Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Parlament will gegen Booking.com vorgehen – und trifft damit auch Schweizer KMU

Das Parlament rückt Online-Plattformen zu Leibe. Das verunsichert nicht in den USA – sondern lokale Firmen.

Jonas Schmid / Nordwestschweiz



ZU DEN NEUESTEN MELDUNGEN AUS DER TOURISMUSBRANCHE, BEZUEGLICH HOTELUEBERNACHTUNGEN IN DER SCHWEIZ IM JAHR 2015, STELLEN WIR IHNEN AM DIENSTAG 23. FEBRUAR 2016 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG. - Hotelschluessel an der Reception, aufgenommen im Maerz 1998.  (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Wer kommt wie zu seinem Zimmer? Der Preisüberwacher will Online-Buchungsplattformen in Zukunft mehr unter die Lupe nehmen.  Bild: KEYSTONE

Die Digitalisierung versetzt das Hotelgewerbe in Aufruhr. Der Grund: Portale wie Booking.com verpflichten die Hotels vertraglich dazu, ihre Zimmer auf der eigenen Website nicht günstiger anzubieten als auf der Onlineplattform. Wegen seiner marktbeherrschenden Stellung steht Booking deswegen politisch unter Beschuss (und auch der Preisüberwacher wurde aktiv – siehe Kasten). So fordert der Solothurner CVP-Ständerat Pirmin Bischof in einem Vorstoss ein Verbot dieser Tiefstpreisgarantie. Spricht sich nach dem Ständerat am Montag wie erwartet auch der Nationalrat dafür aus, muss der Bundesrat ein Verbot der sogenannten «engen Paritätsklausel» erlassen. Diese sei wettbewerbsschädigend und schränke die Hoteliers zu stark in ihrer Freiheit ein, so das Verdikt einer Mehrheit der nationalrätlichen Wirtschaftskommission.

Preisüberwacher vs. booking.com: Verfahren eingeleitet

Nur Tage, bevor nach dem Stände- auch der Nationalrat über den Vorstoss gegen Booking.com entscheidet, hat der Preisüberwacher letzten Dienstag ein Verfahren gegen Booking eingeleitet. Bei einer Untersuchung fand er Hinweise auf einen Preismissbrauch bei Kommissionen, die die Online-Buchungsplattform verlangt. Die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung sei bereits gescheitert. (sda/nch)

«Gefährdet unser Geschäft»Doch das Verbot trifft nicht nur den milliardenschweren US-Konzern Priceline, dem Booking gehört, sondern auch Schweizer KMU: «Man schiesst mit der Schrotflinte auf Spatzen», sagt Marc Born, Geschäftsführer des Onlinereisebüros weekend4two. Seine Firma mit 13 Angestellten und Sitz in Bern setzt auf eine ähnliche Vertragsklausel wie der Platzhirsch. Born versteht zwar den Ärger der Hoteliers an der Höhe der Kommissionen (im Durchschnitt 13 Prozent). Doch könne man die Kommissionen auch hinterfragen, ohne gleich die Vertragsfreiheit aller Dienstleister einzuschränken.

Verbot lässt sich leicht umgehen

Die Paritätsklausel sei für seine Firma wichtig: «Wir betreiben einen enormen Marketingaufwand, um die Kunden zu erreichen», sagt er. Ein Teil der Besucher buche über das Portal, der andere direkt bei den Hotels. «Wir müssen sicherstellen, dass unsere Kunden das bestmögliche Angebot erhalten und wir von den Hotels nicht einfach als Marketingplattform missbraucht werden.» Für Born ist darum klar: «Die Motion Bischof gefährdet unser Geschäft und wäre ein solches Verbot vor neun Jahren eingeführt worden, hätten wir das Unternehmen gar nie aufbauen können.»

Christophe Hans vom Verband Hotellerie Suisse kontert: «Trotz Verbot der Klausel in Ländern wie Frankreich, Österreich oder Deutschland kann weekend4two dort anscheinend ganz gut geschäften.» Zudem liesse sich das Verbot umgehen, indem die Firma mit den Hotels exklusive Packages vereinbart – etwa Übernachtungen kombiniert mit einem Paragliding-Flug. Born widerspricht: Nur solche Packages anzubieten, sei in der Praxis nicht umsetzbar: «Hotels wollen nicht x-verschiedene Angebote anbieten.» Das führe zu einem unübersichtlichen Angebotsdschungel für Hotels und Kunden. Und: «Wir kennen die Bedürfnisse der Kunden und wollen uns von Hotellerie Suisse kein Geschäftsmodell vorschreiben lassen.»

Populistische Übung

Auch bezüglich Deutschland winkt Born ab: «Dort kennen wir die Klausel nach wie vor in unseren Verträgen.» Die Behörden hätten die Klausel lediglich für marktbeherrschende Player wie Booking unterbunden. Diesen Weg schlägt Born auch für die Schweiz vor: «Alle reden vom bösen Booking, also sollte man auch eine auf Booking zugeschnittene Regulierung suchen.» Statt dem Verbot einer Vertragsklausel müssten die Wettbewerbsbehörden vielmehr prüfen, ob ein Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung vorliegt.

Klartext spricht Ruedi Noser, Zürcher FDP-Ständerat und IT-Unternehmer: «Das Verbot ist eine populistische Übung von Hotellerie Suisse, die ihren Mitgliedern die eigene Daseinsberechtigung aufzeigen muss.» Aus Nosers Sicht reicht das Wettbewerbsrecht völlig aus, um gegen die Marktmacht von Booking vorzugehen. Auf fruchtbaren Boden stosse die Motion im Parlament darum nur, weil dessen Mitglieder mit Mitleid gut Politik machen könnten und weil es dort einen anti-amerikanischen Reflex gegen Tech-Firmen gebe.

Lesen Sie den Kommentar von Jonas Schmid: Bärendienst für Hoteliers

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Athen und Ankara: System soll Mittelmeer-Konflikte verhindern

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Triumvir 18.09.2017 09:28
    Highlight Highlight Ruedi Noser, schon wieder so ein möchtegern Liberaler, der es offenbar gut findet, wenn Hotels mit Knebelverträgen gegängelt werden. Ein Grund mehr, niemals wieder FDP zu wählen.
  • Goldbach 18.09.2017 07:47
    Highlight Highlight Wie dumm kann man eigentlich nur sein?
    Wieso sollten die Buchungsplattformen tatenlos zusehen, wie dank ihrer Websites das Hotelzimmer gefunden wird, aber die Vermittlungsgebühr umgangen, indem der Gast direkt beim Hotel bucht, weil das Direktangebot billiger ist?
    Richtig, es gibt keinen Grund.
    Also würden die Buchungsplattformen ihr Preismodell ändern (müssen) und eine (teurere) Inserategebühr im Voraus verlangen, egal ob das Zimmer schliesslich gebucht wird, oder nicht.
    Die Hotellerie Suisse schneidet sich in das eigene Fleisch.
  • Caturix⸮ 18.09.2017 07:32
    Highlight Highlight In Deutschland, Oesterreich... überall musste Booking und co die Klauseln streichen. Sie haben es überlebt und werden es auch in der Schweiz überleben.
  • Caturix⸮ 18.09.2017 07:31
    Highlight Highlight Ist mir egal was die Paltformen wollen. Ich als Hotelier will meine Preise selber festlegen und wenn ich lust habe auf meiner Internetseite tiefer zu setzten muss ich das auch können. Das geht keinen etwas an. Platformen werden ohne Probleme überleben da die Mehrheit immer noch auf den Platformen buchen wird, vielleicht ein paar weniger als früher aber dass ist gut so.
    • tooni 18.09.2017 20:26
      Highlight Highlight Ich als Inhaber einer Online-Reiseplattform entscheide selbst ob ich ein Hotel im Angebot haben will, das Preise bei Direktbuchungen günstiger anbietet oder nicht. Ganz einfach.
    • Goldbach 18.09.2017 20:55
      Highlight Highlight Sie dürfen auf die Dienste der Buchungsplattformen verzichten. Dann müssen Die auch keine Vertragsklausel akzeptieren, die Ihnen nicht gefällt.
  • seventhinkingsteps 18.09.2017 07:21
    Highlight Highlight Hätte nicht gedacht, dass ich mal mit Ruedi Noser einig wäre

Schweizerin wurde nach Demo in Minsk verhaftet – ihr drohen fünf Jahre Gefängnis

Weiterhin gibt es keinen direkten Kontakt zur in Minsk verhafteten St.Gallerin. Auch das EDA tut sich schwer.

Noch immer ist die St.Gallerin Natalie Herrsche in der weissrussischen Hauptstadt Minsk in Haft. Sie war am 11. September nach Minsk gereist und hatte dort am Samstag vor einer Woche an der grossen Frauen-Demonstration gegen die Regierung Lukaschenko teilgenommen. Dabei wurde die zweifache Mutter am 19. September verhaftet und in ein Gefängnis in Minsk gesteckt. Einen direkten Kontakt zur Schweiz-weissrussischen Doppelbürgerin haben seither weder ihr Ostschweizer Lebenspartner Robert Stäheli …

Artikel lesen
Link zum Artikel