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Eine Postkarte aus einer vergessenen Zeit. bild: fayedodgeszombies

Liebe Kulturpessimisten, nicht traurig sein über den drohenden Tod der Postkarten, sie sind sowieso eine Lüge 

Ist es nicht oft so, dass die Menschen empört sind, sobald etwas Neues etwas Altes bedroht? Jetzt sind es die Postkarten-Apps, die einen neuen«Traditionsverlust» einläuten. Aber leben wir diese Tradition überhaupt? Sind wir ohne die guten alten Postkarten verloren? – Nein.



Was für eine Freude doch das Öffnen des Briefkastens machte, wenn sich zwischen all den Rechnungen, den Mahnungen und dem Haufen an wahlpropagandistischen Politikergesichtern auf hauchdünnem Papier eine hübsche Ansichtskarte versteckte. Vorne ein schöner Strand, vielleicht ein paar vom Winde verwehte Grashalme rechts in der Ecke und im Vordergrund ein lachendes Kind, das seine kleinen Zehen in den Sand gräbt. 

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Oder vielleicht auch eher etwas in diese Richtung. bild: historymaniacmegan

Eine Postkarte aus der Toscana von den Schneiders! Sieh an, sie sind beeindruckt vom Piazza del Campo in Siena, ansonsten geniessen sie die sonnigen Tage am Meer. Und dieser italienische Espresso, so billig und doch so gut! 

Als Kind musste ich unzählige Postkarten schreiben. Eine für Oma und Opa, eine andere für die andere Oma und den anderen Opa, eine dritte fürs Gotti, für den Götti und, und, und. Es war eine Pflicht. Es gehörte sich so. Man bekam etwas zum Geburtstag und dafür bedankte man sich artig. Und im Winter schickte man viele Grüsse von der Lenzerheide hinunter zu den lieben Verwandten. 

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bild: poppygall

«Sitte ist die im Leben eines Volkes sich bildende, verpflichtende Gewohnheit.» 

Rudolf von Ihering, deutscher Rechtswissenschaftler

Also lasst uns ehrlich sein. Geradeaus wollen wir reden, gänzlich befreit von diesem sentimentalen Gehabe und all dem pathetischem Gerede vom tragischen Verlust einer ehrwürdigen Tradition. Postkarten sind doof. Warum?

Beantworte diese zwei Fragen wahrheitsgetreu:

Umfrage

Hast du als Kind gerne (das heisst freiwillig) Postkarten geschrieben?

  • Abstimmen

760

  • Sicher nicht! 34%
  • Ja, ich habe es geliebt! (sagte der Streber ...) 46%
  • Ich will nicht darüber reden. (Trauma)20%

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Viele Grüsse aus unseren Abenteuerferien. Bild: etsy

Umfrage

Hast du als Erwachsener wirklich so wahnsinnig gerne Postkarten gekriegt?

  • Abstimmen

751

  • Nein. Da denkt man doch meistens: Was interessiert's mich, wo du jetzt schon wieder deinen Bauch in die Sonne streckst? Arbeitest du eigentlich auch mal? Und dann gleich wieder auf die Malediven.7%
  • Nein, eigentlich nicht unbedingt. Das merkt man daran, dass ich die meisten davon weggeworfen habe. 17%
  • Ja! Ich habe kistenweise Postkarten von überall und von so verschiedenen Menschen, die, egal, wo sie waren, immer an mich gedacht haben. 44%
  • Ja schon. Ich habe da so meine Postkarten-Freundschaften, die ich sehr schätze. 32%

Welche Tradition wird jetzt genau durch diese Postkarten-Apps bedroht? Das Internet bedroht schon lange den handschriftlichen Verkehr. Das Traurige daran ist, dass keine Briefe mehr geschrieben werden. Nicht, dass keine Postkarten mehr geschrieben werden.

Denn denkt man wirklich an jemanden, dann schreibt man einen Brief. Oder von mir aus ein Email. Letztlich kommt es auf den Inhalt an. Die Relevanz – daran ist unter anderem auch der dürftige Platz Schuld – der gemeinen Postkarte ist gleich null: «Hallo, ich bin hier und hier, mache das und das, das Wetter ist so und so. Viele Grüsse.» Gibt es etwas Langweiligeres als eine derart trockene Sachlichkeit? 

Wie immer gibt es Ausnahmen. Karten mit einem wirklich schönen oder wirklich lustigen Motiv.

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Hier eine aus der lustigen Sparte (oder, je nach Geschmack, vielleicht sogar aus der schönen). bild: historymaniacmegan

Oder Karten, auf denen nicht «viele Grüsse» steht, sondern zum Beispiel das: 

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Die Postkarte, die ich behalten habe. bild: watson/rof

Und alle Kulturpessimisten, die diese Postkarten-App als weiteres Indiz für den drohenden Untergang werten, die dahinter das Ende der persönlichen Wertschätzung und den Krieg gegen die Handschrift wittern. Alle Zitternden, die befürchten, dass sowieso alles den Bach runter geht, weil die Welt immer noch schneller, noch kurzlebiger und seelenloser wird; setzt euch hin. Nehmt euch wirklich Zeit. Und schreibt wirklich etwas. Und wenn möglich ein bisschen mehr als viele Grüsse aus dem Tal der Wehklagen. 

P. S. Anstatt Kommentare werden auch gerne Postkarten (randvoll mit Kritik) entgegengenommen. 

Bitte an:
Anna Rothenfluh
watson Fixxpunkt AG
Hardstrasse 235
8005 Zürich

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    Alle Leser-Kommentare
  • meerblau 19.06.2015 09:38
    Highlight Highlight Es kommt nicht unbedingt auf den Texz der Postkarte an, sondern auf den Umstand, dass jemabd in seinen Ferien an mich denkt und seine Eindrücke in Kurzfassungen mit mir teilen will. Zudem... Als Empfänger erhalte ich etwas, welches aus der weiten Welt stammt. Es beflügelt meine Fantasie und weckt mein Reisefieber. Ich will wissen, ob es tatsächlich dort so aussieht (was, wie wir wissen, selten der Fall ist). Trotzdem ist es eine Erinnerung, die man sich an die Wand hängen kann und mit der weitaus mehr als nur Pflicht und Qual verbunden ist. Mit einem ellenlangen ausgedruckten E-Mail sähe das ein bisschen büromässig aus ;)
    Und zu guter Letzt meiner Hommage an die Postkarte: Versende ich eine, erhalte ich garantiert eine Antwort darauf. Ein kleines Danke, Monate später eine Karte des Empfängers aus einer anderen Ecke der Welt... Ich bleibe dadurch weiterhin in persönlichem Kontakt mit meinen Menschen. Ganz ohne Wifi und PC.
    Hoch lebe die Postkarte und der Stift!!
    • Lionqueen 19.06.2015 12:43
      Highlight Highlight Ich bin ganz deiner Meinung! Karten versenden bringt Freude für den Sender und den Empfänger. Wenn dann auch noch eine zurück kommt ist das ganze noch viel schöner :)
  • Lionqueen 18.06.2015 22:25
    Highlight Highlight Ich finde deinen Text nicht so differenziert. Einerseits kritisierst du, dass auf den handgeschriebenen Postkarten kein Text platz hat. Das Problem besteht doch auch bei der E-Postcard. Andrerseits finde ich, dass man nicht verallgemeinern kann, dass Postkarten nicht mehr gebraucht werden. Ich finde eine handgeschriebene Postkarte viel persönlicher als eine gedruckte. Meinerseits schreibe ich Postkarten und verwende zum Teil auch eine App, wenn ich ein schönes Foto geschossen haben und den Moment mit jemandem anderen teilen möchte.
    • Anna Rothenfluh 19.06.2015 08:28
      Highlight Highlight Das liegt vielleicht daran, dass ich es ein bisschen Hans wie Heiri finde, ob die Postkarte jetzt per App oder handgeschrieben daherkommt, weil der Text meist sowieso dermassen standardisiert und darum eben unpersönlich daherkommt (Wo, Wetter, Grüsse), dass man irgendwie darauf verzichten kann.

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