Schweiz
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Die Vorwürfe will Rektor Jürg Lauener nicht einfach stehen lassen.
Nicole Nars-Zimmer niz

Jetzt redet der Therwiler Rektor: «In der Verfassung steht nichts von Händeschütteln»

Jürg Lauener gilt schweizweit als «Zauderer». Das will der Rektor der Sekundarschule in Therwil BL nicht auf sich sitzen lassen. Er hatte bisher keine Handhabe, Schüler zum Händeschütteln zu zwingen, sagt er im Interview. Das soll sich aber schon sehr bald ändern.

Bojan Stula / Nordwestschweiz



Jürg Lauener, wieso sind Sie in den letzten Tagen abgetaucht? Wir und andere Medien haben andauernd versucht, Sie oder das Schulsekretariat zu erreichen.
Jürg Lauener: Wir sind nicht abgetaucht. Wirklich nicht. Unser Sekretariat war in den letzten Tagen nicht immer besetzt, denn wir hatten einen Krankheitsfall. Meinerseits habe ich zugegebenermassen die Mails nicht alle gelesen. Ich war stark beschäftigt.

Wir hätten ja Verständnis dafür gehabt, wenn Sie abgetaucht wären, schliesslich sind Sie jetzt schweizweit als «Zauderer» und Leiter der «Skandalschule von Therwil» bekannt. Ein Videointerview trug den Titel «So redet sich der Schulleiter draus».
Im ersten Moment hat mich die Berichterstattung betroffen gemacht. Jetzt geht es mir persönlich gut. Ob ich später noch davon emotional eingeholt werde, weiss ich natürlich nicht. Auch an der Schule herrscht «Courant normal». Alle hoffen einfach, dass sich der Wirbel bald legt.

Der «Blick» schreibt in seiner Donnerstagsausgabe, dass der ganze Händedruck-Streit auf einer Schulreise seinen Anfang nahm. Dort seien die beiden muslimischen Brüder von einem Lehrer in ihrem Glauben beleidigt worden, die ebenfalls anwesende Lehrerin habe ihrem Kollegen den Rücken gestärkt. Es sei nie darum gegangen, allen Lehrerinnen die Hand nicht mehr geben zu wollen.
Das stimmt nicht. Es hat in keiner Art und Weise einen Streit gegeben.

Wieso sind Sie so sicher?
Ich habe den Zeitungsbericht gelesen und danach mit den betroffenen Lehrpersonen geredet. Sie haben es klar verneint.

Vielleicht wurden Sie angelogen?
Das glaube ich nicht, ich habe volles Vertrauen in die Aussagen der Lehrpersonen. Aber auch in den zahlreichen Gesprächen, die wir mit den beiden Schülern und der Familie geführt haben, war nie von einem solchen Vorfall die Rede.

Wie erklären Sie sich dann diese Aussage?
Ich kann mir vorstellen, dass auf dieser Schulreise über ein religiöses Thema diskutiert wurde, das danach als Streit dargestellt wurde.

Die «Basler Zeitung» hat Ihnen in mehreren weiteren Fällen ein Versagen oder schlechte Kommunikation vorgeworfen. Dabei ging es unter anderem um eine Affäre zwischen einem Lehrer und einer Schülerin und einer massiven Lagerprügelei.
Dazu äussere ich mich nicht. Die Vorfälle sind passiert, aber nicht so, wie im Artikel beschrieben. Ich denke, dass diese Berichterstattung eine persönliche Abrechnung mit meiner Person darstellt.

Wie reagieren Sie darauf?
Gar nicht.

Zurück zu den beiden muslimischen Brüdern. Es heisst, es gebe zahlreiche Eltern, die sich nun um die Sicherheit an der Schule sorgen. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe vorhin extra nochmals deswegen im Sekretariat nachgefragt. Ich weiss nur von zwei Anfragen, die deswegen an uns gerichtet wurden. Niemand hat seine Kinder von der Schule genommen. Heute haben wir in einem Elternbrief, der unter Mithilfe der Bildungsdirektion und der Polizei entstanden ist, alle informiert. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine Gefährdung.

In Ihrem Brief vom vergangenen Dezember haben Sie den Kanton auf die «extremen religiösen Auffassungen» des Vaters hingewiesen, die zusammen mit der plötzlichen Händedruck-Verweigerung in der Schule die Furcht vor einer Radikalisierung aufkommen liess. Wie kamen Sie zu dieser Einschätzung des Vaters?
Wir hatten mit ihm bereits früher ähnliche Diskussionen geführt, als er vor Jahren seinen beiden älteren Töchtern verbot, aus religiösen Gründen ins Lager mitzufahren. Wir haben gemerkt, dass diese Familie in einem Milieu lebt, wo es entscheidend ist, wie die Berührungspunkte mit der westlichen Gesellschaft ausgestaltet werden. Wir haben uns schon damals von Fachleuten beraten lassen, wie wir damit umgehen sollen. Es hat uns aber nicht weiter beunruhigt.

Wie ist das damals ausgegangen?
Seine Töchter mussten nicht ins Lager mit, aber das ist nichts Aussergewöhnliches. Das passiert auch immer wieder aus anderen Gründen.

Im gleichen Brief schrieben Sie, dass die Befürchtung einer Radikalisierung der beiden Schüler zerstreut werden konnte. Wie konnten Sie sich im Dezember so sicher sein? Nur wegen des Händedruck-Dispenses?
Nein. In all den Gesprächen mit der Familie und den Söhnen ergaben sich nie irgendwelche Anzeichen für extremistisches Gedankengut. Aus der fundamentalistischen Frömmigkeit allein konnten wir keine Gefährdung ableiten.

Jetzt sind aber auf dem Facebook-Profil des älteren Bruders verdächtige Videos und Posts aufgetaucht. Wussten Sie davon?
Nein, das haben wir auch erst aus der medialen Berichterstattung erfahren. Aber im Ernst: Wenn ich alle Profile meiner 450 Schüler durchstöberte, würde ich auf manch schräges Zeugs stossen.

Verharmlosen Sie nicht die Lage?
Nein, die Experten von der Polizei kommen zur genau gleichen Einschätzung.

Wie geht es jetzt den beiden Brüdern? Waren Sie diese Woche in der Schule?
Ja, ganz normal. Wir haben ihnen Betreuung angeboten. Der eine hat mit dem Schulsozialarbeiter ein Gespräch geführt. Aber sonst gab es nichts Auffälliges.

Gibt es Anzeichen von Mobbing?
Ich wüsste nichts davon, dass sie von anderen Schülern oder Lehrern in eine Aussenseiterrolle gedrängt werden. Ebenso wenig unsere übrigen muslimischen Schüler.

Aber sie verweigern weiterhin den Händedruck?
Ja.

Viele glauben, dass sie dabei bloss aus pubertärem Jux die Grenzen der Schule ausloten wollen und gezielt provozieren.
Der Klassenlehrer sagt, die beiden Jungen hätten ihre religiöse Haltung verinnerlicht. Es ist nicht so, dass sie frech und arrogant wären. Im Gegenteil sind sie sehr höflich und zuvorkommend.

Aber wenn die Weisung aus Liestal kommt, dass die Begrüssung per Händedruck bei den Brüdern durchgesetzt werden muss, dann würden Sie das tun.
Ja.

Wie?
Gerade das ist die Frage. Wie setzen sie bei einem Schüler, der sich weigert, etwas durch, das gesetzlich nicht vorgeschrieben ist? Deswegen haben wir vom Kanton eine juristische Expertise und eine Handhabe verlangt. Wenn die Weisung aus Liestal kommt, erwarten wir aber auch, dass man uns die möglichen Instrumente zur Durchsetzung mitteilt. Dann sehen wir weiter.

Wann erwarten Sie Bescheid aus der Baselbieter Bildungsdirektion?
Mir wurde mündlich zugesichert, dass wir sehr bald die Handhabe erhalten.

Dann werden Sie unter Umständen Härte gegenüber den beiden Brüdern zeigen müssen.
Davor scheue ich mich nicht. Das muss ich als Schulleiter öfters tun.

Gerade das wurde Ihnen aber angekreidet, dass sie mit dem Händedruck-Dispens den Weg des geringsten Widerstands gegangen sind und dadurch Schweizer Werte verraten haben.
Das höre ich so zum ersten Mal. In der Bundesverfassung steht nichts von Händeschütteln. Nicht einmal innerhalb Europas hat ein Händedruck überall die gleiche Bedeutung.

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • JIK 08.04.2016 14:45
    Highlight Highlight Einer Frau den Händedruck zu verweigern, ist doch einfach schlichtweg sexistisch und degradiert die Frau zu einem Sexualobjekt und der Mann wird als völlig triebgesteuert abgestempelt. Wollen wir wirklich, dass die jungen Generationen internalisieren, dass zwischen Mann und Frau in der Wertung so einen Unterschied besteht? Es geht auch nicht nur um diese beiden Jungs, die die Hand der Frau nicht mehr schütteln. Diese Entscheidung setzt ja auch ein Zeichen und wird auch in das Weltbild/Erfahrungen der anderen Kinder/Jugendlichen aufgenommen.
  • Mia Mey 08.04.2016 11:35
    Highlight Highlight Diese Hysterie der Schweizer wundert mich. Keiner kennt die Situation wirklich, kennt die Familie und die zwei Brüder. Es wird beurteilt und verurteilt. Ich schüttle bigoscht nicht jedem die Hand, Kultur hin oder her, das ist mein Recht. Warum macht eigentlich die Lehrerin so ein Theater drum? Solange die Schüler höflich sind sollte man ihnen keine Händedrücke aufzwingen. Würde mir meine Tochter erzählen dass da ein Lehrer ist den sie nicht berühren mag, dann müsste sie auch nicht, welcher Grund auch immer, wir lernen unsere Kinder schliesslich nein zu sagen.
    • Der Rückbauer 08.04.2016 12:59
      Highlight Highlight Unterstellst Du, dass Frau Sommaruga die Situation auch nicht kannte, als sie ihr Statement abgab? Nee, diese Nebelpetarde fress ich nicht....
  • Angelo C. 08.04.2016 11:33
    Highlight Highlight Ein Armutszeugnis, was dieser laue Lauener von sich gibt!

    Einer meiner besten Freunde ist Schulrektor in einer der drei grössten Berner Städte, hier sein Originalkommentar:

    "Diese beiden Burschen hätte ich - nach vergeblicher Rücksprache mit den Eltern - vorerst mal von meiner Schule verwiesen!"

    Auch Sommarugas Bemerkung dass sie SO Integration nicht verstehe, mehr aber noch das griffige statement Müllers, sind gut gewählt :

    http://www.blick.ch/news/politik/fdp-mueller-zur-haendedruck-affaere-in-therwil-sofort-integrationsvereinbarung-unterzeichnen-id4888829.html?

  • Der Rückbauer 08.04.2016 10:16
    Highlight Highlight Wer wählt eigentlich eine solche Person als Rektor? Wer sitzt in dieser Wahlbehörde? Was sind das für Zustände an dieser Schule, wenn sich eine Bundesrätin einschalten muss?
  • @ursus 08.04.2016 08:20
    Highlight Highlight Im Koran steht aber auch nicht, dass ein Mann einer Frau nicht die Hand geben darf. Alles basiert auf unterschiedlichen Interpretationen durch islamische Gelehrte.
  • revilo 08.04.2016 07:38
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