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Bild: florian burkhardt/ electroboy

Früher warst du mir oft peinlich, heute weiss ich: Du bist grossartig. Eine Liebeserklärung zum Muttertag

Manchmal braucht man ein halbes Leben, um seine Eltern wirklich zu verstehen und zu schätzen. Was Electroboy über seine Mutter erzählt, gilt für viele von uns.

10.05.15, 08:21


Nach dem tragischen Unfalltods ihres zweiten Kindes, entschloss sich Hildegard, mit 40 noch einmal schwanger zu werden. Eine Entscheidung, die sie zu meiner Mutter machte.

Sie ist die Tochter eines Gymnasiallehrers, der lieber einen Sohn gehabt hätte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung ging sie als Au-pair nach Paris und arbeitete nach ihrer Rückkehr auf Geheiss ihres Vaters als Sekretärin, bis sie meinen Vater heiratete und Hausfrau wurde.

Als ich ihr klagte, dass meine Füsse zu gross seien, sagte sie: «Auf grossen Füssen steht es sich besser.» Sie sorgte dafür, dass ich mich immer wie etwas Besonderes fühlte. Sie meinte: «Du hast eine spezielle Aufgabe auf dieser Welt.» Sich selbst gab sie auch eine: Sie setzte sich für eine Organisation von Ex-Drogensüchtigen ein, die anderen helfen wollten, von der Sucht loszukommen. Sie kannte keine Berührungsängste. Wenn jemand sie anbettelte, nahm sie ihn an der Hand und ging mit ihm ins Restaurant.  

muttertag electroboy

Die schönste Rose im Rosengarten: Hildegard, 1958. Bild: florian burkhardt

Weiter organisierte sie Treffen zuhause, es ging um Astrologie und Physiognomie. Es kam auch vor, dass sie mich zu einer hellsichtigen Frau mitnahm, Alexandra, die später als die neue Ehefrau von «Schoggi-König» Sprüngli in die Presse kam. Die sagte, dass ich nichts Schwarzes oder Rotes tragen dürfe, weil das die Farben des Teufels seien. Es war aber nicht nur die Esoterik, die es meiner Mutter angetan hatte. Am Wochenende ging sie mit Blinden spazieren und teilte mir eine körperlich behinderte Freundin zu. 

Meine Mutter war anders als die Mütter meiner Freunde. Sie liess sich nichts vorschreiben, und was man über sie dachte, war ihr egal. Einmal war ich mit ihr in der Stadt und wir sahen einen Luxusschlitten auf einen Behindertenparkplatz fahren. Als der Fahrer ausstieg, ging sie zu ihm, schaute ihn neugierig von Kopf bis Fuss an und bemerkte: «Ja, Sie sehen schon ziemlich behindert aus.» 

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1975 mit Söhnchen Florian vor blühendem Rhododendron. Bild: florian burkhardt

Im Café befahl sie der Bedienung als erstes, die Musik auszumachen. Dann las sie Zeitungen und bestellte ein Canapé. Eine Lady, auf natürliche Weise streng, im Laden schnell mal nach dem Geschäftsführer fragend, wenn sie mit der Bedienung unzufrieden war.  

Sonntags in der Kirche, nach dem Besuch des Grabs ihres Sohnes, sass sie in der ersten Reihe, man kannte sie als die Frau mit dem leuchtend roten Hut, und sang besonders laut. Mir als Kind war schnell vieles peinlich. Vor allem eine Mutter, die immer auffiel und stets die Kontrolle behalten musste. Eine Frau, die hinter der Fassade sehr ängstlich war und der Welt misstrauisch gegenüberstand. 

So hatten weder ich noch sie es leicht, als ich in die Pubertät kam. Sie wollte die totale Kontrolle und ich mehr Freiheit. Sie war eisern und behielt die Oberhand. Damit ich anständig geprägt wurde, schickte sie mich in ein katholisches Internat, wo sie dann aber bemängelte, dass wir Jugendliche zu viel «Freigang» hätten. Der Rektor zeigte mir einmal eine Kiste voller Beschwerden von ihr.

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1990, versteckt in einem Rosenstrauch. Bild: florian burkhardt

Manchmal verreiste sie mit mir, sie zeigte mir etwa Paris: Wir genossen die Zweisamkeit, dann wieder gab es Phasen, da liessen wir uns in Ruhe und glitten wie Fische im Aquarium aneinander vorbei. Als meine Ausbildung zu Ende war, zog ich in die Welt hinaus, wir hatten kaum Kontakt. 

Jetzt ist sie sanfter geworden, eine alte Dame, die ich manchmal «Königin» nenne. Das Filmteam von Electroboy nennt sie liebevoll «Wilde Hilde». Sie sitzt friedlich in ihrem Garten und spricht von den Rosen, trägt Blumenkleider und in der Wohnung, die sie von ihrem Vater geerbt hat, hängt ein getrockneter Blumenstrauss. 

Da sitzt sie mit ihrem Mann, der ihr treu mehr als fünfzig Jahre zur Seite stand, spricht seit etwa dreissig Jahren mit Vorliebe Hochdeutsch und sagt lakonisch über die Schweiz: «Wir sind halt ein Bauern- und Hirtenvolk.» Über die Situation der letzten Jahre sagt sie, es sei «anstrengend, nichts zu tun». So ist sie nun mal. Und genau so liebe ich sie.

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Lieber Röbi Rapp, leb wohl! Als Queer-Pionier bleibst du unsterblich. Merci!

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