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«untitled unmastered.»: So klingt Kendrick Lamars neues Album

Gerade sorgte er bei den Grammys für Wirbel, jetzt erscheint plötzlich ein neues Album von US-Rapper Kendrick Lamar. «untitled unmastered.» enthält acht Song-Skizzen über Spiritualität und das Getto-Leben.

Andreas Borcholte



Ein Artikel von

Spiegel Online

Kendrick Lamars Album «To Pimp A Butterfly» gehört zweifelsohne zu den wichtigsten Pop-Alben des vergangenen Jahres. Kein anderer zeitgenössischer Rapper versteht es besser als der 28-jährige Kalifornier, eine eindringliche Zustandsbeschreibung der Lebenserfahrung junger Afroamerikaner zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu formulieren. Die «New York Times» nannte ihn einen «Evangelisten der Black Power».

Kendrick Lamar bei den diesjährigen Grammys.
Bild: Matt Sayles/Invision/AP/Invision

Bei der Grammy-Verleihung vor zwei Wochen trat Lamar mit elf Nominierungen als grosser Favorit an und gewann fünf der begehrten Preise. Das Branchenpublikum im Saal verblüffte er mit einer kontroversen Performance seiner Songs «The Blacker the Berry» und «Alright», zu der er in Sträflingskleidung und in Ketten gelegt auf die Bühne kam, die Band hinter Gittern - und mit einer harschen, düsteren Anklage gegen die gesellschaftliche Unterdrückung und Benachteiligung der Schwarzen in den USA für eine Politisierung der ansonsten auf Entertainment bedachten Show sorgte.

Am Ende des Auftritts zeigte eine Leinwand auf der Bühne die Umrisse Afrikas mit der Aufschrift «Compton», dem Problemviertel von Los Angeles, aus dem Lamar stammt. Dafür gab es, via Twitter, sogar Lob von US-Präsident Barack Obama.

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Am späten Donnerstagabend US-amerikanischer Zeit tauchte nun plötzlich und ohne Ankündigung ein neues Album von Kendrick Lamar auf allen grossen Streaming-Plattformen, u.a. Spotify, Tidal und Apple Music, auf. Anthony Tiffith, Geschäftsführer von Top Dawg Entertainment, dem Label, auf dem Lamar seine Alben herausbringt, hatte zu Beginn der Woche via Instagram geraunt, es gebe in den kommenden Tagen eine Veröffentlichung: «Ive decided 2 drop a project 1 day this week. I won't say wut day or who», schrieb er unter seinem Twitter-Pseudonym dangerookipawaa. Dass es sich um ein Lamar-Album handeln könnte, damit hatte wohl niemand gerechnet.

Der Rest vom «Butterfly»-Material

«untitled unmastered.» ist jedoch kein direkter Nachfolger von «To Pimp a Butterfly», sondern eher eine Archiv-Veröffentlichung. Acht Tracks zwischen knapp zwei und über acht Minuten Länge enthält das Album, das mit einem schlichten, dunkelgrünen Cover und ohne Songtitel betont einfach gehalten ist. Offenbar sind die acht Stücke Überbleibsel aus den «Butterfly»-Sessions aus den Jahren 2013 und 2014.

In einem Interview mit der Webseite «2 Dope Boyz» hatte Lamar gesagt, bis zu zehn Tracks seien nicht auf «Butterfly» gekommen, weil es Probleme mit Sample-Freigaben gegeben hatte oder sie nicht zum Abgabetermin fertig geworden waren. Zwei der Stücke hatte er bereits in den TV-Shows von Jimmy Fallon und Stephen Colbert vorgestellt.

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Lamar bei Stephen Colbert.
YouTube/Sound Flaw

In den nun zugänglichen Tracks, die sich musikalisch nahtlos in den mit Jazz angereicherten Flow von «To Pimp a Butterfly» einfügen liessen, geht es auffällig oft um die Rolle der Kirche und der Spiritualität im Leben der Prekarisierten. Eindrücklich formuliert Lamar in «Untitled 04 | 08.14'204» sein Misstrauen gegen Institutionen: «They say the goverment mislead the youth/ And welfare don't mean well for you/ They tell me that my bill's past due/ And preachermen don't always tell the truth», singt Gastvokalistin Anna Wise im Gospelstil.

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Lamar bei Jimmy Fallon.
YouTube/Balls Pirit

Statt sich auf Politiker oder Priester zu verlassen, soll man seinen eigenen Instinkt nicht infrage stellen, «don't second guess yourself». Köpfchen ist die Antwort, ein wiederkehrendes Motiv: «Head is the answer/ Head is the future». Immer wieder erzählt Lamar aus den Abgründen, die sich auftun, wenn man sein Leben im Getto bestreiten muss, einen Fuss im Knast, einen im Blutbad.

Die Verlockungen des Gangsta-Lebens werden, wie üblich bei Lamar, mit einem auch an sich selbst gerichteten Appell an Vernunft und Humanität gespiegelt: «Pimp, Pimp Hooray» ruft er gleich in mehreren Tracks: Die Entscheidung, doch noch eine Karriere als Zuhälter und Verbrecher zu machen, immer nur einen kleinen Schritt entfernt.

Allzu leicht wäre es, der Versuchung nachzugeben. Wenn dich eh alle belügen, warum dann nicht auf kriminellem Wege selbst ermächtigen und so der Armut und den Demütigungen entfliehen? Aber Lamars Botschaft ist: Sei schlauer!

Die Musik variiert zwischen konzentrierten, straighten Hip-Hop-Beats («Untitled 01 | 08.19.2014»), Trap-artigen Flows («Untitled 02 | 06.23.2014»), Jazz-Jams («Untitled 07 | 2014 - 2016») und der Funk-lastigen Hymne («Untitled 08 | 09.06.2014»), einer beschwingten Aufforderung, nicht in Selbstmitleid oder Egoismus zu verfallen.

Selbst im Ausschussmaterial, das er hier mit lässiger, betont unglamouröser Geste unters Volk streut, ist Kendrick Lamar die zurzeit stärkste Stimme im US-Hip-Hop.

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