Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Wenn es Nacht wird über der Piazza Grande ... Bild: dj

Lost in Transition: Was steckt hinter dem Gesicht von Kultregisseur Michael Cimino? Er hat dafür enorm viele Erklärungen 

Er hat die Locarno nachhaltig verwirrt, verzaubert und begeistert: Die Auftritte von Michael Cimino sind die Höhepunkte dieses Festivals. Und das Wetter! Das allerdings nicht nur Freude macht.



Von weitem sieht der Mann aus wie Yoko Ono. Von nahmen wie Yoko Ono mit einem seltsam operierten Mund und grossen Ohren. Der Mann hat ein Geheimnis: sein Geschlecht. Beziehungsweise: Der Mann macht ein Geheimnis aus seinem Geschlecht. Es heisst, er habe die Geschlechtsumwandlung zur Frau auf halbem Weg gestoppt. Er wäre damit tatsächlich ein Trans-Mensch. Einer zwischen den Geschlechtern. Lost in Transition.

Seine Erklärungen für sein Aussehen: 1. Er habe einen schlimmen Autounfall gehabt; 2. Er habe seine Kieferform seinem Gebiss anpassen müssen, und deshalb würden jetzt die Wangenknochen ganz anders wirken; 3. Er habe mit Woody Harrelson («True Detective», «Hunger Games») zusammen eine uuuuunheimlich effiziente Diät gemacht, da habe sich eben sein ganzer Köper verändert; 4. Eine Operation? Er? Er sei doch kein Selbstverstümmler! 5. Der Grund dafür, dass er nur noch Frauenjeans trägt? Ach, weil die einfach viel besser geschnitten sind. 6. Who fucking cares?

Gerne gibt er in einem einzigen Interview mehrere dieser Erklärungen zum Besten. Er will bloss nicht mit der Wahrheit rausrücken. Cimino ist der Autor seiner selbst. Das Ich ist eine Fiktion. Alles andere übrigens auch. Michael Cimino ist nicht Caitlyn Jenner. «Ich bin nicht, der ich bin, und ich bin, der ich nicht bin», sagte der 2002 in der «Vanity Fair».

epa04878747 US film director Michael Cimino (R) and Calantha Carelli Mansfield (L) arrive at the Piazza Grande where Cimino received the honorary prize 'Pardo d'onore Award' at the 68th Locarno International Film Festival, in Locarno, Switzerland, 09 August 2015. The festival runs from 05 to 15 August.  EPA/URS FLUEELER

Michael Cimino mit seiner Begleiterin (Ehefrau?), die auf den glamourösen Namen Calantha Carelli Mansfield hört. Bild: EPA/KEYSTONE

Damals erschienen die ersten Fotos von ihm mit verändertem Aussehen. 25 Jahre lang hatte er sich nicht fotografieren lassen. Aus einem leicht aufgeschwemmten Macho war ein zierliches Wesen mit neuem Gesicht geworden. Sein Alter heute: 76 Jahre. Er liebt es allerdings, Journalisten einen zweiten Pass unter die Nase zu halten, in dem sein Alter erst 63 Jahre ist. 

An seiner Seite in Locarno ist eine blonde Frau in Rot, eine gewisse Calantha Carelli Mansfield, von der es heisst, er sei vielleicht mit ihr verheiratet. Sie ist die Tochter eines ehemaligen Mitarbeiters, er kennt sie also, seit sie auf der Welt ist. Wie Caitlyn Jenner liebt auch Michael Cimino Frauen. Hunderte soll er gehabt haben, geht die Legende, einige von ihnen haben sich gerächt, haben hässliche Geschichten über ihn in der Presse erzählt, haben dazu beigetragen, dass er keine Aufträge mehr erhielt in Hollywood. Eine der Geschichten gegen Michael Cimino ist, dass er für die Dreharbeiten zu seinem Finanzfiasko «Heaven's Gate», mit dem er 1980 eigenhändig ein ganzes Filmstudio ruinierte, 50'000 Dollar für Kokain budgetiert gehabt hätte. 

Schlecht, schlechter, am schlechtesten

Michael Cimino ist einer von denen, die in Locarno einen Preis erhalten. Für sein Lebenswerk, das klein, teuer, ruinös und grossartig ist. Mit dem Vietnam-Drama «The Deer Hunter» gewann er 1979 fünf Oscars, und auch jetzt, auf der Piazza Grande ist «Ther Deer Hunter» noch immer der Film, von dem man denkt, dass kein Amerikaner, der ihn sieht, jemals wieder in den Krieg ziehen kann.

Bild

Szene aus «The Deer Hunter».  bild: universal pictures

Christopher Walken speaks as Dyan Cannon and Telly Savalas look on after Walken won the best supporting actor Oscar for his role in

Christopher Walken gewinnt den Oscar für den besten Nebendarsteller in «The Deer Hunter». Bild: AP

Fast drei Stunden dauert das Epos über drei Männer (darunter Robert De Niro und Christopher Walken) aus einer kleiner Industriestadt in Pennsylvania. In Vietnam werden sie gefangen genommen, das Gefängnis besteht aus Käfigen, die in einem Fluss stehen, die Häftlinge werden gezwungen, russisch Roulette zu spielen, verlieren den Verstand, Körperteile, das Leben. Nur De Niro überlebt einigermassen unbeschadet und versucht zuhause, das Herz einer wunderschönen jungen Meryl Streep zu gewinnen. Doch nach dem Krieg ist immer noch mitten im Krieg.

«The Deer Hunter» ist damit der zweite Film mit Meryl Streep, der in Locarno auf der Piazza läuft, und es ist ein purer Segen nach Streeps vollkommen beknacktem Musikfilm «Ricki and the Flash», einem derart faul ausgedachten Streifen, dass ihr Abba-Film «Mamma Mia!» dagegen schon fast mit einem Meisterwerk wie «Fight Club» verglichen werden kann. Nur der Boxerfilm «Southpaw» mit Jake Gyllenhaal im Muskelprotz-Method-Acting-Modus war noch schlechter. Okay, der «Wir bewältigen den Holocaust auf Ibiza»-Quatsch «Amnesia» mit Bruno Ganz, Marthe Keller und Joel Basman (ach je, nicht jeder Basman-Film ist super, leider) ebenfalls. Und der israelische Wettbewerbsbeitrag «Tikkun». Egal.

Schweizer Filmfestivals im Vergleich: Locarno – 167'000 Eintritte; Zürich – 79'000 Eintritte; Solothurn – 69'000 Eintritte.

An einem der vielen höllenheissen, tropisch feuchten Nachmittage dieses Festivals steht Cimino in einem Zelt und unterhält sich mit unzähligen Fans. Wie er denn mit den Aggressionen in der Filmindustrie und der Presse umgehe, fragt jemand. «Kein Problem, ich habe Persönlichkeit», sagt er, «ich behaupte bloss, nett zu sein.» Überschwänglich amerikanisch erzählt er von der Bedeutung von Träumen. Vom Festhalten an den Träumen. Sein bester Freund Mickey Rourke (auch er ein Mann mit Gesichtsveränderungen) sagte einmal, Cimino sei Mitte der 90er-Jahre, während des Drehs zu seinem letzten Film «The Sunchaser» dem Wahnsinn ein gutes Stück entgegen geritten.

Trailer zu «The Deer Hunter»

abspielen

YouTube/ryy79

«Haben Sie einen Traum?», fragt Cimino einen Mann vor sich. «Mmmmhh, ja, ich träume davon, dass mein Buch gelesen wird», antwortet der Mann. «Sind Sie Schriftsteller?» – «Ähm, nein, bloss Journalist, aber manchmal schreibe ich auch Bücher.» – «Ha! Journalismus sind Worte, Worte, Worte! Oft unvorsichtig verwendete Worte! Stop that journalism-nonsense! Versprechen Sie mir das.» – «Ich versprech’s.»

Der Lago Maggiore geht dramatisch zurück

Bei alledem ist Cimono ungemein heiter, ein Leuteverzauberer, so ganz anders als Edward Norton, auf den sich alle so gefreut hatten und der am Ende so motiviert war wie ein lauwarmer Waschlappen. Und wird am Ende dazu beigetragen haben, dass Locarno – nicht zuletzt dank des grossartigen Wetters – auch 2015 mit Riesenabstand an der Spitze der Schweizer Filmfestivals bleibt. 

Wenn es Nacht wird über der Piazza Grande, gehen auf der Leinwand und an den Fassaden die Sterne auf. Bild: sme

167'000 Eintritte wurden in Locarno 2014 registriert, davon allein 65'500 auf der Piazza Grande. Im Vergleich: Das Zurich Film Festival verzeichnete 2014 79'000 Eintritte, die Solothurner Filmtage 2015 67'000. Die Budgets: 13 Millionen Franken für Locarno, 7 Millionen für Zürich, 3,2 Millionen für Solothurn (wobei Solothurn auch keine superteuren internationalen Gäste einladen muss. Ein Beispiel: Der Besuch von Woody Allen würde Locarno oder Zürich rund 1 Million Franken kosten).

Es ist also alles gut in Locarno, die Menschen strömen, die Sponsoren tönen froh, auch die Restaurantlage hat sich deutlich verbessert (La Rinascente!). Nur die Ränder des Lago Maggiore stinken, anders kann man’s leider nicht sagen. Weil der Wasserspiegel diesen Sommer drastischer sinkt als sonst, 3 bis 5 Zentimeter täglich. Weil die Italiener das Wasser brauchen, um die Po-Ebene nicht austrocknen zu lassen. Das Resultat erinnert an Mangrovenwälder bei Ebbe. Die Muscheln, die man sonst erst ab einem Meter Tiefe findet, sind jetzt nur noch von 20, 30 Zentimeter Wasser bedeckt. Nur die Enten lieben den schlammigen Dreck. Und die Stechmücken. Aber die lieben hier sowieso alles, was warm, feucht und halbwegs lebendig ist. 24 Stunden lang.

Kennst du schon die watson-App?

Über 150'000 Menschen nutzen bereits watson für die Hosentasche. Unsere App hat den «Best of Swiss Apps»-Award gewonnen und wurde unter «Beste Apps 2014» gelistet. Willst auch du mit watson auf frische Weise informiert sein? Hol dir jetzt die kostenlose App für iPhone/iPad und Android.

Das könnte dich auch interessieren:

Fazit nach Frauenstreik: Hunderttausende Menschen protestierten für Gleichstellung

Link zum Artikel

«Er hat nicht unrecht» – das sagt Christoph Blocher zu SVP-Glarners Handy-Terror

Link zum Artikel

Du willst dein Handy sicherer machen? Dann solltest du diese 10 Regeln kennen

Link zum Artikel

FCB-Sportchef Streller tritt mit emotionalem SMS zurück: «Es bricht mir s’Herz»

Link zum Artikel

Trump hat sich im Persischen Golf verzockt

Link zum Artikel

5 Action-Heldinnen, die die Filmwelt ordentlich gerockt haben

Link zum Artikel

Preisgeld-Vergleich: So viel mehr kassieren Männer im Sport als Frauen

Link zum Artikel

14 Gründe, warum die Frauen heute streiken

Link zum Artikel

«Das stimmt einfach nicht» – Martullo-Blocher wird in der «Arena» vorgeführt

Link zum Artikel

Nach Handy-Terror: Betroffene Mutter rechnet mit SVP-Glarner ab – und wie

Link zum Artikel

Trump setzte Kopfgeld auf unschuldige Schwarze aus – jetzt melden sie sich zu Wort

Link zum Artikel

9 spannende Geisterstädte und ihre Geschichten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

2
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2Alle Kommentare anzeigen

Schawinski, die Prostituierte und das mediale Old-Boys-Network

Salomé Balthus war zu Gast bei «Schawinski». Er versuchte es mit einer Unterstellung. Sie schlug in einer Kolumne zurück. Danach wurde sie entlassen. Ein Lehrstück in strukturellem Sexismus.

Roger Schawinski hatte eine junge Frau in seine Sendung eingeladen und danach wurde sie entlassen. Okay, nicht aus ihrem eigentlichen Beruf, dem der High-Class-Escort-Lady. Aber aus ihrem Nebenjob, dem einer Kolumnistin in der deutschen «Welt».

Dabei hatte er versucht, Salomé Balthus – dies das Arbeitspseudonym seines Gastes – vor laufender Kamera blosszustellen. Hatte Alice Schwarzer eingespielt, die sagte, dass «eine überwältigende Mehrheit von Frauen, die freiwillig in der …

Artikel lesen
Link zum Artikel