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Kommentar zum Urteil gegen «Bild»: Die verlorene Ehre des Jörg K.

Der Springer-Konzern soll eine Rekord-Entschädigung an Jörg Kachelmann zahlen – gut so. Kachelmanns Verletzungen werden davon zwar nicht heilen. Boulevardmedien aber werden nun vorsichtiger sein, bevor sie Verleumdungskampagnen starten.

Gisela Friedrichsen



Ein Artikel von

Spiegel Online

Jörg Kachelmann gibt keine Ruhe, und das ist gut so. Wer, wie die «Bild»-Zeitung, Alice Schwarzer das Forum bietet, ihre Unkenntnis selbst der einfachsten Regeln eines Strafprozesses vor einem feixenden Millionenpublikum auszubreiten, der bekommt dafür eines Tages die Quittung.

Die Journalistin Gisela Friedrichsen gibt am Mittwoch (13.10.10) in Mannheim im Landgericht, in dem der Prozess gegen den wegen des Verdachts der Vergewaltigung angeklagten Meteorologen Joerg Kachelmann stattfindet, ein Interview. Im Prozess gegen den TV-Moderator Joerg Kachelmann wegen Vergewaltigung wird am Mittwoch das mutmassliche Opfer vernommen. Auf die Aussage der 37-jaehrigen Radiomoderatorin wird es entscheidend ankommen, denn Kachelmann bestreitet die Vergewaltigung. Seine Verteidiger sprechen von einer falschen Anschuldigung. (zu dapd-Text) Foto: Ronald Wittek/Pool/dapd

Gisela Friedrichsen ist die derzeit wohl renommierteste Gerichtsreporterin in Deutschland.
Bild: AP dapd

Wer einer fanatischen Feministin gestattet, auf rechtsstaatlichen Garantien wie etwa der Unschuldsvermutung öffentlich herumzutrampeln und Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten, ins Lächerliche zu ziehen, der darf sich nicht wundern, wenn die Rechnung am Ende höher ist als der Gewinn durch ein kurzzeitig damit erzieltes und überdies mit Beifall von der falschen Seite begleitetes Spektakel.

Es sind nicht nur die 690'000 Franken, die Springer – vielleicht – einmal an Kachelmann zahlen muss, die bisher höchste Entschädigungssumme in einem derartigen Verfahren in Deutschland, in dem es um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und vor allem um unwahre Berichterstattung ging. Wenn jemals das Wort «Lügenpresse» einen gewissen Wahrheitsgehalt gehabt haben sollte, dann wohl hier.

Springer ist zu Recht der grosse Verlierer

So etwas kommt nicht einmal auf dem Boulevard gut an. Auch wenn der Springer-Konzern nun von sich als «Sieger» tönt, da das Gericht Kachelmann nicht die von ihm angestrebten 2.45 Millionen Franken zugesprochen hat, ist er doch der Verlierer. Noch ist die Entscheidung des Landgerichts Köln, die jetzt zugunsten Kachelmanns ausfiel, nicht rechtskräftig.

Kachelmann im März 2010 vor einem Gericht in Mannheim.
Bild: AP dpa pool

Springer hält einen Grossteil der angegriffenen Berichterstattung in «Bild», «Bild am Sonntag» und bild.de, die in Schwarzers Kommentierung ihren Höhepunkt fand, für angemessen und kündigte an, im Fall einer Verurteilung das Oberlandesgericht Köln anzurufen. Wie dort entschieden werden wird, ist ungewiss.

Ausserdem lässt sich die Justiz Zeit. Kachelmanns Klage vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen jene Frau, die ihn offensichtlich fälschlich einer Vergewaltigung beschuldigt hatte, ist noch immer nicht beschieden. Setzen die Obergerichte womöglich darauf, der Kläger werde schon irgendwann mürbe werden und aufgeben?

epa02748965 The plaintiff leaves the state court in a car after the 42nd day of the Kachelmann trial in Mannheim, Germany, 18 May 2011. Joerg Kachelmann, a Swiss weather presenter known from german TV, faces charges of rape and refutes the claims. The verdict is scheduled for 31 May 2011.  EPA/RONALD WITTEK

Kachelmann will seine Klägerin nun selbst vor Gericht sehen.
Bild: EPA

Da sind sie an den Falschen geraten. Denn die Verletzungen, die auch die Justiz Kachelmann zugefügt hat, heilen nicht. Man denke nur an den unsäglichen Prozess vor dem Landgericht Mannheim, das, obwohl massivste Zweifel an der Aussage des angeblichen Opfers bestanden, im Sexualleben des Angeklagten herumwühlte, als handle es sich bei ihm um den gefährlichsten Triebtäter Deutschlands überhaupt.

Eines Rechtstaats unwürdig

Menschen, denen ihr «gutes Recht» versagt blieb, entwickeln sich oft zu Querulanten und gehen ihrer Umwelt auf die Nerven, was ihr Unglück noch steigert. Andere werden darüber krank, weil sie ihr Leben lang mit diesem Schicksal hadern. Kachelmanns Unerbittlichkeit in seinem Kampf um die verlorene Ehre, um Wiedergutmachung und Schadensausgleich mag manchem Hoffnung geben, dass sowohl die Gerichte als auch die Medien künftig die Folgen ihres Handelns besser bedenken.

ZU DEN MELDUNGEN UEBER EIN  SCHWEIZER KONTO VON ALICE SCHWARZER STELLEN WIR IHNEN AM SONNTAG, 2. FEBRUAR 2014 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG - German columnist Alice Schwarzer gives an interview after delivering evidence at the trial of Swiss TV weather anchor Joerg Kachelmann in Mannheim, Germany, 09 February 2011. EPA/RONALD WITTEK

Alice Schwarzer kommentierte den Kachelmann-Prozess in der «Bild».
Bild: EPA

Jeder kann in Verdacht geraten. Damit ist er noch längst nicht schuldig. Ihn, wenn es mit den Mitteln des Strafrechts nicht gelingt, dann durch eine Medienkampagne gesellschaftlich auszugrenzen und finanziell zu ruinieren, wie es Kachelmann widerfuhr, ist eines Rechtsstaats unwürdig.

Gegen den «Burda»-Verlag ist der Wettermann ebenfalls vorgegangen, nachdem sich dieser Konzern, die journalistische Sorgfaltspflicht ausser acht lassend, um des Effektes willen auf die Seite des angeblichen Opfers geschlagen hatte, das sich dann als Falschbeschuldigerin entpuppte. Man verglich sich vor Gericht. Die Summe, die Burda bezahlte, dürfte erheblich gewesen sein. Kachelmann ist der Erfolg zu gönnen.

Doch jede materielle Entschädigung wird ihm nur einen Teil jener Genugtuung verschaffen können, nach der er verlangt.

epa03453039 Joerg Kachelmann arrives at the Regional Court in Frankfurt am Main, Germany, 31 October 2012. Its the start of the compensation trial against Kachelmann's former mistress Claudia D., who accused him of rape. The TV-presenter had been acquitted due to the lack of evidence and now claims a compensation of more than 13,000 euros.  EPA/ROLAND HOLSCHNEIDER

Bild: EPA

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    Alle Leser-Kommentare
  • stadisteinach 01.10.2015 14:00
    Highlight Highlight Ich gratuliere Herrn Kachelmann und wünsche ihm die Kraft, bis zur letzten Instanz weiter zu kämpfen . Aber allein der Versuch der "Bild", den vom Gericht verfügten Betrag als eigenen Sieg zu werten, zeigt die Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Es tut gut zu lesen, dass sich selbst grosse Verlage nicht alles leisten können und es bleibt zu hoffen, dass Herr Kachelmann die ganze von ihm geforderte Summe definitiv zugesprochen wird. Allenfalls ist Alice Schwarzer bereit, einen Teil daran zu zahlen. Wer soviel Unsinn und Unwahrheit straffrei erzählen darf, soll wenigstens dafür bezahlen müssen!

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