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FILE - In this Aug. 10, 2015, file photo, Stephen Colbert participates in

Sein erster Auftritt als Talkmaster: Stephen Colbert zappelte auf der Bühne herum wie ein Tanzbär auf Speed.  
Bild: Richard Shotwell/Invision/AP/Invision

Colberts Premiere als neuer Letterman: «Jetzt bin ich nur noch ein Narzisst» 

«Stephen, Stephen, Stephen»: Mit Sprechchören wurde Letterman-Nachfolger Stephen Colbert zu seiner ersten Show begrüsst. Mit bubenhafter Begeisterung setzte er sich von seinem Vorgänger ab, doch die Premiere war durchwachsen.

Marc Pitzke, New York



Ein Artikel von

Spiegel Online

Alles neu, alles bunt, alles grell: Das US-Network CBS hat keinen Aufwand gescheut, seiner jüngsten Talk-Hoffnung die beste Bühne zu bieten. Das Ed Sullivan Theater am New Yorker Broadway, in dem sich 22 Jahre lang der legendäre David Letterman durch seine «Late Show» grantelte, wurde für dessen Erben Stephen Colbert generalüberholt.

Neonglanz, fluoreszierende Lichter, Video-Leinwände mit Manhattan-Szenen und eine enorme, digital projizierte Kuppel: Colberts «Late Show» gibt sich bei ihrer Premiere in der Nacht zum Mittwoch alle Mühe, modern zu sein. Colbert selbst erscheint im taillierten, blau schimmernden Anzug, auch das ein frischer Anblick. Letterman – den Colbert hölzern würdigt – trug schlecht sitzenden Altherren-Zwirn.

People line up for

Die Zuschauer standen draussen stundenlang Schlange, um den Auftakt der «Late Show» live zu sehen.
Bild: BRENDAN MCDERMID/REUTERS

Doch sonst? Anders als sein nörgelnder «Late Show»-Vorvater, der immer etwas tattrig tat, plappert Colbert, 51, als habe er einen Kasten Red Bull gekippt. Das mögen die Nerven sein oder der Umstand, dass er erstmals er selbst sein muss – nicht die Karikatur eines Talkmasters, die er mit seiner Satireshow «Colbert Report» zur Kultfigur machte.

Wie würde er die Kurve schaffen von «Stephen Colbert» zu Stephen Colbert? «Ich habe einen narzisstischen konservativen TV-Experten gespielt», formuliert Colbert es. «Jetzt bin ich nur noch ein Narzisst.»

Müder Plausch mit George Clooney

Aber der «echte» Colbert ist zugleich enorm charmant, mitreissend fast in seiner bubenhaften Begeisterung für sich und sein Medium. Es sind Qualitäten, die ihn auszeichnen, doch seine erste Sendung auch zu einem durchwachsenen Kuddelmuddel machen: Das staubige Late-Night-Korsett kann er nicht abstreifen, trotz all des Lärms und der Innovation, die er aufwendet, um hier etwas Neues zu suggerieren.

Hier hat er noch lachen: Jeb Bush grüsst seinen Gastgeber Colbert am Flughafen in Philadelphia.
twitter

Schon die ersten Minuten: In einem aufgezeichneten Video-Segment kräht Colbert an den verschiedensten Orten die US-Nationalhymne – im Central Park, in Philadelphia, auf der National Mall in Washington, im Maisfeld, auf der Bowling-Bahn, als wolle er die Skeptiker in Middle America umarmen. Zum Schluss reisst sich ein Baseball-Pitcher die Maske vom Haupt und ruft: «Let's play ball!» Es ist Jon Stewart, Colberts Mentor, der sich selbst erst gerade zur Ruhe gesetzt hat.

Hübsch – doch die gleiche Dosenkost, die auch die Konkurrenz serviert, wenn nicht besser. «Hab 'ne tolle Show», wünscht NBC-Talker Jimmy Fallon, ebenfalls per Clip. Sorgen muss der sich erst mal wohl kaum.

Das Saalpublikum, das draussen stundenlang Schlange gestanden hat, stört es nicht. Minutenlang toben und trampeln die Fans, skandieren «Stephen! Stephen! Stephen!», wie früher beim «Colbert Report». Der errötet fast vor Rührung. «Hallo, Nation», ruft er zurück – ein Gruss, an dem er, wie er in einem Interview verriet, tagelang gegrübelt hatte.

Play Icon

Früher nahm er Moderatoren wie Letterman auf die Schippe, mittlerweile gehört er selbst zur Zunft: Stephen Colbert spielte in «The Colbert Report» einen narzisstischen Talkmaster.
YouTube/Comedy Central

Es folgt der obligatorische Monolog, eine Montage müder Witze über Colberts neuen Arbeitgeber CBS, über George Clooney, Willie Nelson, Marihuana und, obligatorisch in dieser Polit-Saison, Donald Trump.

Actor George Clooney arrives for his appearance on

Die ersten Gäste wollen eine gute Falle machen: George Clooney reist gleich mit zwei Sakkos zur Auswahl an.
Bild: BRENDAN MCDERMID/REUTERS

Doch Trump-Witze gab es schon Bessere. Einen nach dem anderen gibt Colbert zum Besten, sie sind vergessen, bevor sie erzählt sind. Das hätte mehr Biss gehabt, hätte «Stephen Colbert» sie vorgetragen. Auch mit seinem ersten Gast müht er sich ab: Hollywoodstar George Clooney, mit grauem Grandseigneur-Bärtchen. Er habe keinen Film zu bewerben, sagt der, sondern sei nur gekommen, «um dich zu sehen».

Weshalb sie sich auch wenig zu sagen haben. Colbert schlingert von Clooneys Wohltätigkeitskampagnen («Sag mir, wie du Leuten hilfst») zu seiner Ehe mit der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney («Können wir über deine Frau reden?»), ohne die Antworten abzuwarten. «Wir kennen uns ja gar nicht», lautet die gemeinsame, trübe Erkenntnis.

Die nächsten Gäste: Stars, Stars, Stars

Beim zweiten Gast klappt es schon besser. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Jeb Bush bringt Colberts Stärke hervor – die Politik. Er pfeffert ihn mit harten Fragen, die Bush spürbar irritieren. Auch die restliche Gästeliste für die ersten Wochen verspricht ähnliche Abwechslung: UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, Tesla-Chef Elon Musk, Uber-Boss Travis Kalanick, Scarlett Johansson, Kevin Spacey, Lupita Nyong'o, US-Vizepräsident Joe Biden, Horrorautor Stephen King.

Der Premiere ist anzumerken, dass sie stark geschnitten wurde. Insgesamt zwei Stunden dauerte die Aufzeichnung der 90-Minuten-Show. Zwei Takes erfordert auch die abschliessende Musiknummer: Colberts Hausband Stay Human unter Leitung des Jazz-Wunderkinds Jon Batiste, 28, spielt den Oldie «Everyday People» unter Mitwirkung der heiseren Blues-Legende Mavis Staples, 76, im Zebra-Kaftan.

Aber vielleicht ist das ja auch, was Colbert von der aalglatten Konkurrenz unterscheiden könnte. Blank geputzt, doch spielerisch-unbekümmert: «Wie lange wird es noch dauern, bis Stephen Colbert seinen Groove findet?», wundert sich CNN-Kritiker Todd Leopold.

Es ist die gleiche Frage, die sie auch Letterman stellten, als der 1982 seine allererste Talkshow moderierte. Dem folgten 6028 Episoden.

Zusammengefasst: Stephen Colbert hat sich in seinem Debüt als Moderator der legendären «Late Show» in der Nacht zum Mittwoch alle Mühe gegeben, eine moderne Show abzuliefern: Er ersetzte den oftmals nörgelnden Jargon seines Vorgängers David Letterman durch fiebriges Geplapper und setzte auf grellen Neonglanz. Ansonsten ähnelte die Sendung jedoch in vielen Punkten anderen Formaten dieser Art.

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