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Ray Cokes war der «King of MTV». Im Interview redet der Brite offen über den Absturz, die Drogen und seine Depressionen



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Ray Cokes' Autobiographie «My Most Wanted Life» ist im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen.

Wenn Ray Cokes selber sagt, er sei einst der «König von MTV» gewesen, hat der Mann recht: Der englische Moderator setzte in den 90ern Massstäbe und wurde der Held einer Generation. Dann der Absturz 1996: Vor einer Live-Show auf der Hamburger Reeperbahn werden die Toten Hosen als Live-Act angekündigt, obwohl nur vorgesehen war, ein Video abzuspielen. Andere Künstler sagten ihren Auftritt ebenfalls ab.

Der Live-Ausraster 1996 in Hamburg

Cokes beschreibt die Szene im Buch so: «Meine erste Anmoderation [...] wurde vom lauten, spöttischen Grölen einer grossen Menge betrunkener Punks begrüsst. Die feindliche Atmosphäre war bereits spürbar. [...] Aber während unzählige Bierduschen und Rotzattacken auf uns niedergingen, gab ich mein Bestes, um weiterhin freundlich zu lächeln.» Schliesslich kam es im Publikum zu Schlägereien, einige Besucher wollten den Übertragungswagen kippen. Vor dem letzten Gig wird Cokes Kollegin von einer Flasche getroffen – gefüllt mit Urin. 

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Ray Cokes in den 90ern – so sahen früher TV-Könige aus. screenshot: youtube

Cokes übernahm die letzte Anmoderation auf der verregneten Reeperbahn. Er hatte bei seinen Bossen zuvor vor einer derartigen Situation gewarnt und sagte: «Ich wollte nie hier sein und ich nehme es euch nicht übel, wenn ihr enttäuscht und wütend seid. Ich gebe den Scheisskerlen von MTV in London die Schuld, die mich hierzu gezwungen haben.» Seine Reaktion ist nicht unverständlich, doch sie kostet ihn den Job

Der Untergang

Erst wartete Cokes auf neue Angebote, dann merkte er, dass er bei Castings immer in der letzten Runde ausscheidet. Er kriegt beruflich kein Bein mehr auf den Boden. Schliesslich ging der Man nach Frankreich, um seine Karriere dort wieder zum Laufen zu bringen. Doch statt Erfolg blieb ihm bloss die Erkenntnis, dass ihn seine Frau betrügt. Und Depressionen. Und Online-Sexsucht.

In Belgien fand der heute 57-Jährige eine neue Liebe – und seine Ruhe wieder. Er sitzt als Juror in der Jury der nationalen «Got Talent»-Ausgabe und hat seinen persönlichen Untergang in einem Buch verarbeitet: «My Most Wanted Life». Vor seinem Auftritt in Zürich beim M4Music-Festival und einer Lesung im Kaufleuten am 28. März sprach ich lange mit dem Briten, der so unglaublich sympathisch und authentisch wirkte wie damals vor 20, 25 Jahren, als ich ihn als Teenager im TV bewundert habe.

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Wenn das Mutti liest ... bild: twitter/raycokes

watson: Hat Ihre Mutter eigentlich das Buch gelesen? Es enthält ja einige pikante Details ...
Ich glaube, sie nicht, aber mein Vater hat es gelesen. Ich war auf Promo-Tour in Deutschland und hatte am Morgen eine Mail bekommen. Ich war schon früh auf, was ungewöhnlich ist, weil ich beim Frühstücksfernsehen eingeladen war. Der Betreff war: «Dein Buch». Ich dachte nur: «Oh nein, du hast es wirklich gelesen.» Deine Eltern kennen dich ja nicht wirklich. Klar bist du ihr Sohn, aber sie wissen halt nicht alles. Oder gar nichts. 

Und wie hat er es aufgenommen?
Er schrieb: «Ich habe dein Buch gelesen. Ich finde es sehr unterhaltsam und gut geschrieben. Gut gemacht, Sohn.» Er hatte mich immer gefragt, wann das Buch rauskommt und ich sagte ihm, er würde kein Exemplar kriegen. Er ist natürlich auf Amazon gegangen und hat sich eines gekauft. Ich sagte zu ihm: «Dad, du sollst es nicht lesen.» Er sagte: «Ich habe es gelesen und ich mochte es. Aber du hast Glück gehabt, dass ich damals nichts davon wusste. Ich wäre mit einer Shotgun bei dir vorbeigekommen.»

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«Most Wanted» 1994: Ray Cokes ruft seinen Vater an. video: youtube/Ania i Sławek M.

Sie waren Star und Aushängeschild von MTV und der Sendung «Most Wanted». Warum konnte trotz des grossen Erfolgs ein Ausraster 1996 – neben Gerüchten über eine Drogensucht – Ihre Karriere komplett zerstören?
Das habe ich mich auch immer gefragt. Es ist nicht fair, dass du für fünf oder zehn Minuten beurteilt wirst und nicht für zehn Jahre deiner Arbeit. Aber so ist dieses Geschäft. Leute erinnern sich eher an die Misserfolge als an die Erfolge. Aber das Schreiben des Buches war therapeutisch für mich und ich habe meinen Frieden gemacht. 

Sie wurden auf der Bühne in Hamburg damals von den Zuschauern übel angegangen.
Ich habe den Regisseur der Show viele Jahre später getroffen und habe ihn gefragt: «Waren die Umstände wirklich so schlimm, wie ich dachte?» Er sagte: «Nein, es war schlimmer, als du dachtest.» Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Ich war auch sauer auf MTV, aber heute denke ich: Sie haben mir die Waffe gegeben – und ich habe mir den Kopf weggeblasen.

Es wurde  auch geschrieben, Sie hätten die Medien falsch informiert.
Das war mein Fehler. Ich hätte gern erklärt, warum ich gehen musste und hatte viele Anfragen von der Presse, die ganze Zeit! Aber ich dachte, es würde mich schlecht aussehen lassen, wenn ich etwas sage. Also hielt ich mich zurück.

Was hat den Erfolg der Sendung «Most Wanted» ausgemacht?
Plötzlich hat jemand in Deutschland dasselbe gesehen wie in England. Dieselbe kulturelle Referenz. Du bist ein Teenager, der verloren ist, seinen Stamm sucht und weiss, dass es in anderen europäischen Ländern Leute gibt, die dieselbe Musik hören und genau so sind wie du. Das habe ich am meisten an Most Wanted gemocht und ich glaube, vielen anderen ging es auch so. Wir hatten ja auch noch die Telefonanrufe: Gerade redest du mit jemandem aus Schweden, dann sprichst du mit jemandem aus Deutschland, dann mit einem aus Israel

Dann wurde der Niedergang von MTV eingeleitet.
Als sich MTV entschied, den Sender in MTV UK oder MTV Switzerland, aufzuteilen, sagte ich zu den Bossen, dass das ein grosser Fehler sei. Klar, es hatte finanzielle Gründe, aber die Leute wollten ein grosser europäischer Club sein. Die Bosse aber sagten, sie wollten nationale Identität. Ich wiederum wollte nicht nur in Grossbritannien senden und mir wurde auch versprochen, dass Most Wanted ein europäisches Format bleibt.

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Kleine Kunstwerke: «Station IDs» aus besseren MTV-Tagen. video: youtube/elyonatandavid

Früher war MTV mal sehr kreativ und kunstvoll. Wann kippte das?
Als die Aktionäre unruhig wurden, übernahmen – wie auch in der Musikindustrie – die Buchhalter den Job der Kreativen. Die wundervollen Animationen wurden mit Klingelton-Werbung für Handys ersetzt. Dabei hat sich der Sender verloren. Ich kann nicht verstehen, wie so eine wichtige Marke 15 Jahre alles richtig machen und dann völlig vom Kurs abkommen kann. Ich denke, es liegt am Geld. Wenn die Musikindustrie wie auch MTV angemessen auf das Internet reagiert hätten, wären sie immer noch mächtig. MTV könnte iTunes oder Spotify sein.

«Lange galt MTV als der ‹alternative Musiksender›, aber in Wahrheit stand immer schon ein grosser Konzern dahinter, der Aktionären in den USA gehört – versteckt hinter einer ‹Rock'nRoll›-Attitüde. »

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screenshot: youtube

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Ray Cokes im Schüleralter. bild: schwarzkopf & schwarzkopf verlag

Haben Sie eigentlich auch das Gefühl, dass Ihre Art zu moderieren heute überall imitiert wird?
Man kann ja nicht sagen, dass ich das alles erfunden habe, aber es ist Fakt, dass die meisten Sender uns kopiert und Millionen damit gemacht haben. Nehmen Sie Stefan Raab, er hat alles nachgemacht. Aber Imitation ist ja auch eine Schmeichelei. Ich habe tatsächlich Leute beeinflusst, und darauf bin ich stolz. Mich nervt nur, dass andere Geld damit machen und ich nicht. Wenn ich mehr Geschäftsmann wäre, müsste ich mir mit bald 60 keine Sorgen mehr um Geld machen.

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Ein Blick zurück: Szenen aus «Most Wanted» von 1994. video: youtube/arctic175

Haben Sie in ihrer Zeit bei MTV viele Freunde gemacht?
Immer wenn ich irgendwo gebucht werde, stellen sich die Leute vor, ich hätte so ein kleines, schwarzes Buch mit den Adressen und Nummern der Stars. Aber das hat man nicht. Nun, ich nicht. Ich weiss nicht, wie es bei anderen ist. Ich bin sehr real, ich bin kein Fake, ich spiele nicht vor, jemand anderes zu sein. Ich lecke keinen Arsch, weil ich es muss. Deshalb habe ich nur wenige Freunde gemacht. Dass es nicht mehr Leute wie Robert Smith gibt, liegt vielleicht daran, dass die Promis immer noch denken: «Er kommt von den Medien. Sei vorsichtig.» Wenn du eine Party mit 1000 Leuten hast und zwei sind prominent, endet es damit, dass die beiden Prominenten miteinander reden und mit niemandem sonst.  

Was hat sich verändert, nachdem Sie 1996 entlassen wurden?
Ich war in Amerika. In Hollywood, als ich darüber nachdachte, nach Los Angeles zu gehen. Ich habe John Stewart von der Daily Show getroffen und wurde in eine lange Reihe von Leuten gestellt. Eine Freundin von mir kannte ihn. Sie sagte: «Hey John, das ist Ray Cokes. Er ist von MTV.» Und John sagte: «Oh wirklich?», und schüttelte meine Hand. Sie sagte: «Ja, er war mal bei MTV.» Und sobald sie das gesagt hatte, ging er zur nächsten Person. Es gibt nur wenige besondere Leute wie Damon [Albarn] und Robert [Smith], die ich liebe.

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Nah an die Linse herantreten und mit Kameramann oder anderen Kollegen reden: Ray Cokes hat das als Erster gemacht. Heute ist das Standard. video: youtube/ardmetic

Sie schreiben, Sie hätten mit 17 erstmals Amphetamine genommen. Gab es damals zu wenig Wissen um die Risiken?
Definitiv, das war ein wichtiger Punkt. Erst wenn du älter wirst, weisst du um ihre Wirkung und wie schädlich und gefährlich sie sein können. Aber wenn du 17 bist, Punk-Musik überall ist und alle in deinem Alter es tun, denkst du nicht darüber nach. Du fragst nur: «Was ist das? Ach, das macht dich schnell und lässt dich die ganze Nacht zu Punk-Musik umherspringen? Okay, ich mach's.» Du denkst nicht an die Folgen für deinen Körper. Aus diesem Grund schicken sie ja auch junge Leute in den Krieg. Du denkst, du bist unbesiegbar und dass du nie sterben wirst. Und das ist auch meine Message. Nun ja, keine Message, ich bin kein Guru. Ich bin nur Moderator. Aber meine Message ist: Sei über Drogen aufgeklärt. Und über den Schaden, den sie anrichten können.

Und wie steht es heute mit dem Rausch?
Ich bin jetzt 56. Ich kann nicht mehr so viel Spass haben wie früher. Dein Körper macht das nicht mehr so gut mit. Ich bin ein sehr ausgeglichener Typ: Ich ernähre mich ausgewogen, trinke viel Wasser, mache Sport – aber wenn ich eine Nacht fantastischen Spass habe, brauche ich fünf Tage zur Erholung. Das ist es nicht wert. Definitiv nicht. 

Haben Sie sich an prominente Freunde gewandt, als Sie depressiv wurden?
Nein. George Michael hatte mich angerufen, weil er so schlimme Dinge über mich gehört hatte, er sagte: «Sprich nicht mit der Presse. Sie werden sagen: Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Deshalb könnten sie annehmen, dass du wirklich ein ausser Kontrolle geratener Drogenabhängiger wärst.» Aber ich konnte ohnehin nicht darüber sprechen. Wie ich geschrieben habe: Ich war gut darin, es zu verstecken. Zurückblickend weiss ich, dass ich mir hätte Hilfe suchen müssen.

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bild: schwarzkopf & schwarzkopf verlag

Warum haben Sie es nicht getan?
Am Anfang habe ich die Depression geleugnet. Ich war mal König von MTV, aber jetzt nicht mehr. Aber das ist okay, weil ich ein starker Typ bin und an mich glaube. Ich werde genug Geld verdienen, um meine Miete und mein Essen zu zahlen. Ich wurde viel eingeladen, war immer der happy Guy, habe viele lustige Geschichten erzählt. Du bist der Typ von MTV, aber das war bloss noch eine Fassade, die ich nicht aufgeben wollte. Ich habe es sogar vor meiner Frau verheimlicht. Dann öffnete ich mich nach und nach und suchte nach Hilfe, weil ich mich schämte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und war in einem fürchterlichen Zustand. Ich war depressiv, wollte es aber nicht zugeben. Wenn Leute anriefen und nach mir fragten, sagte ich, es ginge mir gut. Es ist wie beim Alkoholiker: Der erste Schritt ist, es zuzugeben.

Wie geht es Ihnen heute?
Das Buch zu beenden war ein schwieriger, manchmal schmerzhafter Prozess. Ich musste alles nochmal durchleben und ging eineinhalb Jahre in Therapie, aber kein Psychologe konnte mir helfen. Aber ich habe meine Frieden gemacht und das zweite Leben hat begonnen. 

Was auffällt, ist, dass es in Ihrer Biographie kaum Klatschgeschichten über Promis gibt.
Am Anfang gibt es natürlich diesen Druck: Wir wollen die Skandale hinter den Kulissen. Ich mag das wirklich nicht und finde es nicht fair. Ich kann über mich selbst schreiben, meine Schwächen, meine dunklen Seiten und die Exzesse, aber warum sollte ich sowas über jemanden anderes schreiben? Es ist einfach nicht anständig.

Und wie war das Feedback auf das Buch?
Als ich die ersten Fans gesehen haben, die ein Bild von sich und dem Buch getwittert haben, habe ich mich sehr gefreut und bin herumgesprungen wie ein 14-Jähriger. Dann dachte ich: «Oh, werden sie es mögen? Und was, wenn es keiner kauft?» Aber dann, dass es egal ist, ob einer oder 10’000 es lesen. Es ist mein Buch, ich habe es geschrieben und bin stolz darauf. Es ist kein kompletter Müll und Ich habe mein Bestes gegeben. Jetzt habe ich sogar ein positives Momentum durch gutes Feedback. 

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