Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die göttliche Ordnung Film

Nora Ruckstuhl (Marie Leuenberger) versucht, die Dörfler zu überzeugen. Bild: Zodiac Pictures

Vivi Kola und das Frauenstimmrecht: Wie ein Kind der 70er «Die göttliche Ordnung» erlebt

Der Spielfilm «Die göttliche Ordnung» ist ein Publikumserfolg. Er verdeutlicht, wie schwer sich die Schweiz mit den Frauen tat und noch heute tut. Einige Gedanken aus persönlicher Sicht.



Die Szenerie ist idyllisch. Gedreht wurde in Trogen in Appenzell Ausserrhoden. Das Thema ist düster. Der Film handelt von der Abstimmung über das Frauenstimmrecht 1971 und den Widerständen, die die Frauen nicht nur, aber insbesondere in der ländlichen Schweiz überwinden mussten. «Die göttliche Ordnung» läuft seit Donnerstag in den Kinos und hat mit 36'000 Zuschauern bis Sonntagabend den besten Filmstart des Jahres nach «Fifty Shades Darker» hingelegt.

Man ist positiv überrascht. Derartige Erfolge gelingen dem heimischen Filmschaffen sonst nur mit populären Heile-Welt-Stoffen wie «Heidi» und «Schellen-Ursli». Ein politischer Film als Publikumsmagnet – Autorin und Regisseurin Petra Volpe hat ein kleines Kunststück vollbracht. Was aber taugt der Film, wird er den üppig wuchernden Vorschusslorbeeren gerecht?

Kampf um das Frauenstimmrecht

Ich habe ihn am Dienstagabend gesehen, im «Le Paris», einem der schönsten Kinos von Zürich. Die Frauen waren im altersmässig gut durchmischten Publikum klar in der Überzahl. Mein Interesse an dem Film entsprang nicht nur meiner Arbeit als politischer Journalist, sondern auch persönlicher Betroffenheit. Ich habe die damalige Zeit selbst erlebt, auch wenn ich mich an den Kampf ums Frauenstimmrecht (ich war knapp acht Jahre alt) nicht erinnern kann.

Zeitgeist getroffen

In dem Bauerndorf im Zürcher Unterland, in dem ich aufwuchs und das sich sukzessive in eine Agglogemeinde transformierte, bekam man die politischen Stürme jener Zeit kaum mit. Den Zeitgeist aber hat der Film gut getroffen. Das betrifft nicht nur das Dekor, obwohl ich mich besonders über die originalen Vivi-Kola-Fläschchen gefreut habe. Er zeigt auch sehr anschaulich, wie schwierig das gesellschaftliche Umfeld für die Frauen generell war.

Für uns Kinder war es selbstverständlich, dass die Mütter zu Hause blieben und kochten und putzten, während der Vater die Brötchen verdiente. Ich kann mich nicht erinnern, dass im Dorf nur eine Mutter meiner «Gschpänli» nebenbei einer bezahlten Arbeit nachging. Dazu hätte sie die Einwilligung des Ehemannes gebraucht, was im Film sehr schön gezeigt wird. Bestürzend auch, wie schnell man «versorgt» werden konnte, wenn man sich nicht konform verhielt.

Solide Unterhaltung

Der Film selbst ist nicht das Meisterwerk, zu dem er teilweise gehypt wurde. Er ist solides, unterhaltsames, etwas braves Mainstream-Kino. Während Hauptdarstellerin Marie Leuenberger glaubwürdig wirkt, sind die Nebenfiguren teilweise an der Grenze zur Karikatur gezeichnet. Und die holprigen Dialoge bleiben ein ewiges Ärgernis in Schweizer Film- und Fernsehproduktionen.

Die göttliche Ordnung, Petra Volpe

Szene aus «Die göttliche Ordnung»: Frauen demonstrieren in Zürich. Bild: Filmcoopi

Sein Ziel aber erreicht er mühelos. «Die göttliche Ordnung» verdeutlicht, wie rückständig die Schweiz im Ringen um die Frauenrechte war. Während des Landesstreiks 1918 war das Frauenstimmrecht eine Forderung der Arbeiterschaft. Damals hatten es erst wenige Länder eingeführt, die Schweiz hätte eine Pionierrolle einnehmen können. Sie hat die Chance verpasst. Erst 1957 wurde es auf kommunaler Ebene erstmals beschlossen, in Unterbäch im tiefschwarzen Oberwallis.

Chance verpasst

Zwei Jahre später fand die erste Abstimmung auf nationaler Ebene statt. Die Männer sagten klar Nein, und das zu einer Zeit, als Länder wie Ägypten, Syrien und die Mongolei die Frauen teilweise schon seit Jahrzehnten an die Urnen liessen. Es brauchte noch einmal zwölf Jahre und die gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er-Jahre, bis die Schweizer Männlichkeit sich nicht mehr durch politisierende Frauen bedroht fühlte, wie es im Film schön gezeigt wird.

Schon während der Pause und nach dem Ende des Films war die Betroffenheit im Publikum spürbar. Viele der jüngeren Besucherinnen und Besucher haben wohl erstmals realisiert, wie schwer es ihre Mütter und Grossmütter damals hatten. Und vielleicht ist ihnen auch klar geworden, dass die Schweiz in dieser Hinsicht noch immer keine vorbildliche Rolle spielt. Im Gegenteil.

Fortschritte im Schneckentempo

Bei der Gleichberechtigung und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinkt sie den meisten europäischen Ländern hinterher. Noch immer gibt es zu wenig Tagesschulen. Die Zahl der Kitas wächst, aber sie sind oft teuer und die Öffnungszeiten eine Zumutung für Menschen mit flexiblen Arbeitszeiten. Die Berufswelt ist auf den Karriere machenden Mann ausgerichtet. Selbst wenn er das Pensum reduzieren will, kann er es oft nicht. Es ist die Frau, die Teilzeit arbeitet.

In den Chefetagen nimmt die Zahl der Frauen zu, aber nur im Schneckentempo. Die Ungleichheit der Löhne von Mann und Frau schrumpft ebenfalls nur wenig. Frauen müssten in den Gesprächen eben selbstbewusster auftreten. Halten sie sich an diese Empfehlung, werden sie schnell als zickig empfunden, während Männer in der gleichen Situation als willensstark gelten. Man hat in der Tat oft das Gefühl, dass sich in den Köpfen in den letzten bald 50 Jahren wenig geändert hat.

«Die göttliche Ordnung» könnte einen Beitrag zur Sensibilisierung leisten. So nebenbei zeigt der Film, dass politisches Kino in der Schweiz funktionieren kann. In dieser Hinsicht wünscht man sich häufig etwas mehr Mut, nicht nur bei historischen, sondern auch bei aktuellen Themen. «Grounding» hat gezeigt, dass man damit das Publikum mobilisieren kann. Und die Abwahl von Christoph Blocher als Bundesrat etwa wäre Stoff für einen formidablen Polit-Thriller.

Zum Frauenstimmrecht war ein Spielfilm längst fällig. Besser spät als nie, kann man nun sagen. Wie mein Vater 1971 gestimmt hat, weiss ich übrigens nicht. Ich habe ihn nie gefragt und kann es auch nicht mehr. Aber ich vermute, er hat das Frauenstimmrecht befürwortet.

Feminismus, Sexismus, Gesellschaft

Diese 15 genialen Bilder beschreiben perfekt, wie es ist, die Mens zu haben

Link zum Artikel

Kaiserin Agrippina: Das herrschsüchtige Teufelsweib, das ganz Rom verführte und die Männer zu Sklaven machte

Link zum Artikel

WTF? 23 vergenderte Produkte, die keiner braucht 

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Wütende Österreicher fordern Tod und Zwangssterilisation für die «Katzentreterin»

Link zum Artikel

FOMO, Squish & Vanilla: Das grosse Sex- und Gefühls-ABC der Generation Z

Link zum Artikel

Showbusiness heisst nicht Sexgewerbe! Der Sturz des Fotografen Terry Richardson 

Link zum Artikel

«Voll zwischen die Beine» – «Habe ich schon x-mal erlebt» – «Man hat sich daran gewöhnt»: Wie Frauen im Ausgang sexuell belästigt werden

Link zum Artikel

Sie haben genug: 22 Schweizerinnen erzählen, wie sie sexuelle Gewalt im Alltag erlebten

Link zum Artikel

Es ist ganz einfach: Feminismus ist das neue Cool

Link zum Artikel

Hinter dem Film übers Schweizer Frauenstimmrecht steckt ein Skandal-Baby

Link zum Artikel

«Und was ist mit den Männern?!» Das Schreckgespenst Feminismus geht wieder um 

Link zum Artikel

«Playboy» zeigt das erste Transgender-Playmate

Link zum Artikel

«So nicht, liebe Männer!» Tinder-Knigge zweier watson-Userinnen macht aus Eseln Hengste

Link zum Artikel

In 6 Schritten zum Stalker: Der Aktionsplan für die Frauen-mit-Kopfhörer-Anmache

Link zum Artikel

Die keltische Kriegerkönigin Boudica, die tausende Römer niedermetzelte

Link zum Artikel

Auf der Tür zur Hölle der Frau stehen 3 Buchstaben: PMS. Prämenstrueller Supergau

Link zum Artikel

12 sexistische «Perlen» aus dem SRF-Archiv – muss man sehen, um es zu glauben

Link zum Artikel

#SchweizerAufschrei: 21 Tipps gegen den ganz alltäglichen Sexismus

Link zum Artikel

Du wirst bald 30? Freu dich, jetzt wird dein Leben echt fantastisch!

Link zum Artikel

Frauen, die Geschichte schrieben, Teil I: Die ägyptische Traumfrau Kleopatra

Link zum Artikel

Absätze, Lippenstift und neutrale Unterwäsche – darf man Frauen das vorschreiben?

Link zum Artikel

Stefanie gegen die rechte Welt: Was der Spruch «Feministinnen sind hässlich» wirklich bedeutet 

Link zum Artikel

«American Apparel»-Gründer so: «Mit Mitarbeiterinnen zu schlafen, ist unvermeidlich»

Link zum Artikel

Fast alle ungenügend, aber auf gutem Weg: Disney-Prinzessinnen im Gender-Check

Link zum Artikel

Im Fall Weinstein gibt's vor allem eins zu sagen: «Fuck you!» – an mehrere Adressen

Link zum Artikel

Lügen-Quellen! Frauen erobern ihren wahren Platz in der Weltgeschichte zurück

Link zum Artikel

Diese Frau steckt hinter der Aktion #SchweizerAufschrei

Link zum Artikel

«Fleisch» – Lehrer mit teigigen Figuren und Kopflesben sollten dieses Buch nicht lesen

Link zum Artikel

Du bist jung, weiblich und in deine beste Freundin verliebt? Dies erwartet dich <3

Link zum Artikel

«Es gibt kein Geschlecht. Es gibt keine Regeln. Es gibt nur mich.»

Link zum Artikel

Das Fazit von Köln: Frauen müssen lernen, nicht vergewaltigt zu werden

Link zum Artikel

Der BH als Spiegel unserer Gesellschaft: Ist es wieder mal Zeit für eine Befreiung der Brüste?

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Das könnte dich auch interessieren:

Geld allein macht nicht glücklich – aber was dann, Herr Glücksforscher?

Link zum Artikel

Love-Scamming: Wie ich einer Russin (fast) auf den Leim gegangen bin

Link zum Artikel

Die Geschichte dieses Bildes steht exemplarisch für den momentanen Gender-Knorz

Link zum Artikel

Bond fährt E-Auto? (00)7 Vorschläge, wie er sich noch besser an die Generation Y anpasst

Link zum Artikel

Vegane Influencerin bekommt ihre Periode nicht mehr – jetzt zieht sie Konsequenzen

Link zum Artikel

Warum ich bete

Link zum Artikel

Die Influencer der Zukunft sind nicht menschlich – und sind jetzt schon Millionen wert

Link zum Artikel

Roger Federer ein Spielball der Strömung – das könnte zum Problem werden

Link zum Artikel

Kassieren SVP und SP eine Schlappe? 7 wichtige Punkte zu den Zürcher Wahlen

Link zum Artikel

Im 30'000-Franken-Outfit – so rückt Leroy Sané in die DFB-Elf ein

Link zum Artikel

Bye-bye Beno: Wie der ehemalige Gassen-Mönch in die völkische Szene abrutschte

Link zum Artikel

Das sind die 3 typischen Phasen eines Pyro-Vorfalls

Link zum Artikel

Wie Trump im Fall Manafort schachmatt gesetzt wurde

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Alnothur 18.03.2017 21:32
    Highlight Highlight "Die Ungleichheit der Löhne von Mann und Frau schrumpft ebenfalls nur wenig." - Kein Wunder, ist diese doch bereits auf praktisch null. Ausser in den Köpfen der Watsonianer natürlich.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Wolfsblut_2 18.03.2017 19:23
    Highlight Highlight Danke, Peter Blunschi, für diese Rezension und für den Satz: «Man hat in der Tat oft das Gefühl, dass sich in den Köpfen in den letzten bald 50 Jahren wenig geändert hat.» Genau dieses Gefühl überkommt mich, wenn ich hier auf Watson die Kommentare lese und das Blitzgewitter sehe, wenn es um Genderthemen geht. Das ist beklemmend. Gerade, weil hier normalerweise die Kommentare fair und fortschrittlich sind.

Wie sich die indische Banditenkönigin an den Männern rächte

Mit elf Jahren wird das Bauernmädchen Phoolan Devi von ihrem Ehemann vergewaltigt. Ihr Leben lang werden sich Männer an ihr vergehen, stets in Gruppen, Polizisten, Männer ihrer eigenen und höherer Kasten. Doch Phoolan überlebt alles. Die Wut über die Ungerechtigkeit und der Gedanke an Rache lassen sie nicht sterben. 

In welchem Jahr sie geboren ist, weiss Phoolan nicht. Sie weiss nur, dass es am Tag des Blumenfestes war, deshalb hat ihre Mutter sie Phoolan getauft, Blume. Sie hatte drei Schwestern und einen Bruder, von dem man hingegen ganz genau wusste, wann er zur Welt gekommen war. Er musste rechtzeitig zur Schule angemeldet werden. 

Die Mutter klagte oft über die vielen Mädchen, die ihr die Götter bescherten, wenn sie so vor einem Kuhfladen hockte und daraus einen Dungziegel formte. Es war besser …

Artikel lesen
Link zum Artikel