Schweiz
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Macht beim Atomausstieg das Netz schlapp?

Bei einem Ja am 27. November müssten bereits 2017 drei AKW abgeschaltet werden. Das erfordert den Umbau des Stromnetzes.

Jonas Schmid / Nordwestschweiz



THEMENBILD ZUR KANTONALEN ABSTIMMUNG MUEHLEBERG VOM NETZ --- Das Kernkraftwerk Muehleberg im Kanton Bern, aufgenommen am 9. Juni 2011. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Stromdrehscheibe Mühleberg: In der Umschaltstation will Swissgrid bis 2019 einen dritten Transformator einbauen. Bild: KEYSTONE

Die fünf Schweizer AKW verfügen über keine Laufzeitbeschränkung. Sie dürfen so lange weiterbetrieben werden, wie sie sicher sind, so das Gesetz. Auch in der Energiestrategie 2050 des Bundes ist kein fixes Abschaltdatum vorgesehen. Verboten wäre allerdings der Bau von neuen AKW. Gleichwohl hat die Betreiberin BKW 2013 angekündigt, Mühleberg aus wirtschaftlichen Gründen 2019 vom Netz zu nehmen.

Auch die Axpo dürfte bei Beznau 1, das derzeit vom Netz ist, zur Erkenntnis kommen, dass die notwendigen Reparaturen zu teuer sind. Das jedenfalls glaubt Energieministerin Doris Leuthard. Laut der Initiative vom 27. November müssten Mühleberg, Beznau 1 und 2 bereits im nächsten Jahr stillgelegt werden. Gösgen würde 2024 folgen, Leibstadt 2029.

Die Gegner der Atomausstiegsinitiative warnen: der Ausstieg aus der Kernenergie erfolge zu rasch. Das führe im Stromnetz zu Engpässen und gefährde die Versorgungssicherheit.

Importe aus dem Ausland

Technisch wäre es durchaus machbar, im nächsten Jahr Mühleberg und Beznau 1 und 2 vom Netz zu nehmen, ohne dass es zu einem Blackout kommt. Der Atomstrom müsste aber durch Importe aus dem Ausland oder durch mehr inländisch produzierten Strom kompensiert werden.

Das erfordert den Umbau des Stromnetzes. Sprich: Leitungen müssten gebaut oder umgerüstet und zusätzliche Transformatoren installiert werden. Letztere transformieren die Stromspannung von Höchst- zu Hoch-, zu Niederspannung. Wie im Strassennetz die Autobahn zur Hauptstrasse führt und diese weiter in Nebenstrassen mündet, transformieren Trafos den Strom hinunter, bis er zum einzelnen Haushalt geführt werden kann.

Beznau 1 und 2 (sofern dieses dann wieder am Netz wäre) könnten per November 2017 relativ problemlos auch mit ausländischem Strom kompensiert werden. «Der dafür notwendige Trafo kann voraussichtlich rechtzeitig installiert werden», sagt Irene Fischbach, Sprecherin der Netzwerkbetreiberin Swissgrid.

Ungleich schwieriger gestaltet sich die Situation am Knotenpunkt Mühleberg. Dort ist laut Swissgrid ein dritter Trafo nötig, um die wegfallende Produktion mit ausländischem Strom zu kompensieren. Die Beschaffung sei eingeleitet und die Inbetriebnahme gemäss derzeitiger Planung für 2019 vorgesehen, sagt Fischbach.

Normalerweise dauert der Beschaffungsprozess für einen neuen Trafo zwei bis drei Jahre. Könnte man diesen – wie im letzten Winter zur Not in Beznau so geschehen – beschleunigt beschaffen, wäre auch in Mühleberg rechtzeitig ein Trafo vorhanden.

Lange Bewilligungsverfahren

Komplizierter hingegen ist die Aufrüstung der Stromleitung Bassecourt-Mühleberg auf 380 kV Strom, um die Region Bern mit genügend Strom zu versorgen. Die Leitung aus dem Jahr 1978 wurde zwar für 380 kV gebaut. Seit ihrer Inbetriebnahme werden beide Stränge jedoch nur mit 220 respektive 132 kV Spannung betrieben. Um die Linie mit 380 kV betreiben zu können, muss Swissgrid ein Plangenehmigungsverfahren durchführen.

Heute gelten im Vergleich zu den 70er Jahren strengere Auflagen. Das macht gewisse bauliche Anpassungen nötig. Normalerweise dauert das Verfahren zwei bis drei Jahre. Potenzielle Einsprachen können eine Baubewilligung jedoch um Jahre hinauszögern.

Grundsätzlich denkbar ist auch, den wegfallenden Strom aus Mühleberg statt aus dem Norden, mit Strom aus Italien oder inländischem Strom zu kompensieren. So könnte etwa Wasserkraft aus dem Walliser Kraftwerk Nant de Drance in den Grossraum Bern transportiert werden.

Doch auch hier kommt das rechtsstaatliche Bewilligungsverfahren einer raschen Energiewende in die Quere: Zwischen Chamoson und Chippis entlang den Hängen am linken Rhône-Ufer ist der Bau einer neuen Freileitung von 30 Kilometern Länge schon seit Jahren juristisch blockiert. Derzeit befasst sich das Bundesverwaltungsgericht mit einer Beschwerde.

Faktisch läuft alles auf eine Güterabwägung hinaus: Um die AKW rasch vom Netz zu nehmen und damit das Risiko eines Atomunfalls zu minimieren, müsste der Bund beim Bewilligungsverfahren Abstriche machen. Er müsste sich über geltendes Recht hinwegsetzen, um praktisch über Nacht das Netz für die Energiewende fit zu machen.

Sicherheit oder Rechtsstaat? Welches Gut höher einzuschätzen ist, darüber entscheidet das Stimmvolk Ende November. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • _kokolorix 16.11.2016 19:29
    Highlight Highlight Wenn man bedenkt wieviele Verletzungen des Rechtsstaates begangen wurden um die AKWs überhaupt in Betrieb nehmen zu können, sollte ein weiterer für die Stillegung eigentlich kein Problem sein.
    Dass die Verantwortlichen das Netz vernachlässigen ist logisch, daraus lassen sich nämlich keine unmittelbaren Profite generieren. Das läuft genau wie beim englischen Schienenetz, da muss immer erst eine Katastrophe passieren bis etwas investiert wird.
    Lassen wir uns nicht belügen, ohne Druck werden die AKWs laufen bis zum ersten GAU. Wollen wir das wirklich?
  • incorruptus 15.11.2016 14:04
    Highlight Highlight Aus meiner Sicht ist jeder Schritt, der die Unwelt entlastet, gut. Unsere verwöhnte Kulturgesellschaft möchte sich einfachnichz damit abfinden, dass dadurch minime Einschränkungen enstehen könnten. Auch ich bin kein ökologisches Vorbild. Doch ich bin bereit gemeinsam dazu zu werden. Zugunsten unseres Planeten und der nächsten Generationen.

    Die angesprochene Problematik von wegen importiertem Strom ist eine Farce, da ohnehin schon importiert wird. Aber wir könnten auch einfach einmal den Finger aus dem A**** (sorry) und Windkraftwerke bauen, aber nein die werden ja bekämpft.
  • Kaffo 15.11.2016 13:57
    Highlight Highlight Lasst euch nicht Angst machen. Der Atomausstieg ist zu schaffen. Und zwar jetzt und nicht erst in 25 Jahren. Das Buch ( Kraftwerk Schweiz) hat mich restlos überzeugt. Die Stromlobby spielt ein falsches Spiel.
  • Aged 15.11.2016 10:34
    Highlight Highlight Ich dachte, bereits heute seien zwei AKW temporär nicht am Netz?
  • Wilhelm Dingo 15.11.2016 10:25
    Highlight Highlight Es ja seit längerem bekannt, dass AKWs abgeschaltet werden müssen bei Annahme der Initiative. Warum haben die Verantwortlichen Topmanager sich nicht früher damit befasst? Das riecht nach Angstmache seitens der Stromwirtschaft.
    • 7immi 15.11.2016 11:25
      Highlight Highlight oder aus der anderen perspektive gesehen: weshalb rechnet das initiativkomitee nicht mit realistischen zeitspannen?
      hier war die ideologie stärker als der realitätssinn...
    • Wilhelm Dingo 15.11.2016 15:45
      Highlight Highlight @7immi: Ja, das hätte ich auch besser gefunden, dann wären die Annahmechancen bestimmt höher.
    • 7immi 16.11.2016 09:42
      Highlight Highlight definitiv. für mich war die zu kurze zeit der ablehnungsgrund.
      man kann von unternehmen nicht verlangen, dass sie bereits eine leitung bauen, bevor ein gesetz überhaupt in kraft tritt. wenn sie dann abgelehnt würde wäre diese leitung unnötig und verschlänge eine menge geld. das wäre absolut stumpfsinnig und nicht realistisch.
  • Madison Pierce 15.11.2016 10:08
    Highlight Highlight Wie soll man da als normaler Bürger zu einer seriösen Entscheidung kommen? Die Befürworter sagen es ist kein Problem, die Gegner behaupten das Gegenteil. Viel "kann", "sollte", "möglicherweise" und "wahrscheinlich" für eine so wichtige Entscheidung. Da kann man doch als Laie gar nicht vernünftig entscheiden.

    Der Bund sollte eine unabhängige Studie in Auftrag geben, welche die Fragen nach der Umsetzbarkeit und den Kosten beantworten. Aufgrund dieser könnte man dann entscheiden.
    • D(r)ummer 15.11.2016 11:17
      Highlight Highlight Ich fahre bei Initiativen der linken Seite immer die Schiene: "Was möchte ich, was halte ich für gut?"
      Mit Wirtschaft kenne ich mich leider zu wenig aus und finde, dass es zu sehr ums Geld geht (welch Ironie^^).
      Bin mit dieser Schiene zwar gut gefahren, habe aber oft verloren (wie z.B. beim Nachrichtendienstgesetz).
      Wir sind ja schliesslich das Land der Innovation und haben viel Wasser & Wind, darum ein JA von mir. :)
  • Walter Sahli 15.11.2016 09:37
    Highlight Highlight Nein, ein Speicherkraftwerk (Nant de Drance, Spitzenstrom) kann nicht ein AKW (Mühleberg, Bandstrom) ersetzen!

    Das Ganze ist ein Trauerspiel, das sehr schön aufzeigt, wie Politik und EW die letzten Jahrzehnte Vogel Strauss gespielt haben!
    • fcsg 15.11.2016 11:11
      Highlight Highlight Mühleberg geht ja 2019 sowieso vom Netz. Natürlich produzieren Wasserkraftwerke Bandstrom. Sie haben sogar den Vorteil, dass sie viel besser ihre Leistung anpassen können als ein AKW.
    • Walter Sahli 15.11.2016 12:55
      Highlight Highlight Flusskraftwerke schon, aber nicht Speicherkraftwerke!
  • Regas 15.11.2016 09:18
    Highlight Highlight Dieser seriöse Artikel und ähnliche Informationen kommen leider viel zu spät. Die meisten Stimmbürger haben sich schon entschieden und das Couvert bereits eingeworfen. Mit Angstmache und unseriösen Angaben wurde der Stimmbürger von der Grünen Lobby bewusst mit Fehlinformationen überhäuft. Die Netzausbau und die Speicherproblematik welche fast die ganze Solarstromproduktion kurzzeitig und saisonal zwischenspeichern muss wurde einfach ausgeklammert.
    • Walter Sahli 15.11.2016 11:28
      Highlight Highlight Ausgeklammert, und zwar seit Jahrzehnten, wurden die Tatsachen, dass AKW nicht ewig laufen und dass das Hauptproblem die Stromspeicherung ist und nicht die Stromerzeugung.
      Jetzt auf überraschtes Vernunftwesen zu machen, ist heuchlerisch!
    • HansDampf_CH 15.11.2016 12:31
      Highlight Highlight So ein Blödsinn. Es wird immer angst gemacht und dann geht es doch, weil es muss.
    • Regas 15.11.2016 14:39
      Highlight Highlight @Walter Sahli: Vor Fukushima wurden neue KKW geplant(Atomdoris). Da genügten die vorhandenen Speicherwerke. Wenn wirklich auf Alternativenergie umgestellt werden soll, müssen Stromerzeugung und Speicheranlagen Hand in Hand geplant und gebaut werden, eine Aufgabe für mindestens eine Generation. Kopflos wird Heute vor allem in DE Wind und Solaranlagen dazu gebaut. Während die Speicherproblematik ungelöst ist.
    Weitere Antworten anzeigen
  • EFSBolli 15.11.2016 09:12
    Highlight Highlight Warum sollten wir diese initiative annehmen, wenn wir danach den Atomstrom vo anderen Ländern importieren müssen???
    Die Atomkraftwerke in der Schweiz sind einige der sichersten der Welt.
    Also wieso abschalten??
    Das ist nur wieder eine weitere initiative um die schweiz abhängiger von der EU zu machen.

    Deshalb mit Sicherheit NEIN am 27.11
    • fcsg 15.11.2016 11:08
      Highlight Highlight 1. Weil AKW nicht rentabel sind, die Betreiber wollen sie gar verschenken!
      2. Weil das Abfallproblem noch nicht gelöst ist, vorallem langfristig
      3. Wir das älteste AKW der Welt haben
      4. Weil AKW immer wieder ausfallen (heute sind 2 AKW nicht am Netz, wegen technischen Problemen)
      5. Weil ein Unfall massive Auswirkungen auf unseren Lebensraum hat, für Jahrtausende
      6. Weil nicht alle AKW sicher vor Flugzeuabstürzen, Erdbeben und Hochwasser sind.
      7. Weil nur verbindliche Abschaltdaten eine Planbarkeit ermöglichen.
    • HansDampf_CH 15.11.2016 12:31
      Highlight Highlight Sichersten der Welt? Zu welcher PR Firma gehören Sie denn? Dumm&Gierig AG ?
    • EFSBolli 15.11.2016 13:06
      Highlight Highlight haben sie sich schon überlegt woher sie denn strom nehmen wenn wir die AKW's abschalten

      1. warum nicht rentabel, sie sind weniger umweltschödlich wie kohlekraftwerke, und bringen immer strom unabhängig von der naturbeeinflussung

      2. die endlagerung wird so oder so gebaut, ob wir sie nun brauchen oder nicht...( in der schweiz)

      3. das ältese noch betriebene AKW... ja und es hat noch keine zwischenfall gegeben

      4. 2 AKW nicht am Netz? In der schweiz....

      5. wenn es zu so einem zwischenfall kommt , dann ja, die chance ist sehr gering

      6. hochwasser in der schweiz?
    Weitere Antworten anzeigen
  • fcsg 15.11.2016 09:12
    Highlight Highlight Bezüglich Mühleberg stellt sich mir dann aber die Frage: Was würde denn jetzt passieren, falls Mühleberg unvorhergesehen aufgrund eines Defektes ausfallen würde? Blackout im Bundeshaus?
  • Raphael Merz 15.11.2016 09:10
    Highlight Highlight Letztere transformieren die Stromspannung von Höchst- zu Hoch-, zu Niederspannung. Wie im Strassennetz die Autobahn zur Hauptstrasse führt und diese weiter in Nebenstrassen mündet, transformieren Trafos den Strom hinunter, bis er zum einzelnen Haushalt geführt werden kann.

    Statt Stromspannung bitte nur Spannung und "transformieren Trafos die Spannung hinunter"

    Komplizierter hingegen ist die Aufrüstung der Stromleitung Bassecourt-Mühleberg auf 380 kV Strom

    "auf 380kV Spannung"

    Guter Artikel aber wenn man vom Fach ist bekommt man beim lesen dieser Stellen Pickel :'D

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