Schweiz
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Der aethiopischer Imam vor dem Gericht im Winterthurer Bezirksgericht am Donnerstag, 23. November 2017. Vor dem Richter steht ein aethiopischer Imam, der im Oktober 2016 in einer Predigt in der An'Nur-Moschee in Winterthur oeffentlich zur Toetung von Muslimen aufgerufen haben soll.(Zeichung Linda Graedl ) (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der 25-jährige Äthiopier musste sich vor Gericht wegen öffentlichen Aufruf zu Gewalt verantworten. Bild: KEYSTONE

Kaum Imam, schon im Gefängnis: Wie sein Job als Aushilfs-Prediger gehörig in die Hose ging

Es war seine allererste Predigt bei einem Freitagsgebet in der An'Nur Moschee. Und schon kam es zum Eklat. Sein Aufruf zu Gewalt bedeutet für ihn Gefängnis und war mit ein Grund für das definitive Aus der Moschee.



Ein junger Äthiopier verlässt aus Angst sein Land. In Richtung Westen, in Richtung des hochgelobten Europas – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Eher zufällig landet er in der Schweiz – und kurz darauf im Knast. Sein Verderben? Seine angenehme Stimme.

Das ist die Geschichte, die der Strafverteidiger vor dem Bezirksgericht Winterthur über seinen Mandanten erzählt, den er als gläubig, naiv und einfach beschreibt. Ein junger Mann, 25, noch gar nicht lange der Pubertät entwachsen. Einer, der gerne Fussball spielt und am Wochenende in den Ausgang geht. Der Sohn eines Viehhändlers und einer Kioskverkäuferin, die ihren Kunden Tee ausschenkt. Gewiss alles andere als der Hassprediger, als den er in den Medien dargestellt wird, so der Verteidiger. Alles andere als den Gewaltaufwiegler, den die Staatsanwaltschaft in ihm sieht.

Deren Vorwurf: Der Äthiopier hätte wissentlich und willentlich zur Tötung von Menschen aufgerufen. Zudem zur Brandstiftung. Zur Nötigung. Zur Körperverletzung. Sein Aufruf habe gegen all jene Muslime gezielt, die seiner Meinung nach zu wenig oder falsch beten.

Der wichtigste Beweis der Staatsanwaltschaft: Eine Tonaufnahme vom 21. Oktober 2016, 13.45 Uhr. An jenem Tag predigte der Äthiopier in der An'Nur Moschee in Winterthur zum allerersten Mal an einem Freitagsgebet. Vor rund 60 Gläubigen, in jener Moschee, die schon zuvor unter besonders grosser Beobachtung stand, bevor der Äthiopier überhaupt einen Fuss in das Gebäude setzte.

Spätestens seit 2015 galt die An'Nur Moschee als Rekrutierungszentrum für zukünftige Kämpfer für den sogenannten «Islamischen Staat». Mehrere regelmässige Moscheebesucher reisten nach Syrien. Das prominenteste Beispiel: Der frühere Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi, der bei einem Bombenangriff starb. Am 4. Juli. 2015.

Nach eigenen Angaben kommt der junge Äthiopier zum ersten Mal während des Ramadans 2016 in den Kontakt mit der An'Nur Moschee. In Form einer Einladung zum Essen. Danach sucht er regelmässig die Moschee zum Beten auf. Als einer von vielen Gläubigen.

Einige Monate später wird die Rolle des Asylbewerbers innerhalb der Religionsgemeinschaft wichtiger. Der bisherige Imam der Winterthurer Moschee verlässt die Schweiz, hinterlässt in der Religionsgemeinschaft eine Lücke, die sich nicht zuletzt aus finanziellen Gründen nicht so einfach füllen lässt.

«Er war nur ein Vorbeter.»

Der Verteidiger betont, dass sein Mandat kein Imam sei.

Diese hätte von nun an der 25-Jährige ausgefüllt, sagt die Staatsanwaltschaft. Wofür er einen Monatslohn von 600 Franken kassiert hätte, ein weiterer Punkt der Anklage. Denn als Asylsuchender ist es ihm nicht erlaubt, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Er selber bezeichnet das Geld als ein Geschenk und bestreitet, jemals als Imam gearbeitet zu haben. Weder vorher, noch in Winterthur. Auch zukünftig sei dies keine Option.

«Er war nur ein Vorbeter», sagt sein Anwalt. Die Verantwortlichen der Moschee hätten ihn darum gebeten. Ihn dazu ermuntert. Ja, ihn unter Druck gesetzt. «Weil er arabisch lesen und schreiben kann, den Koran gut kennt. Weil er eine angenehme Stimme hat.»

Der Äthiopier selber spielt seine Arabisch-Kenntnisse vor der Richterin herunter: Er verstehe nur 80 Prozent des Geschriebenen auf Arabisch. Er könne zwar auswendig aus dem Koran zitieren, die Bedeutung des Inhalts kenne er aber oft nicht. Auch von der besagten Predigt hätte er selber nur die Hälfte verstanden. Diese hat er aus zwei Predigten zusammengestellt, die er im Internet fand. 

Die Staatsanwaltschaft ist anderer Meinung und begründet dies auf einem Gutachten, das sich mit der umstrittenen Predigt des Beschuldigten auseinandergesetzt hat. Der Experte bescheinigt dem Äthiopier eindrückliche Fähigkeiten in der klassischen arabischen Sprache. «Ich wünschte meine Studierenden wären so gut», zitierte die Staatsanwältin dessen Lob an den Beschuldigten.

«Ich bin im Gefängnis, ich kann nicht telefonieren und ich habe Schmerzen. Ich bin krank.»

Beschuldigter, auf die Frage, wie es ihm gehe

Seine guten Arabisch-Kenntnisse konnte er nicht viele Male als Vorbeter unter Beweis stellen. An einigen Morgen- und Abendgebeten, an zwei Freitagsgebeten. Nach vier Wochen im Amt als Aushilfs-Prediger der An'Nur Moschee verhaftete ihn die Polizei. 

Das war am 2. November 2016, vor mehr als einem Jahr. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Es gehe ihm nicht so gut, antwortete der junge Mann auf die entsprechende Frage der Richterin. «Ich bin im Gefängnis, ich kann nicht telefonieren und ich habe Schmerzen. Ich bin krank.» 

Er leidet unter einer Lymphknoten-Tuberkulose. Darum stand auch der Gerichtstermin vom Donnerstag lange auf der Kippe. Letztlich gaben die Ärzte grünes Licht.

«Solche Aufrufe können in einem radikalen Umfeld, wie der An'Nur Moschee, auf offene Ohren stossen.»

Richterin

Schlechte Nachrichten gab es für den Äthiopier im Gerichtssaal. Die Richterin sieht zwar ein, dass er nur aus Not als Prediger eingesprungen ist und zu keinem Zeitpunkt die Funktion eines vollwertigen Imams inne hatte. Auch gebe es keine Anhaltspunkte, dass der Beschuldigte gezielt nach Winterthur geschickt worden sei, um dort Hasspredigen zu halten.

Doch sein Gewaltaufruf sei gefährlich, hielt sie fest, besonders in einer Moschee wie der An'Nur, die solange es sie gab, als radikal galt. Was auch ihm bewusst gewesen sein muss, sagte die Richterin. «Solche Aufrufe können in einem radikalen Umfeld, wie der An'Nur Moschee, auf offene Ohren stossen.»

Zwar hätte der Beschuldige nur bei der Einleitung der Predigt eigene Worte gewählt und ansonsten zitiert. Doch da er die Textpassagen nicht in die heutige Zeit eingeordnet und relativiert hätte, hätten die Moscheebesucher davon ausgehen müssen, dass dies auch seine persönliche Meinung ist. 

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte den Äthiopier zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monate. Zudem wird er für 10 Jahre des Landes verwiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.

Da der Äthiopier bereits über zwei Drittel der Strafe abgesessen hat, wird er aus der Sicherheitshaft entlassen. Aber nicht in die Freiheit, sondern in die Obhut des Migrationsamtes. 

Eine Busse für ein Like

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    Alle Leser-Kommentare
  • der_senf_istda 24.11.2017 08:59
    Highlight Highlight Die Ausrede mit den schlechten Arabisch-Kenntnissen belegt seine fehlende Reue über den Aufruf zu Gewalt.
    Ich halte solche Leute für gefährlich, er wird kaum damit aufhören wollen.
    Deshalb finde ich es einfach schlimm, dass er sich bis zu seiner Ausschaffung auf freiem Fuss befindet.
    Auch wenn bis zur Ausschaffung noch Jahre vergehen, solche Leute dürfen doch nicht frei rumlaufen ?
    • Fabio Vonarburg 24.11.2017 09:45
      Highlight Highlight @der_senf_istda: Er kommt nicht auf freien Fuss. Der Äthiopier wurde zwar aus der Sicherheitshaft entlassen, aber umgehend dem Migrationsamt übergeben. Sprich er kommt in Ausschaffungshaft.
  • G. Schmidt 24.11.2017 04:15
    Highlight Highlight Immer wieder lustig wie sich die Extremisten als Unschuldslämmer darstellen und auf Verständnis pochen, wärend sie den “Ungläubigen” den Tod wünschen...
    • Balikc 25.11.2017 00:18
      Highlight Highlight Artikel gelesen?
      “Sein Aufruf habe gegen all jene Muslime gezielt, die seiner Meinung nach zu wenig oder falsch beten."
  • α Virginis 23.11.2017 22:31
    Highlight Highlight Schwer nachzuvollziehen, dass der Äthiopier ein "Noname" in der Szene ist. Auch wenn er seine "Rede" aus Textstücken zusammengebastelt hat, es ist und bleibt meines Erachtens nach ein Aufruf zum Mord, den er da vom Stapel gelassen hat in der Moschee. Somit finde ich diese Strafe inklusive Landesverweis absolut angemessen.

    Niemand darf zu Mord und Totschlag aufrufen, nicht die Nazis, nicht die Ultralinken und, vor allem Anderen, keine "Religiöse" Gemeinschaft. Weder Christen, Juden, Muslime oder wer weiss sonst noch wer.
    • Tabis Nuckerli 24.11.2017 06:11
      Highlight Highlight Kleiner Schurke:
      Ich habe die Bibelstelle nachgeschlagen.
      Das ist ein Lied/Gedicht in welchem gepeinigte Gefangene ihre Gefühle/Wut ausdrücken. Dies zu einer Zeit in der andere Sitten herrschten als heute.
      Für mich leitet sich daraus kein Gewaltaufruf in die heutige Zeit ab.
      Wenn in einem Geschichtsbuch steht, dass vor über 2000 Jahren Volk X zum Töten von Soldaten im Volk Y aufruft. Ist dieses Geschichtsbuch dann "gewaltverherrlichend" oder "gefährlich" in deinen Augen?
    • Maracuja 24.11.2017 06:34
      Highlight Highlight @Schurke

      Wieviele Predigten haben Sie schon gehört, in denen diese und ähnliche Bibelstellen im Zentrum standen? Wenn ein christlicher Prediger solche Verse in seiner Predigt aufgreifen würde, ohne sich klar und deutlich vom Inhalt zu distanzieren, wäre es m.E. genau so ein Fall für die Justiz. Bin froh, dass wir hier Glaubensfreiheit haben, aber das darf kein Freibrief für Hetze sein.
    • Einstürzende_Altbauten * 24.11.2017 07:38
      Highlight Highlight @kleiner_Schurke:
      "Doch da er die Textpassagen nicht in die heutige Zeit eingeordnet und relativiert hätte, hätten die Moscheebesucher davon ausgehen müssen, dass dies auch seine persönliche Meinung ist. "

      Radikale sind Radikale, egal welcher Gesinnung. Wenn solche Texte nicht relativiert werden, dann wird genau diese Radikalen Futter geliefert. Und das gilt zu verhindern, heute, morgen, übermorgen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Saraina 23.11.2017 22:08
    Highlight Highlight Danke für den realitätsnahen Bericht.
    • Maracuja 24.11.2017 06:28
      Highlight Highlight Realitätsnah? Dieser Bericht gibt vor allem die Sicht des Angeklagten und der Verteidigung wieder. Diese Sicht soll in den Medien auch gezeigt werden, aber deshalb anzunehmen, dass sie der Realität besonders nahe kommt, scheint mir naiv. Liest man andere Berichte ergibt sich ein vollständigeres Bild, in anderen Medien erfährt man z.B. <Zu den Fotos von abgetrennten Gliedmassen, die auf seinem Handy waren, wollte er nichts mehr sagen>.
    • Saraina 24.11.2017 09:11
      Highlight Highlight Realitätsnah in Bezug auf die Leitung der Moschee, die in der Not naiverweise irgend jemanden ohne Ausbildung oder Befähigung zum Imam machten, der weder Ahnung von der Lebenswirklichkeit hier hat, noch in der Lage war, eine sinnvolle Freitagspredigt zu schreiben und in einer Fremdsprache, Arabisch, vorzutragen. Also tat er, was man in afrikanischen Ländern gerne tut: wettern, poltern, schimpfen und drohen. Mir macht Radikalisierung in Hinterzimmern und im Internet mehr Angst als solche Deppen.

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