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Oh, Marlon! Brando, 1953, als «The Wild One» Bild: Columbia Pictures

So bi wie nie

Götter, die sich entblättern: Hollywoods geheime Sexualität gibt es jetzt in Zürich zu sehen

Das saftige Filetstück der diesjährigen Photo 15 in Zürich findet sich in der Doppelausstellung «Private!/A Blast from the Past» aus der Sammlung von Kino-Lord und Hollywood-Connaisseur This Brunner.



Als der 19-Jährige aus Nebraska in New York aus dem Zug stieg, da trug er wie immer keine Unterwäsche. Sein T-Shirt war wie immer eine Nummer zu klein. Seine Jeans die engste Jeans in Amerika. Dass er kurzsichtig war, das hatte nur die Army gestört, die ihm den Eintritt in den Kriegsdienst verweigert hatte. Alle andern, all die Frauen und Männer, die Marlon Brando in den kommenden Jahren auf der Leinwand und im Leben beglücken sollte, störte das nicht.

Marlon Brando, der Körper, der Mann. Ab 1950 galt er neben Marilyn Monroe als heissester Mensch in Hollywood. Die Gelegenheiten, da er Sex verweigerte, waren rar. Cary Grant etwa war ihm zu alt. Und zwischen ihm und Brigitte Bardot funkte einfach nichts. Dabei hatte sich Bardots Mann, der sexsüchtige Regisseur Roger Vadim, schon so auf einen Dreier gefreut.

Es sind Stars und Anekdoten wie diese, die This Brunners Herz für immer an das alte Hollywood ketten, schöne Jungs und verruchte Diven und Filme, die mit den Reizen ihrer Stars so wenig geizen wie Liz Taylor mit frivolen Sprüchen. Einer davon ist im Neujahrsmail von This Brunner: «When I diet, I diet. And when I orgasm, I orgasm. I do not believe in mixing the two cultures.» This Brunner hat früher mit Liz Taylor in Gstaad Weihnachten gefeiert. In seinem Wohnzimmer liegt noch eine Kaschmirdecke, die sie seinem Lumpi, einem Reh von einem Hund, geschenkt hat. «Die grosse Liebe ist wie ein guter Hund auf Extasy», sagt This, und das könnte jetzt auch von Liz kommen.

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Der ein Gemächt in Händen hält: Steve McQueen, hier ironisch harmlos, 1966 in «The Sand Pebbles». Bild:  20th century fox

This Brunner hat in Zürich die Arthouse Kinos erfunden, hat sie 35 Jahre lang programmiert, betreut bis heute an der Art Basel und an der Art Basel Miami Beach Filmprogramme und macht seit der Pensionierung selbst Filmkunst. Also: Kunst aus Filmen. Oder genauer: Kunst aus seinen Lieblingserinnerungen aus seinen Lieblingsfilmen. Bewegte Collagen. Rückblenden in unverholener Pracht und Nostalgie. Die – neben der bodenlosen Tragik – auch zeigen: Die Sache mit der Lust kann durchaus lustig sein.

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Matthias «This» Brunner. Bild: Filmfestival Locarno

Eine davon ist jetzt im Rahmen der Photo 15 zu sehen, ein Triptychon mit Marlon Brando in der Mitte und sehr körperbetonten Seitenflügeln – Jane Russell dirigiert da zum Beispiel eine Horde Gymnastik-Boys in schier unsichtbaren hautfarbenen Shorts. Aber diese Filmcollage ist nur eine Facette von This Brunners Foto-Ausstellung in zwei Teilen: «A Blast from the Past: Hollywood's Secret Gay Affair» und «Private! A Small Collection», beide im Flux Laboratory neben dem Schiffbau.

Was BBC wirklich heisst

Im Erdgeschoss ist die Privatsammlung mit Bildern von Nan Goldin und Greg Gorman, von Tillmans und Jannette Montgomery-Baron, von Walter Pfeiffer, Andy Warhol und John Waters. Es ist ein Fest in Technicolor, selbstverständlich körperbetont. Im Keller dann das frivole Hollywood.

This Brunner hätte der Ausstellung auch bloss einen Titel geben können, «A Private Blast» zum Beispiel, ein privater Spass, denn wie es bei This Brunner immer ist, gehört alles erstens allen und zweitens zusammen, und drittens ist sowieso die ganze Welt ist ein einziges Kontinuum der schönen Körper. Wo «Blast» den sündhaften Marlon Brando im artgerecht zerrissenen T-Shirt zeigt, da gibt es in «Private!» ein Brando-Double, inszeniert von Greg Gorman. Es handelte sich bei dem Model um einen Stricher, den Gorman von der Strasse weg engagierte. 

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Greg Gorman inszeniert einen Stricher nach klassischer Hollywood-Manier. Die Pose hat er übrigens Liz Taylor in «Cat on a Hot Tin Roof» abgeschaut. Bild: Michael Kotcharian, ©Greg Gorman 1991

Wir sehen auch James Dean beim Blockflötenspiel und wie er als 18-Jähriger auf einem Baum masturbiert. Und die fette Zigarre, die Steve McQueen auf einem andern Bild zwischen den Fingern zu halten scheint, die ist höchst lebendig. Genauso sehr wie der BBC, der «Big Black Cock», den Marlon Brando in Grossaufnahme lutscht. Er hatte das Bild extra für seine Frau inszeniert, damit die Scheidung schneller voranging. Der Plan war erfolgreich.

Und hier gehts zu weiteren Perlen...

Brando, das später so enorm aus der Form geratende Lustobjekt, und Rock Hudson, der als einer der ersten an Aids starb, hängen riesig nebeneinander. Die beiden waren nie ineinander verliebt, aber der Sex war häufig und heftig. Und was ist mit Robert Mitchum, der sich auf einem alten Filmstill oben ohne von einem Mann mit Pistole bedrohen lässt? Nüchtern war er hetero. Unter Alkohol und andern Drogen nicht. Genau wie James Franco heute. 

Schlüpfrige Bilder von Schauspielern und Artverwandten für den Schwulenbedarf, sagt This Brunner, waren Courant normal, mal handelte es sich bloss um Filmstills, mal um Fotos, die nicht ganz so diskrete «Freunde» gemacht hatten. This Brunner hat seine in L.A. erstanden, «ober- und unterhalb des Ladentischs, in einer kleinen Boutique im French Market, zuhinterst am Hollywood Boulevard». Viele der Bilder stammen aus einer Schattenwelt abseits der McCarthy-Ära mit ihrer Hexenjagd auf Kommunisten und Homosexuelle.

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Der gut gebaute George Peppard befeuerte 1965 im Agententhriller «Operation Crossbow» in dieser Saunaszene restlos alle Fantasien. Bild: Metro-Goldwyn-Mayer

Gab es eigentlich auch entsprechende Bilder von Schauspielerinnen für den Lesbenbedarf? Es lebten ja damals genauso viele weibliche Stars mehr oder weniger offen bi- bis homosexuell wie männliche. Bekannt ist darüber nichts. Der nackte Körper, der weibliche wie der männliche, war vorwiegend für den männlichen Blick bestimmt. Die nackte Marilyn gabs im «Playboy», den nackten Jamens Dean im French Market.

Barney Stinson ist ihr Nachfolger

«Es geht mir nicht darum, jemanden zu outen, das Meiste ist ja eh bekannt», sagt Brunner, «mich fasziniert einmal mehr Hollywood als grosse Illusionsfabrik», also, wie Männer mit einer ganz und gar uneindeutigen sexuellen Identität über die Leinwand zu Protoheteros werden. Barney Stinson aus «How I Met Your Mother», gespielt vom vollschwulen Neil Patrick Harris, ist ihr offenherziger Nachfolger. Und dann ist es für Brunner auch eine Familienangelegenheit: «Das sind meine Idole, mit ihnen war ich jung. Erst später merke ich: Oh, eigentlich sind wir Family.» Familienbilder also.

Auch einen höchst geschmeidigen Soundtrack hat er für seine Ausstellung gefunden, all die süssen, kettenrauchenden Schwestern von Elvis aus den Fifties. Frau mit verträumten Augen und Mündern. Die klingen wie samtig weiches, warmes Caramel, das man auflecken möchte. Das hat man jetzt davon. Von dieser Gesellschaft der Götter, die sich entblättern. 

Die Werkschau für Schweizer Fotografie, Photo 15, findet vom 9. bis 13. Januar in der Zürcher Maag Halle und Umgebung statt. Öffnungszeiten: 11 bis 20 Uhr.

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