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Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) versuchen, sich in Miranda Kador (Emily Cox) einzufühlen, die Nachhilfelehrerin der ermordeten Familie. bild: ard

Neues Frankfurter «Tatort»-Team: So viel Empathie war noch nie

Dürfen Ermittler gute Laune haben? Fast heiter stürzt sich das neue Frankfurter «Tatort»-Team in einen höllischen Fall – und zeigt, dass Anteilnahme auch ohne Trauervisage geht. Furioser Start für Margarita Broich und Wolfram Koch.

16.05.15, 10:45 16.05.15, 11:11

Christian Buß



Ein Artikel von

Der Postbote ist eine arme Sau. Er kauft den Inhalt der Päckchen nach, die er an andere ausliefert. Hifi-Anlagen, Möbel, Kleinkunst. So hat sich der einsame Mann eine Behausung geschaffen, die fast genauso aussieht wie die seiner Kunden, die er für glücklicher hält. Imitation of Life. Dem Kommissar, der dem Postboten auf die Schliche gekommen ist, schwärmt er von den wenigen Momenten menschlicher Kontaktaufnahme vor: «Wenn ich durch die Fenster schaue, komme ich mir vor, als schaue ich in mein Zuhause.»

Dann erzählt der Postbote von dem Geruch der fremden Häuser und wie ihm manchmal Kaffee und Kuchen angeboten werden. Und auf einmal steht der Kommissar mit dem Postboten in einem dieser fremden Häuser, schnuppert mit ihm den Kaffeeduft; die Erzählung wird Filmszenario und, sagen wir es ruhig so pathetisch, aus Verstehen Fühlen.

Man kennt diese Szenen, in denen Ermittler bei der Rekonstruktion des Verbrechens auf einmal Teil der Rückblende werden. Diese Szenen gehören ja inzwischen zum Inventar des modernen Fliessbandfernsehkrimis, sind Teil seines Versprechens, vertrackte kriminologische Abläufe optisch kompakt darzustellen. Bei dem neuen Ermittlerteam geht es allerdings weniger um Technik als um Anteilnahme: Wie fühlt es sich an, der andere zu sein? So viel Empathie war noch nie.

Brix, der Langschläfer

Dabei laufen die neuen Frankfurter Kommissare überhaupt nicht als Trauergestalten durch die Gegend, die den gesamten Wahnsinn der Menschheit auf sich schultern müssen. Im Gegenteil, so ostentativ heiter und leichtfüssig sind Ermittler selten in ein «Tatort»-Revier eingeführt worden: Paul Brix (Wolfram Koch), bis vor Kurzem noch bei der Sitte, schläft morgens gerne mal eine Runde länger; Anna Janneke (Margarita Broich), Quereinsteigerin, sieht keinen Grund, ihn zu wecken. Getrieben geht anders.

Beide haben den Wunsch, ihren Job mit der besten Laune zu verrichten. So viel Sehnsucht nach Harmonie, irre, ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal im deutschen Fernsehkrimi, wo sich alle immer bekriegen müssen.

Der Tatort des Hessischen Rundfunks war schon immer für ein paar Überraschungen gut. Von 2002 bis 2010 waren hier der Hardrock-Stenz Dellwo und das tangotanzende Nachtschattengewächs Sänger aktiv, was für eine Paarung; danach kamen Alki-Cop Steier und Kletterkatze Mey. Deren Glück hielt nicht lange. Oft waren die Ermittler tief in das Verbrechen involviert, nicht selten waren die Schauspieler nach dem Dreh lädiert. Die Abschiedsvorstellung von Joachim Król als Säufer Steier geriet Anfang des Jahres zu einer gigantischen grausamen Ausnüchterungsmassnahme. Am Ende lächelte der Griesgram in die Kamera.

In der Falle: Kommissar Brix und Kollegin Janneke mit den beiden Entführungsopfern. bild: ard

Es wirkt ein bisschen so, als wollte man dieses schmerzhaft erkämpfte Lächeln nun in den neuen «Tatort» hinüberretten. Und das funktioniert – obwohl der Stoff wieder einmal extrem hart ist: An ihrem ersten Arbeitstag müssen Jannek und Brix an einen Tatort, wo Mutter, Vater und Sohn gleichsam hingerichtet wurden. Die 17-jährige Tochter der Familie aber ist spurlos verschwunden, ebenso ihre Nachhilfelehrerin (Emily Cox). In dem Haus läuft eine Single-CD aus den Neunzigerjahren in Endlosschleife, ein leicht schmieriges Synthiepop-Stück.

Regie führte Florian Schwarz, der den preisgekrönten Dellwo/Sänger-«Tatort» «Weil sie böse sind» gedreht hat; das Buch schrieb Michael Proehl, der auch für den furiosen Król-Abgang gesorgt und das kunstvolle «Tatort»-Zitatgewitter mit Ulrich Tukur und Ulrich Matthes entwickelt hat. Für «Kälter als der Tod» spielt er nun noch einmal mit den Erzählwirklichkeiten, steigt mit den Ermittlern in deren Tagträume hinab, greift subtil in der Handlung vor. Das alles aber in einem Masse, dass der Fall nie auseinanderfällt oder der schwierige Stoff verharmlost wird.

Grausamkeit und Witz, Schönheit und Verstörung liegen hier dicht beieinander und verstärken einander. Der schwül-melancholische Disco-Schunkel-Song, der hier die ganze Zeit über dem unheilvollen Szenario liegt, wurde übrigens extra für den Krimi eingespielt: Er trägt den Titel «It Could Be You», wird von einer (Fake-)Formation namens Margaux & The Point vorgetragen und klingt wie eine Mischung aus Amanda Lear und Helene Fischer. Ab Sonntag wird er auch über iTunes abrufbar sein.

Ein nicht unerheblicher Fakt bei diesem neuen Frankfurter «Tatort», der mit cineastischer Hingabe und erzählerischer Lust eine ganz eigene Welt kreiert.

«Tatort: Kälter als der Tod», Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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