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Ein bisschen Trainspotting tut gut: Tris (Shailene Woodley, r.) und Christina (Lenny-Kravitz-Tochter Zoë).
Ein bisschen Trainspotting tut gut: Tris (Shailene Woodley, r.) und Christina (Lenny-Kravitz-Tochter Zoë).
Bild: Ascot-Elite
Kinostart von «Divergent»

Diese Adoleszenzapokalypse lässt Sie das jüngste Gericht herbeisehnen

10.04.2014, 07:3010.04.2014, 11:25

Trailer «Divergent»

Was hat ein Teenager bloss mit einem Zug zu tun? Ganz viel! Ein Teenager befindet sich in jener transitorischen Phase zwischen Kindheit und Erwachsensein, es ist ihr ein Vorwärtspreschen zu eigen und zugleich ein fast statisch wirkendes Innehalten im innersten Innenraum einer Existenz. Als sässe man in einem Zug und wäre zum ersten Mal ganz bei sich, doch gleichzeitig rast man vorwärts im Leben, von einer Station zur nächsten, an vielem vorbei, und zu lange darf man gar nicht darüber nachdenken, sonst wird einem schwindlig.

So ungefähr lässt sich vielleicht die erstaunliche Präsenz von Zügen im Fantasyfilm für Früh- und Vollteenager erklären. Denn immer steht der Zug da als Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen Ich. Für Harry Potter geht’s im Zug nach Hogwarts. Für Katniss Everdeen fährt der Zug aus dem armseligen District 12 zu den «Hunger Games». Und jetzt rast also Tris (Shailene Woodley) im Film «Divergent» (Regie: Neil Burger) aus einem höchst bescheidenen Viertel Chicagos mitten hinein ins Trainingscamp der sogenannten «Dauntless».

Sorry, aber diese Heldin ist ein Pfannkuchen

Wie in «Hunger Games» ist Amerika auch in «Divergent» im kritischen Zustand der Postapokalypse. Kritisch, weil die alten Staaten und Städte kaputtgehauen sind und mit ihnen die Demokratie. Ein undurchsichtiger, bösartiger Überbau unter der Führung von Kate Winslet versucht, die Restbewohner von Chicago in gefügige Zombies zu verwandeln. Die erste Stufe dazu ist die Einteilung aller Menschen in fünf «Fraktionen», es gibt Intelligente, Selbstlose, Aufrichtige, Friedliebende und eben die Dauntless, die coolen Wilden. Nur wenige, zum Beispiel Tris, mögen ein bisschen was von allem, verhalten sich also divergent und damit minimal systemzersetzend.

Chicago ist also eine Gesellschaft aus Zwangsparteien, und die jungen Menschen müssen sich über die Vermischung ihres Blutes mit dem Inhalt irgendeines mystischen Parteitopfes für eine der fünf entscheiden. Die zweite Stufe ist das Ausspielen der Parteien gegeneinander und das hat wohl auch irgendwas mit Drogen zu tun. Heldin Tris ist dabei ein weissmehliger, ausdrucksloser Pfannkuchen von einem Mädchen, das bessert sich auch nicht, als sie in der paramilitärischen Hölle der Dauntless zur Soldatin gedrillt wird. Starke Filmmädchen sind super. Starke, aber langweilige Filmmädchen sind einfach langweilig. 

So sieht die in Zwangsparteien aufgeteilte Bevölkerung Chicagos in Zukunft aus.
Bild: Ascot-Elite

Immer wieder – das ist das Raffinierteste an «Divergent» –  muss sich Tris halluzinogenen Sitzungen unterziehen und wird in Visualisierungen ihrer ärgsten Ängste hineinversetzt. Leider sind die Ängste immer gleich. Leider sind auch die Trainingssituationen immer gleich. Brutalerweise ist Kate Winslet die einzige richtige Schauspielerin in «Divergent». Erstaunlicherweise war «Twilight» ein schwüler Porno dagegen, und auch das war ja schon so clean wie die Putzmittelabteilung im Denner. «Hunger Games» platzt vor lauter intelligenter Medien- und Systemkritik sowieso aus allen Nähten, «Divergent» wirkt wie ein schlaffes, ungefülltes Kleid in Grösse Null.

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Trailer «Snowpiercer»

Und das Allerschlimmste: Es werden weitere Teile folgen! «Divergent» ist nämlich nur Teil eins von einem jener mehrteiligen Weltbestseller, die an allen Leuten vorbeigehen, die (noch) nicht gerade im Besitz eines Teenagers sind. Veröffentlicht hat ihn 2011 die damals 22-jährige Veronica Roth. Und so, wie «Twilight»-Mutter Stephenie Meyer eine überzeugte Mormonin ist, hat Veronica Roth erst vor wenigen Jahren zum fundamentalen Christentum gefunden.

Der beste Zugfilm kommt aus Südkorea

Das macht nicht glücklich. Das lässt, gerade im Zusammenhang mit Jugenderhaltung, das dumpfe Gefühl zurück, es könnte sich dabei um eine missionarische Kampagne handeln. Um versteckte christliche Botschaften, mindestens aber um ein klar ersichtliches Kein-Sex-vor-der-Ehe-Diktat. Wie herrlich ist dagegen die hyperzynische Eiseskälte von Suzanne Collins und ihren «Hunger Games». Das ist eine wahre Dystopie. «Divergent» ist heimliche Heilsgeschichte.

Zurück zu den Zügen. Der gute Zugfilm für Erwachsene steht uns nämlich am 1. Mai bevor. Der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho hat ihn gemacht, und es sei erst soviel verraten: Was für eine göttliche Maschine! Was für eine grossartige Tilda Swinton! Was für eine schlaue, surreale Gewaltfantasie und was für eine erlesene Kalligraphie des Blutes. Gefangen im ewigen Schnee der Postapokalypse. Also alles Schöne aufs Mal. Aber davon später gern noch einmal mehr.  

Der Science-Fiction-Zug Snowpiercer sieht nicht nur auf dieser Skizze unfassbar gut aus.
Bild: Ascot-Elite
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