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David Lee Roth (r.), Leadsänger der Hardrockgruppe Van Halen, mochte es auf der Bühne akrobatisch. Er setzte auf Leggins. foto: Michael Ochs Archives

Leggins – warum sie einfach nicht totzukriegen sind

Vom Staubsaugen zum Catwalk – Leggins haben es weit gebracht. Nun schielen Banker auf den Stoff, der Arbeit, Sport und Spiel verwob und der Bequemlichkeit eine enge Hose gab.

Tommaso Manzin / Aargauer Zeitung



Sie müssen vor der Oper noch schnell ins Büro, um der Präsentation für morgen den letzten Schliff zu geben, und dann ab ins Power-Yoga? Oder vor der Vernissage noch rasch ins Zumba? Dann sparen Sie sich doch einfach den Garderobenwechsel.

Wie das geht? Es gibt da zwei Röhren, die zu Ihnen stehen, wenn Ihnen die Zeit davonläuft. Sozusagen Ihre persönliche Durchmesserlinie im Alltag: Leggins. Das Textil, das alle Lebensbereiche zusammenhält, der Stoff, aus dem Bequemlichkeitsträume sind.

Apropos Bequemlichkeit: die Turnschuhe? Kein Problem. Das ist ja das Schöne an Leggins: Sie passen zu allem. Und Ihnen steht alles, sobald Sie in Leggins stehen. Damit Sie mutig sein können, ohne Grenzen überschreiten zu müssen – denn für Leggins gibt es keine Grenzen. Also wieso nicht gleich extravagant ein kurzes Cocktailkleid darüber? Es ist aus Pailletten? Fantastisch. Die Mitglieder des Ensembles werden Sie auf ihrem Weg aus der Garderobe an die Premierenfeier neidisch beäugen und sich fragen, warum sie Sie nie in der Maske gesehen haben.

Zugegeben: Statt zu sagen, dass Leggins zu allem passen, könnte man ebenso gut sagen, sie passen zu nichts. Sie seien derart unpassend, dass man gar nicht mehr sagen kann, warum. Und das ist ihr Vorteil – und Ihr Vorteil.

Schwerer Start mit Peggy Bundy

Leggins also. Viele von uns kamen in den 1980er-Jahren erstmals in Sichtkontakt mit ihnen und hätten nie – nie! – gedacht, dass es diese irgendwie schmuddeligen Haushaltshilfen so weit bringen. Kam man zu Schulfreunden nach Hause, erwischte man nicht selten die eine oder andere Mutter, wie sie in Leggins staubsaugte – das einzige Anzeichen von Glamour war bestenfalls der Walkman von Sony dazu. Die Chancen waren gross, sie am nächsten Tag im selben Outfit morgens in der Migros anzutreffen.

Oder wer erinnert sich nicht an die Leoparden-Leggins von Peggy Bundy in «Eine schrecklich nette Familie»? Und dann natürlich all die Rockstars. Was wären die Föhn-Mähnen gewesen ohne rigorose Enge in der Hüfte – und doch uneingeschränkte Beinfreiheit. Die Luftsprünge von David Lee Roth im «Jump»-Video von Van Halen wären ohne Leggins nicht nur undenkbar gewesen, sondern wohl auch physikalisch unmöglich. Die «Rock and Roll Hall of Fame» wäre noch heute um einen Titel ärmer. Doch selbst in diesen Sternstunden, nie und nimmer waren sie eines: Mode. Jamais. Never.

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Leggins: Nicht nur beim Yoga angesagt. bild: shutterstock

Totgesagte leben länger

Man hat sich ja seither in so manchem getäuscht, aber doch selten so gründlich. Vor einigen Jahren feierten Leggins ein Comeback. Die erste Reaktion all jener, die sie hatten vergessen wollen: leugnen. Wer ihr schleichendes «reclaim the Streets» etwas ungläubig vor sich ablaufen sah, versuchte, sich schmunzelnd an das zu erinnern, was der Modepapst unserer Kindheit – die Mutter – stets sagte: Alles kommt mal wieder, du wirst sehen. Doch wetten, dass, noch während wir bei diesem Gedanken kopfschüttelnd lächelten, ein Teenie in Leggins vorbeischlich?

Was für Zombies gilt, gilt also auch für Leggins: Manchmal kehren sie wieder. Totgesagte leben eben doch länger – und Untote offenbar erst recht. Denn als «untötig» haben sie sich nun wirklich erwiesen, die Leggins. Spätestens 2013 marschierten sie an der Wall Street ein. Nein, die Banker in den Investmentbanken New Yorks tragen sie (noch) nicht. Aber sie kaufen Aktien ihrer Hersteller.

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Rockstars wie Van Halen mochten es in den 80er-Jahren hauteng. Video: YouTube/VHTelevision

Hoch im Kurs waren Leggins, lange bevor man an Börsen in sie investieren konnte. Der Begriff stammt vom englischen Wort für Bein: Leg. Leggins waren ursprünglich Gamaschen oder – und wer sie hasst, dürfte sich gerächt fühlen – Strampelhosen. Leggins kamen in verschiedenen Formen in Nordamerika, Asien und Europa vor. Aus Wildleder gefertigt wurden sie von verschiedenen Stämmen Nordamerikas getragen. Davon liessen sich später Fallensteller und Cowboys inspirieren. Letztere trugen Beinkleider namens Chaps, die beim Reiten die Hosen vor Verschleiss schützten. Heute werden als Leggins generell hautenge Hosen aus Leder, Baumwolle, Viskose, Elastan, Lycra oder Nylon bezeichnet.

Strampelhose und Rockstarpose

Den Durchbruch schafften sie im späten 20. Jahrhundert mit der aufkommenden Freizeit- und Sport-Manie: Gymnastik, Radfahren, Bodybuilding, Aerobic – alle setzten auf den anatomischen, meist farbenfrohen Dress. In den bei vielen – auch bei heutigen Funktionalkleider-Fans – für ästhetische Fehltritte berüchtigten 1980er-Jahren wurden Leggins dann als Freizeitkleidung beliebt. Je leuchtender, glitzernder und bunter, desto beliebter. Seit etwa 2006 werden sie kombiniert mit Röcken oder Hotpants.

Der elastangefederte Marsch der Leggins durch den Alltag hat etwas von einer kleinen Kulturrevolution: Leggins brachten jene auf der eigenen Haut spürbare Dehnbarkeit und Flexibilität, die zur Aufweichung der Alltagsgrenzen nötig war. Sie gaben dem Abbau falscher Hemmungen zwischen Couch und Job, Spleen und Sport eine Uniform – eine Form überhaupt: eine enge Hose. Was neue Arbeitsmodelle wie Home Office erst versprechen, haben Leggins längst ins gesellschaftliche Gewebe eingewirkt: Die Ausdehnung der Freizeit in die Arbeit, und sei es nur als Gefühl. Das Gefühl, jederzeit vom Bildschirm aufspringen zu können – in Rockstarpose und Strampelhose.

Jetzt noch in die Hosen?

Wer «Athleisure» 2013 für einen kurzlebigen Hype hielt, wird drei Jahre danach eines Besseren belehrt: Nachdem sich Athleisure 2015 zum Trend des Jahres mauserte, machte die Fashion Week in London jüngst deutlich, dass der Look der Liebling von Designern und Verbrauchern bleibt.

Scilla Huang Sun, Managerin des JB Luxury Brands Fund bei GAM, einem führenden Vermögensverwalter, kommentiert die Auswirkungen des Dauerbrenners. «Athleisure» umfasse sportliche Alltagskleidung, die zugleich bequem und stylish sei. Funktionale Stretch-Stoffe ermöglichten den nahtlosen Gang vom Fitnessstudio direkt ins Geschäftsleitungs-Meeting und danach in die Saftbar, erklärt sie. Modelabels hätten erkannt, sich nicht länger auf ein Segment wie Businesskleidung, Abendgarderobe oder Sportswear festlegen zu müssen. «Der Look fürs Leben ist gefragt», sagt die Luxus-Expertin.

Modeketten schlagen Profit aus dem Trend – etwa H&M mit Designer-Kooperationen: Die Kunden stehen Schlange, um limitierte Kollektionen von Isabel Marant und Karl Lagerfeld zu ergattern. Im Fitnessstudio chic auszusehen sei schön und gut, in Lifestyle zu investieren jedoch etwas völlig anderes, mahnt Huang Sun. Sie rät, die harten Fakten zu analysieren. Marktführer würden diejenigen Labels sein, die konstant bahnbrechende Innovationen bieten. 

Lieber Leggins als eines dieser 26 T-Shirts ...

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