Olympia
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Gedanken aus Sotschi

Leise, schlau und selbstbewusst – das Schweizer Erfolgsrezept setzt sich durch

Unser Sport zeigt in diesen «goldenen Tagen von Sotschi», wie sich die Schweiz in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts behaupten kann.



2014 ist für unsere Politik, was für unseren Sport das Jahr 1964 war. Was die Abstimmung am letzten Wochenende für die politische Elite unseres Landes, das waren die Winterspiele von 1964 in Innsbruck für den Schweizer Sport. Eine Niederlage, die auf einmal alles in Frage stellt. 1964 gewannen die Schweizer zum ersten und bisher einzigen Mal keine einzige Medaille.

Es war 1964 noch ein wenig einfacher, eine Krise zu meistern und einen Neuanfang zu wagen. Die Medien machten weniger Lärm. Und doch ist es bewundernswert und viel zu wenig gewürdigt worden, wie unser Sport sich nach diesem Schock vor 50 Jahren von Grund auf neu organisiert und die Grundlagen für den Aufstieg zur Weltgeltung erarbeitet hat.  

Aus der Krise entsprang das Erfolgsmodell

Nach 1964 gab es erst eine gründliche und schonungslose Analyse. Seither wird viel mehr in die Ausbildung der Trainer und der Nachwuchsathleten investiert (also in die Bildung). Die Leistungsanforderungen sind erhöht worden (also klares Bekenntnis zum Leistungsdenken). Die Anstrengungen über alle Verbände hinweg werden koordiniert (also Sachpolitik statt Parteiengezänk) und mit der Sporthilfe ist ein Instrument zur privaten Finanzierung des Sportes entstanden (also der Schulterschluss mit der Wirtschaft). Bereits vier Jahre später zahlten sich die Anstrengungen 1968 in Grenoble erstmals aus (2 x Silber, 4 x Bronze).

Der Schweizer Jean-Daniel Daetwyler, rechts, Bronze, und die Franzosen, Jean-Claude Killy, Mitte, Gold, und Guy Perillat, links, Silber, bei der Siegerehrung der Ski Alpin Abfahrt der olympischen Winterspiele in Grenoble am 9. Februar 1968.  (KEYSTONE/Str)  ===  ===

Nach der Schande von Innsbruck gewann Jean-Daniel Dätwyler (rechts) 1986 Bronze in der Abfahrt. Bild: KEYSTONE

Qualität trumpft Quantität

Was zeichnet dieses Erfolgs-Modell Schweiz, das im 21. Jahrhundert so erfolgreich ist wie noch nie, heute aus? Die Schweiz erbringt nicht erst jetzt den Beweis, dass Qualität besser ist als Quantität. Will heissen: Das sportliche Potenzial eines Landes hängt nicht von der Zahl seiner Einwohner ab. Wenn das so wäre, dann hätten wir gar keine Chance in der globalen Welt des Sportes. Viel wichtiger ist, was wir aus unserem Potenzial machen.

Ob es gelingt, die Talente zu erkennen und wie mit diesen Talenten umgegangen wird. Grosse Nationen – allen voran die Amerikaner – setzen auf das darwinistische Prinzip: Der Stärkste überlebt. Dabei gehen Hunderte von Talenten verloren. Die Schweizer aber tragen Sorge zu ihren Sporttalenten. Bei uns bekommt einer eine zweite, dritte und auch vierte Chance.

Winner Switzerland's Sandro Viletta (C) celebrates on the podium as second-placed Croatia's Ivica Kostelic (L) and third-placed Italy's Christof Innerhofer clap after the men's alpine skiing super combined event at the 2014 Sochi Winter Olympics at the Rosa Khutor Alpine Center February 14, 2014. REUTERS/Stefano Rellandini (RUSSIA  - Tags: SPORT SKIING OLYMPICS)

Sensations-Olympiasieger Sandro Viletta hätte in einem anderen Land vielleicht nicht so viele Chancen erhalten. Bild: Reuters

Schweizer Sportler haben Zugang zur weltweit besten Sportmedizin und müssen dafür nicht hunderte von Kilometern reisen wie in anderen Ländern. Dario Cologna ist dafür ein gutes Beispiel. Und der Schweizer Sport arbeitet seit jeher erfolgreich mit Spezialisten aus allen Bereichen zusammen. 

Auf den Spuren von Adolf Ogi

Bereits 1972 in Sapporo liess der damalige Skiverbands-Direktor und spätere Bundesrat Adolf Ogi ein Jahr vor den Spielen Schneetemperaturen und Schneezusammensetzung wissenschaftlich analysieren. Der damals verfasste, 60 Seiten umfassende wissenschaftliche Bericht ist als «Geheimdossier» legendär geworden. Genau das haben die Schweizer hier in Sotschi wieder getan und die ganz besonderen Schneeverhältnisse wissenschaftlich analysiert. Investitionen in die Forschung lohnen sich.

Adolf Ogi gratuliert Marie-Theres Nadig in Sapporo (Jp) 1972 zu den zwei Goldmedallien an den Olympischen Winterspielen. (KEYSTONE/Str)

Adolf Ogi gratuliert der 18-jährigen Marie-Theres Nadig in Sapporo zu ihren zwei Goldmedaillen. Bild: KEYSTONE

Unser Sport hat zudem längst einen goldenen Mittelweg zwischen einheimischem Schaffen und ausländischen Fachkräften gefunden: Unser Sport lernte und lernt heute noch viel von ausländischen Spezialisten. Aber wir haben nie fremde Lehren blind übernommen. Der Schweizer Sport ist berühmt dafür, die Erkenntnisse von internationalen Spezialisten auf unsere Verhältnisse zu übertragen und eine eigene, starke Kultur aufzubauen.

Heute wirken so viele Schweizer Trainer im Ausland wie ausländische Trainer im Schweizer Sport tätig sind. Und schliesslich ist es dem Sport gelungen, den Athleten die Freiräume für die individuelle Entwicklung zu schaffen. Die Verbände (die im Sport eine ähnliche Rolle haben wie der Staat im richtigen Leben) unterstützen die Athleten. Aber sie bevormunden und gängeln sie nicht, und wenn es hin und wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Verbandsfunktionären und Sportlern kommt, so zeigt dies nur die Dynamik unseres Sportes.

Das leise Selbstbewusstsein der Schweizer

Weil unsere Sportler alle eine gute Schulbildung haben, sind sie im Durchschnitt intelligenter als ihre ausländischen Konkurrenten. Und sie haben ein starkes Selbstbewusstsein. Nicht ein so lärmiges wie die Amerikaner oder die Deutschen, die ihren Patriotismus gelegentlich wie ein Plakat vor sich hertragen. Sondern ein leises, in sich selbst ruhendes: Der Stolz, Schweizer zu sein, das Bewusstsein, dass wir gegen jeden in der Welt eine Chance haben. 

Ein gesundes Mass an Schlauheit, Unnachgiebigkeit und Beharrlichkeit, wenn es darum geht, eigene Interessen zu wahren und beharrlich in Wettkampf und Sportpolitik draussen in der Welt durchzusetzen, gehören zu den wichtigen Qualitäten unserer Athleten und Sportfunktionäre.

Was bedeutet Sotschi für unseren Sport? Ein enormer Prestigegewinn. Jetzt, in diesen «goldenen Tagen von Sotschi», werden die Qualitäten unseres Sportes wieder einmal erkannt und gepriesen und die Politikerinnen und Politikern eilen herbei.

Erst durch die olympischen Erfolge wird die Qualität unseres Sportes wieder einmal wahrgenommen. Dabei könnte diese Analyse immer wieder geschrieben werden – kein anderes Land hat eine so reiche Sportkultur. Wir haben uns ja auch für die Fussball-WM in Brasilien qualifiziert und wir sind selbst in so kostenintensiven Sparten wie Motorsport international erfolgreich. Bloss fehlt den Einzelerfolgen abseits der olympischen Bühne die Strahlkraft.

Was bleibt, wenn die Kameras abgeschaltet sind?

Die grosse Frage ist, ob es gelingt, etwas für den Sport herauszuholen, wenn die TV-Kameras in Sotschi wieder abgeschaltet sind. Die Erfahrung lehrt, dass dies sehr schwierig sein wird. Es gibt immerhin gute Ansätze. Sportminister Ueli Maurer hat praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit bereits eine wichtige Massnahme durchgebracht: Es ist jetzt möglich, Schweizer Sporttrainer während einer bestimmten Zeit im Jahr über die Ausgleichskasse der Armee zu bezahlen. 

Mit solchen Massnahmen kann die Politik dem Sport helfen. Und vor allem auch mit grösseren Investitionen in die Infrastruktur. Noch immer ist in vielen Schweizer Städten der Zustand der Sportanlagen beschämend, und es dürfte eigentlich nach Sotschi 2014 nicht mehr sein, dass ganze, komplette Sportanlagen (wie etwa in Huttwil) geschlossen werden, mehr als 200 Nachwuchssportler ihre Trainingsmöglichkeit verlieren, nur weil die öffentliche Hand nicht bereit war, eine sechsstellige Summe zu investieren.

Und es ist nicht möglich, hier in Sotschi einem ausländischen Chronisten oder Funktionär plausibel zu erklären, warum die Politiker in dieser unserer grandiosen Sportnation nicht alles daran gesetzt haben, die Spiele für 2022 in die Schweiz zu holen. Diese Spiele hätten uns weniger gekostet als das Jahresbudget unserer Armee. Die verpasste Jahrhundertchance für unseren Sport und unser Land.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Unvergessen

Der «verhexte» Johann Mühlegg marschiert, bis er als Dopingsünder auffliegt

26. Februar 2002: Auch die B-Probe überführt Langläufer Johan Mühlegg als Doper. Er stampft an den Olympischen Spielen in Salt Lake City alle in den Boden, wird dreifacher Olympiasieger – und lebt heute nach dem tiefen Fall als Immobilienhändler in Brasilien.

Er ist der «Allgäu-Torero», gefeiert für seine Goldmedaillen. «Der verlorene Sohn», titelt der Spiegel, denn Johan Mühlegg gewinnt nicht für Deutschland. In Salt Lake City tritt der Langläufer 2002 nach einem heftigen Krach mit Trainern und Funktionären für Spanien an. «Weil Deutschland diesen komplizierten Mann nicht ertragen konnte», ärgert sich die Zeitschrift.

Einige Tage später dürften die Deutschen froh darüber sein, dass Mühlegg nicht mehr ihr Problem ist. Denn was viele …

Artikel lesen
Link zum Artikel