Nigeria
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04559164 A photograph made available on 14 January 2015 shows Nigerians crammed into a bus fleeing the town of Mubi following recent attacks in North East Nigeria, 09 December 2014. Islamist militant group Boko Haram has been blamed for a string of recent attacks in the North East of Nigeria. Local reports indicate hundreds were killed in an attack in the town of Baga whilst in Potiskum and Maiduguri female suicide bombers as young as ten years old have been used in recent attacks. The Nigerian military have been struggling to contain the wave of attacks by Boko Haram militants in the North East of Africa's most populous country where Boko Haram have been conducting acts of terror for the past five years.  EPA/STR

Nigerianer fliehen in einem überfüllten Bus aus der Unruheregion um Baga im Nordosten des Landes.  Bild: STR/EPA/KEYSTONE

Terror in Nigeria

Satellitenbilder zeigen Massaker: «Von allen Boko-Haram-Anschlägen ist dies der blutigste» 

Hunderte Tote, unvorstellbare Brutalität: Der Angriff von Boko Haram auf das nigerianische Baga war das bislang blutigste Massaker der Terrormiliz, berichtet Amnesty International. Die Menschenrechtler berufen sich auf Satellitenbilder und Zeugen.

Lisa Erdmann und Vera Kämper 

Ein Artikel von

Spiegel Online

Trümmer, menschenleere Strassen, kaum noch ein Baum, vor allem grau: Die Satellitenbilder, veröffentlicht von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, zeigen völlig zerstörte Ortschaften. Es soll sich um die Region um die nigerianische Stadt Baga handeln.

Anfang Januar startete die Terrormiliz Boko Haram dort im Norden Nigerias eine grosse Offensive. Die Angriffe richteten sich gegen Baga und mehrere Dörfer in der Umgebung. Die Kämpfer metzelten Menschen nieder, brannten Häuser ab. Soviel bestätigten bisher bereits nigerianische Regierungsvertreter. Es gab viele Tote, das war seit Tagen bekannt. Doch weil die Region abgelegen ist, gelangen Informationen nur spärlich an die Öffentlichkeit.

Die BBC berichtete vergangene Woche von möglicherweise bis zu 2000 Toten, die Regierung sprach später von 150 Opfern. Jetzt veröffentlichte Amnesty International genauere Informationen über das Massaker von Baga. «Von allen Boko-Haram-Anschlägen, die Amnesty International analysiert hat, ist dieses der blutigste», sagt der Nigeria-Spezialist der Organisation, Daniel Eyre. «Die detaillierten Aufnahmen zeigen eine Verwüstung katastrophalen Ausmasses in zwei Städten.»

Voher-Nachher-Vergleich mit Satelliten-Bildern aus Doro Gowon (Nigeria) am 2. und 7. Januar. Die Region um Baga wurde zu diesem Zeitpunkt von Boko Haram überfallen. Vermutlich gab es hunderte Tote. Quelle: Darstellung auf der Website von Amnesty International (http://www.amnesty.org/en/news/nigeria-satellite-images-show-horrific-scale-boko-haram-attack-baga-2015-01-15?linkId=11732490)

So stellt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International den Bildervergleich auf ihrer Internetseite dar. Bild: Amnesty International

Häuser, Kliniken und Schulen in Ruinen

Der Experte hat Satellitenbilder der Städte Baga und Doron Baga analysiert, die vor und nach den Angriffen aufgenommen wurden - am 2. und am 7. Januar. Darauf sei zu erkennen, dass mehr als 3700 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört worden seien: rund 600 in Baga und 3100 in Doron Baga, der grösseren von beiden Städten, die etwa vier Quadratkilometer Fläche hat. «Es handelt sich hier um eine vorsätzliche Attacke auf Zivilisten, deren Häuser, Kliniken und Schulen nun Ruinen sind.»

Nach der Auswertung der Bilder, Gesprächen mit Augenzeugen und Menschenrechtsaktivisten von vor Ort geht die Organisation von Hunderten Toten aus. Auf eine genaue Zahl will sie sich nicht festlegen.

Augenzeugen berichteten demnach, die Angreifer seien besonders grausam vorgegangen. So sollen die Boko-Haram-Kämpfer selbst kleine Kinder und eine gerade gebärende Frau getötet haben.

«Ich weiss nicht, wie viele es waren, aber überall, wo wir hinsahen, lagen Leichen», berichtete eine Frau. Andere Zeugen sagten aus, es seien zudem Hunderte Menschen als Geiseln genommen worden.

«Die älteren Frauen, Mütter und kleine Kinder wurden nach vier Tagen freigelassen. Die jungen Frauen halten sie noch immer fest», heisst es. «Das Bild von der bisher wohl tödlichsten Boko-Haram-Attacke wird immer klarer», sagt Nigeria-Experte Eyre. Nach den Angriffen sind laut Uno mehr als 11'000 Menschen in den benachbarten Tschad geflohen. Der grösste Teil von ihnen seien Frauen und Mädchen, sagte ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Mehr Gewalt vor den Wahlen

Das Massaker hängt vermutlich auch mit den bevorstehenden Wahlen zusammen. «Die Zahl der gemeldeten Verluste ist stark angestiegen», konstatierte etwa eine Sprecherin der US-Regierung. «Wir glauben, die Wahlen sind dabei ein Faktor.»

Mitte Februar finden in Nigeria Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Goodluck Jonathan tritt erneut an. Sein Herausforderer ist der 73-jährige Muhammadu Buhari, der vor allem im Norden viele Anhänger hat - wo die Extremisten viele Gebiete kontrollieren. Die Wahlkommission befürchtet dort Schwierigkeiten bei der Stimmabgabe.

Men display banners campaigning for Presidential candidate of All Progressives Congress (APC) Muhammadu Buhari at the flag-off campaign of APC governorship candidate Akinwunmi Ambode in Lagos, January 14, 2015. REUTERS/Akintunde Akinleye (NIGERIA - Tags: POLITICS)

Wahlkampfveranstaltung für den Herausforderer Muhammadu Buhari. Gewählt werden soll Mitte Februar - falls es die Sicherheit zulässt. Bild: AKINTUNDE AKINLEYE/REUTERS

Der jetzige Präsident sei mit der Lage im Land sichtlich überfordert, analysiert EJ Hogendoorn, Vize-Chef des Afrika-Programms der «International Crisis Group» (ICG). «Unser Vorwurf an die nigerianische Regierung lautet, dass ihr Einsatz vor allem militärisch fokussiert war - und nicht an die Wurzeln des Problems geht», sagt Hogendoorn. Vor allem junge Arbeitslose strebten in die offenen Arme von Boko Haram.

«Deswegen konnte sich die Krise so ungestört zur Regierungskrise ausweiten», sagt der NGO-Spezialist. Mittlerweile sei die Sicherheit im ganzen Land in Gefahr. «Die generelle Strategie von Boko Haram ist es, die Autorität der amtierenden Regierung zu untergraben und ein sogenanntes Kalifat im Norden des Landes zu errichten», erklärt der Niederländer. Boko Haram sei jedoch keine geschlossene Einheit, sondern vielmehr ein Netzwerk verschiedener, teils unabhängiger Gruppen.

Die Truppe kämpft unter Anführer Abubakar Shekau. Bei Angriffen auf Polizei, Armee, Behörden, Schulen und Kirchen tötete sie seit 2009 mehr als 10'000 Menschen. Im Frühjahr 2014 entführten ihre Anhänger mehr als 200 Schülerinnen, die bis heute vermisst werden.

Die Gruppe versuche dem «Islamischen Staat» (IS) nachzueifern, der Teile des Irak und Syriens unter seiner Kontrolle hat, sagt Hogendoorn. «Der Hauptunterschied ist, dass der IS über grössere Mittel verfügt», sagt der Nigeria-Experte. «Um ihre Macht zu vergrössern, brauchen sie Einnahmen. Dazu erzwingen sie Geld von Händlern vor Ort, sie nehmen Geiseln und erpressen Lösegeld», erklärt der Vizechef des ICG-Afrika-Programms. Mit dem Geld würden neue Kämpfer rekrutiert und bezahlt.

(trs)



Abonniere unseren Newsletter

Abonniere unseren Newsletter

3
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Baba 15.01.2015 08:54
    Highlight Highlight Grauenvoll, einfach grauenvoll, wass diese Barbaren dort anrichten. Wahllos Menschen - Alte, Kinder, gar gebärende Frauen umbringen... Es ist unsäglich und ich fühle mich so hilf- und machtlos :'(. Und dabei sind diese Gräueltaten nur die, die auch ans Tageslicht (in die westliche Presse) kommen. Welt, WOHIN gehst du???
    8 0 Melden
  • teha drey 15.01.2015 08:22
    Highlight Highlight #JesuisBaga/Nigeria ?
    7 3 Melden
  • Zeit_Genosse 15.01.2015 06:46
    Highlight Highlight Mir fehlen die Worte ab diesem Terror und Grauen...
    13 1 Melden

Schimpftiraden und Buh-Rufe – Fragerunde mit Sommaruga läuft aus dem Ruder

Die Podiumsdiskussion mit prominenter Besetzung um die Selbstbestimmungsinitiative wurde zum Forum für wütende Beleidigungen und Gelächter über Sommaruga.

Die Diskussion dauert noch nicht einmal fünf Minuten, als Bundesrätin Simonetta Sommaruga trotz Mikrofon von lauten Buh-Rufen aus dem Publikum übertönt wird. Rund 400 interessierte Zuhörer haben sich im Zentrum Bärenmatte in Suhr eingefunden, als Notlösung haben die Veranstalter spontan zusätzliche Stühle im Foyer aufgestellt.

Die Besucher sind überwiegend männlich und weisslichen Hauptes. Die Arme verschränkt, die Mundwinkel unzufrieden nach unten geformt. Die Stimmung im Saal ist bereits …

Artikel lesen
Link to Article