Schweiz
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Bundesrat Ignazio Cassis und Nati-Star Valon Behrami.

Valon Behrami und Ignazio Cassis – eine Tessiner Geschichte von Kampf, Krieg und Mitschuld

Fussballstar Valon Behrami floh einst vor der Gewalt im Kosovo ins Tessin. Der Tessiner Bundesrat Ignazio Cassis ermöglicht nun, dass mit Schweizer Waffen Gewalt in Bürgerkriegen ausgeübt wird. Ein Blick auf zwei Leben.

18.06.18, 19:39 19.06.18, 20:20


Das ist die Geschichte eines Kriegers, eines Kriegs und eines Fehlentscheids. Ihre Hauptfiguren sind zwei Tessiner. Sie spielt im kosovarischen Mitrovica, in Bellinzona, im russischen Rostow am Don und im Sitzungszimmer des Bundesrats im 1. Obergeschoss, Bundeshaus-West, Bern.

Die Geschichte beginnt am 4. Dezember 1990. Die Familie Behrami, Vater Ragip, Mutter Halime, der damals 5-jährige Valon und seine 7-jährige Schwester Valentina überqueren in einem Bus aus Mitrovica im Kosovo kommend die italienisch-schweizerische Grenze. Vater Ragip war in den Jahren zuvor im zunehmend repressiven Klima gegen die Albaner in der damaligen jugoslawischen Provinz willkürlich von der Polizei aufgegriffen und verprügelt worden. Die erste Nacht in der neuen Heimat verbringt die Familie einem Hotel in Bellinzona:

«Daran erinnere ich mich genau: Es war sehr kalt, und es hatte viele Parkplätze vor dem Hotel.»

Valon Behrami im Tages-Anzeiger, 28.12.2016

Zu dieser Zeit hat der 29-jährige Ignazio Cassis sein Arztdiplom von der Universität Zürich bereits seit zwei Jahren in der Tasche. Er ist als Assistenzarzt in der Chirurgie und der inneren Medizin tätig.

Im Februar 1998 bricht der Kosovokrieg aus. Nach Schätzungen werden in dem 16 Monate andauernden Konflikt bis zu 13’000 Menschen getötet oder gelten seither als vermisst. Auch ein Cousin und ein Onkel von Valon Behrami wurden erschossen. Über 1 Million Menschen war zeitweise auf der Flucht. 53’000 von ihnen kamen in die Schweiz.

«Der Krieg hat unbeschreibliches Leid über meine Familie gebracht. Verwandte von mir sind ums Leben gekommen, andere haben alles verloren. Am liebsten wäre mir, das alles wäre nie geschehen und wir würden als grosse Familie zusammenleben.»

Valon Behrami im Tages-Anzeiger, 28.12.2016

Der 36-jährige Ignazio Cassis ist bei Kriegsausbruch seit zwei Jahren Kantonsarzt im Tessin. Während sich die Familie Behrami nach Jahren der Unsicherheit über eine definitive Aufnahmebewilligung in der Schweiz freuen kann, erhält Ignazio Cassis den Facharzttitel FMH für die Innere und die präventive Medizin.

Unsere Geschichte springt zwanzig Jahre nach vorne, in den Sommer 2018. Der 33-jährige Valon Behrami ist der unbestrittene Leitwolf der Schweizer Nationalmannschaft an der Fussball-WM in Russland. Der 57-jährige Ignazio Cassis sitzt seit rund sieben Monaten für die FDP im Bundesrat.

15. Juni 2018: Der Bundesrat versammelt sich in seinem Sitzungszimmer im 1. Obergeschoss des Bundeshauses in Bern. Das Täfer an den Wänden stammt von 1889, die Stuckdecke und der Leuchter sind original von 1857. Der wichtigste Beschluss der Sitzung: Der Bundesrat lockert die Bestimmungen der Kriegsmaterialverordnung. Unter gewissen Umständen sollen Schweizer Waffen zukünftig auch in Länder exportiert werden können, in denen Bürgerkrieg herrscht.

Eine eigene Rüstungsindustrie zu haben sei für «die Glaubwürdigkeit der Sicherheitspolitik» der Schweiz weiterhin zentral. Und weil diese Industrie auf Kriegsmaterialexporte angewiesen sei und unter der «im Vergleich zu anderen europäischen Ländern restriktiven Exportbewilligungspraxis» leide, soll sie neu auch in Bürgerkriegsländer exportieren dürfen. Die schwammig formulierte Einschränkung: Es dürfe «kein Grund zur Annahme bestehen, dass das auszuführende Kriegsmaterial im internen bewaffneten Konflikt eingesetzt wird.»

Die Mehrheit für diesen Beschluss kommt dank Ignazio Cassis zustande. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Didier Burkhalter stimmt er gemeinsam mit den SVP-Bundesräten Maurer und Parmelin für das Anliegen seines FDP-Parteifreunds Johann Schneider-Ammann.

Zwei Tage später und 2428 Kilometer im Osten: Valon Behrami führt die Nationalmannschaft mit einer Weltklasseleistung zum 1:1-Unentschieden gegen Brasilien im ersten WM-Spiel der Schweiz am 17. Juni 2018 in Rostow am Don. Er gewinnt 100 Prozent seiner Kopfballduelle und 75 Prozent seiner Zweikämpfe.

Die Presse feiert Behrami als «Krieger», der Superstar Neymar erfolgreich in Schach gehalten hat.

Bei einer Fussball-WM geht es um Einiges: Um Ruhm, um sehr viel Geld, um Jubel und Trauer, Erfolg und Misserfolg. Aber es geht nicht um Leben und Tod. Neymar als häufigstes Opfer von «Krieger» Behrami musste ein paar Schläge einstecken. Angst um sein Leben musste er keine haben.

Journalisten des Tages-Anzeigers zeigten Behrami Ende 2016 anlässlich eines Interviews ein Bild aus dem März dieses Jahres. Darauf zu sehen waren verzweifelte Flüchtlinge, welche einen Fluss an der griechisch-mazedonischen Grenze in der Nähe des Flüchtlingscamps Idomeni überqueren. Behramis Reaktion:

«Diese Menschen befinden sich im Überlebenskampf. Ich muss dann jeweils daran denken, dass man auch im Fussball oft von ‹Kampf› spricht. Das kommt einem, wenn man solche Bilder sieht, beschämend vor.»

Valon Behrami im Tages-Anzeiger, 28.12.2016

Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Bild: EPA ANA-MPA

Der Tessiner «Krieger» Behrami weiss aus der eigenen Biografie, was Flucht begleitet. Seine Familie im Kosovo musste erfahren, was Waffen anrichten können. Sie musste Angst haben um ihr Leben.

Als Aussenminister steht der Tessiner Arzt Ignazio Cassis dem EDA vor. Das Departement galt lange als Hort von schweizerischen Werten wie der Neutralität und der humanitären Tradition. Der Präsident des Internationalen Komittee vom Roten Kreuz (IKRK) entstammt traditionellerweise aus den Reihen der Diplomaten des EDA. Das IKRK setzt sich auf der ganzen Welt für diejenigen ein, die unter bewaffneten Konflikten leiden. Es versucht seit über 150 Jahren, Kriegsparteien zur Einhaltung der völkerrechtlichen Regeln zu verpflichten. Meistens gelingt das jedoch nicht. Oder nur ungenügend.

Für ein Foul an Neymar erhielt «Krieger» Behrami in der 68. Minute die gelbe Karte. Die Regelübertretung wurde sanktioniert. Werden Schweizer Waffen und Munition nach dem Export in ein Bürgerkriegsland – entgegen der naiven Erwartungen des Bundesrates – in einem bewaffneten Konflikt eingesetzt, steht kein Schiedsrichter mit der gelben Karte daneben. Es windet sich kein Neymar theatralisch am Boden. Es werden Menschen damit getötet.

Die besten Bilder der Fussball-WM 2018 in Russland

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Brikne, 20.7.2017
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17
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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • demokrit 19.06.2018 10:19
    Highlight Wirklich kein Ruhmesblatt für Cassis/Ammann.
    11 3 Melden
  • Murky 19.06.2018 09:21
    Highlight Grossartiger Artikel. Vielen Dank. In der Tat eine Enttäuschung.
    9 3 Melden
  • Felix Walter S. 19.06.2018 00:17
    Highlight Mit diesem Artikel wird ein bisschen fest auf die Tränendrüse gedrückt. De facto wurden die Richtlinien zum Waffenexport lediglich internationalen Standards angeglichen. Die Behauptung, dass zukünftige Kriegsopfer direkt auf Bundesrat Cazis zurückfallen, ist absurd.
    12 38 Melden
    • Liselote Meier 19.06.2018 06:52
      Highlight Überhaupt nicht Absurd.
      Punkt a) Liefert man Waffen an eine Seite eines Bürgerkrieges ist man Parteiisch, sollte man ganz schnell das Wörtchen Neutralität streichen. Punkt b) Mehr Waffen in einem Krieg = mehr Tote.
      Punkt c) "legendlich" eine Anpassung an int. Richtlinien. Gibt keine Richtline die z.b. Untersagt Panzer an die Hamas zu liefern, Int. gibt es keine Richtline welche dies Untersagt, so als Beisspiel.
      11 4 Melden
    • Maranothar 19.06.2018 07:57
      Highlight Nein, nicht nur auf Cassis. Auch auf alle die da zustimmen und es unterstützen. Nur weil es "internationaler Standard" ist, heisst das nicht dass Waffenhandel gut ist.

      Unter dem Strich sterben Menschen damit ein paar Reiche Säcke noch reicher werden.
      13 3 Melden
    • Spooky 19.06.2018 12:04
      Highlight @ Maranothar
      "Unter dem Strich sterben Menschen damit ein paar reiche Säcke noch reicher werden."

      Behrami ist ja selber ein reicher Sack.
      5 10 Melden
    • Fulehung1950 19.06.2018 12:07
      Highlight Der Bonus des CEO der RUAG sank 2017 gegenüber 2016 um 117K. Da muss man doch was tun.....
      0 5 Melden
    • Maranothar 19.06.2018 12:51
      Highlight @Spooky
      Das mag sein, aber nicht auf Kosten von Menschenleben.
      7 0 Melden
    • Fulehung1950 19.06.2018 15:37
      Highlight @Spooky: hat Behrami eine Bank gegen Bonus an die Wand gefahren, eine Waffenschmiede geleitet oder hat er aus seinem fussballerischen Talent das Optimum herausgeholt?

      Reich sein ist nicht eine Schande, der Weg dazu ist es in vielen Fällen. Z.B. wenn Manager zur Sicherung ihrer variablen Einkünfte gut 1‘100 Arbeitnehmer der GE auf die Strasse stellen....
      9 1 Melden
  • Eksjugo 18.06.2018 22:16
    Highlight Waffen töten MENSCHEN! Völlig daneben und unglaublich, dass diese Verordnung gelockert wurde..
    50 8 Melden
  • Kollani 18.06.2018 21:13
    Highlight Danke für diesen Artikel! Bin enttäuscht vom Beschluss des Bundesrates.
    97 11 Melden
  • Vincent2255 18.06.2018 21:13
    Highlight Auf der einen Seite verstehe ich das man auf diesen skandalösen Entscheid aufmerksam machen will, auf der anderen Seite finde ich es nicht korrekt das man Behramis tragische Geschichte dafür braucht.
    24 45 Melden
    • Murky 19.06.2018 09:23
      Highlight Warum? Ich finde genau darum geht es. diese Millionen von Flüchtlingen sind nicht eine Masse, sondern einzelne Menschen mit Geschichte und Zukunft. Wie Valon Behrami. So müssen wir sie sehen, jeden einzelnen von ihnen.
      13 2 Melden
    • Fulehung1950 19.06.2018 12:13
      Highlight Man wirft Behrami und anderen vor, keine „Eidgenossen“ zu sein, die Hymne nicht zu singen und nicht mit dem „Herzen für die Schweiz zu kämpfen“.

      Und Behrami ist ein Beispiel, das aufgrund seiner Popularität herausragt, aber für Tausende „Nichteidgenossen“stellvertretend zeigt, was es heisst, sich für die Schweiz(er Wirtschaft) tagtäglich den Arsch aufzureissen.

      3 1 Melden
  • Ingenting 18.06.2018 20:50
    Highlight dafür schätze ich euch, danke für diesen Artikel. Der Entscheid des Bundesrates ist einfach nur beschämend und rückwärts gerichtet, das reichste Land muss scheinbar auf dem Rücken der Allerärmsten noch Geld verdienen. Die Nati beweist das Gegenteil, Mut, Freude am Risiko und Großeinsatz, das macht erfolgreich!
    81 8 Melden
  • Feihua 18.06.2018 20:13
    Highlight Guter Artikel, danke!

    Hoffentlich öffnet das anschauliche Beispiel aus dem Sport auch einigen Leuten, welche sonst nicht politisch interessiert sind, die Augen für unsere zynische Aussenpolitik.

    Wie kann Cassis als Arzt nur so etwas befürworten?
    91 5 Melden
    • The Origin Gra 18.06.2018 22:31
      Highlight @Feihua: Die Guantanamo Foltermethoden der CIA wurde ebenfalls von Ärzten resp. Psychiatern entwickelt.

      Im 3. Reich haben Ärzte unmenschliches getan.

      Der Hypokratische Eid scheint nicht jedem gleich wichtig zu sein 😕
      30 5 Melden

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