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Häufige Arztbesuche sind ein Grund für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.
Häufige Arztbesuche sind ein Grund für die Kostenexplosion im Gesundheitswesen.Bild: KEYSTONE

Das Schweizer Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps

Prämien: Wachsen die Gesundheitskosten weiter wie bisher, und wird nichts getan, droht in 13 Jahren das Aus.
01.02.2017, 04:1901.02.2017, 14:33
tommaso manzin / Aargauer Zeitung

Dass die Krankenkassenprämien unaufhaltsam steigen, ist fast schon eine Volksweisheit. Und jeden Herbst, wenn der Aufschlag für das nächste Jahr bekannt gegeben wird, geht ein Aufschrei durchs Land. Dann ist wieder Ruhe.

Dass es so nicht weitergehen kann, zeigt das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen EY Schweiz in einer aktuellen Studie. Denn sonst werde das System kollabieren, schon 2030.

Führt man die aktuellen Rahmenbedingungen weiter, steigen die monatlichen Grundversicherungsprämien pro Person von derzeit durchschnittlich 396 auf 826 Franken im Jahr 2030. Zwischen 1996 und 2014 seien die Prämien durchschnittlich um 4,71 Prozent gestiegen, erklärt EY auf Anfrage. Die Studie basiert auf der Annahme, dass dies weiter der Fall ist.

Jetzt auf

Während 2014 Prämien im Durchschnitt 6 Prozent des Einkommens beanspruchten, würden die Prämien 2030 über 11 Prozent des Einkommens ausmachen. Das reduzierte die Kaufkraft der privaten Haushalte massiv, schreibt EY. Ein Grossteil könnte die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung nicht mehr tragen, nur noch wenige Menschen könnten sich Zusatzversicherungen leisten.

«Ohne einschneidende Gegenmassnahmen ist ein finanzieller Kollaps der Grundversicherung mittelfristig nicht ausgeschlossen», sagt Yamin Gröninger, Leiterin Insurance Business Development bei EY Schweiz und Mitautorin der Studie. Es drohten weitere staatliche Interventionen bis hin zu einem erneuten Aufflammen der Debatte um die Einheitskasse.

Wie viel Prozent deines Einkommens soll höchstens an KK-Prämien gehen?

Gesundheitskosten nonstop

Der Haupttreiber hinter dieser Entwicklung ist schnell gefunden: Bis 2030 werden die Gesundheitskosten voraussichtlich um 60 Prozent auf 116 Milliarden Franken steigen, schätzt EY Schweiz. Sie haben sich in der Schweiz in 25 Jahren mehr als verdoppelt. Während die Wirtschaftsleistung des Landes seit 1990 um rund 90 Prozent gestiegen ist, zogen die Gesundheitskosten um 165 Prozent an.

Die Schweizer Bevölkerung wuchs im gleichen Zeitraum gar nur um 23 Prozent. Für das überproportionale Wachstum der Gesundheitskosten verantwortlich sind für EY Fehlanreize, Ineffizienzen sowie externe Faktoren wie der medizinische Fortschritt, die Zunahme chronischer Erkrankungen und die Überalterung der Gesellschaft. Eine Trendwende sei nicht in Sicht.

Und was ist mit den neuen Technologien? Bisher ist durch neue Technologien so ziemlich alles billiger geworden – nur nicht die Krankenkassenprämien. Dabei hätte die Digitalisierung ein gewaltiges Effizienzsteigerungspotenzial. Telemedizin, die Arztbesuche weniger oft nötig macht, wäre nur ein Beispiel. EY schätzt die «Luft», die noch in den Kosten der Krankenkassen drin ist, auf etwa 20 Prozent – wie der Bundesrat in seinem Bericht «Gesundheit2020».

Die Krücken der Kassen

Es sei im Interesse der Krankenversicherer, einen Beitrag zu mehr Effizienz im Gesundheitswesen zu leisten. Die Branche liefert sich einen wenig produktiven Verdrängungswettbewerb. Weiter ist die Branche wie kaum eine andere politischem, regulatorischem, demografischem und technologischem Wandel ausgesetzt. Branchenfremde Unternehmen wie Google sind im Begriff, auf den Markt zu drängen.

«Betrachtet man alle diese Faktoren, wird schnell klar: Das heutige Geschäftsmodell der Krankenversicherer ist mittel- bis langfristig gefährdet», sagt Alexander Lacher, Mitverfasser der Studie und Co-Leiter Krankenversicherungen von EY Schweiz. Zögerten die Krankenversicherer weiter, ihre Position zu stärken, riskierten sie mittelfristig ihre Marktposition – und langfristig gar ihre Existenzgrundlage.

In der Digitalisierung sieht EY dabei eine Schlüsselrolle: Die Krankenversicherer würden über umfangreiche Daten verfügen, mit denen sich Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheiten grundlegend verbessern liessen.

Sie könnten bereits heute die Daten der Versicherten für personalisierte Beratungen einsetzen, wenn diese einwilligen. Sie seien dabei an höchste Sicherheitsstandards gebunden, um die sensitiven Gesundheitsdaten zu schützen. Und schliesslich würden Versicherte ihre Daten aushändigen, wenn sie dafür Anreize erhalten würden (siehe Kastentext).

Billigere Prämien im Tausch für Daten
Dank Wearables, Apps und
Sensoren wächst die verwertbare
Menge an Gesundheitsdaten
rasant. Schon heute zeichnet
rund die Hälfte der Versicherten freiwillig
Gesundheitsinformationen auf.
Dies zeigt eine Umfrage von EY. Am
häufigsten werden Schritt- und Fitnessdaten
gemessen. Andere medizinisch
relevante Informationen wie
Blutdruck- oder Cholesterinwerte werden hingegen kaum erhoben.

Die meisten Versicherten wollen ihre
sportlichen Leistungen messen. 60 Prozent
seien gar bereit, die Daten mit
dem Krankenversicherer zu teilen,
falls sie dafür Anreize wie Prämienrabatte
oder individuelle Gesundheitsberatung
erhalten. Die Versicherer
könnten damit gemäss EY innovative
Angebote lancieren und sich strategisch
als Gesundheitspartner positionieren. (tm)
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148 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Darkglow
01.02.2017 08:34registriert September 2015
Mir kommt die Galle hoch wenn ich nur 5 zeilen weiter unten lese das Roche im letzten Jahr 9.73 mia gewinn gemacht hat. Und das ist nur ein Konzern, wie siehts mit Novartis, Bayer,... aus um nur gerade die mit bekannten 3 grossen zu nennen. Und hier in den Kommentaren lese ich von Familien die über 10% des monatlichen einkommens für die KK abdrücken müssen. Bin es nur ich oder stimmt hier was nicht?
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Pitsch Matter
01.02.2017 04:52registriert September 2016
Ich kann nur lachen über diese Scheingründe. Die Wahrheit ist, unsere Regierung wird von der Pharma-, Versicherungs und Ärztelobby erpresst wo es nur geht. Die KK ist mittlerweile eins der grössten Geldumwälzungssysteme von den Armen zu den Reichen. Als würden diese von Habgier getriebenen Egoisten einlenken, bevor der Kollaps kommt, ... schön wäre es.
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Chnebeler
01.02.2017 05:51registriert Dezember 2016
War nicht auf watson mal ein Bericht online, dass die "selbstständigen und unabhängigen" Versicherungsberater fast bis 50% einer Jahresprämie an Provision kassieren? Zudem geht das gesunde Augenmass verloren, wann ein Arzt oder Notfallbesuch wirklich notwendig ist. Ich kann mich glücklicherweise fast nicht erinnern, wann ich das letzte mal Krankheitshalber (nicht wegen Unfall) beim Arzt war. Zu einem grossen Teil sind wir auch selber Schuld am Anstieg. Zu dem ist es heute selbstverständlich, dass auch im hohen Alter teure und oft fragwürdige Behandlungen gemacht werden.
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