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Vanessa Villa und Maurice Sobernheim treffen sich am Sonntag zum Gespräch. bild: watson

«Die Schweiz spricht»: Vanessa und Maurice wagen den Schritt aus ihrer Filterblase 

Vanessa Villa und Maurice Sobernheim kennen sich nicht und haben politisch völlig unterschiedliche Ansichten. Am Sonntag treffen sie sich zum Gespräch – so wie viele andere Personen. Sie alle nehmen an der Aktion «Die Schweiz spricht» teil.



Die Menschen aus ihrer Filterblase holen, zu lebhaften Diskussionen anregen, die unterschiedlichsten Personen gemeinsam an den Tisch bringen – das will die Aktion «Die Schweiz spricht». Am kommenden Sonntag ist es soweit: Mehrere Hundert Gesprächsbereite aus der ganzen Schweiz finden sich zusammen und sprechen über das Weltgeschehen. 

«Die Schweiz spricht»

Bei der Aktion «Die Schweiz spricht» geht es darum, Andersdenkende zu einem Vier-Augen-Gespräch zueinanderzuführen. Die Aktion wurde gemeinsam von «watson», der «Zeit», «SRF», «Tages-Anzeiger», «Bund», «Berner Zeitung», «Le Matin Dimanche», «24heures», «Tribune de Genève», «Republik» und «WOZ» lanciert. Jeder Teilnehmer beantworte im Vorfeld sechs politische Sachfragen mit «Ja» oder «Nein». Danach wurden möglichst entgegengesetzte Paare gebildet, die sich am Sonntag, 21. Oktober treffen, um miteinander zu diskutieren.

watson hat zwei Gesprächspartner, die gegensätzlicher nicht sein könnten, im Vorfeld einzeln getroffen. Vanessa Villa und Maurice Sobernheim haben die sechs politischen Sachfragen komplett anders beantwortet. 

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Vanessa Villa (22), die Pragmatische

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bild: watson

Die Beschreibung, die Vanessa Villa über sich selbst abgibt, passt: Sommersprossen und strahlend blaue Augen. Tatsächlich strahlen die Augen nicht nur, vielmehr ist es ein Sprühen, das von ihnen ausgeht. In dieser jungen Frau steckt viel Energie, das spürt man sofort.

Der erste Eindruck bestätigt sich, sobald Villa den Mund aufmacht. Sie erzählt in rassigem Tempo, ist schlagfertig, argumentiert intelligent. Schnell wird klar: Die 21-Jährige hat sich über vieles, was auf der Welt passiert, wohl mehr Gedanken gemacht als so manch älterer Zeitgenosse.

Als gelernte Kauffrau arbeitet sie heute in der Administration eines Unternehmens, das sich auf Gebäudeautomation spezialisiert hat. «Ich bin Allrounderin», sagt Villa. Sie kümmere sich um Papierkram, nehme Anrufe entgegen und schaue, dass der Laden läuft.

Villa wohnt mit ihren Eltern in der Stadt Zürich. Sie sagt, politische Diskussionen gehörten zu Hause zum Alltag. In ihrer Familie gibt es Verbindungen in die Zürcher Politik und ihre Lehre hat sie beim Sozialdepartement der Stadt absolviert. «Weil ich einen besseren Einblick in gewisse Vorgänge hatte, beeinflusst das meinen Blick auf die Geschehnisse», sagt sie. Sie diskutiere gerne, solange man sie ausreden lasse. Talksendungen, in denen sich die Gesprächspartner ständig ins Wort fallen, könne sie nicht anschauen.

«Je nach Thema höre ich mir die verschiedenen Argumente an und entscheide mich dann für eine Meinung.»

Vanessa Villa

Als Kind habe sie jeden Tag die Zeitung gelesen. Heute tue sie dies nicht mehr so regelmässig und am Wochenende blättere sie gelegentlich durch die Sonntagspresse. «Ich hole mir die Informationen, die ich brauche, nicht mehr aus den Zeitungen. Meine Generation ist über verschiedene Kanäle mit Menschen aus der ganzen Welt vernetzt. Passiert irgendwo etwas wichtiges, erfahre ich das über dieses Netzwerk», sagt Villa.

Politisch positioniere sie sich nirgendwo. Ihr passe dieses Schubladendenken nicht. «Je nach Thema höre ich mir die verschiedenen Argumente an und entscheide mich dann für eine Meinung.» Viel eher habe diese Entscheidung dann mit ihren Vorstellungen von Werten und Moral zu tun, als mit den Inhalten einer Partei.

Das erklärt die eigenwilligen Standpunkte, die Villa politisch vertritt. So findet sie, die Schweiz solle nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Dies jedoch nicht, weil sie der Meinung ist, dass es bereits zu viele Asylsuchende im Land gibt. Nein, vielmehr mache die Schweiz im Umgang mit den Flüchtlingen ihren Job nicht gut. «Deshalb sollten diese Menschen nicht solchen Umständen hier ausgesetzt werden.»

Bei «Die Schweiz spricht» habe sie sich angemeldet, weil sie neugierig sei. «Ich weiss nicht, was ich erwartet habe. Wer weiss, vielleicht erweitert das Gespräch meinen Blick auf die Welt.»

Maurice Sobernheim (61), der Soziale

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bild: watson

Maurice Sobernheim tritt forschen Schrittes ins Restaurant in Thalwil. Während des ganzen Gesprächs rührt er seinen bestellten Ingwer-Tee nicht ein einziges Mal an. Der 61-jährige ehemaliger Betreibungsbeamte, jetzt frühpensioniert, hat viel zu erzählen. Von früher, von heute, von seinen politischen Ambitionen und seinem im Juli geborenen ersten Enkel.

Mitgemacht beim Projekt «Die Schweiz spricht» hat Sobernheim, weil er sich immer schon für politische Themen interessierte. «In der Schule sprachen die meisten meiner Kameraden nur über Sport, nur ich mochte die Politik mehr». Mit 19 Jahren trat er der FDP bei. Doch nach einem Jahr reichte es ihm bereits. «Schon damals war der Rechtsrutsch der Partei spürbar», sagt der Pensionär. «Der Liberalismus, der sich die FDP auf die Fahne schreibt, wurde nicht umgesetzt. In einer solchen Partei wollte ich nicht sein.»

Heute ist er Präsident der Alternativen Liste im Bezirk Horgen (ZH). Eine seiner Herzensangelegenheiten ist die Lohngleichheit. Sein letzter «politischer Kampf», wie Sobernheim sagt. Schmunzelnd fügt er hinzu: «Danach trete ich auch politisch in den Ruhestand.» Auch Frauenquoten in Chefetagen steht Sobernheim positiv gegenüber.

«Der Liberalismus, der sich die FDP auf die Fahne schreibt, wurde nicht umgesetzt. In einer solchen Partei wollte ich nicht sein.»

Maurice Sobernheim

Sobernheim ist ein Ja-Sager. Auf das lässt sein Fragebogen schliessen. Er ist für eine Annäherung zur EU. «Schon 1992 war ich für den Beitritt in den EWR.» Und auch in der Flüchtlingsthematik hat er eine klare Meinung. «Migrant zu sein ist nicht lustig, das sucht man sich nicht aus», erklärt er. Direkt nach seiner Pensionierung bat ihn seine Tochter, die als Sekundarlehrerin an einer Zürcher Schule unterrichtet, beim Projekt «Generationen im Klassenzimmer» mitzumachen. Ehrenamtlich half er als «Klassen-Opa» einmal wöchentlich 13- bis 15-jährigen Flüchtlingskindern beim Deutsch lernen. Das und seine eigene Lebensgeschichte haben ihn geprägt.

Aufgezogen von einer alleinerziehenden Mutter, musste er häufig kämpfen. Und obwohl sein Weg nicht immer einfach war, ist Sobernheim der Meinung, dass es den Menschen früher besser ging. «Heute stehen sehr viele Personen finanziell schlechter da, können sich kaum mehr eine Wohnung leisten.» Wenn es jemand wissen muss, dann er – als ehemaliger Betreibungsbeamter.

Der «früher-war-alles-besser»-Typ ist Sobernheim trotzdem nicht. Von der Digitalisierung, den mobilen Geräten, die unseren Alltag erobert haben, hält er viel. «Das erleichtert einigen Menschen die Arbeit und ist eine gute Sache.» Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Smartphone. Damit muss er jetzt noch eine WhatsApp-Nachricht an den Sohn verschicken, meint er, und verlässt so geschwind wie er gekommen ist das Restaurant.

So funktioniert das Projekt die Schweiz spricht: 

Video: srf

Banksy zerstört per Knopfdruck – und das sogar regelmässig

Video: watson/Emily Engkent

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