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Podlatchikov vor dem grossen Erfolg?

Der iPod will mit dem Yolo-Flip in den Kosmos entschweben

Der Zürcher Iouri Podladtchikov will im Land seiner Eltern den atemberaubenden Höhenflug von Shaun White stoppen. Wenn der Cab Double Cork 1440 sitzt – sein berühmter Yolo-Flip – kann er die unbesiegbar scheinende Snowboard-Ikone attackieren.



Snowboard, Halfpipe Männer

Qualifikation 11 Uhr, Final 18.30 Uhr.
Schweizer Starter: Iouri Podlatchikov, Christian Haller, Jan Scherrer, David Hablützel.

Vancouver 2010, milchiges Flutlicht und unangenehmer Nieselregen, abruptes Ende eines Traums. «Wenigstens habe ich der Welt ein paar schöne Double Corks gezeigt.» Die Ledermedaille, der Platz des ersten Verlierers, ein Spruch zwischen grenzenloser Enttäuschung und humorvoller Selbstironie. Dann die Flucht, der totale Rückzug und die Ratlosigkeit: Was nun? Podladtchikov erinnert sich an jedes Detail jener kanadischen Mission, die für ihn schon unvorteilhaft begann: «Ich stürzte bereits beim ersten Drop-in. So will man in keiner Pipe der Welt einen ersten Trainingstag beginnen.»

Es ist viel passiert seit dann. Der beste Schweizer Snowboarder erfand sich nahezu neu. Podladtchikov durchleuchtete jeden Bereich, analysierte nächtelang, entwarf und verwarf Pläne, gewann in Abwesenheit von Shaun White zwei WM-Titel, wechselte den Hauptsponsor, organisierte seinen Stab neu, optimierte die Abläufe. Zur Stärkung seiner Athletik beschritt er unkonventionelle Wege. Spezialisten stiessen zum Team. In einer eigens gemieteten Fabrikhalle entstand ein zusätzliches Trainingszentrum – mit einem XXL-Trampolin und einer Skateboard-Halfpipe.

Die Première: erstmals steht iPod den Yolo-Flip in einem Wettkampf. Video: Youtube/X Games

Der Yolo-Flip

Die NZZ hat Iouri Podlatchikov vor den Olympischen Spiel ein ausführliches, interaktives Portrait gewidmet. In diesem wird auch sein Yolo-Flip Schritt für Schritt erklärt. Hier gehts zum Artikel.

Bereit für den grossen Flug

«Wir haben das Budget ausgereizt und gingen an die Schmerzgrenze, ohne sich dabei aber wehzutun wie etwa White», sagt Marco Bruni vier Tage vor dem finalen Showdown in Rosa Chutor. Ein paar Meter daneben doziert Podladtchikov. Alle Reporter interessieren sich nur für ihn. Im Zentrum gefällt es dem eloquenten Gesprächspartner. Er denkt, er habe sich verdient so positioniert. «Ich stehe heute da und bin einer der konstantesten Snowboarder auf diesem Berg – und zwar seit Jahren. Das heisst etwas.»

Shaun White hat er im Fokus, jahrelang bereits, ein paar andere «Spielverderber» (Bruni) auch noch. Aber im Prinzip wehrt sich Podladtchikov nicht dagegen, dass der Kampf um die begehrteste Goldmedaille im Snowboardsport inzwischen längst auf ein 1:1-Duell reduziert worden ist. Das mediale Spiel kommt ihm gelegen. Er verheimlicht sein immenses Selbstbewusstsein nicht, Podladtchikov ist für den grossen Flug bereit. «Die Leute schauen mir nicht zu, weil ich aus Russland stamme. Das sollte ein Statement sein.»

Wer gewinnt Gold in der Halfpipe?

Abschottung und Party im eigenen Haus

«Sochi, here I come», twitterte er am Tag der Ankunft – und veröffentlichte ein Eigenporträt mit dem Olympia-Slogan im Hintergrund: «Hot. Cool. Yours.» Die Message ist angekommen. Kein anderer Schweizer Sportler pflegt eine tiefgründigere Beziehung zum Land des Veranstalters als der 25-jährige Stadtzürcher. Der neben Shaun White spektakulärste Freestyler ist ein Kind Russlands. Der gebürtige Moskauer spricht immer wieder bewusst vom «Heimspiel» in Sotschi.

Die Rückkehr ins Land der Eltern zelebriert er. Das eigene Haus ausserhalb der offiziellen Teamunterkunft soll ein Ort der Begegnung sein – für seine Freunde, für die Familie – und eine ganz private Oase, ein Platz zur Besinnung, eine Quelle der Energie. Abschottung soll möglich sein, wenn er die letzten Details der Strategie mit seinem engen Vertrauten Bruni austauschen will. Subtile Kontrolle und eine angenehme Atmosphäre sind ihm gleichsam wichtig.

Bild

«Sochi, here I come!» Bild: Instagram/iouripodlatchikov

Das Drehbuch stimmt perfekt

So hielt er es schon während der gesamten Saison. Immer wieder schuf sich Podladtchikov Freiräume, genehmigte sich Pausen, wenn er wieder spürte, «dass ich zu viel gemacht habe und bei Checks einen Vitamin-D-Mangel feststellte». Das temporäre Stillstehen ausserhalb der Pipe und der Trainingshalle empfand er während der minutiösen Vorbereitung auf den wichtigsten Contest seiner Karriere «als Schlüssel für alles. Ich versuche jeden Tag irgendetwas zu tun, das nur der Regeneration dient, das nur Heilung ist.»

Glaubt man den Beteiligten, stimmt das Drehbuch perfekt. Die Zurückhaltung auf der Tour sei geplant gewesen, der Fakt, nur in Laax (ohne japanische und amerikanische Beteiligung) gewonnen zu haben, sei angesichts des erhöhten Trainingspensums zu relativieren. «Er musste egoistisch sein und Prioritäten setzen, weil am Ende nur das ganze Bild zählt», erklärt Bruni und betont, dass drei «sehr gute» Trainingstage in Aspen womöglich mehr wert gewesen seien als ein Top-Ergebnis bei den X-Games.

epa04065310 Shaun White of USA in action during the offical training snowboard halfpipe at Rosa Khutor Extreme Park at the Sochi 2014 Olympic Games, Krasnaya Polyana, Russia, 09 February 2014.  EPA/JENS BUETTNER

Hat Shaun White einen Trick auf Lager, von dem niemand weiss? Bild: EPA

Die weiteren Favoriten

Für eine Topklassierung kommen auch Greb Bretz, Danny Davis (beide USA) und das japanische Wunderkind Ayumu Hirano (15) in Frage. Auf dem Olympia-Radar taucht womöglich auch Christian Haller auf. Der langjährige Trainingspartner von Iouri Podladtchikov überzeugte in diesem Winter an fast allen Contests. «Bei Hitsch weiss man nie», traut ihm Freestylecoach Pepe Regazzi einiges zu. (si)

«White Enterprise» aus der Umlaufbahn verdrängen

«Wir begingen keine Dummheiten. Iouri betreibt generell ein anderes Risikomanagement als Shaun. Ihn würde es verunsichern, wenn er zurückstecken würde.» Im Lager Podladtchikovs haben sie die unüblichen Flugturbulenzen des amerikanischen Superstars White selbstredend registriert, der nach mehreren schweren Crashes angeschlagen ist und auf den Slopestyle verzichtete. «Sein Pensum war zu gross. Das könnte das entscheidende Prozent zu unseren Gunsten sein.»

White liess sich derweil in einem Astronautenanzug ablichten und forderte seine 1,3 Millionen Follower zum virtuellen Support auf: «Wünscht mir Glück!» Der bekannteste Wintersportler der Welt will vorerst nicht auf dem Mond landen, aber zum dritten Mal in Serie auf dem Olymp. Podladtchikov, nach dem Namen des russischen Kosmonauten Juri Gagarin benannt, hingegen wird alles daran setzen, das Raumschiff «White Enterprise» aus der Umlaufbahn verdrängen.

Bisher hat der Schweizer alle Duelle gegen White verloren. Nun erhält er wohl die ultimative Chance, ihn im wichtigsten Wettbewerb zu besiegen. Der Countdown ist abgelaufen, die Vorbereitung zu Ende, das Versteckspiel ist fertig, das Taktieren passé, die Wahrheit kommt zum Vorschein. Weltmeister vs. Doppel-Olympiasieger. Oder zweimal YOLO bitte. «You only live once» – so heisst die magische Trickerrungenschaft der Nummer2. Ein doppelter Salto, vierfach gedreht. Nur James Bond lebte zweimal. (si)

Gold medalist Iouri Podladtchikov, of Switzerland, celebrates his world championship title during the men's halfpipe event on Sunday, Jan. 20, 2013, at the FIS Snowboard World Championship in Stoneham, Quebec. (AP Photo/The Canadian Press, Jacques Boissinot)

An der WM 2013 klappte es mit Gold in der Halfpipe. Kann Podlatchikov seinen Triumph in Sotschi wiederholen? Bild: AP

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