Populärkultur
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
London born performance poet Kate Tempest performs at The Governors Ball Music Festival at Randall's Island Park on Saturday, June 6, 2015 in New York. (Photo by Robert Altman/Invision/AP)

Rapperin und Autorin Kate Tempest. Bild: Robert Altman/Invision/AP/Invision

Das Romandebut der Rapperin Kate Tempest verblüfft: Liebe und Absturz in London

Sie rappt, sie schreibt Romane, sie ist die vielleicht wichtigste Sprachkünstlerin ihrer Generation. Jetzt hat die Britin Kate Tempest ein furioses Buch über Betrug und Begehren in London geschrieben.

Hannah Pilarczyk



Ein Artikel von

Spiegel Online

Kauf dir als erstes die Platte von Kate Tempest. Nein, geh zunächst auf eines ihrer Konzerte. Oder, halt, vielleicht doch mit ihrem Roman anfangen? So oder so wirst du Zeuge von Tempests unbändiger Energie, ihrer wilden Poesie und ihrem grossen Einfühlungsvermögen werden. Und du wirst immer wieder auf diese vier Personen treffen: Becky, Harry, Leon und Pete.

2014 lernte man sie auf Tempests Debütalbum «Everybody Down» kennen. In zwölf Songs, die Spoken Word und Hip-Hop verbanden, entwarf Tempest Miniaturen aus dem Londoner Stadtleben mit den Vieren im Mittelpunkt: Tänzerin Becky, wie sie auf der Chichi-Party eines Musikvideoregisseurs herumsteht und den Drogendealer Harry kennenlernt («Marshall Law»); den Arbeitslosen Pete, den es zufällig in das Café hereinspült, in dem Becky arbeitet, und der sich sofort in sie verguckt («Lonely Daze»); Drogendealer Leon, der zusammen mit Harry aufgewachsen ist und mit ihm zusammen Koks an Banker und Kreative vertickt («The Heist»).

Play Icon

«The Beigeness» von Kate Tempest. YouTube/BigaDada

Als Ganzes genommen erzählte «Everybody Down» eine komplette Gangster-Liebesgeschichte – vom ersten Treffen von Becky und Harry über den Überfall, den Harry verübt, bis zu dem Moment, in dem er und Becky beschliessen, mit dem geklauten Geld abzuhauen. Die Platte schaffte es 2014 auf viele Jahresbestenlisten und wurde in Tempests Heimat Grossbritannien für den renommierten Mercury Award nominiert.

Autogramme für die Kritiker, Umarmungen für die Fans

Auf der anschliessenden Live-Tournee brachte Tempest die Story in einer einzigartigen Mischung aus Hip-Hop-Konzert und Ein-Personen-Theaterstück auf die Bühne. Mal bestimmte ihr Rapport mit Drummer Kwake Bass den Sound, mal rezitierte sie Songtexte wie einen Theatermonolog, dazwischen rappte sie in Doubletime. Am Ende ihres ersten umjubelten Berlin-Auftritts im November 2014 standen die Musikkritikerinnen und Musikkritiker Schlange, um sich das Album von ihr signieren zu lassen. Weniger verdruckste Fans holten sich direkt eine Umarmung ab, schliesslich hatte Tempest das Konzert mit einem mitreissenden Plädoyer für mehr Empathie und Menschlichkeit enden lassen.

Play Icon

Kate Tempest live in Vancouver 2015. YouTube/Ted Dave

Von Tempests nervöser Energie ist in ihrem Debütroman, der soeben bei Rowohlt erschienen ist, dem Medium gemäss nicht zu viel zu spüren. Von ihrem grossen Einfühlungsvermögen dagegen umso mehr. «Worauf du dich verlassen kannst» (souverän übersetzt von Karl und Stella Umlaut) erzählt erneut die Geschichte von Becky, Harry, Leon und Pete, diesmal allerdings in Prosaform und mit deutlich mehr Details.

Jede Figur erhält ihre Hintergrundgeschichte – und die Eltern der Figuren gleich mit. Wie ein Netz wirft Tempest ihren Roman über Süd-London aus und holt mit weitem Wurf die Stadt über mehrere Generationen ein. Linke Polit-Agitatoren und Metzgertöchter, Fotojournalistinnen und Menschenrechtsanwälte treten so auf den Plan und mit ihnen die vielen Nöte, Hoffnungen und Enttäuschungen, die das Leben unweigerlich mit sich bringt – zumindest wenn man ohne Geld geboren wurde und in eine Zeit hinein, in der Geld das Mass aller Dinge geworden ist.

Unerträgliche Brutalität des Lebens

Stellvertretend für Tempests Humanismus fasst der Roman die Überzeugungen von Graham, dem Vater von Pete und Harry, zusammen: «Er glaubte an das Gute im Menschen, und trotz der Gräuel, die er miterleben musste, hielt er an seiner Überzeugung fest, dass Menschen nur deshalb vom rechten Weg abkamen, weil ihnen durch Missbrauch der einen oder anderen Art Leid zugefügt worden war. Es war die unerträgliche Brutalität des Lebens, welches die unerträgliche Brutalität im Leben hervorbrachte.»

Image

In Tempests Figurenensemble finden sich folgerichtig weder Opfer noch Täter, weil sie die Sinnhaftigkeit moralischer Schuldfragen rundherum verneint. Selbst Drogendealer, die versuchen, Frauen sexuell zu nötigen, sind im Grunde umgängliche Typen, die einen verdammt guten Gin Fizz mixen. Und das Geld, das Harry und Leon mit dem Dealen verdienen, soll ja auch nur für einen eigenen Laden sein, den sie irgendwann eröffnen wollen: «Kein blödes, poshes Restaurant, wo sie dir zwölf Tacken für ein Frühstück abknöpfen», erzählt Harry Becky gleich bei ihrer ersten Begegnung. «Einen schönen Ort, an dem sich Leute wohlfühlen. Einen Raum, wo Menschen sich begegnen können. Wir sind einsam. Wir sind alle so einsam in dieser Stadt.»

In solchen Passagen vermisst man die peitschenden Beats von Tempests Musik und die Wucht, mit der sie ihre Texte rappt. Für beide Stilmittel, durch die ihre Milieuskizzen in Songform nicht in die Sozialromantik abgleiten, findet sie keine literarischen Entsprechungen. Betulich kommt «Worauf du dich verlassen kannst» mitunter rüber, erzählerisch konventionell und formal ideenlos. Mehr Experiment hätte dem Buch gut getan, kürzere Einschübe, wildere Textcollagen – so wie bei «NW», Zadie Smiths glänzendem Nord-London-Roman, der ebenfalls Stadtgeschichte anhand eines Personenquartetts erzählt.

Harry ist jetzt eine Frau

Wo niemand Tempest etwas vormacht, ist allerdings die Sprache, die sie für das Gefühlsleben ihrer Protagonisten findet. Wie eine antike Göttin, die über die physikalischen Gesetze nach eigenem Dafürhalten bestimmt, lässt Tempest Gefühle zu Personen werden – «Stolz schwimmt durch Becky hindurch, bleibt am Beckenrand stehen, um sein Haar zu schütteln und seine Muskeln spielen zu lassen.» – und Körper ihre Verfasstheit wechseln – «Harry blinzelt, sammelt ihre Körperteile aus allen Ecken des Raumes auf und setzt sie wieder zusammen.»

Vor allem die Metaphern und Vergleiche, die Tempest für das Erleben von Liebe und Begehren findet, sind von einer nahezu ekstatischen Fantasie: «Harry spürt ein Kribbeln und weiss, dass ein Blick auf ihr ruht. Sie schaut sich um und sieht, dass eine Frau sie beobachtet. Sie sieht sie flüchtig an und ist sofort geblendet. Die Frau leuchtet so grell in Harrys Augen. Sie explodiert aus sich heraus wie ein Feuerball. Heller und heller.»

Im Buch ist aus dem jungen Mann Harry eine Frauen liebende junge Frau geworden. «‹Kommt das von Harriet?›, fragt Becky. ‹Ne.› Harry schüttelt den Kopf und lächelt die Frau trotzdem an. ‹Das kommt von Harry.›» In der Beschreibung von Harry, die natürlich doch Harriet heisst, kann man Tempest selbst erkennen – mit ihren «springenden Locken», der «gefurchten Stirn», den «hohen, zarten Wangenknochen, den kleinen, hellen Augen, die tief und ausdrucksstark im Gesicht liegen». Und passenderweise ist Becky nun auch eine Frau, die Männer wie Frauen mit nach Hause nimmt. Womöglich auch Harry.

Ob es nun an der autobiografischen Verzahnung liegt oder nicht: Die queere Liebesgeschichte verbindet sich in «Worauf du dich verlassen kannst» überaus organisch mit Tempests anderen Herzensthemen, mit Verdrängung, Verarmung, Idealismus und Empathie. So entsteht eine unangestrengte Vielschichtigkeit und Kompaktheit, die den Roman als eigenständige Darstellungsform der Geschichte von Becky, Harry, Leon und Pete rechtfertigt.

Abonniere unseren Newsletter

1
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
1Kommentar anzeigen

Who runs the world? 148 Frauen, die ihr euch zum Vorbild nehmen könnt 

Wir haben einen Kanon gemacht. Das ist dieses Ding, in dem normalerweise steht, welche männlichen Künstler, Wissenschaftler, Denker für die Welt notwendig sind. Aber nicht bei uns. #DIEKANON

In Zusammenarbeit mit: Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Mahret Kupka, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theissl.

Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten.

Verständlich also die …

Artikel lesen
Link to Article