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Sie wollte Aufmerksamkeit: Die Basler Kindsmörderin tötete nicht im Affekt

Die 75-jährige Frau, die im März im Basler Gotthelfquartier einen Primarschüler tötete, hat nach gegenwärtigem Erkenntnisstand dem Opfer das Leben «als blosses Mittel zum Zweck genommen, um dadurch auf ihre persönliche Situation aufmerksam zu machen». Diese Feststellung hat das Basler Appellationsgericht in einem der Redaktion CH Media vorliegenden Urteil getroffen.

Christian Mensch / ch media



Blumen am Tatort: Der Knabe wurde auf dem Trottoir angegriffen. bild: nicole nars-zimmer

Blumen am Tatort: Der Knabe wurde auf dem Trottoir angegriffen Bild: nicole nars-zimmer

Die Tat könnte sinnloser nicht sein. Am 21. März dieses Jahres hat eine 75-jährige Frau im Basler Gotthelfquartier um 12.30 Uhr einen Primarschüler niedergestochen. Dieser befand sich auf dem Nachhauseweg von der Schule, als ihn die ihm völlig fremde Frau angriff. Trotz Reanimation und Notoperation verblutete der Siebenjährige am gleichen Tag.

Aus vorliegenden Gerichtsurteilen geht nun hervor: Die Tat erfolgte nicht im Affekt. Auf dem Mobiltelefon der Frau haben die Ermittler eine SMS-Nachricht gefunden, die sie bereits einen Tag zuvor geschrieben hatte. Darin bekennt sie sich vorweg zur Tat. Diese SMS hat sie jedoch wieder gelöscht.

Unmittelbar nach der Tat hat die Frau dann erneut eine SMS getippt und diese an eine Reihe von Personen gesandt: «Hoi ihr lieben. Habe ein Kind getötet damit ich mein Eigentum zurückbekomme. Stelle mich der Polizei und übernehme die Verantwortung, sofern ich nicht als Staatsfeind umgebracht werde.»

Kein fremdenfeindliches Motiv

Die 75-jährige Frau hat das Opfer zufällig gewählt. Das kann man aufgrund von Aussagen in Vernehmungen, die im Entscheid wiedergegeben sind, feststellen. Das Kind war ihr unbekannt. Es gibt auch keinen Hinweis, dass sie es auf sein fremdländisches Aussehen abgesehen hatte. Das Opfer ist ein kosovarischer Knabe, was zur voreiligen Anschuldigung eines Basler Imams geführt hat, bei der Tat handle es sich um Terror, den er in den konkreten Kontext rassistisch begründeter Terroranschläge stellte.

In einer Vernehmung drei Wochen später macht sie nun eine Affekthandlung geltend: Plötzlich sei das Kind vor ihr gestanden, wobei sie nicht mehr wisse, woher der Bub gekommen sei. Sie habe ihm zweimal in den Hals gestochen. Im Urteil heisst es: «Sie habe ‹nur noch zugestochen›, es sei aus ihr rausgekommen.»

Passanten haben gesehen, wie sie den Ort der Tat verliess. Sie hat zu Protokoll gegeben, sie hätte sich danach auf eine Bank gesetzt, um sich zu sammeln. Dann sei sie ein- oder zweimal eine Runde auf dem Schützenmattpark gegangen, bevor sie sich zur nahen Staatsanwaltschaft begab. Etwa um 13.30 Uhr meldete sie sich mit der Tatwaffe bei der Pforte der Staatsanwaltschaft und liess sich festnehmen.

Die Frau lässt an ihrem Motiv keine Zweifel. In den Worten des Basler Appellationsgerichts speist sich dieses «zur Hauptsache aus einem subjektiven Unrechtsgefühl, welches sie auf diverse behördliche Fehlleistungen zurückführt, die teilweise mehrere Jahrzehnte zurückreichen».

Bereits kurz nach der Tat haben Medien wie der «Blick» auf einen Konflikt der Frau und ihres damaligen Partners hingewiesen, der sich in den Siebzigerjahren im Baselland abspielte. Das Paar sprach von einer «Justizkorruptionsaffäre» und versuchte, sich auch mittels Petitionen politisch Gehör zu verschaffen.

Trauermarsch in Basel für 7-jährigen Buben Video: © TeleM1

Eine wahnhafte Störung, kaum behandelbar

Dass sich die Frau gewohnt ist, alle möglichen Rechtsmittel in Anspruch zu nehmen und diese auszuschöpfen, hat sie seit ihrer Verhaftung bereits schon dreimal bewiesen. In einem ersten Verfahren verwahrte sie sich dagegen, von der forensischen Psychiatrie der Universitätsklinik Zürich psychiatrisch begutachtet zu werden. Im zweiten Verfahren stellte sie ein Ausstandsbegehren gegen die Basler Staatsanwaltschaft, da diese aufgrund älterer Verfahren gegen sie befangen sei. Im dritten Verfahren schliesslich legte sie Beschwerde gegen eine Verlängerung der Untersuchungshaft ein.

Alle drei Beschwerden zog sie bis vor Bundesgericht, das alle ablehnte. Das oberste Gericht behält sich vor, «künftig ähnliche Eingaben in der vorliegenden Angelegenheit formlos abzulegen».

Nach Zählart der Frau besteht eine Vorgeschichte mit 29 angeblichen Gerichts- und Amtsverfehlungen. Ausgangspunkt ist jedoch ein Urteil aus dem Jahr 1977, das die Frau «wahnhaft interpretiert». Mehrfach wurde sie daraufhin psychiatrisch untersucht und stationär behandelt. 2003 wurde sie als «vollständig unzurechnungsfähig» diagnostiziert. 2005 und 2006 stellten Gutachter erneut eine «andauernde wahnhafte Störung» fest. Die Störung sei kaum behandelbar, zeige eine zunehmende Verschlimmerung und sie habe eine schlechte Prognose für den weiteren Verlauf.

Aus dem neuesten Gutachten von 2016 geht hervor, dass die Frau bereits «seit vielen Jahren Briefe mit Eingaben an die Behörde richte, in denen sie zunehmend klare Drohungen hinsichtlich einer jederzeit zu erwartenden Gewalttat äussere». Gleichzeitig sei jedoch die Einsichtsfähigkeit in das Handeln und damit auch die Schuldfähigkeit vollständig aufgehoben.

Nach Ansicht des Gerichts zeigt sich die Frau auch im laufenden Strafverfahren in keiner Weise reuig. Sie sei empathielos und erachte die Tötung des Kindes nach wie vor «als legitimes Mittel, um auf ihre persönliche Situation aufmerksam zu machen». Statt Verantwortung zu übernehmen, wie sie selbst angekündigt hat, schiebe sie diese den Behörden zu. In einer Einvernahme sagte sie: «Ich hätte nie gedacht, dass man einen Menschen so weit treiben kann.» Diese Argumentation machte selbst das Gericht sprachlos. (aargauerzeitung.ch)

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30Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Influenzer 29.08.2019 13:01
    Highlight Highlight Ein unglaublich trauriger Fall. Leider gibt es aber noch viele notorische Querulanten die ein kaum kalkulierbares Sicherheitsrisiko darstellen. Früher hatten drakonische und grausame Strafen eine abschreckende Wirkung, heute fehlt uns ein Rezept (ich will nicht ins Mittelalter zurück, stelle aber fest, dass die Aufnerksamkeit die einem durch die Mühlen der Strafjustiz zuteil wird, manchen zweifellos sehr kranken Leuten gar keine Angst macht.)
    • DemonCore 29.08.2019 13:50
      Highlight Highlight Sicher gibt es Querulanten. Über die wird aber berichtet, es gibt Listen und die Polizei stattet ihnen Besuche ab. Was wird gegen verbreitete behördliche Willkür, Begünstigung, Vetternwirtschaft und Korruption getan? In vielen Gemeinden gibt es Einwohner oder Firmeninhaber die Goodwill geniessen, der nicht allen zusteht. Die Staatsanwaltschaften in St Gallen haben auf Vorrat unhaltbare Strafverfahren eröffnet. Wann reden wir über behördliche Fehlleistungen die mutmasslich hunderte in die Verzweiflung treiben? Ich möchte nicht Zufallsopfer eines behördlich drangsalierten Mitbürgers werden.
  • Bambusbjörn aka Planet Escoria 29.08.2019 12:07
    Highlight Highlight Der Versuch vernünftig mit Lesern des Blick zu diskutieren.
    Benutzer Bild
  • sa5 29.08.2019 09:18
    Highlight Highlight Das Fassungslose an der Tat ist, dass sich Bagatellen, Missverständnisse und Fehlinterpretationen sich dermassen aufladen und sich in einer Katastrophe entladen können.
    Wenn Ämter und Behörden anstatt auf Prinzipien zu reiten besser zuhören und erklären könnten, wäre das hilfreich.
    Manchmal wünscht man sich den guten guten Onkel vom Amt der zuhört, beruhigt und mal etwas ungerades gerade sein lässt. Das Gefühl nicht verstanden und ernst genommen zu werden kann sich zu einem Monster auf laden. Einfach einmal zuhören könnte dagegen helfen.
    • Bambusbjörn aka Planet Escoria 29.08.2019 14:07
      Highlight Highlight Ich erlebe es ja selbst gerade.
      Die Versicherung schuldet mir noch Krankentaggeld, und versucht wieder mal nicht zu bezahlen.
      Auf Nachfrage sind plötzlich sämtliche Akten verschwunden.
      Zum zweiten Mal in diesem Jahr muss ich mit meinem Rechtsschutz gegen die selbe Versicherung, wegen exakt der selben Sache vorgehen.
      Ich bin einfach froh, dass ich trotz meiner schon vorhandenen Probleme, mir immer noch meinen Willen bewahren konnte und immer noch die Kraft habe, das ganze mit normalen Mitteln zu lösen.
      Aber es ist extrem zermürbend.
  • no-Name 29.08.2019 08:32
    Highlight Highlight Ab in den Massnahmenvollzug. 20 Jahre (oder als Bedingung zur Freilassung ‚empathie’) sollten ausreichen um weitere solche „Notwendigkeiten“, welche selbst krasseste Utilitaristen kaum nachvollziehen geschweige gutheissen können, zu verhindern.

    Und der psychiatrische Massnahmenvollzug kann durchaus unangenehmer sein als Knast. Also BITTE in die Forensik. (Alter egal)
  • Fumia Canero 29.08.2019 00:13
    Highlight Highlight Ihr SMS-Text: "Hoi ihr lieben. Habe ein Kind getötet..." Die Tat ist für mich jenseits alles Begreiflichen. Die Familie des Jungen hat mein tiefstes Mitgefühl.
  • Malkollektivdurchatmen 28.08.2019 22:42
    Highlight Highlight Ich benutze sehr selten das Wort FASSUNGSLOS, aber hier passt es😓
  • DemonCore 28.08.2019 22:13
    Highlight Highlight «zur Hauptsache aus einem subjektiven Unrechtsgefühl, welches sie auf diverse behördliche Fehlleistungen zurückführt, die teilweise mehrere Jahrzehnte zurückreichen»

    Das vom Gericht angegebene subjektive Unrechtsgefühl der Täterin beschreibt ihr Motiv, und nicht die Art der behördlichen Fehlleistungen (eingebildet oder tatsächlich).

    Gab es tatsächlich Fehlleistungen, und wenn ja, wer ist dafür verantwortlich?
    • JoeyOnewood 28.08.2019 22:57
      Highlight Highlight Steht ja, dass sie mehrere Entscheide bis vor Bundesgericht weiterzog und jedesmal verlor. Was da jetzt an behördlicher Fehlleistungen nicht klar sein soll, ist mir schleierhaft.
    • cheeky Badger 29.08.2019 00:22
      Highlight Highlight Selbst wenn, hat das keinen Zusammenhang. Den schwatzen Peter kann man nicht so einfach weiterschieben.
    • olmabrotwurschtmitbürli aka Pink Flauder 29.08.2019 01:46
      Highlight Highlight Das ist wohl schwer festzustellen nach so vielen Jahrzehnten.

      Es gibt aber nicht wenige Leute, die mit Justiz/Verwaltung in Konflikt geraten und dann langfristig als sog. "Querulanten" in Erscheinung treten.

      Da ist oft nicht auszuschliessen, dass früher einmal wirklich ein Fehler seitens Justiz oder anderer Behörden passiert ist. Es ist dann leider typisch, dass diese Leute sich mit überzogenen Verfahren in den Ruin prozessieren.
    Weitere Antworten anzeigen
  • DemonCore 28.08.2019 16:02
    Highlight Highlight Jetzt wäre es noch wichtig zu wissen, was diese Fehlleistungen waren. Aus dem Artikel geht nicht hervor ob die empfundene Ungerechtigkeit auf die Wahnvorstellung oder tatsächliches Unrecht zurückgeht. Entweder ist sie geisteskrank (Wahnvorstellungen) oder sie empfand Unrecht und hat nun mit Gewalt reagiert (Terror).
    • Citation Needed 28.08.2019 20:47
      Highlight Highlight Im Artikel steht, dass sie ein Urteil von 1977 ‚wahnhaft interpretierte‘. Selbst wenn es also ein Fehlurteil gewesen sein sollte - was tut es zur Sache? die wahnhafte Interpretation bleibt das Problem.

      Auch den Begriff Terror find ich unpassend, egal ob es Fehler gab oder nicht.
    • DemonCore 28.08.2019 22:03
      Highlight Highlight Wow, der Mob wütet mal wieder. Ich habe gar nichts gerechtfertigt. Ich habe gesagt wenn ihr tatsächlich Unrecht geschehen wäre, hätte sie einen Terrorakt begangen, was ja wohl auch Unrecht ist. Zügelt eure Aggressionen bitte.

      Ich sehe im Artikel jedoch nicht wo klar gesagt wird, dass ihr durch die Behörden tatsächlich kein Unrecht geschehen ist. Das wäre aber doch ein relevantes Faktum in diesem Zusammenhang.
    • DemonCore 28.08.2019 22:17
      Highlight Highlight Terror im Gegensatz zu Geisteskrankheit. Ich finde es eine wichtige Unterscheidung ob jemand mit einer psychiatrischen Diagnose eine Tat begeht weil sein Geist nicht normal funktioniert, oder zur Durchsetzung eines politischen/gesellschaftlichen Ziels, was eben gemeinhin als Terror bezeichnet wird. Gerade Terroristen wählen willkürlich Opfer aus um ihrem Anliegen Nachachtung zu verschaffen.
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