Schweiz
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Nationalrat Lukas Reimann, Praesident Auns, spricht an der Medienkonferenz des Komitees

Lukas Reimann warnt seit Jahren vor islamistischen Extremisten.  Bild: KEYSTONE

Ausgerechnet Wil – mit SVP-Hardliner Lukas Reimann zur Moschee

In zwei Wochen weihen die Wiler Muslime ihr neues Gotteshaus ein. Die «Schweiz am Wochenende» war bereits dort, wo der Minarett-Streit vor zehn Jahren seinen Lauf nahm.

daniel fuchs / schweiz am wochenende



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Lukas Reimann hat sich in der Strasse geirrt. Auf der Brücke bremst der St.Galler SVP-Nationalrat abrupt ab, blickt nach links und sagt: «Dort drüben steht sie.» Dann wendet er den Wagen.

Reimann weiss, in welchen Wiler Quartieren besonders viele Muslime leben, wo ihre Kinder zur Schule gehen. Auch in die bestehende Moschee im Industriequartier war er als Islamkritiker schon für ein Podium eingeladen. Und Reimann spricht von Lokalen, in welchen sogar Salafisten ein- und ausgehen würden. Nur hier, im Südquartier, fehlt Reimann die Orientierung.

Der 34-Jährige sitzt für die SVP im Nationalrat. Als Mitinitiant der Anti-Minarett-Vorlage landete er 2009 einen Coup: Eine Mehrheit der Stimmbürger sprach sich dafür aus, dass in der Schweiz keine Minarette gebaut werden dürfen. Beim Gespräch in der Wiler Innenstadt hat er den Reportern der «Schweiz am Wochenende» angeboten, sie zur neuen Moschee zu fahren, die in zwei Wochen eingeweiht wird.

Gut integrierte Muslime, die er kennt, besuchen laut ihm kaum die Moschee. Und doch betont er, den Moscheebau nie bekämpft zu haben. Im Gegenteil: «Die Muslime sollen einen repräsentativen Ort haben, wo sie ihren Glauben ausüben können.»

Anders sehen das Teile der Bevölkerung. Sogar ein Hardliner wie Lukas Reimann wundert sich über Leute, die Minarett und Moschee bis heute verwechseln. So erzählt er von Wiler Wählern, die sich bei ihm beschwert haben wegen des neuen Gebäudes, an dem zweifellos Konturen einer Moschee erkennbar sind. Sie könnten nicht verstehen, weshalb so etwas gebaut werden dürfe, wo sie doch den Bau von Minaretten verboten hätten.

Zahmer Reimann, moderater Imam

So zahm haben wir uns Lukas Reimann nicht vorgestellt. Es ist noch nicht lange her, da machten sich Giacobbo/Müller lustig über Reimanns Warnungen vor der Islamisierung, indem sie sein Heimatstädtchen regelmässig als Taliban-Hochburg karikierten.

Vor der Moschee lässt Reimann uns aussteigen, mit in das Gotteshaus will er nicht. Strahlend weiss versteckt sie sich hinter dem Baugerüst. Ein elegant gekleideter Mann mit kurzem Bart tritt aus dem Neubau. Der 42-jährige Bekim Alimi ist Imam und betreut seit 1999 die vorwiegend albanischstämmigen Muslime aus der Region.

Alimi ist so etwas wie der Vorzeige-Imam der Schweiz. Er spricht fliessend Deutsch, seine Familie ist hier bestens integriert. Mit seinem Ostschweizer Islam-Dachverband Digo setzt sich Alimi für die Integration der Muslime und für die Anerkennung seines Glaubens ein. Für Politiker und Medien ist er ein geschätzter Ansprechpartner. Viele Imame kommen dagegen nur für wenige Jahre in die Schweiz, um danach wieder in ihre Heimatländer zurückzukehren. Sie kennen oft weder Landessprache noch Lebensumstände der Menschen hier.

Pfarrer Martin Werlen, Pfarrerin Simona Rauch, der Rabbiner Marcel Yair Alimi, und Pieter Zeilstra verfolgen die Segnungsansprache des Imams Bekim Alimi, von links, bei der Segnung des Gotthard Tunnels am Eroeffnungstag des Basistunnels am Mittwoch,  1. Juni 2016 im Tunnel im Zugangsstollen Amsteg. Der Gotthard Basistunnel ist mit seinen rund 57 Kilometern Laenge der laengste Eisenbahntunnel der Welt. Nach dem Anstich im November 1999 folgte der Durchstich im Oktober 2010. Nach der offiziellen Eroeffnung folgt der kommerzielle, fahrplanmaessige Betrieb ab Dezember 2016. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Bekim Alimi (r.) bei der Eröffnungsfeier des Gotthard-Basistunnels mit anderen Geistlichen. Bild: GAETAN BALLY

Zweifel an Alimis Reputation gab es trotzdem. Bevor er letzten Sommer zusammen mit anderen Geistlichen den Gotthard-Basistunnel segnen sollte, wurden angebliche Kontakte zu radikalen Kreisen publik. Als Beweise dienten Fotos, auf denen Alimi mit einem radikalislamischen kosovarischen Imam und dem extremistischen Schweizer Konvertiten Nicolas Blancho zu sehen war.

Alimi wies darauf hin, die Fotos seien auf unverfänglichen Anlässen aufgenommen worden, an die er eingeladen worden war, und distanzierte sich von der Ideologie der beiden Männer. Auch für den Bund, der die Zeremonie im Gotthard verantwortete, waren die Fotos kein Grund, um Alimi auszuladen.

Ein Imam baut nur einmal im Leben eine Moschee. Umso glücklicher ist Alimi, mit der Eröffnung ein Kapitel im langen Kampf um Anerkennung zu beenden.

Denn der Neubau ist eng verknüpft mit dem Kulturkampf, den die Verteidiger abendländischer Werte, wie sie sich oftmals selbst bezeichnen, mit den praktizierenden Muslimen und ihren Unterstützern ausfechten. Den Minarett-Streit vor zehn Jahren ausgelöst haben ausgerechnet die Muslime um Bekim Alimi, die in Wil eine Moschee mit Minarett bauen wollten. Auch nach ihrem Minarett-Verzicht hagelte es Einsprachen, die jedoch für ungültig erklärt wurden. Seit 2015 wird auf der Wiese am Stadtrand und in Sichtweite der A1 gebaut.

Im Hinterhof

Bis die Moschee eröffnet wird, müssen die Wiler Muslime mit ihrem alten Gebetsraum im Industrieviertel Vorliebe nehmen. Ein Briefkasten, eine weisse Hintertür, darüber ein Schild, auf dem «Islamische Gemeinschaft» steht, und ein Parkplatz, reserviert für den Imam. Mehr deutet nicht darauf hin, dass sich hier, direkt an den Bahngleisen, eine Moschee befindet. Seit 22 Jahren kommen viele der praktizierenden Muslime aus der Region hierher zum Gebet.

Hinter der unscheinbaren Tür versteckt sich ein düsterer Gang. Es riecht muffig. Rechts und links sind Schuhe auf Gestellen deponiert. Wir klopfen an einer Tür, wohinter ein lebhaftes Gespräch zu vernehmen ist. Ein weisshaariger Mann mit rötlichen Gesicht macht auf. Freundlich sagt er mit albanisch klingendem Slang: «Bitte, kommen Sie nur herein, darf ich Ihnen Kaffee anbieten?»

Der Raum, in den wir treten, ist in Neonlicht getaucht. Für einen Ort der Spiritualität wirkt alles etwas schäbig. Auf blauen Plastikstühlen, an Gartentischen sitzen Männer mittleren Alters. Sie rauchen Zigaretten und trinken Kaffee. In der Ecke steht ein Pingpongtisch, am anderen Ende eine Bar für Kaffee und Tee. Dahinter geht es zu den Toiletten und zum Waschraum. Ein Mann wäscht sich die Füsse, so wie es das Ritual vorschreibt.

Bild

Das Resultat des Schweizer Minarett-Streits: Mitte Mai wird am Wiler Stadtrand die neue Moschee eröffnet. bild: schweiz am sonntag / mario heller

Ab Band ruft der Muezzin zum Mittagsgebet. Die Männer stehen auf und betreten den hellen Gebetsraum. Ein blauer abgetretener Teppich staffiert den Raum aus. Ab 200 Menschen wird es hier knapp. Verblasste schräg aufgemalte Linien weisen den Gläubigen die Richtung nach Mekka.

Bekim Alimi stellt sich vor den Gläubigen hin, das Gebet beginnt. Nach 15 Minuten ist es vorbei, und Alimi zeigt uns sein Büro. Es ist eine Besenkammer, in der Alimi die Ordner mit all den Spenden für den Bau der neuen Moschee aufbewahrt. Rund 5 Millionen kostet sie, drei Viertel des Geldes sind bereits beisammen. «Die Spenden kommen ausschliesslich von den Gläubigen selbst, zumeist aus der Region und aus der Schweiz», sagt Alimi und betont, Spenden aus dem Ausland seien keine eingegangen.

Vom Keller in den Palast

Von der klassischen Hinterhofmoschee geht es zurück in die strahlende Zukunft. Acht Jahre nach der Minarett-Initiative ist es am 13. Mai so weit: Die Schweizer Muslime erhalten ein prunkvolles Gotteshaus. Stolz führen Alimi und sein Bauleiter durch den Neubau.

Handwerker führen letzte Arbeiten aus. Manche unterhalten sich auf Albanisch, andere in St.Galler Dialekt. Bis zur Eröffnung ist noch vieles zu tun. Zwar steigt am 13. Mai ein grosses Fest, und am 14. ist Tag der offenen Tür, das erste Freitagsgebet soll aber erst am 26. Mai am neuen Ort stattfinden. «Zu Beginn des Ramadan», sagt Alimi stolz.

Die Moschee bietet Platz für 400 Besucher. Das Erdgeschoss beherbergt einen grosszügigen Aufenthaltsraum samt Küche und Bar sowie Sanitäranlagen. Noch vor der Treppe werden die Gläubigen ihre Schuhe deponieren müssen. Ab hier herrscht Schuhverbot.

Im ersten Stock befindet sich das Herzstück der Moschee: der dreistöckige Gebetsraum. Noch ist alles dreckig, Bauschutt überall. Rundherum sind hohe schmale Fenster ins massive Mauerwerk eingelassen. Der Teppich sei bereits unterwegs, frohlockt Alimi.

Der zweite Stock ist reserviert für die Frauen. Mittelpunkt ist die Galerie, die in den Gebetsraum hineinführt.

Zuoberst sieht man von einer offenen Tribüne in den Gebetsraum. Sie liegt unmittelbar unter der farbenfrohen Kuppel. «In unserem Haus ist die Öffentlichkeit willkommen», sagt Alimi, der seine Freitagspredigten seit 2004 auf Deutsch hält.

Wir gehen auf die Terrasse. Zuoberst auf der Kuppel aus Kupfer profiliert eine knapp drei Meter hohe Stange den Mast, an dessen Ende eine goldene Mondsichel angebracht wird, das Emblem des Islam. Provozierte Gegner fühlen sich an die Minarette erinnert, an deren Spitze ebenso eine Mondsichel angebracht ist. Alimi sieht das Problem nicht: «Die Mondsichel gehört zum Islam und zur Moschee. Unser Halbmond ist ohne Einsprachen bewilligt worden.»

Dennoch, das Detail zeigt, die Moscheegegner in Wil sind nicht verstummt. Manche befürchten Lärm, zu viel Betrieb im Quartier, das auch das öffentliche Schwimmbad und das Stadion des FC Wil beherbergt. Andere wollen schlicht keine Moschee, schieben aber andere Argumente vor. Auch deshalb sprechen Bekim Alimi und seine Weggefährten lieber von einem «Islamischen Begegnungszentrum».

Ein Zentrum, in das Alimi mit der Öffentlichkeit auch Kritiker wie den SVP-Politiker Lukas Reimann einlädt. Dieser warnt davor, dass radikale Kreise sich in der neuen Vorzeigemoschee von Wil einnisten könnten.

Bekim Alimi sagt, er werde auch künftig alles tun, um Extremismus zu unterbinden.

Und so steht er zuoberst auf der Terrasse der neuen Moschee, knapp unterhalb der Kuppel. Ein hässliches überdimensioniertes Stahlrohr ragt daneben in den Himmel, höher als die Kuppel selbst. Fast ein bisschen wie ein Minarett, nur dass es gegen Ende nicht spitz zuläuft. Alimi runzelt die Stirn und sagt: «Darin befinden sich einige Abluftrohre, über die Ästhetik bin ich selbst nicht glücklich.» Doch die Rohre seien Vorschrift.

Ein Minarett wäre zumindest eines: ästhetischer.

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