Naher Osten
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Vice Chairman of the Iraqi  Revolutionary Command Council Izzet Ibrahim, left, presents Iraqi President Saddam Hussein with a gold medal, in Baghdad, Iraq in this  May 11, 1999 photo. State-run Iraqiya television says, Saturday morning, Dec. 30, 2006, that Saddam Hussein has been hanged.   (AP Photo/Iraqi News Agency)

Izzat Ibrahim al-Duri (l.) zählte zum engsten Führungskreis um Diktator Saddam Hussein. Bild: AP

Sunnitenaufstand im Irak

Der «Kreuzkönig» ist zurück – hinter den ISIS-Terroristen steht ein Saddam-Gefolgsmann

Der Vormarsch der Terrororganisation ISIS im Irak versetzt die Welt in Angst. Als Drahtzieher des Aufstands aber gelten Angehörige des früheren Regimes von Saddam Hussein.



Mit ihren schwarzen Fahnen und ihrer Brutalität sorgt die Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante/Gross-Syrien (ISIS) für Angst und Schrecken. Scheinbar mühelos haben die sunnitischen Extremisten mehrere irakische Städte überrannt. Die Welt verfolgt den Vormarsch der Dschihadisten mit Sorge und Erstaunen: Wie kann eine Organisation, die ein paar Tausend Kämpfer zählt, solche Erfolge erringen?

Die Antwort ist einfach und überraschend zugleich: ISIS kämpft nicht allein, sondern mit Gruppierungen aus dem Umfeld des 2003 von den Amerikanern gestürzten Diktators Saddam Hussein und seiner verbotenen Baath-Partei. Für den früheren deutschen CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, einen ausgewiesenen Kenner der Region, ist die vermeintliche Dominanz von ISIS sogar nur ein PR-Trick. In Wirklichkeit sei die Terrorgruppe der «Juniorpartner des Aufstands», sagte er in einem Interview. Treibende Kraft sei die FNPI, «eine säkulare Koalition mehrerer Gruppen, die schon mit grossem Erfolg gegen die US-Armee gekämpft haben».

Der starke Mann in Mossul

Dies würde erklären, warum es der ISIS gelungen sein soll, die Millionenstadt Mossul problemlos einzunehmen. In Wirklichkeit gibt laut Todenhöfer die FNPI in der Sunnitenhochburg den Ton an. Anführer der Vereinigung und starker Mann in Mossul sei Izzat Ibrahim al-Duri: «Sein Bild hängt jetzt an vielen öffentlichen Gebäuden.» Duri ist der höchste Vertraute von Saddam Hussein, der nie gefasst wurde. Im Kartenspiel, mit dem die Amerikaner nach dem Einmarsch 2003 die führenden Köpfe des Regimes suchten, ist er der Kreuzkönig. Sein Kopfgeld beträgt zehn Millionen Dollar.

The Kings of the 52-card deck U.S. military officials handed out to American forces to help in identifying wanted Iraqi officials are shown in this photo combo. (KEYSTONE/AP Photo/Department of Defense)

Im Kartenset der Amerikaner ist Duri der Kreuzkönig (2.v.r.) Bild: AP

Der General mit dem auffälligen roten Haar stammt wie viele Vertreter des früheren Regimes aus Tikrit. Nach dem Sturz Saddams konnte er untertauchen, im Kampf gegen die Amerikaner soll er eine zentrale Rolle gespielt haben. 2007 wurde er zum neuen Chef der Baath-Partei ernannt. Mehrfach wurden die Verhaftung oder der Tod des heute 71-Jährigen gemeldet, stets gab es wieder ein Lebenszeichen. Zuletzt tauchte Anfang 2013 eine Videobotschaft auf, in der Duri die Sunniten zum Kampf gegen die schiitische Regierung in Bagdad aufrief.

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Die Videobotschaft von Izzat al-Duri vom Januar 2013. Video: YouTube/koko kaka

In dem Video wirkt Duri gebrechlich – er soll an Leukämie erkrankt sein. Für seine führende Rolle beim derzeitigen Aufstand gibt es dennoch zahlreiche Indizien. Die «New York Times» hat ihn als einen der Anführer identifiziert. Ein hoher Vertreter der Baath-Partei sagte der Zeitung, die Planung für die Offensive habe bereits vor zwei Jahren begonnen. Saddam Husseins Tochter Raghad, die im Exil in Jordanien lebt, sagte der Zeitung «Al-Quds al-Arabi», die Siege im Irak seien «den Kämpfern meines Vaters und meinem Onkel Izzat al-Duri zu verdanken». 

Wie Feuer und Wasser

Duri wird als gläubiger Muslim beschrieben, was eher ungewöhnlich ist für die Baath-Partei, die sich als säkular und sozialistisch versteht. Deshalb konnten Saddam Hussein und Osama bin Laden trotz gemeinsamem Hass auf die USA nie zusammenfinden. Für die Annäherung an die ISIS, die einen Gottesstaat anstrebt, dürfte Izzat al-Duris Religiosität förderlich gewesen sein. 

Trotzdem handelt es sich um ein reines und erst noch sehr labiles Zweckbündnis, betonte Jürgen Todenhöfer: «Hier haben sich Feuer und Wasser zusammengetan.» Absehbar ist deshalb, dass die derzeit auftrumpfenden Sunniten die Waffen irgendwann gegeneinander richten werden. Für die ohnehin unsichere Zukunft Iraks sind das schlechte Nachrichten.

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    Alle Leser-Kommentare
  • MediaEye 17.06.2014 17:12
    Highlight Highlight Wenn die #"Koalition der Willigen" bloss diese Gefolgsleute von Saddam Hussein mit der gleichen Intention wie Ossama Bin Laden gesucht hätten!!
    Ich glaube, der "Kreuz-König" und all die anderen haben bisher ein gutes Leben in Syrien und Riad geführt!
    Nun rächt es sich, das die US-Verbündeten ihre Jobs nicht mehr richtig und bis zum Schluss ausführen
  • Horny 17.06.2014 14:27
    Highlight Highlight So USA, nun habt Ihr die Geister die Ihr gerufen habt.

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