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Claire und David und die Frage, wer mit wem schlafen soll. bild: filmcoopi

Der Film «Une nouvelle amie» beweist: L'amour ist in Frankreich noch viiiiel aufregender, als wir uns das jemals vorgestellt haben!



Eine hübsche junge Frau hat eine Bartphobie. Weshalb sie mit dem Mann ihrer Freundin besser zurecht kommt als mit ihrem eigenen. Denn der Mann der Freundin trägt in seiner Freizeit am liebsten Frauenkleider und rasiert sich mehrmals täglich. Die beiden verlieben sich. Doch als der Mann dann abgeschminkt mit ihr ins Bett will, erdolcht sie ihn mit einem Steakmesser. Weil sie weder einen Mann noch eine Frau wollte, sondern beide in einer Person. So erzählt es die grosse britische Krimi-Lady Ruth Rendell 1985 in ihrer äusserst knappen Kurzgeschichte «The New Girl Friend». 

Jetzt hat François Ozon Rendell verfilmt. François Ozon ist ein schwuler Franzose, macht jedes Jahr einen Film und liebt die Frauen. Liebt Roman- und Erzählvorlagen von Frauen für seine Drehbücher, macht Filme über Frauen wie «8 Femmes», «Swimming Pool» oder «Angel» und liebt die Liebe, das Entertainment, die Schönheit, das Pathos und alle Farben des Melodrams. Gelegentlich verliert er sich in der eigenen Schwelgerei, und alles wird zu lang, und deshalb können wir froh sein, dass er sich im Fall von Ruth Rendell in eine derart kurze Geschichte – sie dürfte gegen neun Seiten lang sein – verliebt hat.

Trailer zu «Une nouvelle amie»

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youtube/mars distribution

Denn selbstverständlich entzündet sich auch an nur neun Seiten François Ozons Fantasie ganz erheblich, am Ende reicht das für 105 Minuten Film. Zuerst sehen wir eine Frau, die von einem Mann angezogen und geschminkt wird. Als Braut. Dazu ertönt der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn (Pathos!). Es geht in die Kirche. Doch die Braut ist eine tote Braut, auf rotem Samt im weissen Sarg (Pathos!!). Sehr schön. Zurück bleiben: Ihr Witwer David, ihr Baby, ihre beste Freundin Claire und deren Mann.

Bei Ruth Rendell lebt die Claire-Figur sehr bescheiden, bei Ozon sind alle wohlhabend bis steinreich, das hat durchaus seine Logik wenn es um Looks geht. Schliesslich machen hier Kleider Liebe. Und Leute, also Frauen. Und ab und zu ein schönes Chateau aus dem Familienbesitz der lieben Verstorbenen ist auch nicht falsch, Frankreich hat ja viele davon. Und Ozon filmt halt auch einfach gern einen richtig schönen Park, am liebsten im Herbst. Das klingt manieriert, ist aber vor allem genau so, wie Ozon es beabsichtig hat: schön. Gender und Gentrifikation haben in diesem Film durchaus miteinander zu tun. Und dazwischen grätscht, denn auch das kann Ozon, gelegentlich ein herrlich surreales Bild.

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Ein herrlich surreales Bild. bild: mandarin films

Claire vermisst also ihre Freundin. David (der französische Superstar Romain Duris) vermisst seine Frau. Das Baby seine Mutter. Weshalb David seiner alten Neigung nachgibt und sich als Frau verkleidet. Alle haben Freude daran. Der weitere Verlauf der Geschichte ist sowohl komplizierter als auch komplett anders und viel turbulenter als bei Ruth Rendell, aber zwischen Buch und Verfilmung liegen ja auch dreissig Jahre, und da hat sich in Sachen Gender Trouble unendlich vieles ent- und neu verwirrt.

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Anaïs Demoustier als Claire. bild: filmcoopi

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Die junge Isabelle Huppert. bild: via huppert.free.fr

Ozon war schon immer ein Nostalgiker mit Grössenwahn. «Une nouvelle amie» ist nicht nur Rendells Shortstory, sondern zitiert auch Hitchcocks «Vertigo». Bloss, dass ein Mann hier nicht versucht, eine Frau einer entschwundenen Liebe nachzuformen, sondern sich selbst. Dass die 27-jährige Anaïs Demoustier als Claire dabei immer wieder an die blutjunge Isabelle Huppert erinnert, trägt durchaus zum Hitchcock-Effekt bei. Bloss die omnipräsente Katy Perry im Soundtrack ist etwas sehr frivol.

David ist ein klassischer Transvestit. Ein Mann, der Frauenkleider braucht, um sich zu erregen. Weit schillernder ist Claire, die Frau, deren Begehren eine ganz ausgeklügelte Art von Geschlechter-Cocktail braucht. Ruth Rendell, die Dame mit dem Gespür fürs psychosexuelle Zwischenreich, hat Claire so erfunden. Dass François Ozon «The New Girl Friend» nun fürs Kino entdeckt hat, ist sein Glück. Er hätte der französischen Neigung fürs leicht Verschwatzte allerdings ruhig noch ein bisschen weniger nachgeben und sich an Ruth Rendells spröde, britische Erzähl-Ökonomie halten können. Aber das ist bloss eine klitzekleine Klage am Rand. 

«Une nouvelle amie» läuft ab Donnerstag, 26. März, im Kino.

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Sie ist Rechtsanwältin. Spielt Fussball. Redet, wie man eben so redet, und nicht, wie es ein holperiges Skript vorgibt. Sie gleicht Kristen Stewart an ihrem bestgelaunten Tag. Sie ist hübsch, natürlich, sozial gewandt. Eine Traumfrau. Ihr Makel ist höchstens, dass sie Paulo Coelho liest. Aber vielleicht liest sie den auch gar nicht, sondern hat das Buch bloss in der Bibliothek ihrer Villa gefunden. Sie heisst Irina Schlauch, ist 30, kommt aus Köln und sucht dort nach der grossen Liebe, wo …

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