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«Weltwoche», nicht Krokus geehrt 

Warum Roger Köppel nicht Rihanna ist 



Als Knackeboul bei den Swiss Music Awards gefragt wird, wem er den Artist Award geben würde, antwortet der Kollege spitzbübisch: «Roger Köppel ist ja auch einmal Musiker gewesen.» Prompt taucht dessen Bild auf der Leinwand im Saal auf. «Huch, der auch hier», wundere ich mich noch.

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Saal-Atmosphäre. bild: watson

Die Verleihung im Zürcher Hallenstadion geht flott über die Bühne, als Krokus der Outstanding Achievement Award übergeben werden soll.

«Unser Laudator sieht ein bisschen aus wie der Klassenprimus, wie der Klassenbeste. Er weiss auch alles ein bisschen besser, wenn er öffentlich auftritt, aber tief im Herzen ist er ein richtiger Rocker», kündigt Moderator Mario Torriani an. Ein Rocker, dessen Sätze wie «Rocks» seien, also Steine. «‹Fadegrad› – und direkt ins Gesicht, da ist er, der Roger Köppel.»  

Was? Köppel als Krokus-Laudator? Der hört das???

Ja, man lernt nie aus: Der «Weltwoche»-Chef hat in jungen Jahren auch Konzertkritiken geschrieben, was die Zuschauer im Saal aber nicht wirklich versöhnlich stimmt. Es gibt kaum Applaus, als der 49-Jährige die Bühne betritt. Im Gegenteil. Einige Reihen unter mir steht ein Mann auf, der mit dem Bald-SVP-Nationalrat das Alter teilt, aber der Kleidung nach zu urteilen nicht seine politische Gesinnung. Er ruft mehrmals laut: 

«Faschist!» 

Es wird im TV später nicht zu hören sein.

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bild: srf

Während ich mich noch über die Auswahl des Laudators wundere, öffnet Roger Köppel das Hemd seines Anzugs. 

Der wird doch nicht ...

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bild: srf

... doch, er tut es: Er entblösst sich und eine Seite an ihm, die ich nicht kannte. Köppel klärt auf: 

«Mit Krokus verbindet mich ein tiefes biographisches Schlüsselerlebnis. Vor 34 Jahren hat mich ein Kollege heimlich an ein Krokus-Konzert im Volkshaus Zürich gebracht.» Häh? Wieso heimlich??

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bild: srf

«Heimlich deshalb, weil es damals unabsehbare Reputations- und Image-Risiken mit sich gebracht hätte, wenn mich meine damaligen Gymi-Kollegen dabei ertappt hätten.» Wie? Rocker geben doch nichts auf Image?

«Sie müssen wissen, meine Damen und Herren, dass Hardrock zu der damaligen Zeit unter uns Kantonsschülern politisch höchst inkorrekt gewesen ist. Jeder hat es gehört, aber niemand hat es zugegeben.» Ach Gottchen, das kannst du doch nicht bei einer Krokus-Ehrung erzählen? Wie die das wohl finden? Die Kamera schwenkt:

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bild: srf

Und dann kommt's: «Es ist ein bisschen ähnlich gewesen wie heute mit der ‹Weltwoche›: Alle lesen sie, aber nur die ganz Mutigen geben zu, dass sie sie gut finden.» Der Laudator lacht ein bisschen teuflisch, denn diese Provokation zieht Buhrufe und Pfiffe nach sich. 

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Die kommen Köppel ganz gelegen und er greift die Vorlage genüsslich auf. «Früher hat es noch Rockstars gebraucht, damit im Hallenstadion gepfiffen wird. Heute ist das schon bei Journalisten der Fall.» Aha, er ist also noch kein Politiker, so wie ich das verstehe. Und das T-Shirt sieht auch nicht 34 Jahre alt aus, sondern ziemlich neu. Egal!

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Köppels damaliger Konzertbesuch entpuppte sich als «grossartig», mit «unglaublicher Energie und Kraft», mit «Ernst» mit «extremer Konzentration» sei Krokus zu Werke gegangen. Er zitiert einen «früheren amerikanischen Schwimm-Olympiasieger», er attestiert der Band «schweizerische Qualitäten» wie «Gradlinigkeit, Ehrlichkeit und auch die Einfachheit, die nicht Banalität ist». 

Das «Unschweizerische» seien dagegen der «Dampf, der Drive und der Wille». Es wird unruhiger im Saal.

«Mach fürschi!!!»

Eine Dame schreit ins Hallenstadion hinein, im TV hört man davon nichts.

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bild: srf

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bild: srf

«Ich hab' dann im weiteren Verlauf die Band nicht mehr so verfolgt.» Erst Reto Caduffs Film («Krokus – as Long as We Live») habe ihm vor Augen geführt, was die Musiker in vier Jahrzehnten durchgemacht hätten. Die Solothurner hätten «fast ihren eigenen Untergang überlebt» und nun gar den «Draht zur jungen Generation gefunden». Was meint der Zürcher damit schon wieder?

«Rihanna trägt wie ich euer T-Shirt.»

Roger Köppel 

Es ist wohl der Tropfen, der das Fass im Zürcher Hallenstadion zum Überlaufen bringt. Die Zuschauer fangen einfach an zu klatschen, um den Redner zu übertönen. Als dessen Mikro aufgedreht wird, schwillt auch der Applaus mit an. 

«Ich bin extrem stolz, dass ich euch den Outstanding Achievement Award verleihen darf ...» Das Klatschen wird noch lauter. «Bitte eine Standing Ovation für ... Krokus»

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bild: srf

Roger Koeppel, Mitte, uebergibt Chris von Rohr der Band Krokus den Swiss Music Award in der Kategorie Outstanding Achievement Award an den Swiss Music Awards im Hallenstadion am Freitag, 27. Februar 2015, in Zureich. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Bild: KEYSTONE

Die Band steigt aus dem Saal unter tosendem Applaus die Bühne hoch. Die Begrüssung mit dem Laudator ist, sagen wir, verhalten.

Chris von Rohr tritt ans Mikrofon. Er sagt: 

«Merci, Roger... Das isch e herte ... e herte Mocke gsi.» 

Womit diese merkwürdige Szene ihr Ende nimmt.

Nur eines noch: Köppel hatte Krokus zugerufen, er trage wie Rihanna deren T-Shirt. Rihanna hätte aber gewiss den Anstand gehabt, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen, wenn sie einen Kollegen für dessen Lebenswerk ehrt. 

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