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Lavinia Wilson entdeckt die Würmer. Bild: screenshot youtube/diefilmfabrik

«Schossgebete»-Verfilmung

Der Penis kann sprechen, aber leider hat er nicht wirklich etwas zu sagen

Lavinia Wilson und Jürgen Vogel als Klassenbeste in Sachen Sex: In «Schossgebete» rammeln sie sich für eine Art Stellungs-Best-of der Romanvorlage von Charlotte Roche durch die sterilen Kulissen.

christian buss

Ein Artikel von

Spiegel Online

Ihr Mann hat viel Geld. Und er hat einen grossen Penis. So erklärt es uns die junge Frau jedenfalls in aller Offenherzigkeit aus dem Off. Reichtum und Sex, was will man mehr. Glücklich ist das Leben der weiblichen Hauptfigur in dem Film «Schossgebete» trotzdem nicht. Der angeheiratete Penis kann am Anfang der Geschichte nicht wirklich zum Einsatz kommen, da Fadenwürmer in der Familie grassieren – Übertragungen nicht ausgeschlossen. Und der angeheiratete Reichtum kann nicht genossen werden, da die junge Frau ein Trauma aufzuarbeiten hat. Was bleibt, ist pure Wohlstandstristesse.

Damit liefert die Verfilmung von «Schossgebete» das genaue Gegenteil von dem, was die Qualität von Charlotte Roches Buchvorlage ausmacht.

Im Roman verarbeitete die Fernsehmoderatorin und Anti-Hygiene-Abenteurerin Roche 2011 den Unfalltod ihrer Geschwister und die eigene Lust am Schmutz. Literatur als Therapie, selbstmitleidig bis an die Schmerzgrenze zwar, aber auch selbstzerfleischend ehrlich in der Spiegelung von Zwängen und Rollenzuschreibungen.

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Die neurotische Hauptdarstellerin. Bild: screenshot youtube/diefilmfabrik

Sex ist hier immer ein Motor der Selbstvergewisserung. Beim Austausch der Körperflüssigkeiten kommt es zu interessanten Gedanken über den von Frauenzeitschriften angefeuerten Selbstoptimierungsterror, dem sich Frauen heute aussetzen. Einerseits sollen sie im Bett mit ausgefallenem Sex den absoluten Kontrollverlust anpeilen, andererseits darf das Essen für die Kinder nur aus streng kontrolliert ökologischem Anbau stammen.

Schossgebete 

Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Oliver Berben
Buch: Charlotte Roche
Darsteller: Lavinia Wilson, Jürgen Vogel, Juliane Köhler, Anna Stieblich, Robert Gwisdek, Paulette Pollmann Produktion: Constantin Film Produktion, Little Shark Entertainment
Verleih: Constantin Film
Länge: 93 Minuten
FSK: Ab 16 Jahren
Start in der Schweiz: 18. September 2014

Im Roman geht es los mit einem über 20 Seiten beschriebenen Blowjob, bei dem die Ich-Erzählerin lustvoll in einem inneren Monolog über die Widersprüchlichkeiten ihres Lebens sinniert, im Film aber plappert sie sich und das Publikum erst mal auf der Couch ihrer Therapeutin in den Schlaf. Wo sich das Buch um Ratio und Fellatio dreht, da wird in der Kinoadaption erkenntnistechnisch Trübsal geblasen. Die Räume sind gross, hell und von allen Spurenresten menschlichen Zusammenlebens bereinigt; möglicherweise sollen sie die innere Leere der Protagonisten widerspiegeln.

Streber im Erotikshop

Das Tolle an Roches Roman war ja: Es gab bei allem Schmerz und bei allem unbewältigtem Verlust überhaupt keine innere Leere, stattdessen hochbeschleunigtes, aufschlussreiches Kopfkino. Die Extremsituation der Ich-Erzählerin diente dazu, den öde erscheinenden Alltag mitteljunger Paarbeziehungen auf seine Extreme auszuleuchten; das hat dem Werk zumindest stellenweise eine gewisse Abgründigkeit verliehen.

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Komm her, meine Schöne. Bild: screenshot Youtube/diefilmfabrik

In der Verfilmung aber laufen die Figuren, nachdem man sich mit den Fadenwürmern arrangiert hat, nun mit solch beflissener sexueller Aufgeklärtheit durchs Bild, als hätten sie die Macht-euch-mal-locker-Botschaft von Roche längst vorbildlich in ihr Leben integriert: Da wird mit betonter Unaufgeregtheit im Sexshop mit einer Verkäuferin über die richtige Grösse eines Dildos gefachsimpelt, mit der sich der Ehemann offenbar anal penetrieren will. Da wird abends beim Rotwein gemeinsam im Netz gesurft, um eine Prostituierte für einen Dreier auszusuchen. Ist doch alles ganz normal. Ist es das?

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Lavinia Wilson und Jürgen Vogel warten auf die Dritte. Bild: screenshot youtube/diefilmfabrik

Es scheint beinahe so, als hätten Produzent und Drehbuchautor Oliver Berben sowie der für seine Komödien bekannte Regisseur Sönke Wortmann («Der bewegte Mann») versucht, sämtliche Aberwitzigkeiten und Widersprüchlichkeiten aus den inneren Monologen von Roches Vorlage zu tilgen. Man hat den Eindruck, das man zwei Menschen zuguckt, die Klassenbeste im Fach Sex sein wollen.

Die armen Hauptdarsteller Lavinia Wilson und Jürgen Vogel! Sie dürfen hier nicht wirklich spielen, sondern müssen eine Art Stellungs-Best-Of aus der Roche-Vorlage abspulen. Einmal sehen wir sie, wie sie in ihren Rollen auf der Terrasse des teuren Eigenheims Geschlechtsverkehr haben, ein anderes mal gönnen sie sich in einem geschmackvoll ausgeleuchteten Bordell eben Sex mit einer südamerikanischen Prostituierten. Pikant? Brisant? Nein, die Sexszenen spielen in einem Ambiente wie für einen Diätwurst-Werbespot.

Gerade Vogel rammelt sich so rollengehorsam als Mann mit offenbar grossem Geschlecht und grossen Bedürfnissen durch die sterilen Kulissen, dass man ihn fast nicht wahrnimmt. Irgendwann stellt man dann doch noch fest: Der Penis kann ja sprechen. Schade, dass er uns wie der Film als Ganzes nichts zu sagen hat.



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