Schweiz
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Intersexualität: Braucht es ein drittes Geschlecht?

Deutschland führt bald ein drittes Geschlecht ein. Schweizer Intersexuelle beurteilen das kritisch.

Rebecca Wyss / Nordwestschweiz



Für intersexuelle Menschen, die keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können, sind die kleinen Dinge im Alltag eine Herausforderung. Das fängt im Kindergarten mit dem Gang zur Toilette an. Als kleine Knöpfe müssen sie sich entscheiden: für die Tür mit Kreis und Kreuz oder jene mit Kreis und Pfeil.

Schlimmer wird’s als Erwachsene. Egal, ob bei Hotelbuchungen, beim Online-Shopping oder beim Behördengang – sie müssen zwischen «Herr» und «Frau» wählen. Jetzt soll die Grundlegendste aller Entscheidungen in Deutschland erleichtert werden: Das Bundesverfassungsgericht will für das Geburtenregister ein drittes Geschlecht einführen.

Intersexualität

Deutsche Intersexuelle sind im Geburtsregister nicht mehr geschlechtslos Bild: shutterstock.com

Viele fühlen sich nicht «inter»

Schon heute gibt es in Deutschland drei Möglichkeiten für Eltern. Sie können ihr Kind entweder als «männlich» oder «weiblich» eintragen lassen. Oder wenn eine eindeutige Zuordnung nicht möglich ist, einfach kein Kreuz beim Geschlecht machen.

So gibt es einige Deutsche, die gemäss Geburtenregister geschlechtslos sind. Sie fallen in die Leerstelle, die der Gesetzgeber 2013 geschaffen hat. Die deutschen Bundesverfassungsrichter wollen jetzt all diesen Menschen die Möglichkeit geben, aus der Geschlechtslosigkeit zu entkommen. Sie (oder viel eher ihre Eltern) sollen ihre geschlechtliche Identität mit einer Bezeichnung wie «inter» eintragen lassen können.

«Inter» kein Thema

In der Schweiz diskutiert man die Option «inter» nicht. Aber auch den Status der Geschlechtslosigkeit gibt es nicht. Gerade deshalb sieht Daniela Truffer von der Organisation Zwischengeschlecht.org in der Schweiz weniger Handlungsbedarf. Die Präsidentin sagt: «Für die Kinder kann ein solcher Eintrag als drittes Geschlecht Nachteile haben.»

Truffer setzt sich seit Jahren im In- und Ausland für intersexuelle Menschen ein, Zwischengeschlecht.org ist die einzige Organisation , die sich hierzulande ausschliesslich für Intersexuelle einsetzt. «Der Entscheid der Eltern kommt einem unfreiwilligen Outing gleich, mit dem die Betroffenen später vielleicht zu kämpfen haben», sagt sie. Zumal die Betroffenen selbst nicht darüber entscheiden können.

Truffer betont zudem, dass die meisten, die keine eindeutigen Geschlechtsmerkmale aufweisen, sich einem der beiden Geschlechter zugehörig fühlten. «Für sie ist die Einführung des dritten Geschlechts kein Thema.»

Daniela Truffer selbst kam 1965 mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt. In ihrem Bauch fanden die Ärzte Hoden. Sie hatte auch einen kleinen Penis – oder laut den Ärzten eine vergrösserte Klitoris. Zudem stellten sie fest, dass sie über einen männlichen Chromosomensatz verfügt. Die Ärzte machten aus dem Kind ein Mädchen – wie es damals die Praxis war. «Diskussionen über die Einführung eines dritten Geschlechts dürfen nicht von den wahren Problemen, den Verstümmelungen, ablenken», sagt sie.

Einfache Geschlechtsänderung

Dennoch würde Truffer eine Änderung der Schweizer Praxis begrüssen und verweist auf den Vorschlag der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK). 2012 hatte diese im Auftrag des Bundesrates einen Bericht zum Umgang mit Varianten der Geschlechtsentwicklung vorgelegt. Darin empfiehlt sie, dass die beiden bisherigen Geschlechtskategorien im Personenstandsregister beibehalten werden. Intersexuelle sollen dieses aber später unbürokratisch ändern können. Heute ist eine Änderung nur mit grossem Aufwand möglich: Betroffene müssen bei einem Zivilgericht Klage einreichen. 

Geschlecht: «Inter» ist nicht «trans»

Ein bis zwei Menschen von 1000 sind Schätzungen zufolge intersexuell – sie können nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden. Das unterscheidet sie von Transsexuellen. Diese fühlen sich dem anderen als ihrem biologischen Geschlecht zugehörig.
Bei Intersexuellen können die Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen und Genitalien sowohl männliche als auch weibliche Elemente aufweisen. Es gibt verschiedene Varianten davon:
1. Menschen, die genetisch männlich und physiologisch weiblich sind. Die also einen XY-Chromosomensatz haben und Hoden im Unterleib ausbilden, sich äusserlich aber komplett weiblich entwickeln.
2. Menschen, bei denen sich Merkmale beider Geschlechter ausprägen. Wenn in einem genetisch männlichen Fetus ein zusätzliches, zweites X-Chromosom vorkommt (XXY).
3. Menschen mit genetisch weiblichen und physiologisch männlichen Merkmalen. Sie haben weibliche Geschlechtsorgane mit männlichen Merkmalen wie eine vergrösserte Klitoris. (rwy)

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    Alle Leser-Kommentare
  • itsbigben 11.11.2017 15:01
    Highlight Highlight Braucht es genau so wenig wie gender neutralitiy.
  • Wald Gänger 10.11.2017 11:21
    Highlight Highlight Nach dem Durchlesen der Kommentare ist es interessant, dass es viele Nichtbetroffene gibt, die trotz des Inhaltes obigen Artikels und der Aussagen einer Direktbetroffenen, finden, dass es unbedingt ein drittes Geschlecht braucht. Meines Erachtens zeigt das eindrücklich, dass die meisten SJW's sich gar nicht darum scheren, was ihre vermeintlichen Klienten oder "Opfer der Gesellschaft" wollen. Es geht ihnen nur darum, die eigenen Vorstellungen von Dingen, die sie gar nicht verstehen durchzwängeln zu wollen.
    • Frausowieso 10.11.2017 17:51
      Highlight Highlight woher willst Du wissen, dass die pro-schreiber nicht betroffen sind?
  • Wald Gänger 10.11.2017 11:15
    Highlight Highlight Erfrischend vernünftig und pragmatisch, die Frau Truffer. Es ist wohltuend, bei dieser in letzter Zeit völlig hochgejazzten Diskussion um Gender einmal eine solche vernünftige Stimme von einer Betroffenen zu hören.
  • Thinktank 10.11.2017 10:19
    Highlight Highlight Seit 1981 steht die Gleichheit von Mann und Frau in der Bundesverfassung. Allerdings gilt das nur für das Erwerbsleben und Lohn. Ansonsten ist das schweizer Recht voll von Diskriminierungen gegenüber dem Mann. Zuerst soll man das lösen und die Geschlechtsunterscheidung generell aufheben, dann hat sich das mit allen zukünftigen Geschlechtern erledigt.
    • Fabio74 10.11.2017 13:34
      Highlight Highlight Schon wieder ein Daueropfer der aus der Gruppe der Mehrheit, die auf der Welt an der Macht ist
  • Frausowieso 10.11.2017 09:33
    Highlight Highlight Ich bin absolut dafür, dass das dritte Geschlecht eingeführt wird. Auch wenn es nur sehr wenige Menschen betrifft, ist es für sie sehr schwierig. Das Leben ohne eindeutiges Geschlecht birgt eh schon viele Schwierigkeiten. Man sollte es den Betroffenen nicht noch zusätzlich erschweren. Wenn ein Mensch nun mal beide Geschlechter in sich trägt, dann ist das so. Der Zwang sich für ein Geschlecht entscheiden zu müssen, bringt vor allem die Eltern enorm in Bedrängnis. Zu oft wurden Kinder einfach in ein Geschlecht gedrängt und "zurecht geschnippel". Für die Betroffenen ein lebenlanger Horror.
    • Frausowieso 10.11.2017 13:18
      Highlight Highlight Ich glaube, dass es daran liegt, dass viele nicht zwischen Trans- und Intersexualität unterscheiden können. Es gibt Leute die denken, dass es keine Transsexuellen gibt und die Betroffenen an einer psychischen Störung leiden. Intersexuelle haben jedoch Körper mit beiden Geschlechtern. Das ist etwas ganz anderes. Der Begriff "Zwitter" ist zwar verpönt, aber die Leute können sich mehr darunter vorstellen.
  • oXiVanisher 10.11.2017 09:11
    Highlight Highlight Wäre es wenn schon nicht einfacher das Geschlecht grundsätzlich nicht zu definieren? Anstatt ein 3. einzuführen "einfach"* die zwei bestehenden wegzulassen.

    * Ja mir ist klar dass dies auch nicht einfach ist. Aber ich fände es den besseren Ansatz.
    • Frausowieso 10.11.2017 09:39
      Highlight Highlight Der Ansatz ist nicht schlecht, aber würde wahrscheinlich schon zu Problemen führen. Die meisten Leuten fühlen sich einem Geschlecht zugehörig. Bei den Betroffenen ist es so, dass sie Merkmale beider Geschlechter vorweisen. Es gibt viele verschiedene Formen. Wenn wir keine Geschlechter mehr haben, wird alles gemischt z.B. auch Umkleidekabinen, WCs, Gefängnisse. Nicht gerade unproblematisch.
    • sanni 10.11.2017 16:57
      Highlight Highlight Hallo Pond, es geht ja allein um den amtlichen Geschlechtseintrag in den offiziellen Papieren. Dass sich viele als Männer oder Frauen fühlen, bleibt dabei unberührt.
  • FancyFish - Stoppt Zensur! 10.11.2017 07:33
    Highlight Highlight Die Forderungen von Truffer sind eigentlich mehr als angemessen.

    Verglichen mit dem Schwachsinn, der in den USA abgeht durchaus akzeptabel.
  • Rabbi Jussuf 10.11.2017 07:18
    Highlight Highlight Es geht auch unaufgeregt.
    Danke Daniela Truffer.

    Bitte nicht dieses Affentheater wie in DE veranstalten.
    • sanni 10.11.2017 16:54
      Highlight Highlight Komischerweise hat in Deutschland eine Intersexperson geklagt. Offenbar ist also ein Bedarf da. Und übrigens auch in der Schweiz...
  • Wilhelm Dingo 10.11.2017 07:18
    Highlight Highlight Von mir aus ein drittes Geschlecht. Was mich nervt ist die ewige Diskussion über dieses Randthema was nur extrem wenige Menschen betrifft.
    • Fabio74 10.11.2017 10:01
      Highlight Highlight Man muss ja nicht lesen, was nicht interessiert.
      Mich betrifft es ebenso wenig. Aber Rechte für Minderheiten sind ein wichtiges Thema
  • Ihr Kommentar hat 20min Niveau 10.11.2017 07:15
    Highlight Highlight Find ich gut. Und an alle die sich beklagen, Frage: was geht es dich an ob im Pass deines Gegenübers m. f. oder x. steht.
  • rodolofo 10.11.2017 06:58
    Highlight Highlight Dass die Schweiz beim Thema Transsexualität nicht vorangeht, wundert mich doch sehr!
    Hier wird doch sonst immer die Neutralität hochgehalten!
    • FancyFish - Stoppt Zensur! 10.11.2017 07:52
      Highlight Highlight Hast du die Box am Ende des Artikels nicht gelesen?

      Trans ist nicht Inter
  • mrmikech 10.11.2017 06:53
    Highlight Highlight Wieso überhaupt angeben ob mann oder frau, nutzlose Daten.
    • EvilBetty 10.11.2017 08:30
      Highlight Highlight DAS ist die einzig richtige Frage!
  • Gogl Vogl 10.11.2017 06:53
    Highlight Highlight Statistisch gesehen ist die Intersexualität eine Rarität. Dafür die öffentliche Infrastruktur dermassen zu verändern, halte ich für nicht verhältnismässig.

    Betroffene sollten in ihrem Selbstwertempfinden gestärkt werden. Daher ist eine Aufklärung des näheren Umfeldes wahrscheinlich eine optimalere Lösung, da hier intersexuelle Menschen besser in ein Sozial-Konstrukt inkludiert werden als bei einer weiteren Abgrenzung zu den "biologischen Normalos".

    Gesellschaftliche Toleranz, oder besser noch Akzeptanz, erreicht man nicht durch weitere Abschottung. Eher das Gegenteil.
    • derEchteElch 10.11.2017 08:09
      Highlight Highlight Als ich einen sehr ähnlich lautenden Kommentar schrieb fielen die Blitzer über mich her.. grundsätzlich teile ich deine Meinung und bin froh das nicht nur ich dies so sehe...
    • Enzasa 10.11.2017 08:27
      Highlight Highlight Es geht auch einfacher und wird auch bereits mancherorts gemacht Toiletten nicht nach Männer und Frauen trennen
    • EvilBetty 10.11.2017 08:31
      Highlight Highlight Ich glaube ein Haufen der Blitze die du, Elch, kassierst, sind persönlich gemeint :D
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