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«Barack Obama hat den beschissensten Job der Welt»: Dave Grohl auf der Bühne von Rock am Ring 2015.
«Barack Obama hat den beschissensten Job der Welt»: Dave Grohl auf der Bühne von Rock am Ring 2015.Bild: EPA/DPA

Dave «unkaputtbar» Grohl: «Die Leute haben vergessen, was es heisst, richtig loszurocken»

Dave Grohl lässt sich auch von einem Beinbruch auf der Bühne und zwei Jahrzehnten Musik-Business nicht aufhalten: Ein Interview mit dem Mann, der Rock'n'Roll besser kapiert als jeder andere auf diesem Planeten.
13.06.2015, 15:4313.06.2015, 21:24
marcel anders / the red bulletin
Ein Artikel von
Branding Box

Dave Grohl wurde in den Neunzigern als Schlagzeuger von Nirvana ein Weltstar. Und blieb es bis heute. Als Bandleader der Foo Fighters (acht Alben, elf Millionen verkaufte Tonträger, zig Auszeichnungen, gigantische Welttourneen), in Kooperationen mit David Bowie, Paul McCartney, Nine Inch Nails oder den Queens of the Stone Age. 

Konzert in St. Gallen abgesagt
Das ausverkaufte Konzert der US-Rocker vom 16. Juni in der AFG Arena in St. Gallen wurde wegen Grohls Beinbruch abgesagt. Die Veranstalter wollen in Kürze bekanntgeben, was mit den gekauften Tickets passiert. 

2013 legte er seinen ersten Film vor, die Dokumentation «Sound City», letztes Jahr folgte «Sonic Highways», das wohl ambitionierteste Projekt seiner Karriere: Eine Kombination aus neuen Songs sowie einer achtteiligen TV-Serie, in der Grohl nicht nur die Band bei der Arbeit im Studio zeigt, sondern auch unkonventionelle Interviews führt. Mit Dolly Parton, Joe Walsh, Chuck D, Willie Nelson, Rick Rubin oder Barack Obama. Am Dienstag spielen die Foo Fighters ihr einziges Konzert in der Schweiz, in St.Gallen.

Mister Grohl, bei Ihrem Interview mit Präsident Obama sieht man gar keine Sicherheitsleute. Standen die hinter der Kamera?
Dave Grohl:
 Nein. Wenn du erst einmal im Weissen Haus bist, ist alles ziemlich entspannt. Sie lassen dich da ja erst rein, wenn sie gecheckt haben, dass du okay bist (kichert). Drinnen ist es sogar richtig nett. Und Obama hatte ein paar tolle Dinge über unser Land und über unsere Musik zu sagen. Ich war ja bei ihm, um über die Geschichte der amerikanischen Musik zu reden, aber auch über Amerika als ein Land, das einem die Möglichkeit gibt, grosse Dinge zu tun. Egal was hier auch alles schief läuft: Amerika bietet dir die Freiheit, jemand wie Buddy Guy zu sein.

Grohl mit Bruce Springsteen (l.), und Zac Brown auf der Bühne.
Grohl mit Bruce Springsteen (l.), und Zac Brown auf der Bühne.Bild: JONATHAN ERNST/REUTERS

… jene globale Rock-Ikone, die ohne Ausbildung, ohne Geld, ohne ein Instrument zu beherrschen eine unvergleichliche Karriere machte. Klingt ein wenig nach David Grohl, nicht?
Für mich ist Buddy der Grösste. Ich bin ein Schulabbrecher aus Springfield, Virginia, ich habe keinen Abschluss und hatte kein Geld fürs College. Stattdessen habe ich in Jobs geschuftet, die harte körperliche Arbeit verlangten – und nebenbei Punkrock gespielt. Jetzt bin ich in der «Rock and Roll Hall of Fame» und plaudere mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika über Musik. Das heisst nicht, dass ich so ein toller Kerl bin. Das heisst: Was ich erreicht habe, kann im Prinzip jeder erreichen. 

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«Die aktuelle amerikanische Popmusik ist unglaublich trivial. Völlig bedeutungslos. Keine Substanz. Wenn der Nummer-Eins-Hit in diesem Land von deinem Arsch handelt, haben wir ein verdammtes Problem.»

Verraten Sie uns, was man dafür tun muss.
Die wichtigste Regel: Kümmere dich nicht um die Erwartungen anderer. Tu die Dinge so, wie du es selbst für richtig hältst. 

Das lässt sich durchziehen?
Klar. Ich habe zum Beispiel keinen blassen Schimmer, wie man Regie führt. Ich mach es einfach, wie ich es für richtig halte. Dasselbe mache ich beim Schlagzeugspielen und beim Songschreiben. Ich bin mir sicher, dass das nach den Standards anderer Leute völlig daneben ist. Aber scheiss drauf. Das führt zu grossen Sachen. Nur das! 

Haben Sie auch Präsident Obama den Tipp gegeben, auf die Meinung anderer zu scheissen?
Ich glaube, er hat den beschissensten Job der Welt. An dem Tag, an dem ich ihn gesprochen habe, hatte er eine Pressekonferenz, bei der er ankündigte, mehr Truppen in den Irak zu schicken. Dann verlieh er eine Ehrenmedaille an einen Soldaten, der schlimm versehrt wurde, als er einen seiner Kameraden rettete. Dann hatte er noch die Wirtschaft und die internationalen Konflikte um die Ohren. Und dann sass er mit mir zusammen, um über Stevie Wonder zu reden.

Also wird es vorerst keinen Präsidenten Grohl geben?
Hahaha. Ich habe zu viel Blödsinn in meinem Leben gemacht, um je ein öffentliches Amt zu bekleiden. Und wer würde mich wählen?

«Ich glaube, Barack Obama hat den beschissensten Job der Welt.»

Mit der Brille, die Sie seit neuestem tragen, sehen Sie aber sehr seriös aus.
Daran sieht man nur, dass ich alt werde. Ich bin taub, dumm und blind.

Mit dem Weissen Haus wird’s also nichts, aber in die Rock and Roll Hall of Fame wurden Sie dieses Jahr aufgenommen – als Schlagzeuger von Nirvana. Warum habt ihr für den Auftritt bei der Zeremonie ausschliesslich Sängerinnen aufgeboten?
Weil Kurt Feminist war. Wir dachten nach, wer singen könnte. Und als jemand Joan Jett erwähnte, die First Lady des Rock ’n’ Roll, war alles klar. Die finden wir alle toll. 

Die Foo Fighters in Cleveland, Ohio im April.
Die Foo Fighters in Cleveland, Ohio im April.Bild: AARON JOSEFCZYK/REUTERS

Dann war da noch der neuseeländische Jungstar Lorde … 
Lorde war meine Idee. Ihr Song «Royals» ist so etwas wie eine kleine Revolution – mitten in einem Haufen Pop-Bullshit.

«Die Leute haben vergessen, was es heisst, richtig loszurocken. Weil sie zu viel vor dem Computer hocken.»

Sie nehmen ja kein Blatt vor den Mund, wenn es um Pop geht …  
… nicht um Pop im Allgemeinen. Um aktuelle amerikanische Popmusik. Die ist unglaublich trivial. Völlig bedeutungslos. Keine Substanz. Wenn der Nummer-Eins-Hit in diesem Land von deinem Arsch handelt, haben wir ein verdammtes Problem. [Grohl bezieht sich auf «Anaconda» von Nicki Minaj; Anm. d. Red.] Als ich «Royals» hörte, inmitten von all diesem Mist, dachte ich: «Gott sei Dank! Endlich jemand, der gegen den Strom schwimmt.» Für mich ist das die Nirvana-Ästhetik. Es ist dasselbe wie damals, als wir populär wurden. 

Was ja auch für die Foo Fighters gilt – eine der letzten schweisstreibenden Rockbands in einer digitalisierten Welt … 
Leider wahr. Die Leute haben vergessen, was es heisst, richtig loszurocken. Weil sie zu viel vor dem Computer hocken. Weil sie die Technik für ein Wundermittel halten, das uns alle glücklich und reich macht. Aber ich verrate euch was, Leute: Technik macht euch vielleicht reich, aber niemals glücklich. 

Glück wird durch Reichtum erleichtert, nicht? 
Das sind zwei verschiedene Dinge. Glück basiert auf Kommunikation, auf Interaktion. Auf dem Gefühl, anderen Menschen etwas Besonderes zu geben. Und das hat in der Musik nichts mit einer Maschine zu tun, sondern mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. 

«Das Schlimmste, was meine Töchter mir antun, ist Katy Perrys letztes Album. Uh. Hart an der Schmerzgrenze, ja.»

Hat die Jugend von heute verlernt, auf konventionelle Weise Musik zu machen?
Ich möchte jetzt nicht wie ein alter Sack klingen. Aber es hat definitiv noch keinem geschadet, ein bisschen an seinem Instrument zu üben und ein Gefühl für Rhythmus und Melodie zu entwickeln. 

Dave Grohl.
Dave Grohl.Bild: Victoria Will/Invision/AP/Invision

Ihre Meinung zu EDM?
Zu was?

Electronic Dance Music. Skrillex, Deadmau5 und so weiter. 
Ach so, dieser Scheiss. Damit kann ich nichts anfangen. Und abgesehen davon ist das ja auch nichts Neues. Leute wie Suicide oder Atari Teenage Riot machen das seit Jahrzehnten wesentlich besser. 

Was hören Ihre Töchter? 
Da habe ich verdammt viel Glück. Das Schlimmste, was sie mir antun, ist Katy Perrys letztes Album. Uh. Hart an der Schmerzgrenze, ja. Aber ich kann sie auch für tolle Sachen begeistern. Ich habe meinen älteren Töchtern Harper und Violet einen Plattenspieler und das Boxset der Beatles gekauft. Jetzt hören sie ständig «Sgt. Pepper’s», «Rubber Soul» oder «Revolver». Mein Rat an alle Eltern: Kauft euren Kids einen Plattenspieler und ein paar vernünftige Alben, und es wird nicht ohne Folgen bleiben. (Lacht.) 

Wie steht Dave Grohl zu sozialen Netzwerken? 
Keinen blassen Schimmer. Ich weiss nicht, wie man twittert, chattet oder was auch immer. Ich bin nicht auf Facebook und lade keine Bilder auf Instagram. Einfach, weil mich das nicht interessiert. Wenn ich mit jemandem reden will, rufe ich ihn an oder schreibe eine Mail. Das ist alles, und mehr beherrsche ich nicht. Das ist eher was für meine 75-jährige Mama, die völlig darin aufgeht, weil sie sonst niemanden zum Reden hat. Wahrscheinlich muss ich erst in ihr Alter kommen, ehe ich meine erste Homepage ins Netz stelle: «Dave Grohl, Rockstar im Ruhestand». 

«Mein Rat an alle Eltern: Kauft euren Kids einen Plattenspieler und ein paar vernünftige Alben, und es wird nicht ohne Folgen bleiben.»

Was macht Dave Grohl mit seiner ganzen Kohle?
Ich bringe mein Geld auf die Bank, wo es vor sich hinschimmelt. 

Keine Investitionen, keine Fonds, nichts? 
Das interessiert mich nicht. Ich bin Musiker, kein Banker. Geld zu haben ist für mich nur ein schöner Nebeneffekt. Es ermöglicht mir, das zu tun, was ich tun möchte, ohne mir Sorgen machen zu müssen. 

Villen, fette Autos? 
Ich fahre eine Familienlimousine und habe ein nettes Haus, das gerade gross genug ist. Mein einziges Statussymbol ist mein Studio, das 606 in Los Angeles, in das ich Unsummen investiert habe. Aber nur, weil es genauso aussehen sollte wie Atlantis, das legendäre Studio von Abba. Und wenn ihr es unbedingt wissen wollt: Ich habe gerade mein Ferienhaus in Oxnard [eine Stadt an der Küste nördlich von L. A., Anm. d. Red.] verkauft – mit Verlust. Das zeigt, was für ein lausiger Geschäftsmann ich bin. Und ich habe auch nicht Malibu gesagt, sondern Oxnard. Die traurige Wahrheit ist: Ich bin spiessiges Kleinbürgertum.

Courtney Love plant ein Biopic zu Nirvana. Wer soll Dave Grohl darin spielen?
Hmmm … am liebsten Robert Rodriguez. Aber ich fürchte, damit komme ich nicht durch, hahaha.

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