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Die Frage des Abends: «Grosses oder kleines Bier?»  bild: flashover.ch

«Darf's für dich noch was sein?» – «Nein danke, ich wollte dir nur noch mal auf die Brüste schauen!»

Das Oktoberfest ist eine deutsche Erfindung, daran gibt es nichts zu rütteln. Und obwohl die Schweizer den «grossen Bruder» gerne eher kritisch betrachten, scheinen sie diesen Brauch zu mögen. Ich habe getestet, ob ein Schweizer Oktoberfest mit dem Original mithalten kann.



Unsere Redaktorin war 2014 beim Oktoberfest in Zofingen – und hat dort am Ausschank mitgearbeitet. Was sie dabei so erlebte? Das verrät sie in der Reportage.

Als ich die Mehrzweckhalle betrete, hat die Party gerade ihren Höhepunkt erreicht: Ein Grossteil der 1000 Gäste ist auf die Bänke geklettert, um wild zu tanzen und laut mitzusingen. Die Band gibt «Atemlos» von Helene Fischer zum Besten, die Menge ist kaum zu halten – dabei ist es gerade mal 19.30 Uhr und die Oktoberfestbesucher haben noch nicht mal ihre Vorspeise hinter sich.

Damit auch Sie sich einstimmen können: Eine Runde «Atemlos» für alle!

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video: youtube/HeleneFischerVEVO

Es ist Samstag. Das Oktoberfest Zofingen hat heute zum letzten Mal für dieses Jahr seine Türen geöffnet. Die Halle ist ausverkauft. Schnell stellt sich heraus: Das Oktoberfest an sich ist zwar eine deutsche Erfindung, ihren grossen Erfolg in der Schweiz feiern die Bierfeste aber nicht, weil es hierzulande so viele Deutsche gibt, die ihren Brauch «mitgenommen» haben. 

Nein, Hochdeutsch hört man hier wirklich nur selten. Die Schweizer nehmen das ursprünglich deutsche Brauchtum aber sehr ernst: Kaum einer hat sich heute ohne eine entsprechende Tracht hergetraut. Sehr löblich.

«Wie war das mit der Schleife von der Schürze?»

Vor dem Eingang zupft eine junge Frau nervös an ihrem Dirndl: «So, wie war das jetzt nochmals mit der Schleife von der Schürze?» Ich – als Deutsche – komme ihr natürlich gerne zu Hilfe: «Die Schleife wird links geknotet, wenn du Single bist, rechts, wenn du vergeben – oder gar verheiratet – bist, und in der Mitte, wenn du signalisieren willst, dass du noch Jungfrau bist.» Alles klar, mit einer gekonnten Bewegung schnürt das Mädel die Schleife auf der linken Seite.

Wirst du in diesem Jahr ein Oktoberfest besuchen?

Ich selber muss meinen Beziehungsstatus nicht direkt offenbaren, denn ich darf die Schleife hinten binden. So macht man das nämlich als Kellnerin beim Oktoberfest. Auch Witwen knoten die Schürze hinten, aber das trifft glücklicherweise nicht auf mich zu. 

Um seriös prüfen zu können, ob so ein Oktoberfest in der Schweiz richtig gefeiert wird, und um mit möglichst vielen Leuten in Kontakt treten zu können, habe ich beschlossen, an einem solchen Fest selbst mitzuarbeiten. Nachdem ich beim Einlass geholfen habe, wartet ein Einsatz an der Bar auf mich.

Deutsche Tradition an jeder Ecke

Nach einer schnellen Runde durch die Halle wird mir klar: Nicht nur die Gäste nehmen das deutsche Brauchtum sehr ernst, auch die Veranstalter haben sich grosse Mühe gegeben, das Oktoberfest möglichst authentisch zu gestalten: Zum Essen gibt es Brezn, Weisswürste, Haxn, Hendl und Spätzle, im hinteren Bereich kann man Lebkuchenherzen kaufen oder sich eine Runde an der Schiessbude austoben. Grossartig!

Und auch die Band gibt einen deutschen Schlager nach dem nächsten zum Besten: Nach «Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben» spielt die Truppe «Komm, hol' das Lasso raus, wir spielen Cowboy und Indianer». Die Gäste sind alle ziemlich textfest. Und das, wo man auf der Strasse wahrscheinlich lange suchen müsste, um jemanden zu finden, der freiwillig zugibt: «Ich mag gerne Schlagermusik!»

Damit auch Sie den gleichen Ohrwurm haben wie ich seit Samstag:

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video: youtube/Egon Hilgers

Und dann gibt es noch etwas sehr Deutsches zu bestaunen: Nämlich die Bedienungen. 25 junge Männer und Frauen sind extra aus Freiburg im Breisgau angereist, um heute dafür zu sorgen, dass es den Gästen an nichts fehlt. Das Oktoberfest in Zofingen steht mit diesem System nicht allein da: Auch auf vielen anderen Schweizer Bierfesten verlässt man sich für diese Aufgabe auf deutsche Einsatzkräfte. 

Da kann es schonmal zu amüsanten Sprachbarrieren kommen: An der Bar fragt mich irgendwann einer der Freiburger: «Du, da hat gerade jemand ‹Gummibärli› bestellt. Was will der von mir?» Doch er ist nicht allein. Auch eine seiner Kolleginnen tut sich mit dem Schweizerdeutsch etwas schwer: «Wenn die Gäste dann auch noch betrunken sind, versteh' ich zum Teil gar nichts mehr. Dem einen hab' ich dann einfach die Karte hingehalten, damit er auf das zeigen kann, was er bestellen will», erzählt sie mir und lacht.

«Ich hätte gerne fünf ‹Kleiner Feigling›, fünf ‹Jägermeister› und fünf ‹Quicky›!»

Einen Schönheitsfehler gibt es am fast perfekt nach Zofingen importierten Brauch dann doch: das Bier. Serviert wird hier nämlich Feldschlösschen – und somit kein deutsches Bier. Die Gäste scheint das nicht zu stören. Es wird gegessen, gesungen, getanzt, gefeiert und nicht zuletzt – gebechert. Um kurz vor 21 Uhr erblicke ich den ersten jungen Mann in Lederhosen, der gerade nur mit sehr viel Glück nicht von der Bank gestürzt ist und auch schon nicht mehr geradeaus schauen kann. «Das kann ja heiter werden», denke ich mir.

Als ich meinen Dienst an der Bar antrete, scheint ein Grossteil der Gäste mit dem Essen fertig zu sein. Jetzt geht's an die Schnäpse: «Ich hätte gerne fünf ‹Kleiner Feigling›, fünf ‹Jägermeister› und fünf ‹Quicky›!», ruft mir mein erster Kunde zu. Na dann mal Prost!

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Von «Jägermeister» bis «Quicky» – in diesem Kühlschrank findet man alles, was ein voller Oktoberfest-Magen braucht. bild: flashover.ch

Geflirtet wird (fast immer) mit guten Manieren

Plötzlich fällt mir etwas ein: Als ich neulich einen Flirtkurs besucht habe, sagte der Kursleiter zu den Männern in der Gruppe: «Jungs, jetzt ist Oktoberfestzeit – das ist die Gelegenheit zum Flirten schlechthin. Aber tut mir einen Gefallen: Lasst die Bedienungen in Ruhe! Die haben einen wirklich anstrengenden Job.» Mal sehen, wie das die Gäste in Zofingen sehen.

Ich bin erstaunt: Obwohl ich immer mehr Bier und andere alkoholische Getränke über die Theke reiche und einige Gäste gefühlt nach 15 Minuten ihre Mass geleert haben und die nächste bestellen, geht das Ganze doch sehr gesittet zu und her. Und Sprüche wie «Du hast ein sehr herziges Lächeln», «Weisst du eigentlich, dass du wunderhübsch bist» oder «Du bist die sympathischste Frau in der ganzen Halle» hört doch wohl jeder gern. (Auch wenn der charmante Kerl wahrscheinlich das Gleiche fünf Minuten später zu der Nächsten sagt).

Doch plötzlich greift dann doch noch jemand in die etwas tiefere Schublade: Als mich ein Gast auffordernd anschaut, gehe ich zu ihm und frage: «Darf's für dich noch was sein?» Er grinst, schaut nach unten und sagt: «Nein danke, ich wollte dir nur noch mal auf die Brüste schauen.» Ich muss spontan lachen, dabei dachte ich schon, hier würden heute gar keine flachen Sprüche mehr geklopft.

«Kein Problem, du kannst auch bei mir schlafen!»

Mit steigendem Alkoholpegel nehmen dann auch die Einladungen (zum Teil der besonderen Art) zu: «Ich hätte gerne einen Jägermeister für mich und einen für dich.» – «Nein danke, ich muss heute noch fahren – und zwar bis nach Zürich», brülle ich zurück. «Kein Problem, du kannst auch bei mir schlafen!» Oh, wie grosszügig. Ich lehne dankend ab.

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An der Theke wird eine Mass nach der nächsten gezapft. bild: flashover.ch

Hinter der Bar befinde ich mich natürlich in einem relativ geschützten Raum. Doch auch die Mädels aus Freiburg, die die Gäste direkt an den Tischen bedienen, erleben bei ihrem Job hier in Zofingen keine unangenehmen Überraschungen: «Nee, die sind doch alle total lustig hier und auch überhaupt nicht aufdringlich. Natürlich wird man mal angeflirtet, aber wenn man dann sagt ‹Ja ja, trink du mal schön dein Bier›, dann ist's auch wieder gut», erzählt sie 22-jährige Verena. 

Raphael, auch ein Freiburger, hat von seinen Kolleginnen gehört, dass es da in Deutschland zum Teil etwas anders zugeht: «Die eine hat auch schon an einem Oktoberfest in Freiburg gearbeitet. Da ist sie wohl angegrapscht worden und so. Aber hier scheint das alles echt kein Problem zu sein», erzählt er.

«Olé, olé, olé, dicke Titten, Kartoffelsalat»

Doch wer jetzt denkt, dass hier gar nicht oder zu wenig geflirtet wird, der täuscht sich. Immer wieder sehe ich junge Frauen, die gerade allein durch die Halle laufen – vermutlich auf dem Weg zur Bar oder zur Toilette – als sie plötzlich von einem Fremden festgehalten und auf ein Tänzchen eingeladen werden. Kurz darauf halten sich die beiden an den Händen und kreiseln gemeinsam mehr oder weniger koordiniert durch die Halle.

Den Höhepunkt hatte das Fest übrigens tatsächlich schon um 19.30 Uhr bei Helene Fischers «Atemlos» erreicht. Was aber nicht heisst, dass es danach langweilig wurde. Es ist viel mehr so, dass die Stimmungskurve zu Beginn furchtbar rasant in die Höhe geschnellt ist, um dann stundenlang auf dem gleichen – ziemlich hohen – Niveau zu bleiben. 

Um zwei Uhr ist dann Schluss. Das Licht geht an, die letzten Partywütigen werden aus der Halle gekehrt. Auch ich packe meine Sachen und gehe: Als ich ins Auto steige, höre ich mich leise singen: «Olé, olé, olé, dicke Titten, Kartoffelsalat» – ach, das war aber auch ein Kracher, den sie da kurz vor Schluss noch gebracht haben.

Oktoberfeste in der Schweiz

Während das traditionelle Münchner Oktoberfest bereits Mitte September beginnt und dann am ersten Oktober-Wochenende zum Finale kommt, finden die meisten Schweizer Ausgaben später statt. Wer also jetzt noch Lust auf eine Runde Schunkeln hat, kann sich freuen: Beispielsweise in Zürich, Uster, Winterthur, Baden, Solothurn, Pfäffikon SZ, Chur und Süri bei Bern stehen noch ein paar Oktoberfeste an.

Und so geht's beim Original zu und her: Oktoberfest 2015 in München

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