Schweiz
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Die Armee sammelt ausgedientes Material – und hat keine Ahnung, was da alles rumliegt

Der Bund lässt ausgedientes Material in Unmengen horten. Dabei hat das Militärdepartement schon längst den Überblick über das ganze Material verloren. 

Henry Habegger / Nordwestschweiz



Die Sammelwut der Männer und Frauen vom Militärdepartement ist, gewissermassen, grenzenlos. Sie macht vor ausländischen Panzern nicht Halt. In einem soeben veröffentlichten Nachprüfungsbericht stellt die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) erstaunt fest: «Das Freilichtmuseum Polygon umfasst 38 Panzer. Die EFK schätzt, dass verordnungsgemäss mindestens 28 davon nicht in die Sammlung gehören, da 10 Panzer überzählig sind und 18 von ausländischen Streitkräften stammen.»

Es geht um die Zentralstelle Historisches Armeematerial (ZSHAM), die beim Armeestab im Verteidigungsdepartement (VBS) angehängt ist (siehe Box). Die EFK publizierte 2010 einen ersten Prüfbericht zur Sammeltätigkeit der Behörde. Der Bericht fiel vernichtend aus, vieles war im Argen.

Ein Rekrut, mit einem Sturmgewehr Stgw 90 und Laserpointer bewaffnet, schaut anlaesslich der Rekrutenschule Panzer RS 21-2 am 29. September 2004 auf dem Gelaende des Waffenplatz Thun durch einen Restlichtverstaerker RLV.   (KEYSTONE/Martin Ruetschi)    === ,  ===

Die Schweizer Armee weiss nicht mehr, was sie alles hortet. Bild: KEYSTONE

Fehlende Transparenz und Steuerbarkeit wurde festgestellt, Verflechtungen zwischen privaten Stiftungen und Trägerverein, Interessenkonflikte, fehlende Gesamtsicht der Kosten, Sicherheitsrisiken. Weiter kam heraus, dass die ZSHAM kein Inventar der gesammelten Objekte besass: «Aufgrund der fehlenden Bestandesinformationen besteht das Risiko, dass Sammlungsobjekte unbemerkt verschwinden», stand etwa im EFK-Prüfbericht.

Erneut scharfe Kritik der Aufsicht

Sieben Jahre später führte die EFK nun die Nachprüfung durch. Das Fazit ist weiterhin bitter: «Die zweite Nachprüfung wichtiger Empfehlungen – ursprünglich aus dem Jahr 2010 – hat gezeigt, dass die ZSHAM diese nicht, beziehungsweise unzweckmässig umgesetzt hat.»

«Aufgrund der fehlenden Bestandesinformationen besteht das Risiko, dass Sammlungsobjekte unbemerkt verschwinden»

Eidgenössische Finanzkontrolle

Die Armee sammelt seit gut 150 Jahren vom Schnürsenkel über die Generalsuniform bis zum Panzer und zum Kampfflugzeug sämtliches Material, das ausgemustert wird. Unmengen von Objekten haben sich angehäuft, und es werden immer mehr. Dabei fehlt laut EFK weiterhin der Überblick.

«Jährlich kostet die Sammlung den Bund mindestens 7.4 Millionen Franken. Wie viel genau, kann die ZSHAM nicht beziffern, da ein eigener Kredit fehlt», steht im EFK-Bericht. Einiges wurde zwar besser, anderes aber sogar schlechter seit 2010. So schwächten die gegenwärtigen Vereinbarungen mit den drei Stiftungen und dem Nationalen Pferdezentrum in Bern die Stellung der ZSHAM gegenüber den Privaten weiter, die der Bund mit mehr als 3 Millionen Franken pro Jahr unterstützt.

Die Tendenz, zu viel zu sammeln ist gestiegen

«Die vorbehaltlose Zusicherung von Krediten beziehungsweise Abgeltungen ohne klaren Leistungsbezug ist unkorrekt», hält die EFK fest. Und: «Das teils sich widersprechende Regelwerk der ZSHAM gewährleistet nicht, dass die Sammlungsaufgabe kostengünstig, zeit- und zweckgerecht erfüllt wird.»

Seit über 150 Jahren am Sammeln

Seit der Gründung des modernen Bundesstaats sammelt die Armee ihr ausgemustertes Material. Heute ist dafür die Zentralstelle Historisches Armeematerial im Armeestab von Bundesrat Guy Parmelin (SVP) zuständig. Die ZSHAM arbeitet dabei vorwiegend mit privaten Stiftungen zusammen, die sie über Leistungsaufträge mitfinanziert und die jeweils für bestimmte Sammelobjekte zuständig sind. Es sind die Stiftungen Historisches Armeematerial (HAM), Historisches Armeematerial Führungsunterstützung (HAMFU) , Museum Historisches Material der schweizerischen Luftwaffe (MHMLW), sowie das Nationale Pferdezentrum. Die Objekte werden in Dübendorf, Uster, Thun, Burgdorf und Bern ausgestellt. Überzähliges Material wird auch an Museen, Sammler und Vereine abgegeben.

Zielvereinbarungen seien wirkungslos, Transparenz und Steuerbarkeit noch gesunken. Die Tendenz, zu viel zu sammeln, sei gestiegen. Das zeigt sich nicht nur bei Panzern. Auch andere laut Reglementen überzählige Objekte müssten die Sammler aussondern. Die EFK nennt als Beispiele Kadettenmaterial, Uniformen, die Geschirr- und Wagensammlung.

Auch die neue Inventarisierung wird kritisiert. So würden nur Objekte im System eingetragen, die definitiv in die Sammlung aufgenommen werden. Was «vorsorglich gesammelt» wird, taucht nicht auf. Weil auch das private Sammeln geduldet wird, «besteht das Risiko unbemerkter Verluste».

«Weil auch das private Sammeln geduldet wird, besteht das Risiko unbemerkter Verluste.»

Stiftungen haben das Sagen

Laut EFK kann sich die ZSHAM gegenüber den privaten Stiftungen zu wenig durchsetzen. Warum das ist, lässt ein Blick in die gewichtig besetzten Stiftungsräte vermuten. Dort amten ehemalige Politiker wie Rita Fuhrer, Ex-SVP-Regierungsrätin Zürich, und Ex-BDP-Nationalrätin Ursula Haller gehören dort ebenso dazu wie Vertreter der Rüstungsindustrie oder ehemalige hohe VBS-Funktionäre.

Die ZSHAM nahm in einer Stellungnahme die Kritik zwar entgegen, wies sie aber teilweise zurück. Sie bestreitet etwa, dass sie «unrechtmässig handelte». So sei es zwar zutreffend, dass für allgemeines Korps-Material in der Regel zwei Exemplare eines Objekts aufbewahrt würden. Begründete Ausnahmen seien aber möglich. Heute will das VBS vertiefter zum EFK-Prüfbericht Stellung nehmen.

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Video: srf/SDA SRF

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    Alle Leser-Kommentare
  • Gubbe 05.04.2018 08:52
    Highlight Highlight Eigentlich geht es hier nur am Rande um Transparenz. Es geht eindeutig um fehlendes Wissen, wie man sammelt. Wenn da so gewurstelt wird mit Personen, die nicht fähig sind Listen zu führen, und das Ganze uns so 7-8 Mio jährlich kostet - für was, oder für wen? Man kann Alteisen verschrotten, wieder aufbereiten und bekommt noch Geld dafür. Heute kann ich Leute verstehen, die täglich fragen, in welchem Land wir eigentlich leben. Es scheint nur Steuerbeamte zu geben...
  • Telomerase 05.04.2018 08:51
    Highlight Highlight 7.5 Mio für Geschichtshistorische Sammlungen und Museen der Armee => Riesengeheul

    300 Mio jährliche Kulturfinanzierung durch den Bund => keiner zuckt mit den Schultern
    • Luku luku 05.04.2018 09:55
      Highlight Highlight Naja Sammlung ohne Übersicht ist nicht das Gelbe vom Ei.
    • Eh Doch 05.04.2018 10:17
      Highlight Highlight genau und sich dann gleichzeitig über die "vielen" Flüchtlingen und Sozialschmarotzer aufregen, ayayayy die kosten uns als Steuerzahler ja sooo viel.
  • Binnennomade 05.04.2018 08:34
    Highlight Highlight Kann mir jemand erklären, wie der Herr sieht, wo er hinschiesst? 😅
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    • Obey 05.04.2018 09:08
      Highlight Highlight Das Training ohne Sicht gehört zur Ausbildung eines jeden jungen Jedis. Vertraue der Macht!
      Benutzer Bild
    • ElAladiN 05.04.2018 09:15
      Highlight Highlight Ohne munition wirds eh schwierig 😏
    • ChrisPronto 05.04.2018 09:17
      Highlight Highlight Ich Probier's :-)
      Also wenn jetzt dunkel wäre könnte er mit seiner Nachtsichtgerät den Laserstrahl des Infrarot-Laser-Pointers (das grosse runde Teil am Gewehr dass aussieht wie ein Zielfernrohr aber keins ist) sehen und somit wüsste er wo er hin schiessen muss.

      Aber eben: Wäre, wäre, Fahrradkette!
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  • Frances Ryder 05.04.2018 08:33
    Highlight Highlight Also wenn ich daran denke, dass wir ca. 250 Stutz bezahlen mussten, als wir im WK einen jahrzentealten Funkgerätakku verloren haben, der wahrscheinlich noch etwa 50 mAh Kapazität hatte, finde ich die 7.4 Millionen pro Jahr nicht so schlimm, denn die Sammlung ist bestimmt mehrere Quadrillionen Franken wert😱
    • Tomjumper 05.04.2018 13:41
      Highlight Highlight Ich hätte noch 70 Franken für meinen 10 Jahre alten PA Schlafsack bezahlen müssen, um ihn behalten zu können. Das Militär rechnet immer nach Tagesform.
    • Adrian Aulbach 05.04.2018 20:43
      Highlight Highlight Dafür hiess es beim Absturz des Patrouille Suisse Jets in Holland der Schaden betrage 0 Franken, da das Flugzeug vollständig abgeschrieben sei.
  • Posersalami 05.04.2018 08:14
    Highlight Highlight "Zielvereinbarungen seien wirkungslos, Transparenz und Steuerbarkeit noch gesunken."

    Dann gebt dem Laden einfach kein Geld mehr! 7.4mio im Jahr für was genau?

    Stellt den Kram in ein Museum und finanziert das ganze privat! Der Steuerzahler hat schliesslich die Exponate schon bezahlt. Wenn es sich nicht selbst trägt muss der Laden eben liquidiert werden. Punkt
    • Ohniznachtisbett 05.04.2018 09:04
      Highlight Highlight Schon noch lustig. Der Salami redet, kaum gehts ums Militär (vielleicht noch bei der Landwirtschaft) plötzlich von "muss sich selbst tragen", keine Subventionen. Nicht Staatsaufgabe. Schreit nach privater Finanzierung. Dann kommt noch der Steuerzahler ins Spiel. Made my day. Ich sag es dir dann gern mal wieder, wenns um was anderes geht, wenn dir dann der schlanke Staat und die Eigenverantwortung wieder fremd sind.
    • Posersalami 05.04.2018 10:32
      Highlight Highlight Es ist etwas völlig anderes, ob ein paar Kriegsgeilen Leuten ihr Privatmuseum finanziert wird oder ob es um ein für die Gesellschaft relevantes Problem geht (zb. Verkehr, Infrastruktur, Schulen usw) ob der Staat zahlen soll oder nicht.

      Wo ist der Nutzen für die Gesellschaft, wenn ein paar freidrehende Offiziere und ex-Politiker Panzer sammeln auf Kosten des Steuerzahlers? Ich hoffe, sie sehen da einen Unterschied zur Finanzierung von zB. der Schiene und Strasse.
    • Ohniznachtisbett 05.04.2018 12:54
      Highlight Highlight Was ist denn mit den Subventionen für Opernhaus, Schauspielhaus, Kunsthaus, Filmförderung, Landesmuseum, Museen allgemein? Kulturförderung allgemein? Müsste dann doch auch privat sein. Mir gefallen Opern nicht sonderlich, ich verstehe aber, dass hier gewisse Subventionen fliessen. Dir gefallen halt Panzer nicht, wegen dem darf es doch trotzdem eine Sammlung/Museum geben, auch teilweise öffentlich finanziert. Immerhin ist ein Panzer oder Kampfjet oder andere Waffensysteme - vom Zweck abgesehen - ein Meisterwerk der Technik...
    Weitere Antworten anzeigen
  • jjjj 05.04.2018 07:38
    Highlight Highlight 7,5 Mio pro Jahr sind jetzt Peanuts im grossen und ganzen... 💁🏼‍♂️
  • philosophund 05.04.2018 07:22
    Highlight Highlight „Fehlende Transparenz und Steuerbarkeit wurde festgestellt, Verflechtungen zwischen privaten Stiftungen und Trägerverein, Interessenkonflikte, fehlende Gesamtsicht der Kosten, Sicherheitsrisiken. “

    Neu ist das bei unserer Milizarmee nicht. Wer lange genug „gedient“ hat wird die obengenannten Punkte auch in vielen anderen Bereichen nur bestätigen können.
  • Roman Don Hulliger 05.04.2018 07:20
    Highlight Highlight Dieser soldat auf dem bild... mit dem restlicht-verstärker bei tag, sieht der garantiert viel 😂
    • Neversober 05.04.2018 08:30
      Highlight Highlight 😂
    • EvilBetty 05.04.2018 09:44
      Highlight Highlight Er so...

      Benutzer Bild
    • SpikeCH 05.04.2018 14:50
      Highlight Highlight hab ich mir auch gedacht.. etwa in der Reihenfolge:
      1) Finger müsste lang sein, ist nicht unmittelbar vor Schussabgabe
      2) entsprechend waffe sichern
      3) Restlicht am tag ?!
      4) Restlicht ohne Schutzabdeckung!? (geht kaputt)
      5) die Person schaut mit dem RLV in die falsche Richtung bzw kann gar nicht zielen so

      Was für ein schlechtes bild :(
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  • Scaros_2 05.04.2018 07:17
    Highlight Highlight Wenn wir mittlerweile 1 Sache wissen, dann ist das jene, das alles was sich rund um das Militär dreht - egal ob es Projekte oder so was wie dieses hier 1 Sache immer fehlend ist. Transparenz. Was auch noch oft fehlt ist scheinbar die Kompetenz her über solch grösseren Dinge zu sein.
  • Olmabrotwurst 05.04.2018 07:06
    Highlight Highlight Die Armee hat noch grössere Probleme als ihr Material....

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