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Bundesratskandidat Ignazio Cassis kommt aus dem Fraktionszimmer nach dem Hearing mit der Bundeshausfraktion der CVP am Rand der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 12. September 2017 in Bern. Die Wahl des neuen Bundesrates wird am 20. September stattfinden. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Ein lockerer Ignazio Cassis verlässt das Fraktionszimmer der CVP. Bild: KEYSTONE

Spannung verzweifelt gesucht: Die Bundesratswahl ist die grosse Zeit der Schaumschläger

Pierre Maudet holt viele Stimmen bei der SVP? Doris Leuthard will Ignazio Cassis verhindern? Nie wird im Bundeshaus so viel Unsinn verzapft wie im Vorfeld einer Bundesratswahl.



Die erste Woche der Herbstsession ist vorbei. Ihr Höhepunkt rückt näher, die Wahl des Nachfolgers oder der Nachfolgerin von FDP-Bundesrat Didier Burkhalter am nächsten Mittwoch. Die Fieberkurve im Bundeshaus steigt. Es ist die grosse Zeit der Gerüchteköche und Schaumschläger.

Sie sind dieses Jahr besonders gefragt, weil die Spannung klein ist. Grosser Favorit war von Anfang an der Tessiner FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis. Nach den ersten Hearings vom Dienstag bei SVP, CVP und Grünen ist er es mehr denn je. Entsprechend locker präsentierte er sich am Ende des Schaulaufens vor den Medien: «Ich bin zufrieden, ich war mich selber.»

Bundesratskandidat Pierre Maudet, Genfer Regierungsrat, verlaesst das Hearing der Bundeshausfraktion der SVP am Rand der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 12. September 2017 in Bern. Die Wahl des neuen Bundesrates wird am 20. September stattfinden. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

Pierre Maudet ist bei der SVP durchgefallen. Bild: KEYSTONE

Wo wenig Spannung ist, da muss man sie künstlich erzeugen. So geschehen, nachdem sich Cassis als Befürworter einer Kokain-Legalisierung geoutet hatte. Der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner gab den Tessiner im «Blick» zum Abschuss frei: «In der SVP verliert er damit zwei Drittel der Stimmen, die gehen nun zu Pierre Maudet – oder es gibt Stimmenthaltungen.»

Maudets Todsünden

In der realen Welt konnte sich Cassis in der SVP-Fraktion über einen Erdrutschsieg freuen. Während Maudet mit Pauken und Trompeten durchfiel und nur eine Stimme holte. Ulrich Giezendanner gab dem SRF ungeniert zu Protokoll, dass auch er Cassis seine Stimme gegeben habe, nachdem dieser sich ihm gegenüber in Sachen Drogenpolitik erklärt habe.

In der Fraktion wurde dieses Thema offenbar nicht einmal erwähnt. Was nicht überrascht. Aus Sicht der SVP ist Ignazio Cassis schlicht der verlässlichste Kandidat für eine rechtsbürgerliche Politik im Bundesrat. Pierre Maudet hingegen ist Mitglied der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs), und er hat sich als Regierungsrat für die Legalisierung von Sans-Papiers stark gemacht. Aus Sicht eines strammen SVPlers hat er damit gleich zwei Todsünden begangen.

Aus den Reihen von CVP und Grünen wurde Maudet ein starker Auftritt attestiert, und doch bleibt es schleierhaft, wie der Genfer die Wahl gewinnen will. Selbst in den eigenen Reihen dürfte er nur wenige Stimmen holen. Obwohl die FDP-Fraktion ihn auf das Dreierticket hievte, werde der Outsider als «Störenfried» wahrgenommen, heisst es im Bundeshaus.

Bundesratskandidatin Isabelle Moret, FDP-NE, erscheint zum Auftritt am Hearing mit der Bundeshausfraktion der Gruenen Partei am Rand der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 12. September 2017 in Bern. Die Wahl des neuen Bundesrates wird am 20. September stattfinden. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Für Isabelle Moret bleibt es schwierig. Bild: KEYSTONE

Ähnlich schwierig bleibt es für Isabelle Moret. Die Waadtländerin hat als Wahlkämpferin nicht geglänzt. Bei der SVP holte sie einige Sympathie-Stimmen, wegen ihre bauernfreundlichen Haltung und weil sie klar auf Distanz zum Rahmenabkommen mit der EU gegangen ist. In den anderen Fraktionen wurde ihre Performance unterschiedlich aufgenommen. Während sie von Männern gelobt wurde, sagten zwei CVP-Frauen, ihr Auftritt sei «zum Fremdschämen» gewesen.

Moret mit wenig Argumenten

Liegt da ein Fall von Zickenalarm vor? Tatsache ist, dass Moret neben dem Frauenbonus kaum Argumente vorweisen kann, warum man sie als zweite Vertretung der Waadt in den Bundesrat wählen soll. Was eine Tür für Pierre Maudet öffnen könnte. Im Mitte-Links-Lager zerbricht man sich offenbar den Kopf, mit wem man den «SVP-Mann» Cassis verhindern kann.

Das genügt anscheinend, um SVP-Leute nervös zu machen. Der Luzerner Nationalrat Felix Müri verstieg sich gegenüber der «Aargauer Zeitung» zur Behauptung, Bundespräsidentin Doris Leuthard werde sich in der CVP-Fraktion für Pierre Maudet einsetzen, um eine Mitte-Links-Mehrheit im Bundesrat zu sichern. In der CVP sorgt dies für Kopfschütteln, zumal Leuthard selber bald zurücktreten wird.

Linke für Maudet?

Ein führender Vertreter der Partei hält es immerhin für möglich, dass es zum Showdown zwischen Cassis und Maudet kommen wird. SP-Chef Christian Levrat sehe im Genfer «einen zweiten Burkhalter», also einen Mehrheitsbeschaffer für die Linke. Für einen Sieg aber braucht Maudet Stimmen aus der CVP, und dort lobbyieren die Tessiner stark für ihren «Landsmann» Cassis.

Deshalb bleibt jenes Szenario realistisch, das zwei Topshots aus ideologisch sehr unterschiedlichen Parteien unabhängig voneinander skizzieren: Ignazio Cassis wird es am Mittwoch schaffen. Für ihn stimmen werden fast die gesamte SVP, zwei Drittel der FDP und rund die Hälfte der CVP. Unter Umständen könnte er schon im ersten Wahlgang gewinnen.

Vielleicht platzt noch eine Bombe. Und mit Sicherheit wird in den nächsten Tagen viel Schaum geschlagen. Das ändert nichts an der Erkenntnis, zu der auch die linke «Wochenzeitung» gekommen ist: «Auf eine Überraschung deutet eine Woche vor der Wahl aber rein gar nichts hin.»

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