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Shitstorm nach Nacktshooting: Leave Stone alone, ihr traurigen Trolle!

Sharon Stone musste noch einmal von vorn anfangen: Die 57-Jährige hat sich nach einer Hirnblutung zurück ins Showgeschäft gekämpft. Im Internet wird aber bloss über ihre «Harper's Bazaar»-Bilder diskutiert: Photoshop soll sie so schön gemacht haben.



Wer den Namen Sharon Stone hört und im fortgeschrittenen Alter ist, denkt wohl zuerst an die Szene aus «Basic Instinct». Du weisst schon, diese Szene: 

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gif: imagelib

Nur: Das Ganze ist auch schon 23 Jahre her, und die Schauspielerin mittlerweile 57. Und in diesem Alter hat sie es einfach so gewagt, sich für Harper's Bazaar auszuziehen und von Mark Abrahams ablichten zu lassen, einem amerikanischen Profi-Fotograf, der wie Stone Jahrgang 1958 hat. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

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bild: harper's bazaar/mark abrahams

Das sehen allerdings nicht alle so: Auf Social Media hagelte es Kritik an dem Shooting – insbesondere auf Twitter gab es einen internationalen «Aufschrei». 

Besonders Empörte stellten gar noch Paparazzi-Bilder gegenüber, um uns allen die Augen zu öffnen: Seht her, wenn sie einkaufen geht, sieht die Stone GANZ ANDERS AUS!

Dabei könnte man auch genau andersrum argumentieren: Das Kind irischer Auswanderer ist noch so natürlich, trotz lauernder Paparazzi ungeschminkt vor die Tür zu gehen. Man könnte einwerfen, dass allerlei Fotos nicht nur heutzutage bearbeitet sind, sondern schon seit Jahrzehnten editiert werden. Aber über den Kinderriegel-Bengel mit seinen atomar-weissen Zähnchen beschwert sich niemand (Zu Recht!).

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Photoshop, bevor es Photoshop gab.

Was wichtiger ist: Von denjenigen, die krakeelen, hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemand den Artikel dazu gelesen. Sie wissen wohl gar nicht, über was für eine 57-Jährige sie da lästern. Tatsächlich hat Stone schon immer mit Voruteilen zu kämpfen. Zu Beginn ihrer Karriere läuft es aber genau andersrum: Weil die Schauspielerin als zu intellektuell und nerdig gilt, entblättert sie sich 1990 für den «Playboy».

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Sharon Stone 1990 im US-«Playboy».

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Stone zu Beginn ihrer Karriere 1983: Sie kam von einer Model-Agentur zur Schauspielerei und hatte zwei Jahre zuvor ihren ersten Film gedreht.

«Alle sagten, ich sei nicht sexy und bekäme deshalb keine Jobs», sagt sie «Haper's Bazaar». Mit Erfolg: Regisseur Paul Verhoeven bucht sie 1992 für «Basic Instinct». 1995 klopft Martin Scorsese an, um sie für «Casino» zu besetzen, jener Film, für den sie für einen Oscar für die beste Nebenrolle nominiert wird. 

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Stone und De Niro in «Casino». YouTube/Movieclips

«Es gab nicht einen Tag, an dem mich Sharon Stone nicht überraschte. Und es war ein langer Dreh.»

Martin Scorsese über die Kooperation mit Stone in «Casino» quelle: harper's bazaar

Stones Stern im Hollywood steigt scheinbar unaufhörlich – bis sie 2001 brutal auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Erst fühlt sie sich unwohl, landet dann nach drei Tagen im Spital und verliert dort das Bewusstsein. Das Aneurysma in ihrem Kopf muss mit 22 Sprialen aus Platin geflickt werden. Sie braucht Monate, um ihr linkes Bein wieder komplett fühlen zu können. Sie braucht Jahre, um ihre Sicht wieder herstellen zu können. Sie stottert, ihr Augenlid zuckt, sie kann kaum mehr lesen. 

Zu allem Überfluss geht auch noch ihre Ehe mit einem Journalisten in die Brüche, der auch das alleinige Sorgerecht für das gemeinsam adoptierte Kind bekommt. Die Rekonvaleszenz braucht Zeit. 2005 und 2006 adoptiert Stone zwei Kinder (Laird, heute 10, und Roan, heute 15). Sie findet Trost im Buddhismus, sie schreibt Songs, sie arbeitet hart für ihr Comeback. 2010 darf sie in der elften Staffel von «Law & Order» die Rolle einer Staatsanwältin übernehmen. Als 52-jähriger Ex-Superstar.

395174 01: (FILE PHOTO) Actors Richard Gere and Sharon Stone film a scene from their movie

Richard Gere lernte Stone bei den Dreharbeiten zu «Interception» (im Bild) kennen. Der stellte sie dem Dalai Lama vor und begründete ihr Interesse am Buddhismus. Gut, dass sie nicht mit Tom Cruise gearbeitet hat! Bild: Getty Images North America

Allein: Sie vergisst immer wieder ihren Text. «Das war demütigend», erinnert sie sich, doch Stone lässt sich nicht kleinkriegen. «Ich dachte mir: ‹Weisst du was? Du bist von einem Schnellzug gefallen, und nun musst du einen Hügel aus zerbrochenem Glas emporkriechen, um wieder auf den Zug zu springen, der mit einer Millionen Meilen pro Stunde fährt, und dich dann vom Viehwagen nach vorne arbeiten.›»

«So ist es nun mal, also sei lieber demütig, halt deine Fresse und mach deinen Job.»

Sharon Stone über ihr Comeback nach Hirnschlag Quelle: Harper's bazaar

Und nun scheint es, als sei sie erfolgreich wieder auf jenen Zug aufgesprungen. TNT hat sie für eine neue Serie namens «Agent X» engagiert. Stone spielt die Vizepräsidentin der USA, die für die Betreuung der amerikanischen Agenten zuständig ist. Es ist eine actionreiche Spionagereihe – auch wenn die Actrice zugibt: «Ich bin eher für ein bisschen mehr Intelligenz und etwas weniger Töten.»

Und auch ein Hochlanz-Magazin wie «Harper's Bazaar» fragt wieder bei ihr an, bucht einen teuren Fotografen. «Mir ist klar, dass mein Arsch ein bisschen wie ein Pfannkuchen aussieht. Aber ich versuche auch nicht, die am besten aussehende Tussi der Welt zu sein. Wenn ich glauben würde, dass ich so sexy sein müsste wie damals in Basic Instinct, hätten wir alle einen harten Tag.»

Nein, die Stone ist alles andere als blasiert. Im Gegenteil: Männer trauen sich anscheinend nicht, sie anzusprechen. «Ich werde nie gefragt, ob ich ausgehen will. Es ist so doof, aber ich weiss nicht, was ich tun soll. Ich werde zwar dreister beim Flirten, aber ich glaube, die Männer begreifen gar nicht, dass ich flirte. Sie denken einfach: ‹Die ist aber lustig.›»

Leave Stone Alone

Ich möchte gerne mal wissen, warum diese Frau ein schlechtes Vorbild sein soll. Ich möchte von den Twitter-Trollen wissen, ob die den «Kinderriegel» wegen Photoshop boykottieren. Oder Coop, weil die Models in deren Kleider-Linie sicherlich auch bearbeitet sind. Oder «Harper's Bazaar». Fragt sich nur, wo sie dann die Fotos gefunden haben. In der Gerechten-Bücherei?

Noch einmal: Übertriebener Schönheitswahn, reiner Perfektionismus, schlanke Models, die noch dünner gemacht werden – alles Moppelkotze! Aber wer sich den Kopf zerbricht, ob diese Sharon Stone nun gephotoshoppt ist oder nicht, den sollte der Schlag treffen. Die Frau hat wahrscheinlich mehr geleistet als die meisten ihrer selbstgerechten Kritiker.

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