von der Zeit bleibt: ein neu erwachter Heisshunger auf Süsses, eine picklige Stirn von der Baseballmütze und Freunde, die mich mit Eiscreme versorgen.

NCY, Glacé, Eiscreme, VL, working in NYC

Bild: Chelsea Olle

Ein Jahr, viele Jobs und noch mehr mitternächtliche Google-Suchen («how to make money in NYC») später, schätze ich mich noch immer glücklich, hier so vieles ausprobieren zu dürfen und mich durchschlagen zu können.

Mittlerweile arbeite ich unter anderem als freischaffende Übersetzerin und Korrektorin für amerikanische Firmen, wo ein Stundenhonorar von 30 Franken als gut angesehen wird. Über meinen tatsächlichen Stundenlohn ist es mir gemäss Arbeitsvertrag verboten, zu sprechen. Schweizer Freunde müssen ihre Kinnlade festhalten, wenn ich ihnen vom bescheidenen Betrag erzähle. Amerikanische Freunde nicken anerkennend und raten mir, den Job bloss nie aufzugeben.

Die Idee, dass ich mithilfe eines Nebenjobs, einen nennenswerten Betrag dazuverdienen kann, habe ich verworfen – und schlage mich weiterhin als Selbstständige durch. Sollte die Gefahr bestehen, dass ich vor die Hunde gehe, kann ich noch immer zurück zu den Hunden – die Gassigeher-Firma hat mir versichert, dass ich jederzeit bei ihnen willkommen bin.

Ein Hund, der mehr verdient als ich: Einer der populärsten Hipster-Accounts auf Instagram gehört ... einem Hund!

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    Alle Leser-Kommentare
  • ovatta 08.03.2017 08:47
    Highlight Highlight Und trump wettert über mexicaner.. wie bleibt man denn (nach der verflossenen liebe) im big apple? Klebrig ist er ja schon, wobei es mir beantown mehr angetan hat.
  • john oliver 07.03.2017 16:25
    Highlight Highlight Als Österreicher der mit der Schweiz eigentlich nichts am Hut hat und nur gerne Watson lese, frage ich mich schon manchmal ob die restliche Welt völlig unterbezahlt ist oder hier nur manchmal etwas weltfremde Autoren unterwegs sind.
    2.500 CHF netto für Hundesitten oder die anderen Gehälter sind doch wirklich nicht schlecht und davon kann man auch in New York leben. War selbst ein Jahr beruflich in NY und bin jetzt in London. Viele meiner jungen lokalen Kollegen mit Uni Abschluss kommen da klar nicht mit..
    • jennyz 07.03.2017 18:10
      Highlight Highlight 2500 CHF mögen sich nicht schlecht anhören. Wenn man aber bedenkt, dass da weder «sick days» (bezahlte Krankheitstage) noch Ferien noch Krankenversicherung (geschweige denn andere Versicherungen oder Pension) inbegriffen sind und man in NYC locker 1000 CHF für ein WG-Zimmer zahlt, wird es schnell mal knapp. Wann warst du denn in NYC?
    • jennyz 07.03.2017 19:46
      Highlight Highlight Zum Glück fahre ich fast überall mit dem Fahrrad hin, so dass ich mir die Metro-Karte sparen kann. Glücklich kann man mit so einem Lohn meiner Meinung nach auf alle Fälle sein/werden (wenn auch wohl nicht auf Dauer), reich aber bestimmt nicht ;)
    • john oliver 08.03.2017 11:31
      Highlight Highlight Schon klar, dass man mit $2500 sich nicht in 5 Jahren seine Eigentumswohnung auf die Seite legt, sondern eher am Existenzminimum schrammt. Nur in welchem Land (ausser CH) tut man das als Single - Hundesitter/Eisverkaeufer nicht?
      War 2011 dort. Damals bekam man noch WG Zimmer fuer unter $1000, halt nicht in Williamsburg, aber darum gings mir eigentlich nicht. Wollte nur feststellen, dass man es ueberall auf der Welt schwer haben wird als Hundesitter „Reich zu werden“. Mir fallen spontan einige deutlich krassere Faelle ein, auch mit hoeher qualifizierten Jobs, in weniger hippen Orten.
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