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Selfie einer Magersüchtigen. bild: twitter

Sie haben sich zum Verhungern gern: Wie sich dünne Mädchen im Internet gegenseitig in die Magersucht treiben

Unreflektiert, undistanziert, unbelehrbar, aber hoch diszipliniert: Die beängstigende Welt der Pro-Ana-Bewegung boomt trotz Androhung von Gefängnisstrafen.



Das Schlüsselbein muss hervorstechen, die Wirbelsäule, jede einzelne Rippe soll hervortreten, die Bauchdecke muss konkav sein, bei geschlossenen Füssen dürfen sich die Oberschenkel nicht berühren. Feenhaft ätherisch wollen die Mädchen sein. In einem morbiden Ornament aus Knochen verschwinden. Einem Manga-Wesen gleich. Der menschliche Körper nur noch als tragendes Gerüst für Hauch einer Fantasie, mehr nicht.

Nur die Haare sind dabei ein ewiges Problem, die Haare werden bei alledem stumpf und struppig, nicht zuletzt, weil sie im Idealfall blond sein sollten. Wasserstoffblond. Lichtblond. Ein Heiligenschein. Und wer nicht nur eine Anorektikerin, sondern auch eine Bulimikerin ist, weiss auch, dass Magensäure die Zähne angreift.  

Ihre Hashtags lauten zum Beispiel #thinspiration oder #bonespiration, abgekürzt #thinspo und #bonespo. Dünn und knochig als Religion. Ihre Heiligen: «Ana» und «Mia». Anorexie und Bulimie. Das klingt nicht nach Krankheiten oder Essstörungen, sondern nach Freundinnen. Die sie nicht zum Fressen, sondern zum Verhungern gern haben. Das heisst dann «Pro-Ana» und «Pro-Mia».

Viele vergleichen sich mit einer Feder. Leicht und makellos. Diszipliniert. Und vor allem: nicht Frau geworden. Frauen sind eklig, sind «fat bitches». Ein Frauenkörper ist ein Zeichen der Disziplinlosigkeit. Die Vorbilder der mageren Mädchen sind entsprechend alle sehr jung. Jennifer Lawrence (24) geht noch knapp, wegen ihrer hervortretenden Wangenknochen. Abgesehen davon ist sie natürlich dick. Cara Delevingne (22) besteht einzig wegen ihrer dünnen Arme. 

Pro-Ana-Regeln

Ratschläge zur Einhaltung der Regeln

Frankreich hat vor Kurzem nicht nur magersüchtige Models, sondern auch das Betreiben von Pro-Ana-Blogs und -Webseiten verboten. Wer erwischt wird, muss mit einem Jahr Gefängnis rechnen. Holland überlegt sich aktuell die gleiche Massnahme. Es wird nichts nützen. Denn die Pro-Ana-Community ist nicht nur radikal gegen sich selbst (und Mitläuferinnen, die «nur» eine Diät machen wollen, sogenannte «Wannarexiscs»), sondern auch rasend schnell darin, sich epidemisch in allerlei Nischen und Lücken breit zu machen. 

Gerade auf den Social-Media-Kanälen sind sie derart präsent, dass die Betreiber mit dem Löschen der Seiten – Facebook ist am erfolgreichsten, die andern haben kapituliert – gar nicht mehr nachkommen. Denn die Guerilla-Truppen der mageren Mädchen sind klein, gut versteckt und äusserst beweglich. 

Die Betreiberinnen der Seiten sind meist Teenager. Unter ihren Fans finden sich im Schnitt Fünf- bis Siebzehnjährige. Ihr Antrieb ist eine Überidentifikation mit photogeshoppten oder zurecht operierten Prominenten. Die ihnen vorgaukeln, dass Menschen, die sich aus eigener Kraft ausmergeln, mehr Liebe und Respekt zufliessen. Die mageren Mädchen bringen jeden Medientheoriker zur Verzweiflung mit ihrer unreflektierten, undistanzierten, unironischen Adaption von Vorbildern. 

Angelina Jolie tätowierte sich einst «Quod me nutrit me destruit» auf den Bauch. Was mich nährt, zerstört mich. Sie meinte damit die verquere Beziehung zu ihrem Vater. Die Pro-Ana-Gemeinde meint damit Nahrungsmittel. Mehrere Mädchen laufen seither mit Angelina Jolies Tattoo herum. Magersüchtige Promis wiederum geben sich ihren stillen Fans durch feine Armbänder aus roten (Ana) oder pinken (Mia) Glasperlen zu erkennen. Etwa Nicole Richie oder Lindsay Lohan.

Am Ende ist ihre Geschichte eine traurige Geschichte. Eine von fehlendem Selbstwert. Am Ende geht es ihnen um Liebe. Um Männer. Um ein Geschlechterbild, das geradezu fabelhaft altbacken ist. Um Backlash pur. Starksein heisst Dünnsein, sonst nichts. Immer wieder äussern die Mädchen, dass sie von Männern erst im Zustand der totalen Zerbrechlichkeit und Schwäche so richtig beschützt und auf Händen getragen würden. Dass bei einem leichten Mädchen die Liebe umso gewichtiger ausfällt. Wahrscheinlich fotografieren sie sich genau deshalb am liebsten in Unterwäsche. Und am allerliebsten ohne Kopf.

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Joshzi 26.05.2015 10:07
    Highlight Highlight Das ist keine "Disziplin", das ist Zwang.
  • Lumpirr01 24.05.2015 21:51
    Highlight Highlight Diese Figur gefällt mir wesentlich besser als die unter Bulimie leidenden Modelle:

    User Image
    • 1337pavian 26.05.2015 13:50
      Highlight Highlight Wieso ist der Kopf wieder nicht drauf? Ein echtes Profi-Bild ; )
      Aber egal: Das Lächeln macht es aus ^_^ nice!
  • Michèle Seiler 24.05.2015 21:32
    Highlight Highlight Weil ich das Wort eben gelesen habe: Es gibt ein Buch, was m. E. einen sehr guten Einblick in das Seelenleben essgestörter Menschen gibt (auch mit Hinweisen aus der Fachliteratur): "Alice im Hungerland" von Marya Hornbacher (im Original: Wasted).

    Sollte man aber nur lesen, wenn man nicht drinsteckt oder schon den Willen verspürt, aufzuhören, weil sie sehr ausführlich und schonungslos (auch sich selbst gegenüber) berichtet ...
  • KafiWell 24.05.2015 21:10
    Highlight Highlight Das Krankheitsbild von Anorexie und Bulimie unterscheidet sich. Bei der Anorexie liegt oft ein tieferes, versteckteres Leiden dahinter, welches nichts mit Männern und Geschlechterbildern zu tun hat. Ein tiefes Leid wird mit Zurückgewinnung von Kontrolle verarbeitet. Wir müssen vorsichtig sein diese Krankheiten nicht immer denselben Gründen zuzuschreiben. Einige der Menschen, die daran erkranken müssen mit einem grossen Schmerz umgehen und werden krank, die Art der Krankheit wird vielleicht vom Frauenbild beeinflusst, krank würden sie aber auf jedenfall.
  • Kaiserin 24.05.2015 19:59
    Highlight Highlight So traurig!
  • Miicha 24.05.2015 19:36
    Highlight Highlight Seinen eigenen Körper nicht zu mögen, sich selbst nicht zu mögen muss schlimm sein. Das Vorbild in den Medien müsste mehr der Natur und weniger der Fantasie (Photoshop) entsprechen. Vergleichen sich die Mädchen mit Models können sie nur verlieren.
    • Sofifee 25.05.2015 10:41
      Highlight Highlight Wieso verlieren?
    • 1337pavian 26.05.2015 13:57
      Highlight Highlight Man muss dann einfach wissen, womit man sich vergleicht:
      Mit einer Momentaufnahme nämlich, die unter Studiolicht etc. etc. "fabriziert" wurde. Woher haben wir diesen Anspruch, einen bestimmten Körper als den wohlgeformtesten zu bezeichnen? Ich rieche Unterdrückung. Den "negative way" hat Bob Marley schon warnend besungen - wer das unsichtbare, unerreichbare Gute nicht sehen und seine Beschaffenheit nicht hinnehmen kann, der wird im Schlechten seinen Weg suchen und davon hat's - weiss Gott - zu jeder Zeit genug. Wie du dich fühlst ist entscheidend, nicht wie du aussiehst!
      S.v.p. entköppeln!
  • Karl33 24.05.2015 19:20
    Highlight Highlight Diese Story lässt einen doch etwas ratlos zurück... zum Glück hat Frau Meier am Ende noch einen Schuldigen gefunden: Die Gesellschaft, die Männer und deren Rollenbilder. Diese Frauen sind also Opfer, die vor 'altbackenen Rollenbildern' mit Männernschultern zum Anlehnen geschützt werden müssen. Schön, Frau Meier, haben Sie eine traurige Story noch schnell für Ihre Gender-Anliegen instrumentalisieren können.
    • Simone M. 24.05.2015 19:57
      Highlight Highlight Ah nein, den Männern geb ich in dem Zusammenhang gar keine Schuld. Heidi Klum ist ja auch kein Mann. Frauen sind enorm viel schlimmer darin, sich in Sachen Körper unter Druck zu setzen, als die Männer das tun. Daran, dass Frauen so viele Medien- und Mode-Fantasien unhinterfragt bedienen (wollen), sind sie weitgehend selbst schuld. Ich hab die Sache mit der Bulimie als Teenie auch ausprobiert. Mit etwas Überlegen kommt man dahinter, dass es selbstzerstörerischer Bullshit ist. Was mich entsetzt, ist, dass die Blogs etc. online immer noch wie blöd am Explodieren sind.
    • hektor7 25.05.2015 08:52
      Highlight Highlight Haben diese Meeeedchän denn ernsthaft das Gefühl, dass Männer sowas geil finden? Ich glaube, diese Bewegung richtet sich eher weniger an die Männerwelt (was das Ganze nicht einfacher zu verstehen macht).
  • der nörgler 24.05.2015 18:57
    Highlight Highlight Findi super, dass ihr grad noch ein paar Tips gebt...
    • Simone M. 24.05.2015 20:01
      Highlight Highlight Die Tipps sind ja schon seit Jahren bekannt. Aber wenn der Artikel für irgendwen – Eltern oder Kinder – eine Warnung sein kann, bin ich froh.
    • Mophisto 24.05.2015 20:24
      Highlight Highlight Ich bin froh, wurde das thematisiert. Das ist nicht meine Welt, aber meine Töchter werden dereinst damit konfrontiert werden. Vielen Dank für diesen Einblick.

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