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Screenshot vom «Anomalia»-Dreh mit Natacha Régnier. Bild: rts/Pierre Monnard

Die Romandie macht TV-Serien wie wild. Wir besuchten den Dreh von «Anomalia». Und das wird so gruselig wie «The Shining» und «Rosemary's Baby» zusammen



In dem offenen Regal liegen Spritzen und Nadeln, alle in 100er-Packungen, dazu «chirurgisches Nahtmaterial», Latex-Handschuhe, Kompressen. Ein Paradies für Junkies. Oder makabrere Seelen. Patientenakten liegen herum. In der Akte von Madame Baerswyl findet sich zuoberst ein handgeschriebener Zettel: «La femme aux cheveux roux a besoin de vous.» Die Frau mit den roten Haaren braucht Sie. Darunter ein anderer Zettel, gleiche Botschaft, andere Schrift. 

Draussen legt sich die Dämmerung über den Hügel mit der alten Klinik. In einem Treppenhaus blühen schwarze Schimmelrosen. Im Foyer sitzt ein bleicher Junge am Klavier und sieht aus wie der böse Kinderkönig aus «Game of Thrones». Er ist ein Gespenst. Im grossen Zimmer mit der halbrunden Fensterfront liegt ein Kind mit Kopfverband und Atemgerät. Eine blonde Frau beugt sich weinend über den kaputten Kopf. 

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Spitalflur im Scheinwerferlicht. Bild: RTS/ Laurent Bleuze

Die Frau gleicht Diane Kruger, ist aber Natacha Régnier, ist Belgierin und gewann 1998 in Cannes den Preis als beste Hauptdarstellerin in «La vie revée des anges». Jetzt arbeitet sie fürs welsche Fernsehen, also für RTS, und spielt in der ersten Schweizer Mystery-Serie eine Ärztin mit Superkräften. Eine hyperakademische Hirnchirurgin, die heilende Kräfte besitzt. Und deren Urahnin im Mittelalter als Hexe verfolgt wurde. Heiler sind ein Thema, das im Welschland Tradition hat: Ganz normale Spitäler führen auch heute Listen mit Heilern.

«Anomalia» heisst die Serie, gedreht wird bis Ende April im leerstehenden alten Sanatorium Le Rosaire bei Gruyère. Das passt, denn in Gruyère suchte sich schliesslich der Mysterien-Meister H.R. Giger seine zweite Heimat. Gedreht wird auch in einem Kloster oberhalb von Bulle. Und in den Grottes de Vallorbe. Gerade hat die Crew ein paar Tage in einer Grotte hinter sich und ist immer noch durchgefroren, aber die Heizungen in Le Rosaire sind aus, sie würden mit ihrem Lärm die Dreharbeiten stören. 

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Le Rosaire in seiner ganzen Pracht. Bild: RTS/ Laurent Bleuze

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Regisseur Pierre Monnard erklärt Donovan, wie er ein Gespenst zu spielen hat. Bild: RTS/ Laurent Bleuze

Der Regisseur von «Anomaila» ist Pierre Monnard, 39, er lebt in Zürich und zeigt aufgeregt Babyfotos: «Zwei Tage vor Drehbeginn ist mein Sohn Jules zur Welt gekommen!» Also am 24. Januar. Seit da lebt die Crew in Le Rosaire. 

«‹Anomalia›», sagte Monnard bei einem früheren Treffen, «soll eine Mischung werden aus Lars von Triers Spitalserie ‹The Kingdom›, dem Vampirfilm ‹Let the Right One in›, ‹Rosemary’s Baby›, ‹The Shining› und ‹The Sixth Sense› – ah non, das darf ich nicht sagen, das sind alles Meisterwerke!» Und, ist er bis jetzt zufrieden? Ist er. 

Monnard hat den britischen Kameramann Darran Bragg mitgebracht. Die beiden haben schon oft zusammen gedreht, Monnards Spielfilm «Recycling Lily» über einen Mülldetektiv (Bruno Cathomas) und eine Messie-Beauty (Johanna Bantzer), eine Ordungs-Orgie in der Farbe Pink und dem Wirtschaftswunder-Style der Fünfziger. Oder den international vielfach preisgekrönten Kurzfilm «Swapped»: Britische Monsterkinder wenden den Begriff der Tauschwirtschaft nicht nur auf Dinge, sondern auch auf Eltern an.

Impressionen aus Le Rosaire

Monnard und Bragg haben Stil. Und Visionen. Und sie sind Farbfetischisten. Besessene Ästheten. Ganze Räume haben sie in Le Rosaire in Lila- und Violett-Tönen streichen lassen. Das sieht vor Ort einigermassen entsetzlich aus. Doch dann blickt man durch Braggs Kamera, und siehe da: Aus den Krokusfarben werden seltsam satte Grau- und Blautöne. Dazu noch etwas unheimlicher Nebel: Die Stimmung stimmt.

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Szenenbilder aus den Grottes de Vallorbe.  Bild: rts/Pierre Monnard

Die Schweizer Filmpreisträgerin Pilar Anguita MacKay hat das Drehbuch zu «Anomalia» geschrieben, es ist eine Mischung zwischen Spital-Mystery und Mittelalter-Fantasy, zwei Frauen, zwei Kinder, zwei Zeiten, Zweideutigkeiten, und alles durchdringt sich gegenseitig in einer «Spirale der Rache». Monnard verspricht, die Serie werde: «Atmosphärisch, spooky, dunkel, strange, ab und zu ein bisschen Blut, aber mehr Psychohorror als Terror.»

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bild: rts/pierre monnard

Wenn alles gut geht, dann hat «Anomalia» beste Chancen, vielmehr zu werden als bloss eine Schweizer TV-Serie. Zum Beispiel das neue «Les Revenants», die französische Meta-Zombie-Serie von 2012 (mit einem Drehbuchautor aus der Romandie). Gerade läuft das amerikanische Remake unter dem Titel «The Returned» auf Netflix

Aber zuvor muss das Team noch einen Monat in der kalten alten Klinik ausharren. Und irgendwann in diesem Jahr, wenn der Sommer schon wieder vorbei sein wird und sich die schweren Wolken und der Nebel über Le Rosaire guten Tag sagen, wird es auf RTS 1 am Samstagabend um 20.10 Uhr so weit sein, und Natacha Régnier wird Todkranke und Selbstmörder wieder ins Leben zurück bugsieren. Auf Französisch versteht sich. Eine Sprache, so schön wie der Blick aus dem Saalrund von Le Rosaire.

Die Serienmanie der Romandie

RTS dreht seit 2008 wie verrückt Serien. Drei-, viermal so viele wie SRF, obwohl in der Romandie nur ein Viertel aller Schweizer leben. Aber 2008 beschloss RTS die fürs Welschland fruchtlose Koproduktion von Fernsehfilmen mit Frankreich aufzugeben, und alles Geld in Serien zu investieren. Das Knowhow dazu haben sie sich bei den Kanadiern und bei den Dänen geholt.

Die Zusammenarbeit mit den Dänen ist heute gar schon gut zwanzig Jahre alt, der Produzent Ingolf Gabolt, der für «Borgen», «The Bridge» und «Kommissarin Sarah Lund» verantwortlich ist, macht regelmässig Sendekritik für RTS. Und im französischsprachigen Raum sind die Serien aus der Romandie derart anerkannt, dass sich momentan die Belgier in Genf in der Serien-Nachhilfe befinden. Das Budget entspricht ungefähr dem, was SRF für den «Bestatter» aufwendet: Zwischen 10'000 (RTS) und 12'000 (SRF) Franken pro Minute. 

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