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Ammann von Würenlingen: André Zoppi über den Medienrummel und die Fassungslosigkeit der Bürger.   bild: keystone/youtube

Ammann von Würenlingen: «Wir sind erschüttert, dass so etwas bei uns passieren kann»



Ein Artikel der

Vor einer Woche erschoss ein Mann in Würenlingen vier Menschen und sich selbst. Die Gemeinde ist erschüttert und tieftraurig. Ein Gespräch mit Ammann André Zoppi über den Schock, hemmungslose Journalisten und den schweren Gang zu den Opferfamilien.

16.05.15, 08:36 16.05.15, 09:16

Mario Fuchs

Der Schock war gross: Ein 36-jähriger Familienvater erschiesst mitten in einem idyllischen Wohnquartier seine Schwiegereltern, seinen Schwager, einen Nachbarn und zuletzt sich selbst. Wie geht eine Gemeinde damit um, wenn es in ihrer Mitte zu einem Drama kommt? Wie reagiert sie auf das weltweite Medieninteresse? Gemeindeammann André Zoppi nahm sich gestern während seines Auffahrtsurlaubs Zeit für ein Telefongespräch mit der az.

Herr Zoppi, Sie verbringen die Auffahrtstage im Südtirol. Können Sie sie geniessen?
André Zoppi: Der Kurzurlaub war schon länger geplant. Nach dem tragischen Ereignis vom letzten Samstag habe ich mich mit der Verwaltung und meinen Ratskollegen abgesprochen und entschieden, die Reise anzutreten. Es tut gut, nach den letzten Tagen etwas Distanz zu gewinnen. Nichtsdestotrotz sind wir immer noch sehr betroffen.

Wie hat die Dorfgemeinde auf das Drama reagiert? 
Das ganze Dorf trauert. Wir sind erschüttert, dass so etwas bei uns passieren kann. Je mehr Details aus der Presse bekannt wurden, desto betroffen machte uns diese tragische Tat.

Wie haben Sie vom Tötungsdelikt erfahren? 
Ich wurde am Sonntagmorgen früh von der Kantonspolizei informiert. Wenn Ihnen jemand am Sonntagmorgen früh am Telefon sagt, es habe am Langackerweg eine Schiesserei mit fünf Todesopfern gegeben, dann schlucken Sie zuerst einmal leer.

Was folgte danach? 
Ich hatte kurz Zeit, mich zu sammeln. Man muss sich fragen: Was bedeutet das für die Gemeinde? Und was bedeutet es für mich? Das braucht einen Moment.

Viel Zeit blieb Ihnen aber nicht. 
Ab 9 Uhr war der Fall gross in allen Schweizer Medien. Bis dahin konnte ich mich mit dem Gemeindeschreiber kurzschliessen. Wir bestimmten miteinander das weitere Vorgehen. Die Kantonspolizei lud zu einer Medienkonferenz nach Aarau. Wir meldeten uns an und wurden vor Ort professionell von der Polizei betreut.

Reporter aus Pakistan, China und Australien berichteten plötzlich aus Würenlingen. Wie erlebten Sie diesen Medienrummel? 
Das war verrückt. Nicht nur ich, auch meine Gemeinderatskollegen und sogar Mitarbeitende der Verwaltung wurden mit Anfragen bombardiert. Gegen 20 Uhr am Sonntagabend gab ich das letzte Interview. Persönlich erhielt ich ausschliesslich Anfragen aus der Schweiz, einige davon auf Französisch. 

Am Tag danach folgte die Berichterstattung in Zeitungen, Radio und Fernsehen. Wie kam diese bei Ihnen an? 
Sie löste gemischte Gefühle aus. Einerseits war ich froh, dass uns als Gemeinde die Möglichkeit geboten wurde, drängende Fragen sachlich und mit einem einheitlichen Sprachbegriff zu beantworten. Anderseits irritierte mich, wie einige Journalisten ohne Hemmungen direkt auf Nachbarn und Anwohner zugingen. Mich dünkt, da wurde teilweise eine Grenze überschritten.

Gab es auch Reaktionen von Amtskollegen?
Ja, ich habe einige Telefonate erhalten. Sie fragten: Wie geht es bei euch? Die Betroffenheit ist gross, viele sprachen ihr Mitgefühl aus.

Für die Angehörigen der Opfer ist das Leiden am grössten. Hatten Sie Kontakt zu ihnen? 
Selbstverständlich. Es war mir ein wichtiges Anliegen, ihnen bei einem Besuch persönlich zu kondolieren. Das war ein schwerer Schritt, aber eine gute Sache. Sie sollen spüren: Die Gemeinde steht hinter euch – wenn ihr Hilfe braucht, sind wir für euch da.

Ist man als Gemeindeammann auf eine solche Ausnahmesituation vorbereitet oder muss man intuitiv reagieren?
Dank dem, dass wir am Sonntagnachmittag die Medienkonferenz der Kantonspolizei besuchten, hatten wir die Informationen, die wir brauchten. Es gehört zu meinen Aufgaben als Gemeindeammann, nicht nur hinzustehen, wenn es etwas Positives zu erzählen gibt, sondern auch für die Gemeinde da zu sein, wenn etwas Schreckliches passiert. Dennoch: Es war schon happig.

Gibt es eine Art Leitfaden, wie die Kommunikation ablaufen soll?
Ja, wir haben ein Informations- und Kommunikationskonzept. Dieses wurde während ruhigeren Tagen erarbeitet. Darin ist geregelt, wer kommuniziert und wie. Aber in einem solchen Fall nützt Ihnen auch der beste Leitfaden nicht viel.

Die Anteilnahme im Dorf ist gross. Wird die Bevölkerung von den Opfern Abschied nehmen können?
Ja. Wir spüren, dass das ein grosses Bedürfnis ist. Eine ökumenische Trauerfeier ist in Vorbereitung. Sie wird am Samstag in einer Woche, 23. Mai, in Würenlingen stattfinden und öffentlich sein. Anfang nächster Woche werden wir die Details bekannt geben können.

Würenlingen macht nicht zum ersten Mal weltweit negative Schlagzeilen. In Erinnerung sind insbesondere zwei Flugzeugabstürze und der Fall Lardelli. Fragten Sie sich: «Wieso wieder wir?» 
Nein, eigentlich nicht. Das sind pure Zufälle. Ich denke nicht, dass wir ein Magnet sind, das Unglück anzieht.

Der Schock ist vorbei, die Zeit der Trauer angebrochen. Wie denken Sie heute über die Tat? 
Es ist tragisch, dass sich so etwas abspielt. Man kann sich höchstens fragen: Was kann man dazu beitragen, dass so etwas nicht mehr vorkommt? Vielleicht können wir wieder mehr aufeinander schauen. Mehr Anteil nehmen am Leben in einer Nachbarschaft und einander Unterstützung anbieten.

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