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«Mein erster Gedanke: Meine ganze Jugend stirbt» – eine Generation trauert um Prince

Mit seinen Songs und grandiosen Performances schuf Prince eine Welt, in der Aussenseiter sexy und stark waren und sich nicht scheren mussten um die Meinung anderer. Unser New Yorker Autor Marc Pitzke nimmt Abschied.

22.04.16, 10:51 22.04.16, 12:56


Ein Artikel von

Dearly beloved / We are gathered here today / To get through this thing called life.

(Prince, 2007)

Bedford-Stuyvesant ist eines der letzten Viertel, in dem Brooklyns multikultureller Geist noch lebt. Ich zog wegen der günstigeren Miete her, aber auch, weil die Leute hier vielfältiger sind als dort, wo ich aufwuchs. Sie widersetzen sich Klischees und Konventionen: Stolz und nonkonformistisch, meist schwarz, aber auch braun und weiss, meist hetero, aber auch schwul oder androgyn – und immer, immer stilvoll.

Am Donnerstag, einem milden Frühlingstag, als ich die Nostrand Avenue entlanglief, war die Natur dieser Ecke New York Citys und ihre persönliche Attraktivität auf mich hörbar – und erstmals so richtig fassbar: Aus vielen Fenstern – Wohnungen, Autos, schwarzen Barbershops – drang die gleiche Musik. Nicht irgendeine Musik. Prince.

«Prince war alles», seufzte ein eingefleischter Brooklyner aus Bed-Stuy. Ich traf ihn in einem französischen Café, das von einer Senegalesin geführt wird, unweit vom einstigen Breevort Theater, wo James Brown auftrat. «Prince war alles, und er gab uns allen den Mut, alles zu sein.»

Meine ganze Jugend stirbt. Das war mein erster Gedanke. Michael JacksonWhitney HoustonDavid Bowie: Obwohl sie von ganz woanders kamen, waren sie der Soundtrack unserer Adoleszenz.

A choir performs to commemorate David Bowie during the 2016 Echo Music Award ceremony in Berlin, Germany April 7, 2016. REUTERS/Markus Schreiber/Pool

Gedenken an David Bowie bei der Echo-Verleihung: Meine ganze Jugend stirbt.
Bild: POOL/REUTERS

30 Jahre später, auf der Nostrand Avenue am anderen Ende der Welt, merkte ich, was ich damals so wenig verstand wie die Texte: Prince war viel mehr. Für mich jedenfalls, den pickligen Einzelgänger, der Klavier spielte und «Bücher» schrieb, Schlaghosen trug und nicht werfen konnte.

Prince war schwarz – oder? Ein Frauenheld – oder? Schüchtern – oder? Er bedeutete so viel mehr für viele, die sich in seiner Musik wiederfanden, offen, heimlich, lange ohne es zu begreifen, wie ich.

Prince stand für eine Welt, die schrill war – und mysteriös. Anzüglich – und anziehend. Verboten – und verehrt. X-rated – Tipper Gore, die damalige Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, lief lauthals Sturm gegen «Darling Nikki».

Prince beschwor eine Welt, in der Einzelgänger wie ich sexy waren und stark und Schlaghosen anziehen konnten, ohne sich um die Meinung anderer zu scheren.

epa05270795 An archive handout image made avialable on 21 April 2016 shows US musician Prince performing on the Stravinski Hall stage during the 47th Montreux Jazz Festival, in Montreux, Switzerland, 14 July 2013.  (Montreux Jazz Festival/2013 FFJM/Marc Ducrest)   *** DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN, EDITORIAL USE ONLY ***  EPA/MARC DUCREST/MONTREUX JAZZ FESTIVAL / HANDOUT MANDATORY CREDIT MARC DUCREST/MONTREUX JAZZ FESTIVAL HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES

Prince im Juli 2013 beim Montreux Jazz Festival.
Bild: EPA/KEYSTONE FILE

«Die Freiheit zu sagen, was ich wollte»

Solche Meta-Gefühle verblassten aber erst mal vor seinem Genie. Prince konnte nach eigenem Bekunden «1000 Instrumente» spielen, 998 mehr als ich. Er konnte Funk, Rock, R&B, Pop und alles mögliche dazwischen, bevor ich auseinanderhalten konnte, was was war.

«Produced, arranged, composed and performed by Prince», stand auf seinen Platten, und dann fantasierte man selbst auch vom Allroundkönnen.

7 Songs, von denen du nicht wusstest, dass sie von Prince geschrieben wurden

YouTube/CNN

Und von Sex, Liebe, Freude, Furchtlosigkeit, Freiheit. «Freiheit zu sagen, was ich wollte», sagte Prince, als sie den Branchen- und Label-Rebellen, der sich selbst zigmal neu erfand, viel zu spät in den morschen Legendenolymp der Rock and Roll Hall of Fame aufnahmen.

Drei Jahre später legte er – mit 48! – eine Super-Bowl-Halbzeitshow für die Geschichte hin. Welche Football-Teams da in Miami aufeinander trafen, wer weiss das heute noch, ich sowieso nicht mehr. Doch Prince!

Das Wetter spielte nicht mit, es goss in Strömen. Prince machte sich das zu eigen. Sein Set begann mit «Let's Go Crazy»: Dearly beloved / We are gathered here today / To get through this thing called life.

Er war wie wir – also konnten wir sein wie er

To get through this thing called life: So war mir oft. Dann kam Prince, der Meister der Reinkarnation, der undefinierbaren Identität – «brilliant kaleidoskopisch», schrieb Jon Pareles, der Musikkritiker der «New York Times», der das seltene Glück hatte, ihn gleich zweimal zu interviewen.

«Manchmal habe ich Ehrfurcht vor dem, was ich selbst mache», sagte Prince in einem Gespräch mit Pareles 1996. «Ich fühle mich wie eine normale Person, und dann höre ich das und frage mich, wo kam das her?» Er war wie wir – also konnten wir sein wie er: Hetero, gay, bi, trans, androgyn, who cares.

«Seine Songs reflektieren die Haltung von Menschen, die eine bessere Welt wollen», sagte Princes Vaterfigur Stevie Wonder unter Tränen auf CNN. «Es bricht einem das Herz, ein Mitglied der Armee der Liebe zu verlieren.»

Welcher glanzpolierte «Superstar» der Millennium-Generation hat noch diesen übergreifenden Appeal? «Mit seiner Zurschaustellung von Freiheit half er mir, mich wohlzufühlen damit, wie ich mich sexuell identifiziere», schrieb der schwule Rapper Frank Ocean auf Tumblr. Ein schwuler Rapper! Das gab es nicht, als ich noch Schlaghosen trug.

Einer der besten Freunde von Prince war Filmemacher Spike Lee, der in Brooklyn gross wurde und in Bed-Stuy «Do the Right Thing» drehte. Als sich der Abend über die Stadt legte, lud er über Instagram zur Strassenparty zu Ehren von Prince ein: «Wir werden tanzen, singen und zu seiner Musik schreien.» Tausende trauerten/feierten bis in die Nacht: schwarz, braun, weiss, hetero, schwul, androgyn – und immer, immer stilvoll.

Die 5 besten Prince-Songs

YouTube/Epic Lists

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