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bild: marin valentin wolf

Der Saal schwebt und bebt

Lionel Loueke und Ferene Németh verzücken in Muris Programm «Musig im Pflegidach» das Publikum als makelloses Duo. Mit einer bunten Mischung aus afrikanisch-ungarischen Aromen und einer Prise Einfallsreichtum und Individualität sorgen sie für einen hinreissenden Sonntagabend.
17.05.2021, 13:59
abiesha selvaratnam

«Vor dem Konzert war ich sehr glücklich und aufgeregt, dass wir spielen werden. Jetzt bin ich traurig, da wir fertig gespielt haben. Ich will mehr musizieren. Alles ging zu schnell», meint Németh. Der Jubel am Ende war allerdings wohlverdient. Drei Konzertbesucher beschreiben das Konzert mit folgenden Worten: «Ich konnte einfach abschalten, meinen Kopf frei bekommen und die Musik geniessen.» – »Ich komme einfach gerne hierher, weil mir die Stimmung hier gefällt. Man ist so nahe bei den Musikern und bei der Musik. Es ist ein sehr intimer Rahmen, deshalb zieht es mich öfters hierhin.»

Hinweis
Die Autorin ist Schülerin an der Kanti Wohlen. Im Rahmen ihres Deutschunterrichts verfassen die Schüler auch Konzertberichte, die in die Note einfliessen.

Ein spezieller Gast legt für diesen speziellen Abend ihre ärztliche Arbeit zur Seite. An diesem Abend reist Némeths Frau Monica von der spanischen Insel Teneriffa an, um höchstpersönlich ihren Mann anzufeuern. «Ich bin erstaunlich stolz auf ihn», rühmt sie ihren Mann.

Magischer Moment

Hand in Hand betreten die Künstler eine einsame, verbogene Insel, eine Insel der Phantasie. Der Saal wird dunkel. Die Scheinwerfer beleuchten das Duo und unterstützen die Stimmung mit ihrer Wärme. Sie sitzen sich gegenüber, sodass sie sich direkt anschauen können. Beim Musizieren lächeln sie sich an, verständigen sich mit den Augen und der Körpersprache. Als Loueke die ersten Töne auf seiner Gitarre spielt, dreht sich das Publikum zu ihnen, um den Klängen entgegenzusehen.

Die Atmosphäre ändert sich schlagartig als Németh mit seinem Schlagzeug einsteigt. Jeder ist still und horcht überreizt den langsam, harmlos beginnenden Tönen. Die Melodie wird immer deutlicher, lauter, klangvoller und nimmt schliesslich den ganzen Saal ein. Die Töne hallen durch den Raum und zusammen mit dem Beatboxing wird der gesamte Raum in ein Farbspektrum aus Klängen getaucht. Schon beim ersten Stück trommelt das Duo die Seele aus dem Leib und zeigt somit ihre Energie, sodass ihnen Schweisstropfen das Gesicht runterlaufen.

Lionel Loueke & Ferenc Nemeth – «Lullaby» @ Musig im Pflegidach, Muri

Sie sind offen, geniessen es auf diesem Podium zu stehen, noch dazu schweben sie im siebten Himmel in ihrer Musik. Mit leicht tanzenden Bewegungen des Schlagzeugers wird die Illusion eines perfekten Bühnenbilds erfüllt. Die Konzertbesucher und Konzertbesucherinnen folgen dem Bühnengeschehen unter den Masken mit offenen Mündern, weit aufgerissenen Augen und gespitzten Ohren. Man scheint einem guten Thriller zu folgen, denn die Künstler berühren, verstören und begeistern zugleich. Sie beziehen das Publikum in den Rhythmus mit ein, sodass alle mindestens ein Körperteil bewegen und kaum stillsitzen können. Es wird klar, wie sehr das Publikum unter dem Mangel an Live-Konzerten gelitten hat.

«Ich liebe diesen Ort. Ich hoffe, dass dieser Ort für immer lebendig bleibt. Live-Musik ist zurück.»
lionel Loueke

Mit diesen Worten macht der Gitarrist, welcher 1973 in Benin geboren wurde, die Begrüssung. In seiner Jugend begann er zu singen und zu spielen und lernte schliesslich im Alter von 17 Jahren die Gitarre zu spielen. Im Jahr 2000 wurde er in einem weltweiten Wettbewerb für ein Studium am Thelonious-Monk-Institute of Jazz in Kalifornien zugelassen. Während diesem Studium traf er auf Németh. Zusammen mit einem weiteren Künstler gründeten sie eine Band namens Gilfema. Der 48-Jährige äussert sich: «Er ist mein Bruder einer anderen Mutter.»

Auch der fünf Jahre jüngere Ungar kam früh mit der Musik in Kontakt, da er in einer Musikerfamilie aufwuchs. Sein Vater gab ihm seinen ersten Schlagzeugunterricht.   Das Duo ist sichtlich erfreut, nach so langer Zeit endlich wieder auf der Bühne zu stehen und live spielen zu dürfen. Deutlich wird dies an der Spielfreude, mit welcher die beiden auf der Bühne agieren. Der talentierte Afrikaner erzeugt Klick-Effekte mit seiner Zunge. Er klopft und schlägt, sodass er die Gitarre in ein Perkussionsinstrument verwandelt. Loueke nutzt die ganze Bandbreite seiner Technik aus. Es ist der erste gemeinsame Auftritt seit Dezember 2019 und laut dem Drummer fühlt es sich an «wie das erste Mal.»

Tsunami ähnliches Beben

Die Musiker ziehen auf der Bühne ihr Ding ab. Voller Kraft und betankt mit guter Laune spielen sie bis zur letzten Sekunde. Als der Abend sich dem Ende zuneigt, müssen sich die Künstler vom Publikum und von der Phantasieinsel verabschieden, doch dies lassen die Zuschauer nicht zu. Das Publikum applaudiert im Stehen und stampft ununterbrochen, sodass es sich beinahe wie ein Erdbeben anfühlt. Das letzte, emotionale Lied singt der Gitarrist für diejenigen, die während der Corona-Pandemie jemanden verloren haben. Ausserdem ergänzt er: «Lasst uns schätzen, was wir haben und hatten!»

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Lionel Loueke und Ferene Németh @ «Musig im Pflegidach» Muri

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Lionel Loueke und Ferene Németh @ «Musig im Pflegidach» Muri
quelle: marin valentin wolf
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Romantic Funk, bestehend aus dem Leader Orlando le Fleming (Bass), Will Vinson (Saxofon), Tom Cawley (Piano) und James Maddren (Schlagzeug), trat am Sonntag in der Konzertreihe Musig im Pflegidach auf. Schon nach den ersten Sekunden wurden die Jazzfans in Muri von der Kreativität der Musiker verzaubert.

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