Naher Osten
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Kurdish peshmerga fighters takes their positions behind sand barriers at the front line village of Taza Khormato in the northern oil rich province of Kirkuk, Iraq, Friday, June 20, 2014. Taza Khormato residents said insurgents led by the al-Qaida inspired Islamic State in Iraq and the Levant seized the nearby village of Basheer, shelling and burning down the houses. Both communities are dominated by ethnic Turkmen Shiites who are seen as heretics worthy of death by Sunni extremists. Thousands of people fled the town of Taza Khormato fearing the advance of Sunni insurgents who overran the neighboring village of Kirkuk. (AP Photo/Hussein Malla)

Peschmerag-Kämpfer in der ölreichen Provinz um Kirkuk. Bild: Hussein Malla/AP/KEYSTONE

Kämpfe im Irak

Das Kalkül der Kurden

Die kurdische Peschmerga-Miliz kämpft mit Iraks Armee gegen den ISIS-Vormarsch. Selbstlos ist das nicht: Hinter der Waffenhilfe steckt politische Taktik. Es geht um Unabhängigkeit – und viel Erdöl. 

26.06.14, 20:38

Ulrike Putz, Bagdad / Spiegel Online

Ein Artikel von

Abdul Rasak Fatah ist ein vorsichtiger Mann. Saddam Hussein hat ihn dazu gemacht. Unter dem Diktator wurde der kurdische Nationalist verfolgt, durfte nicht studieren, sondern musste als Hilfsarbeiter schuften.

Inzwischen ist Fatah zwar Vizepräsident der Kurdischen Patriotischen Union, der wichtigsten Kurdenpartei Iraks. Auf direkte Fragen antwortet er aber immer noch ausweichend. Ob die Kämpfe im Irak zu einem unabhängigen Kurdistan auf irakischem Boden führen könnten? Fatah windet sich: «Vielleicht irgendwann mal, nicht jetzt, später, wir werden sehen.»

Da sind viele der etwa sechs Millionen irakischen Kurden optimistischer. Nicht nur, dass die Peschmerga-Miliz im Aufruhr zu Beginn der Offensive die heimliche Kurdenhauptstadt Kirkuk eingenommen hat: Ohne die erfahrenen, disziplinierten Kämpfer der Kurdenmiliz hätten die schlecht ausgebildeten, unmotivierten irakischen Regierungstruppen kaum eine Chance gehabt, den Vormarsch der von der ISIS-Miliz geführten Sunniten-Allianz auf Bagdad zu stoppen.

Vor allem dank der Peschmerga, die als Guerilla schon den Truppen Saddam Husseins so zusetzte, dass der den Kurden 1991 de facto Autonomie einräumen musste, konnten die Kämpfer des «Islamischen Staat in Irak und Syrien» vorerst aus der Umgebung Bagdads herausgehalten werden. In den vergangenen Tagen machten die Sunniten rund um die Hauptstadt keine neuen Geländegewinne mehr. An einigen Stellen konnten sie sogar zurückgedrängt werden.



Die Kurden tragen ihren Nationalstolz offen zur Schau

Der Einmarsch der US-geführten Truppen in den Irak 2003 hat viele Verlierer geschaffen. Die Kurden gehören nicht dazu: Sie regieren sich seit 2005 selbst, und das mit einigem Erfolg. In der autonomen Region Kurdistan sind die Schulen besser als im Rest des Landes. Die kurdischen Kämpfer – Peschmerga bedeutet «Die dem Tod ins Auge sehen» – sorgen für Sicherheit. Die autonome Region lässt sich durch eigene Diplomaten repräsentieren und ausländische Unternehmen siedeln sich heute lieber in Erbil als in Bagdad an.

Auch in Bagdad tragen die Kurden ihren Nationalstolz inzwischen offen zur Schau. «State of Kurdistan» steht an einige der Sprengmauern gesprüht, die Wohnviertel der kurdischen Honoratioren schützen. Die Villen, in denen Männer wie Fatah heute residieren, gehörten früher Vertrauten von Saddam Hussein. «Das alte Regime hat seine Leute gut versorgt», sagt Fatah mit Blick auf den leeren Swimmingpool im Garten. Er klingt bitter – während die Elite um Saddam in Bagdad das Leben genoss, wurde er in einem der Gefängnisse des Regimes gefoltert.

Grösstes Hindernis einer endgültige Ablösung von Bagdad war bislang die Weigerung der internationalen Gemeinschaft, Öl unabhängig von Bagdad auf den Weltmarkt bringen zu lassen. Die USA drohen sogar Käufern von kurdischem Öl, das nicht durch die Zentralregierung vermarktet wird, mit Klagen.

Beschwichtigende Signale

Kurdenvertreter hoffen nun, dass sie ihre militärischen Erfolge in den jüngsten Konflikten auch politisch nutzen können. Im Blick haben sie dabei die Lockerung des Verbots, ihr Öl auf den Markt zu bringen. «Wir werden nicht sofort einen unabhängigen Staat bekommen. Aber wie wäre es mit der Erlaubnis, unser Öl selbst zu verkaufen?», sagt Fatah.

Der Rohstoff-Minister der Kurdenregion im Irak kündigte am Mittwoch an, dass die Fördermenge von Rohöl in Kurdistan bis Ende 2015 um das achtfache gesteigert werden soll. Dabei soll auch auf den jüngst von den Peschmerga eroberten Feldern rund um Kirkuk Öl gefördert werden.

Immer wieder geht es in dem Konflikt um Öl. Die Reserven Iraks liegen fast ausschliesslich unter von Kurden sowie von Schiiten bewohntem Land. Die Sunniten würden sich im Falle einer Auflösung des irakischen Staates nicht kampflos damit abfinden, von den Öleinnahmen abgeschnitten zu werden, warnen auch Experten wie Michael Knights vom Washington Institute für Nahost-Politik.

Die Kurden scheinen zu wissen, dass ihre nationalen Träume warten müssen, wenn sie nicht in einen jahrelangen Bürgerkrieg verwickelt werden wollen. Auch die Türkei und Iran fürchten eine Loslösung Kurdistans von Bagdad, da es die Unabhängigkeitsbewegungen kurdischer Minderheiten in beiden Ländern fördern könnte.

Die USA wollen den Zerfall Iraks in drei Teile entlang seiner ethnischen und religiösen Sollbruchstellen vermeiden. Eine Aufteilung in einen kurdischen, einen schiitischen und einen sunnitischen Teilstaat würde blutige Verteilungskämpfe auslösen, die sich über Jahrzehnte hinziehen könnten. Der Botschafter eines muslimischen Landes warnt: Das jetzige Aufbegehren der Sunniten ist nur ein Vorgeschmack darauf, was passiert, wenn sich diese benachteiligt fühlen. 

Hol dir die App!

Charly Otherman, 5.5.2017
Watson kann nicht nur lustig! Auch für Deutsche (wie mich) ein Muss, obwohl ich das schweizerische nicht immer verstehe.

Abonniere unseren Daily Newsletter

1
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 28.06.2014 16:35
    Highlight Die Kurden machen ca. 15% der Bevölkerung in Syrien aus. Sie haben ihr historisches Siedlungsgebiet gegen heftige Angriffe der islamistischen Terroristen verteidigt. Haben den grossen Feind des Westens "Al-Kaida" aus ihren Gebieten vertrieben und Tausende von den Terroristen getötet. In den kurdischen Gebieten leben verschiedene Ethnien friedlich zusammen. Trotzdem werden sie nicht erwähnt und finden keine Anerkennung. Auch zu den Verhandlungen nach Genf waren sie nicht eingeladen. Wie soll eine Lösung in Syrien gefunden werden wenn wichtige Teile der Bevölkerung ausgeschlossen bzw. nicht unterstützt werden?
    1 0 Melden

Bund überdenkt Finanzhilfe für palästinensische NGO – zu wenig Distanz vom Terror

Das Schweizer Aussendepartement prüft die Zahlung von Hilfsgeldern an eine in Palästina aktive NGO. Der Vorwurf: Diese unterstütze eine Organisation, die sich zu wenig vom Terrorismus distanziere.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) kündigte am Sonntag eine Untersuchung an und bestätigte damit eine entsprechende Meldung der «SonntagsZeitung».

«Wir nehmen solche Vorwürfe zu Missständen immer ernst», teilte das EDA auf Anfrage mit. Das Departement habe «zusammen …

Artikel lesen