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Exzessive Nutzer kapseln sich phasenweise von der realen Welt ab, verlieren das Zeitgefühl und vernachlässigen andere Freizeitaktivitäten. bild: shutterstock 

Netflix bis der Arzt kommt – Schweizer müssen wegen Binge Watching in Behandlung

Seit es Netflix und Co. gibt, schauen Serienfans nächtelang ganze Staffeln ihrer Lieblingsshow. Bei einigen wird das Streamen zur Krankheit: In Schweizer Suchtzentren werden nun Betroffene behandelt. 

08.06.18, 12:47 24.06.18, 22:27


Die nächste Folge beginnt in 3 … 2 …1 … – zu spät! Wieder wird man in den Bann der Netflix-Serie gezogen und taucht für weitere 45 Minuten in irgendeine fiktive Parallelwelt ab. Manche Menschen schaffen es so kaum noch, von den Serien loszukommen – und müssen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Franz Eidenbenz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix: «Bei uns waren Personen in Behandlung, die ihren Serien-Konsum nicht mehr im Griff hatten.» Die Problematik sei innerhalb der letzten drei Jahre aufgetaucht. Auch der Fachverband Sucht und die integrierte Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland hatten bereits mit «suchtähnlichem Verhalten» von Betroffenen zu tun, wie sie auf Anfrage mitteilen. 

«... die Verlockung ist gross, sich in die Fantasiewelten der Serien zu flüchten.»

Franz Eidenbenz, Leiter des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltenssüchte Radix.

Binge Watching – in Anlehnung an Binge Drinking, das englische Wort für Komatrinken – gibt es seit Netflix, Amazon Instant Video und Co. Fernsehserien existieren zwar schon seit Jahrzehnten. Nur konnte man sich davon immer nur eine einzige Folge pro Tag oder Woche ansehen. Ein krankhaftes Verhältnis zu seiner Lieblingsserie hat aber noch lange nicht jeder, der an einem Wochenende einen 5-Stunden-Serienmarathon einlegt. 

Exzessive Nutzer kapseln sich laut Suchtexperte Eidenbenz phasenweise von der realen Welt ab, verlieren das Zeitgefühl und vernachlässigen andere Freizeitaktivitäten. Sie sind übermüdet, weil sie ganze Nächte mit den TV-Shows verbringen. Darunter leiden soziale Beziehungen und die Leistung bei der Arbeit.

Zur Risikogruppe würden besonders Leute gehören, die im realen Leben unter Stress leiden oder in schwierigen Situationen stecken. Eidenbenz: «Für sie ist die Verlockung gross, sich länger als gesund in die Fantasiewelten der Serien zu flüchten.» Dafür sprechen auch die Ergebnisse einer Netflix-Umfrage aus dem Jahr 2013. Rund drei Viertel der US-Nutzer gaben damals an, Binge Watching als «willkommene Flucht vor ihrem hektischen Leben» zu empfinden.

Offiziell keine Sucht 

Die Frage, ob es sich beim übertriebenen Binge Watching tatsächlich um eine Suchtstörung handelt, ist umstritten. Denn ausser der Glücksspielsucht gibt es im Moment keine anerkannte Verhaltenssucht. Auch die Internetsucht, von der laut Expertenschätzungen in der Schweiz rund 70'000 Menschen betroffen sind, gibt es als Fachbegriff offiziell nicht. 

Doch nun interessiert sich die Wissenschaft für das Phänomen Binge Watching. Forscher der Universitäten Nantes, Luxemburg und Castellón untersuchen momentan, ob der exzessive Serien-Konsum zur echten Sucht werden kann. Die Resultate der breit angelegten Studie werden nächstes Jahr erwartet. 

«Es ist wie mit einer Packung Chips: Wenn sie offen auf dem Wohnzimmertisch liegt, isst man viel davon.»

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut.

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut, sieht die Verantwortung auch bei den Anbietern: «Nach Ende einer Episode läuft die Serienstaffel auf diesen Streamingdiensten in der Regel automatisch weiter. Wer genug hat und eine Pause einlegen will, muss sich aktiv gegen das Weiterschauen wehren.» Das schnüre Abhängigkeiten und unkontrolliertes Verhalten: «Es ist wie mit einer Packung Chips: Wenn sie offen auf dem Wohnzimmertisch liegt, isst man viel davon, denn die simple Zugänglichkeit macht die Selbstkontrolle schwierig.» 

«Du hast jetzt schon zwei Folgen von ‹House of Cards› geschaut. Willst du nicht mal eine Pause einlegen?»

Jakub Samochowiec, Sozialpsychologe vom Gottlieb Duttweiler Institut. 

Samochowiec würde es befürworten, wenn die standardmässige automatische Weiterleitung zur nächsten Episode ausgeschaltet und die Kunden Feedback zu ihrem Verhalten kriegen würden: «Zum Beispiel mit einer Nachricht im Stil: ‹Du hast jetzt schon zwei Folgen von House of Cards geschaut. Willst du nicht mal eine Pause einlegen?›» Denn viele Studien zeigten: «Werden wir mit dem Spiegelbild unseres Konsums konfrontiert, konsumieren wir bewusster.»

Fakt ist aber: Solche Massnahmen liegen nicht im Interesse der Anbieter. Denn mit jeder Pause steigt das Risiko, dass der User nicht zurück auf die Plattform kommt. Die Anbieter deshalb mit einem entsprechenden Gesetz dazu zu zwingen, macht laut Samochowiec aber wohl wenig Sinn: «Doch öffentliche Kritik ist wichtig. Nur so kommen die Anbieter in einen Rechtfertigungsdruck und ändern etwas an ihrem System.»

Von wegen Netflix & Chill! So sieht es in Wirklichkeit aus

Video: watson/Knackeboul, Lya Saxer

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Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

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47
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47Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bloody Mary 09.06.2018 11:11
    Highlight Zum Glück könnte mir das nie passieren 🤣
    Ich schlafe oft ein beim schauen, spätestens nach 1-2 Stunden. Ich schaffe das übrigens auch im Kino oder wenn ich ein Buch lese.
    Bei mir also eher Binge sleeping -Gefahr und daraus resultierend: ich komme beim Serien Gucken auf keinen grünen Zweig und habe ewig an einer Staffel😉
    13 0 Melden
    • Midnight 09.06.2018 14:16
      Highlight Serien-Narkolepsie?😄
      5 0 Melden
  • Caturix 09.06.2018 08:36
    Highlight Habe in meinem Leben noch nie eine ganze Nacht ohne Schlaf verbracht. Wenn ich am Abend einen Film schaue schlafe ich oft schon ein. Wie kann man ganze Staffeln schauen?
    2 5 Melden
  • Factfinder 08.06.2018 20:13
    Highlight Werden Suchtbehandlungen eigentlich von der KK abgedeckt?
    10 2 Melden
    • 's all good, man! 08.06.2018 21:15
      Highlight Ja.
      9 0 Melden
  • DerRaucher 08.06.2018 17:46
    Highlight Was haben diese Leute vor Netflix und
    Co gemacht frage ich mich? Man konnte ja schon vor Netflix streamen, und das sogar umsonst, weil man in der Schweiz dafür nicht belangt wird. Die Netflix Auswahl ist Müll wenn man keine Eigenproduktionen sehen will.
    22 8 Melden
    • Ökonometriker 09.06.2018 04:40
      Highlight Vermutlich einen Zugang für die Leute geschaffen, die eben nicht wissen, wie man Streamt oder Herunterlädt. So wurde es zu einem Massenphänomen.

      Aber inzwischen bin ich auch etwas unzufrieden mit Netflix - oft gibt es nicht mal englische Untertitel oder (die originale) englischsprachige Version gewisser Filme wird nicht angeboten. Wenn dann z.B. die Freunde mit denen man etwas schauen will nicht so gut deutsch sprechen wird Popcorn wieder zur besseren Alternative...
      0 1 Melden
    • fandustic 09.06.2018 19:54
      Highlight @Ökonometriker: Menüsprache auf Englisch stellen in den Einstellungen....Problem gelöst;) Da wirst du dieses Problem nicht mehr haben.
      1 0 Melden
    • Ökonometriker 10.06.2018 09:47
      Highlight @fandustic: hab' ich bereits. Aber es hat immer noch viele Filme, die keine englischen Untertitel haben.
      Hab' aber inzwischen einen anderen Tipp bekommen: auf https://www.netflix.com/browse/subtitles kann man nach den Filmen filtern, die Untertitel in der gewünschten Sprache haben. Das tut's vorerst auch.
      0 0 Melden
  • Pana 08.06.2018 17:28
    Highlight Als Single habe ich regelmässig Serien bis 3, 4 Uhr morgens geguckt. Jetzt habe ich eine Freundin die meistens nach 2 Folgen einpennt. Meine "Sucht" ist geheilt.
    28 1 Melden
  • 's all good, man! 08.06.2018 16:41
    Highlight Man kann bei Netflix das Autoplay der nächsten Folge übrigens auch manuell ausschalten...
    48 0 Melden
  • yellowastra 08.06.2018 16:40
    Highlight Suchtverhalten etwas ganz normales im Menschen.
    24 1 Melden
  • oXiVanisher 08.06.2018 16:14
    Highlight Ahahaha!
    Vor ein paar Jahren waren es die Games. Die pösen, pösen Games! Jetzt Netflix ... pöses, pöses Netflix!

    Wie wenn wir nicht echte Probleme hätten... Was ist eigentlich aus all den "Game Süchtigen" (PC/Konsolen-, nicht Casino-Zocker) geworden, über die von den Medien damals so viel gesprochen wurde? Die Anlaufstelle findet man nicht ein mal mehr online...
    IMHO viel Effekthascherei und Meinungsmache. Schliesslich haben die Serien ja auch mal ein Ende. Wenn jemand sich in seinem Buch vergräbt macht auch niemand einen Aufstand.
    45 8 Melden
  • Katzenseekatze 08.06.2018 14:46
    Highlight Netflix Never.
    27 51 Melden
  • Posersalami 08.06.2018 14:32
    Highlight Und wieder einmal wälzt die Industrie Kosten auf die Gemeinschaft ab. Niemand kann mir sagen, dass Netflix davon nichts weiss. Solange die Abos bezahlt werden dürfte es ihnen auch völlig egal sein.

    Netflix wird sich von sich aus keinen Jota bewegen um etwas gegen Sucht zu tun, da muss erst der Staat wieder eine Regulierung finden. Wie immer also.

    Ich selbst mag Netflix, habe aber viel zu wenig Zeit für TV als das ich vom Problem betroffen sein könnte.
    11 58 Melden
    • Mafi 08.06.2018 15:12
      Highlight Also darf man auch keine Bücher mehr verkaufen?
      51 8 Melden
    • Posersalami 08.06.2018 15:33
      Highlight Da Leser von Büchern scheinbar die Sache besser im Griff haben, nein.

      Steht doch im Artikel, dass diese Art der Sucht neu ist. Artikel nicht gelesen?
      13 32 Melden
    • gecko25 08.06.2018 16:28
      Highlight die krankmachende Leistungsgesellschaft zu überdenken wäre wahrscheinlich zielführender
      36 1 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Negan 08.06.2018 14:32
    Highlight Muahaha, als ob es soviel gutes auf Netflix hat. Wenn jemand eine Woche exzessiv Binge Watching betreibt ist ja der ganze Content durch... eieieie... heute sieht man einfach in allem Gefahren. Ich finde das in der Schweiz verbreitete Binge Working viel schlimmer... Warnt mal davor... ;)
    98 6 Melden
  • Jazzdaughter 08.06.2018 14:22
    Highlight Also ich fände es eine gute Idee vielleicht nach 3-4 Folgen die Nachfrage einzuschalten ob man weiterschauen will (nach 2 ist es mMn je nach Länge der Episode etwas zu früh) und nach 8-10h eine Zwangspause von einer Stunde o.Ä. einzulegen. Die richtigen Junkies würden halt anderswo streamen aber vielleicht kann man damit wenigstens ein paar zum Nachdenken bringen
    14 17 Melden
    • Negan 08.06.2018 16:01
      Highlight Jetzt im Ernst? Eine Zwangspause? Hallo? Also gewisse Vorstellungen gehen einfach zu weit... tztztz...
      40 6 Melden
    • Factfinder 08.06.2018 20:15
      Highlight Und Leute deren erste "Idee" für eine "Lösung" Zwang ist, dürfen wahrscheinlich genau wie alle anderen wählen :/
      9 2 Melden
  • Loe 08.06.2018 14:07
    Highlight Also ihr habt es gehört Kinder: geht raus und saufft euch die Birne weg! 😋
    121 10 Melden
  • Waedliman 08.06.2018 14:05
    Highlight Nix Neues an der News Front. Dasselbe machen Menschen, die stundenlang im Facebook-Dschungel des Schwachwinns herumirren und sogar im Opernhaus alle 10 Minuten schauen müssen, ob jemand ihr neues Foto geliked hat.
    30 0 Melden
  • Lady Shorley 08.06.2018 13:46
    Highlight Phasenweises Abkapseln von der Realität, Verlust von Zeitgefühl, Übermüdung durch zu wenig Schlaf, Flucht in eine Phantasiewelt....
    dafür brauche ich nur Bücher :-)
    163 7 Melden
    • stef2014 08.06.2018 14:37
      Highlight Schönes Beispiel, Lady. Denn eigentlich ist es das genau gleiche. Nur geniessen Bücher halt einen anderen Ruf als Serien, TV oder Spielkonsolen. Obwohl der Begriff Buch ja noch nichts über den Bildungsgrad des Inhalts aussagt. Aber als Leseratte ist man grundsätzlich ein gebildeter Mensch, als Serienjunkie schon nicht mehr und als Hardcore-Gamer hat man Probleme.
      49 3 Melden
    • Sir_Nik 08.06.2018 16:07
      Highlight Binge reading? 😄
      17 1 Melden
  • DomKi 08.06.2018 13:39
    Highlight Die Ursache jeglicher Sucht ist immer dieselbe: fehlende seelische Gesundheit. habe selbst beobachtet das wenn ich weniger esse mehr Alkohol trinke, wenn ich weniger Alkohol trinke vielleicht mal mehr Musik höre im Internet. Es scheint einfach so dass sich die einzelnen Süchte untereinander ablösen. Und ja selbst Controller ist schwierig. In meinem Fall hilft mir Jesus sehr und das Bibellesen.
    25 81 Melden
    • Demo78 08.06.2018 14:50
      Highlight Hoffentlich nicht in einer Freikirche oder Sekte, das wär dann auch wieder problematischer...
      38 2 Melden
    • Cmo 08.06.2018 14:56
      Highlight Wieso kriegt DomKi so viele Blitze? Jeder muss doch für sich selbst die Lösung finden. Wenn es bei ihm die Religion ist, ist das doch ok.
      22 14 Melden
    • soulcrates 08.06.2018 15:25
      Highlight @ Cmo: Weil er sich in eine Fantasiewelt flüchtet.
      26 6 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Denken hilft 08.06.2018 13:06
    Highlight Selektion. Die Schwachen gehen drauf, das war schon immer so und wird immer so bleiben.

    Ausser wir bauen noch Mutti Staat mit All-Inklusiv-Pampersschutz aus, der uns dann alles erlaubt und verbieten, in schönen Häppchen vorkotzt und wir sind gaaanz sorgenfrei.
    20 17 Melden
    • Posersalami 08.06.2018 14:33
      Highlight Wenn die Industrie nicht permanent mit den Schwächen der Menschen Geld verdienen will müsste man auch nicht so viel Regulieren..

      In den Geschäftsmodellen und dem Angebot stecken Jahrzehnte an Erforschung unseres Geists, die finden für jeden die passende Sucht.
      16 2 Melden
    • stef2014 08.06.2018 15:54
      Highlight Salami, da magst du Recht haben. Der Punkt ist aber auch, dass die Definition von "Schwäche" auch eine aus Menschenhand ist. Und damit reden wir hier von einem relativen Faktor. Schwäche, oder eben Sucht, ist immer vom jeweiligen Gesellschaftsmodell abhängig. Bevor man also von Regulierung spricht, sollte man zuerst die persönliche Freiheit DEregulieren. Wenn jemand lieber 20h netflixt anstatt draussen Leute zu treffen, dann ist das SEIN Entscheid. Dass das nicht gesellschaftskonform ist oder gar krankhaft, ist reine Definitionssache. Eine Konstruktion, nicht mehr/nicht weniger.
      11 0 Melden
    • Posersalami 08.06.2018 16:24
      Highlight Solange durch Netflix für die gesellschaft keine Kosten entstehen ist es egal, wenn jemand 100h am Stück TV schaut. Das ist aber nicht gegeben, sobald jemand in Behandlung geht kostet er mich etwas und da beginnt dann mein Problem. Externalisierung von Kosten gehört ganz grundsätzlich ein Riegel vorgeschoben.
      2 15 Melden
    Weitere Antworten anzeigen
  • Amaranth17 08.06.2018 13:00
    Highlight Also Netflix fragt hin und wieder ob man überhaupt noch schaut. Bestätigt man dies nicht, gehts auch nicht weiter.

    Auch der Fernseher droht nach ein paar Stunden in den Stand-by-Midus zu wechseln.
    118 6 Melden

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