Populärkultur
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

So viele Meedchen! Die Gesichter der Staffel von 2011. Bild: prosieben

Heidis Bordell: Wie «Germany's Next Topmodel» die «Meedchen» auf- und entwertet 



Wir sind jetzt wieder in der Universität der Oberflächenlehre. Im Bootcamp der Mädchen. Beziehungsweise «Meedchen», wie Heidi Klum immer sagt. Das Meedchen ist nicht ein Mensch, das Meedchen ist eine Ware und zugleich ein Konsumrausch. Oder ein Rauschen. Das Raunen der Werbung nämlich, die während keiner TV-Sendung so penetrant präsent ist wie während «Germany's Next Topmodel». Als sei die Sendung von Werbern entwickelt worden. 

«Germany's Next Topmodel« ist die Sendung mit den Marken – die Meedchen werden 2015 mit Schminke, mit Designerkleidern, mit Markenuhren (12 oder 20 Stück pro Meedchen) eingedeckt. Und sie werden von Marken für «Schauen» oder Werbespots gecastet. Sie lernen ja in der Sendung überhaupt noch einmal ganz neu zu «laufen» oder «walken», nämlich im Namen eines Produkts und also des Kapitalismus. 

Ohne Foto kann das Meedchen nicht mehr sagen: «Weil ich es mir wert bin.»

Der kapitalistische Walk auf dem Laufsteg ist meistens eiskalt, teilnahmslos, er mündet in eine «Pose», und ganz selten verlangt Heidi Klum, dass so ein Walk auch mal «sexy» sein soll. Das Gesicht des Meedchens gleicht meist der Prostituierten, die einen Freier über sich ergehen lässt.

Subjekt und Objekt der Werbung

Es geht ja im Modelbusiness vorwiegend um eine posthumane Beschäftigung. Um den gehorsamen, animierten Kleiderständer. Um die Schminkpuppe. Um ein Ding ohne Gefühl, Verstand und Kurven. Das ist jedenfalls die Regel. Alles andere sind Ausnahmen. Der Klimax des Modelbusiness ist nicht der Mensch, sondern der Verkauf. Und die Käufer dessen, was die Meedchen verkaufen, sind andere Meedchen. Es handelt sich da um ein in sich geschlossenes Universum. Das Meedchen ist Objekt und Subjekt der Werbung.

Identität findet das Meedchen – genau wie der Narziss in der Sage – im Bild seiner selbst. Im Foto, das ihm seine Zukunft zusichert. Heidi Klums Verdikt «Ich habe heute leider kein Foto für dich» ist der Todesstoss für das Meedchen, denn das Meedchen will sein Foto sein. Es arbeitet eine Woche lang für diese Bildwerdung. Hart. 

Die kompetitiven Kleiderständer von 2007. Bild: prosieben

Ohne Foto ist es entwertet. Es kann dann nicht mehr guten Gewissens sagen: «Weil ich es mir wert bin.» Es ist dann aus der Warenwelt herausgeschmissen worden. Aus dem Märchen adoleszenter Mädchen, wo Repräsentation die Realität ersetzt. Es könnte dann Heidi Klum entgegnen, was einst Silvio Berlusconi gesagt hat: «Sie haben mich in dem verletzt, was mir am liebsten war: meinem Image.»

«Junge-Mädchen» meint «jeune fille»

Das französische Philosophen-Kollektiv Tiqqun beschrieb dies bereits 1999 in seinem Pamphlet «Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens». Das «Junge-Mädchen» ist dabei kein Transgender-Konzept, sondern bloss die exakte Übersetzung des französischen «jeune fille». «Das Junge-Mädchen lebt schon immer als Paar, das heisst: mit seinem Bild», heisst es bei Tiqqun, und: «Die Verdinglichung des Jungen-Mädchens greift in der autoritären Warenwelt derart um sich, dass sie als seine grundlegende professionelle Kompetenz erachtet werden muss.»

«Der Triumph des Jungen-Mädchens hat seinen Ursprung im Scheitern des Feminismus.»

Tiqqun

Als hätten sie niemals etwas anderes getan als Modelcastings zu schauen, schreiben die Philosophen: «Das Junge-Mädchen ist die Ware, die in jedem Moment verlangt, konsumiert zu werden, da es in jedem Moment verfällt.» Ganz besonders im Fernsehen. Wo einzelne Worte, Tränen, Ausraster über die Weiter- und Wiederverwertbarkeit eines Meedchens entscheiden. Darüber, ob es das kann, in den Kreislauf des sich nur ganz langsam abbauenden Trash-Komposts eingespiesen zu werden.

«Der Triumph des Jungen-Mädchens hat seinen Ursprung im Scheitern des Feminismus», sagt Tiqqun. Und ja, angesichts von Heidi Klums Bordell aka «Model-Villa» in Los Angeles kann man den Glauben an diesen vorübergehend verlieren. 

Germany's Next Topschlampe

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

«Mütter machen Porno»: Sat.1-Doku empört Zuschauer

Sat.1 zeigte am Mittwoch zur Primetime eine ungewöhnliche Doku: Fünf Mütter ziehen los, um einen Porno der anderen Art zu drehen.

Das Ziel: Ein Film, der Sex auf eine positive, natürliche Weise darstellt und anders als viele Mainstream-Pornos auf Wertschätzung auch gegenüber Frauen setzt, anstatt diese zum Objekt zu degradieren. Kurzum: Die Mütter wollten einen Pornofilm kreieren, den auch ihre eigenen Kinder angucken könnten.

Dazu casteten die Mütter unter anderem selbst die Darsteller ihres …

Artikel lesen
Link zum Artikel