Schweiz
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Greenpeace-Aktivisten haengen Transparente mit der Aufschrift

Fast 70 Aktivisten von Greenpeace stürmten im April 2014 das AKW Beznau, um diese Transparente aufzuhängen. Bild: KEYSTONE

Teurer Protest: Behörden decken Greenpeace wegen AKW-Aktion mit saftigen Bussen ein

Es war eine der spektakulärsten Protestaktionen der Schweizer Geschichte. Am 5. April 2014 stürmten 68 Greenpeace-Aktivisten auf das Gelände des Atomkraftwerks Beznau im Aargau. Jetzt kommt die Rechnung dafür: Die Aktivisten sollen über 200'000 Franken bezahlen.

30.08.15, 00:30 30.08.15, 10:16

Beat Schmid / schweiz am Sonntag



Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Mit Leitern überwanden die Aktivisten Absperrungen, drangen in die Sicherheitszone ein und befestigten mehrere Transparente, unter anderem am Sicherheitscontainment des Atomreaktors. Wie aus Gerichtsdokumenten hervorgeht, dürfte es eine der teuersten Aktionen in der Geschichte der Umweltorganisation werden. Wegen Hausfriedensbruchs und anderen Delikten müssen die Aktivisten für unbedingte Bussen und Geldstrafen sowie Verfahrenskosten insgesamt 102'750 Franken zahlen. Ein Grossteil der Kosten wird von Greenpeace getragen. Bisher sind 80'000 Franken geflossen, bestätigt Sprecherin Lilla Lukacs.  

HANDOUT - Ungefaehr 100 Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten aus 6 verschiedenen Laendern dringen am Mittwoch, 5. Maerz 2014, in das Gelaende des AKW Beznau bei Doettingen ein. Sie fordern mit der Aktion die sofortige Stilllegung der 45-jaehrigen Anlage. Deren Sicherheitsdefizite seien nicht mehr zumutbar und wuerden eine Gefahr fuer ganz Europa darstellen. (HANDOUT Greenpeac/Ex-Press/Michael Wuertenberg) *** NO SALES, DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN ***

Fast Generalstabs-mässig plante Greenpeace den Überfall auf das AKW Beznau. Nicht fehlen durften Fotografen, welche die Medien mit Bildern der Aktion belieferten. Bild: GREENPEACE/Ex-Press

Bewährung aufgehoben: Frühere Strafen werden fällig

Die Geldstrafen könnten noch deutlich höher ausfallen. Während die Bussen in jeden Fall bezahlt werden müssen, hat die die zuständige Staatsanwaltschaft Brugg-Zurzach die Geldstrafen in den meisten Fällen bedingt ausgesprochen. Das heisst, sie werden nur dann fällig, wenn die Aktivisten in den nächsten Jahren sich weiterer Vergehen schuldig machen. Die bedingten Geldstrafen belaufen sich auf total 350'000 Franken. 

Bei drei Aktivisten wurden bedingte Geldstrafen aus früheren Fällen aufgehoben. Sie wurden unter anderem wegen Sachbeschädigung und Nötigung in Zusammenhang mit der Besetzung des Zürcher Labitzke-Areals bestraft.  

Für 66 Aktivisten sind die Strafbefehle rechtskräftig und können nicht mehr weitergezogen werden. Zwei weitere Teilnehmer der Aktion haben zusätzlich ein Gerichtsverfahren am Hals. Es handelt sich dabei um die Aktivisten Marco Weber und Thomas Müller. 

Marco Weber erlangte 2013 kurzzeitig weltweite Berühmtheit, als er nach dem Versuch, eine russische Ölplattform in der Arktis zu entern, während Wochen im Knast sass und nur dank heftigem internationalem Druck wieder freikam.  

Video-Beitrag von Greenpeace zur Protestaktion «am ältesten AKW der Welt»

YouTube/Greenpeace Schweiz

17 Löcher an der AKW-Hülle

Weber und Müller sind mit Seilen an der Betonhülle des Kernreaktors hochgeklettert und haben ein Transparent daran befestigt. Sie bohrten insgesamt 17 Löcher in die Betonverschalung, um Kletteranker zu befestigen. Ihnen wird neben Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung ein Vergehen gegen das Kernenergiegesetz vorgeworfen. Die Beschuldigten hätten «vorsätzlich in einer Kernanlage eine Vorrichtung beschädigt, die für die nukleare Sicherheit oder Sicherung wesentlich ist», heisst es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. 

Die Strafanträge sind happig: 150 Tagessätze sowie Aufhebung früherer bedingter Strafen. Sofern das Gericht die Anträge bestätigt, kommen auf Müller und Weber unbedingte Geldstrafen von total 42'600 Franken plus Verfahrenskosten zu. Da die Aktivisten ein tiefes Einkommen ausweisen (der Tagessatz von Weber beträgt 80 Franken), dürfte Greenpeace auch diese Strafen begleichen müssen.  

HANDOUT - Ungefaehr 100 Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten aus 6 verschiedenen Laendern dringen am Mittwoch, 5. Maerz 2014, in das Gelaende des AKW Beznau bei Doettingen ein. Sie fordern mit der Aktion die sofortige Stilllegung der 45-jaehrigen Anlage. Deren Sicherheitsdefizite seien nicht mehr zumutbar und wuerden eine Gefahr fuer ganz Europa darstellen. (HANDOUT Greenpeace) *** NO SALES, DARF NUR MIT VOLLSTAENDIGER QUELLENANGABE VERWENDET WERDEN ***

Ohne professionelle Kletterausrüstung ist der AKW-Turm nicht zu überwinden: Die Polizei zählte 17 Löcher in der Betonhülle. Bild: GREENPEACE

Die Aktion wird ein zusätzliches Nachspiel haben. Wie die «Schweiz am Sonntag» erfahren hat, wird der Energiekonzern Axpo, der Beznau besitzt, auf Schadenersatz klagen. Es geht um total 65'980 Franken. Axpo bestätigt die Klage auf Anfrage. Insgesamt geht es also um mehr als 200'000 Franken, die für Greenpeace auf dem Spiel stehen.  

Spendengelder für Bussen ausgeben

Greenpeace-Sprecherin Lukacs sagt, dass die Organisation entschieden hat, die Strafen zu zahlen. «Wir stehen hinter dieser Aktion und sind nicht einverstanden, dass Menschen Geldstrafen zahlen müssen, die öffentlich ihre Meinung sagen und sich für eine Sache stark machen.» 

Die Sprecherin bestätigt, dass die Strafen mit Spendengeldern bezahlt werden. «Wir gehen sehr sorgsam mit den Spendengeldern um und selbstverständlich möchten wir unsere Spenden lieber für unsere Kernanliegen und die Kampagnenarbeit einsetzen. Wir lassen jedoch die Aktivistinnen und Aktivisten nicht im Stich und das ist auch im Sinne unserer Spender und Spenderinnen», sagt Lukacs.  

Umfrage

Soll Greenpeace Spendengelder für Bussen ausgeben?

445 Votes zu: Soll Greenpeace Spendengelder für Bussen ausgeben?

  • 44%Ja
  • 51%Nein
  • 5%Weiss nicht

Dass Spendengelder für Bussen ausgegeben werden, ist heikel. Vor allem, wenn Greenpeace frühere Geldstrafen begleichen muss, die nicht im entferntesten in Zusammenhang mit dem Zweck der Organisation stehen (wie Häuserbesetzungen oder Verkehrsdelikte). 

Die Stiftung Zewo, die Gütesiegel an gemeinnützige Organisationen vergibt, überarbeitet derzeit ihre Statuten. «Diskutiert wird auch ein expliziter Passus, wonach sich die Organisation gesetzeskonform zu verhalten hat, was die Hilfswerke mit Zewo-Gütesiegel heute aber ohnehin schon tun», sagt Geschäftsführerin Martina Ziegerer. Greenpeace besitzt kein Zewo-Zertifikat. Wollte die Organisation eines, «wäre das ein Fall, den wir diskutieren müssten», sagt Ziegerer.  

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Zeno Hirt, 25.6.2017
Immer wieder mal schmunzeln und sich freuen an dem, was da weltweit alles passiert! Genial!

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    Alle Leser-Kommentare
  • jebbie 30.08.2015 11:39
    Highlight Man muss immer mit den Konsequenzen leben können, die sein Handeln nach sich ziehen wird - oder man sollte es gleich bleiben lassen... nehmt noch Spendengelder dazu und ich trete definitiv aus.
    7 4 Melden
    • Walter Sahli 30.08.2015 12:51
      Highlight Und wer trägt die Konsequenzen, wenn einer dieser absolut todsicheren Reaktoren (so sicher, dass die Versicherungsprämien unbezahlbar sind) zum sicheren Tod von tausenden von Menschen führt? Die Axpo?
      12 4 Melden
  • Karl33 30.08.2015 10:43
    Highlight Das Atomkraftwerk in Beznau ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Man darf sich ja fragen, wie unabhängig der Staatsanwalt im Bezirk Brugg-Zurzach ist. Eine Filz-Verbandelung hat man ja bereits zwischen Axpo und Ensi festgestellt: Die Aufsichtsbehörde und die AKW-Betreiber kennen sich per Du und schützen sich gegenseitig (Die Tagespresse bringt alle paar Monate wieder ans Licht, wie schludrig das Ensi arbeitet, etwa kürzlich, dass dieses kulant darüber hinwegschaut, dass die Planungsunterlagen und Dimensionierungen der Reaktorkern-Hülle schlicht fehlen...)
    15 7 Melden
  • R&B 30.08.2015 09:46
    Highlight Ich fand Greenpeace mal gut.
    In der Schweiz sind die Probleme, die Greenpeace anprangert, schon längst bekannt und in der Politik werden dazu Lösungen gesucht.
    Diese AKW-Aktion war angesichts der AKW-Diskussionen seit Fukushima völlig unnötig und ich interpretiere diese Aktion als Profilierungswahn der Greenpeace-Leitung Schweiz.
    33 15 Melden
    • grobsun 30.08.2015 10:40
      Highlight Gut gesagt. Das Prinzip von Greenpeace ist ja nicht grundsätzlich schlecht. Es gibt weltweit sehr viele Umweltthemen, welche dringend aufgezeigt werden müssen und da machen andere Abteilungen von Greenpeace auch einen guten Job.

      Aber das hier ist doch nichts als Eigenwerbung (welche leider ja auch funktioniert). 200'000 CHF für nichts und wieder nichts, die Energiedebatte läuft genau gleich weiter. Hauptsache ein paar Aktivisten konnten sich mal wieder einen Kick verschaffen. Einfach erbärmlich.
      14 5 Melden
  • Gantii 30.08.2015 09:28
    Highlight Und wo ist die Strafe für die Axpo?!
    Sorry, aber mit ein paar Leitern und Kletterhaken in ein AKW einzubrechen... Sicherheit, wo?!
    31 22 Melden
  • blabla.. 30.08.2015 09:01
    Highlight Die Strafe sollte von der Axpo bezahlt werden. Greenpeace hat mit der Aktion gravierende Sicherheitslücken aufgedeckt (68 Personen kommen unbehelligt auf das Gelände). Damit wurde der Axpo ein grosser Dienst erwiesen und sie musste keine "Sicherheitsexperten" dafür anstellen. Ich hoffe die Axpo hat daraus gelernt, es reicht, dass nur 1 Person mit wirklich böser Absicht auf das Gelände kommt, um eine Katastrophe anzurichten...
    27 22 Melden
  • _kokolorix 30.08.2015 08:58
    Highlight Erstaunlich, dass sich niemand Gedanken macht, was diese Aktion eigentlich aufzeigt.
    Ein paar Aktivisten von Greenpeace überwinden alle Sicherungen eines Schweizer AKW und bohren Löcher in das Reaktorgebäude!
    Und das war ein gut bekanntes Szenario, mit einem altbekannten Gegner.
    Was denkt ihr könnte geschehen, wenn sowas von einer Truppe mit terroristischem Hintergrund gemacht wird? Eigentlich müssten die Verantwortlichen Greenpeace danken, dass sie auf diese eklatanten Sicherheitsmängel aufmerksam gemacht wurden.
    Aber man deckt lieber die Aktivisten mit Klagen ein, um sie einzuschüchtern...
    43 26 Melden
    • beryll 30.08.2015 10:07
      Highlight Das sehe ich auch so. Für mich sind das echte Helden. Heute ist kaum mehr jemand bereit für etwas zu kämpfen – ausser für Geld. Vor Atomkraftwerken sollte man Angst haben, nicht vor Greenpeace-Aktivisten!
      20 13 Melden
    • grobsun 30.08.2015 10:32
      Highlight Erstaunlich, dass man diesen "Angriff" nicht relativ sehen kann. Was hätte das Wachpersonal denn tun sollen? Das Feuer eröffnen auf unbewaffnete Demonstranten? Es gibt zum Glück in unserem Lande für Sicherheitspersonal/Polizei sowas wie Verhältnismässigkeit bei der Anwendung von Gewalt, darum werden wir auch nicht erschossen, wenn man sich bei Polizeikontrollen wie ein Psychopath aufführt. Zudem: Wie mit dem Bohren von Löchern in die Aussenhülle das AKW in einen kritischen Zustand gebracht werden soll, darf man mir gerne auch noch erklären.
      25 3 Melden
    • Rampart 30.08.2015 12:26
      Highlight Natürlich wäre die Aktion viel besser verlaufen, wenn die Wächter die Aktivisten berechtigterweise niedergeschossen hätten. Überlegen Sie sich einmal, was dann passiert wäre. Greenpeace und ihre Aktionen der Vergangenheit in Ehren, aber mit solchen "Angriffen" riskieren sie unnötig Schwerverletzte. Damit zeigten sie mir, als grundsätzlichem Gegner von AKWs, nur das verhältnismässige Handeln der Wächter auf.
      4 1 Melden
  • Easypeasy 30.08.2015 07:34
    Highlight Greenpeace ist für solche Aktionen bekannt, wer für Greenpeace spendet, muss auch mit solchen "Bussen" rechnen. Wer das nicht will, muss doch einfach nicht für Greenpeace spenden. Es gibt genug andere "bravere" Organisationen. Ich geh auch nicht ins Meer baden und rege mich darüber auf, dass ich nass werde...
    40 9 Melden
  • Bowell 30.08.2015 04:28
    Highlight Es werden also laut Greenpeace Menschen bestraft, "die öffentlich ihre Meinung sagen und sich für eine Sache stark machen." Die gleiche Meinung haben wahrscheinlich auch jene Menschen in Deutschland, die Asylheime abfackeln... Irgendwo hat es Grenzen.
    46 24 Melden
    • phreko 30.08.2015 08:57
      Highlight Greenpeace setzt sich durch ihre Aktionen zum Schutz ALLER ein. Wenn für dich Flüchtlinge keine Menschen sind, ja dann tut der deutsche Mob dasselbe...
      20 20 Melden
    • M. Cuttat 30.08.2015 09:04
      Highlight Den Kampf gegen löchrige AKWs mit dem Abfackeln von Flüchlingsheimen gleichzusetzen, zeugt von einer sehr speziellen Gesinnung.
      32 18 Melden
    • Bowell 30.08.2015 16:56
      Highlight @phreko: Ich fühle mich alles andere als schutzbedürftig durch Greenpeace. Die ganze Aktion zeugt wieder einmal von der lehrmeisterlichen Abgehobenheit dieser Organisation, die sich allen ernstes Umweltschützer schimpft.
      @ M.Cuttat: Das AKW Beznau ist erst löchrig, seitdem Greenpeace 17 mal dran rumgebohrt hat.
      0 1 Melden
    • phreko 31.08.2015 13:15
      Highlight Drogenjunkies möchten ja auch nicht geschützt werden.
      0 0 Melden

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